Freitag

Mein freier Freitag beginnt wie so oft mit einer kleinen Laufrunde (8km), heute durch den Wald. Dabei fällt mir auf, dass der Waldspielplatz ein neues Klettergerüst bekommt. Das wird toll, sollten wir irgendwann unser zu Hause wieder zum Spielen verlassen dürfen.

Die Klassenlehrerin von Miss Allerliebst hat neue Schulaufgaben für die letzte Woche vor den Ferien vorbeigebracht. Das Fräulein Wunder ist sehr neidisch, weil es in ihren Augen unheimlich wenig Stoff ist. Die Miss wird damit allerdings ausreichend beschäftigt sein.

Am Nachmittag repariert der tolle Mann unser Trampolin, was speziell Miss Allerliebst äußerst glücklich macht. Sie verschwindet direkt darin um an ihren Salto-Skills zu arbeiten.

Später findet sie ein leeres Wespennest, das vorsichtig in eine Tüte verpackt und ab da immer mit herumgetragen wird.

Am Abend berichtet das Fräulein Wunder über ihre Aufgaben in Geografie. Kurzerhand wird der Uraltglobus hervorgeholt und ein paar Fakten gecheckt.
Miss Allerliebst findet dann auch Italien im Pazifischen Ozean.

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So an sich ist es ja eigentlich eine blöde Idee, ausgerechnet während der Corona-Krise mit dem täglich bloggen zu beginnen. Da passiert ja eigentlich (privat) gar nichts. Trotzdem oder gerade deshalb versuche ich es weiter. Zumindest merke ich, dass ich anfange wieder mehr Fotos von unserem Alltag zu machen.

Freitag

Mein erster freier Freitag, an dem alle Familienmitglieder zu Hause sind. Damit kann auch ich heute ausschlafen, was durchaus etwas für sich hat.

Um neun ist die Nacht vorbei und ich raffe mich auf um bei dem schönen Wetter mal wieder eine Runde Laufen zu gehen. Ich wähle diesmal eine andere als die Waldstrecke und begegne diesmal nur vereinzelten Menschen. Diese sind aber alle durchweg nett und grüßen freundlich.

Da wir heute Abend grillen wollen, mache ich mich danach noch auf, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen und eine Rücksendung bei Hermes aufzugeben. Dummerweise ist der Schreibwarenladen, in dem ich normalerweise unsere Hermessendungen abgebe, wegen Corona geschlossen.
Ich bitte den tollen Mann für mich mal zu googlen, wo die nächste Hermesabgabestelle ist.
Im Nachbarort gibt es einen kleinen Lebensmittelmarkt, der sollte noch offen haben. Also gebe ich die Adresse ins Navi ein und fahre los. Wie immer bei Gebäuden/Orten/Läden in denen ich noch nie war, habe ich ziemliches Herzklopfen. Was erwartet mich da? Sind die Leute nett? Nehmen die auch wirklich mein Päckchen an oder halten die mich für bescheuert, wenn ich damit in der Hand in den Laden spaziere?

Natürlich sind die Leute da total nett. Zudem ist das ein echt tolles Lädchen mit frischem Obst und Gemüse und leckeren türkischen Spezialitäten. Ich nehme direkt ein Fladenbrot und einen Sesamkringel mit nach Hause und nehme mir vor, dort öfter einzukaufen.

Nach einem ausgedehnten Spätstück, bei dem mir der tolle Mann in seiner heimatlichen Mittagspause Gesellschaft leistet, bereite ich den Teig für die Burger Buns (ja, ich bin noch im Besitz von Mehl und Trockenhefe) und einen Linsensalat zu.

Am Nachmittag darf der tolle Mann seinen Vater für eine halbe Stunde im Krankenhaus besuchen. Dieser wurde nämlich von der Intensiv-Station auf die Geriatrie verlegt. Natürlich mit Atemschutz und Handschuhen und viel Abstand.
Gerade für die alten Menschen, die sich im Krankenhaus oder Pflegeheimen befinden, muss die Isolation sehr beängstigend sein. Zumal viele vielleicht auch gar nicht verstehen könne, was eine Corona-Krise ist und warum ihre Verwandten sie deshalb nicht mehr besuchen kommen.

Am Abend schaut mein Vater zum Grillen vorbei und bringt zwei riesige Rumpsteaks und jede Menge Lammkoteletts mit. Die Kinder, die diese Dinger lieben, freuen sich nen Wolf.
Zum Abschluss gibt es auch noch gegrillte Marshmallows. Die Welt ist im Hause Keks in Ordnung.

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Freitag

Um neun bin ich mit Freundinnen zum Frühstück verabredet. Also beginne ich sofort mit dem Frühsport, als Miss Allerliebst um halb acht das Haus verlassen hat. Tatsächlich schaffe ich es gerade so um kurz nach knapp zur Verabredung.

Die Ausbreitung des Corona-Virus bestimmt auch hier das Gespräch. Noch vor einer Woche konnte ich die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen und fand es insgeheim lächerlich, in der Arbeit darüber zu diskutieren, ob man eine Besprechung, die noch 14 Tage in der Zukunft liegt, überhaupt stattfinden lässt oder doch skyped.
Inzwischen spielen die großen Fußballmannschaften ohne Publikum, ich werde komisch angesehen, wenn ich jemandem die Hand schütteln möchte und im Büro hängt jetzt an jeder Ecke ein Desinfektionsspender.
Heute geht es also darum, ob die Schulen in Baden-Württemberg geschlossen werden. Selbst zu diesem Zeitpunkt kann ich mir das nicht wirklich vorstellen.

Um kurz nach zwei sitze ich mit dem Fräulein und der Miss vor dem Computer und lausche dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im Livestream, der nur sehr ausschweifend und umständlich zur Sache kommt. Und tatsächlich. Die Schulen bleiben ab Dienstag geschlossen! Die Kinder jubeln, ich fühle mich wie im falschen Film. Echt jetzt?

Am Abend, nachdem der tolle Mann den Schwiegervater besucht hat und erfahren hat, dass künftige Besuche nicht mehr so einfach möglich sein werden, sondern nur noch mit vorheriger Anmeldung und Absprache, kommt das Ganze auch bei mir so langsam an. Das ist nur der Anfang, wer weiß, was noch alles kommt? In anderen Ländern herrscht bereits Ein- und Ausreisestopp, das öffentliche Leben kommt langsam zu erliegen. Irgendwie gruselig.
Vor einem Monat habe ich noch gefrotzelt, dass so in den Büchern und Filmen der Ausbruch der Zombieepidemie beginnt.

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Ich möchte hier wieder etwas mehr Inhalt einfügen. Es passiert immer so viel, aber dann denke ich mir, dass das sowieso keinen interessiert und ich lasse das Schreiben.

Ich probiere es jetzt mal mit einem Wochenbericht. Jeden Tag ein bißchen. Und da ich freitags immer frei habe und ich da noch am ehesten Zeit habe, den Post evtl. mit Bildern online zu stellen, beginnt meine Woche am Freitag und endet donnerstags.

Freitag

Wie bereits erwähnt, habe ich freitags immer arbeitsfrei. Seit einem Jahr genieße ich dieses Privileg nun schon und ich möchte es nicht mehr missen.

Um halb acht haben beide Kinder das Haus verlassen. Und ich setze mich erst einmal mit einer schönen Kanne Tee an den Tisch und lese ein bißchen in „Tausend Zeilen Lügen“ von Juan Moreno, der den Fall Relotius und seine gefälschten Reportagen für den Spiegel beleuchtet. Spannend wie ein Roman und sehr erhellend, was die heutige Journalisten-Branche betrifft. Sehr empfehlenswert.

Um neun dann die Whats-App einer guten Freundin, ob ich für sie um zwölf den Föndienst nach dem Schwimmunterricht von Miss Allerliebsts Klasse übernehmen kann. Kann ich natürlich, wirft meine Tagesplanung aber etwas über den Haufen. Macht aber nix.
Sport fällt demnach aus, dafür beginne ich sofort mit Putzen und Aufräumen.

Um zwölf stehe ich im Regen vor der Schwimmhalle und werde von der Lehrerin eingelassen. Miss Allerliebst freut sich sichtlich, mich so plötzlich zu sehen.
Ich helfe hier einen Zopf machen, da die langen Haare trocken zu föhnen und vergessene Schulsachen wieder zu beschaffen.
Nachdem alle Kinder versorgt und wegen Schulschluss in verschiedene Richtungen ausgeschwärmt sind, begebe ich mich auf eine kurze Einkaufsrunde zum Metzger und Bäcker.

Danach ist endlich Früh … äh … Spätstück angesagt.

Miss Allerliebst geht heute nach der Schule mit einer Freundin nach Hause, das Fräulein Wunder ist pünktlich um zwei zu Hause und freut sich über den mitgebrachten Wurstsalat (den kann das Kind zu jeder Tages- und Nachtzeit kiloweise verzehren).

Um drei holen wir die neue Pflegerin vom Schwiegervater ab und fahren mit ihr zum nahgelegenen Real-Markt Großeinkauf machen. Das Fräulein Wunder begleitet uns und somit landen diesmal wesentlich mehr Dinge, die nicht auf meinem Einkaufszettel stehen, im Wagen. Aber wer kann diesem Hundeblick schon widerstehen?

Um fünf hole ich Miss Allerliebst bei ihrer Freundin ab und bringe beide Kinder direkt zu meinem Vater. Dort dürfen sie heute übernachten und alle Parteien freuen sich darüber.
Seit meine Mutter letztes Jahr gestorben ist, ist das Haus für meinen Papa immer sehr leer und er genießt es, wenn durch seine Enkelinnen Leben in die Bude kommt.
Die beiden dürfen dort natürlich viele Sachen, die sie zu Hause nicht dürfen und da in dem kleinen Kinderzimmer, in dem sie schlafen, ein Fernseher steht, dürfen sie sogar im Bett fernsehen!
Tja, und der tolle Mann und ich haben endlich mal Zeit nur für uns. Traditionell gehen wir dann gemeinsam essen. Es sind diese Abende, die uns in dem ganzen alltäglichen Wahnsinn wieder näher zusammenbringen.

Tatsächlich schaffen wir anschließend gerade mal noch zwei Folgen „The Mentalist“. Wir haben es jetzt bis zur Hälfte der 6. Staffel geschafft, Red John ist gerade entlarvt und der Cast versucht sich neu zu sortieren. Ich weiß noch nicht, ob mir das gefällt. Bei „Homeland“ war bei uns auch Schluss, als das Ganze mit dem ursprünglichen Plot nichts mehr zu tun hatte.

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… und ich habe lediglich sieben Blogeinträge in 2019 verfasst. SIEBEN!
Immerhin sind das fünf mehr als letztes Jahr, aber trotzdem. Ich ärgere mich über mich selbst. Über meinen Unwillen, hier Dinge, die mich bewegen „zu Papier zu bringen“. Und es hätte sehr viel zu erzählen gegeben. Gerade das letzte halbe Jahr glich einer Achterbahnfahrt:

Ende Juli starb meine Mama. Nicht gerade unerwartet, aber doch plötzlich. Bisher konnte ich mich noch nicht dazu durchringen hierzu etwas aufzuschreiben. Je intensiver ich mich mit ihr und ihrem Tod beschäftige, umso mehr tut es weh. Ab und an blitzen Erinnerungen an sie auf und dieses Gefühl des Vermissens ist sehr präsent. Der Gedanke „das muss ich Mama erzählen“ kreist in letzter Zeit auch öfter durch mein Hirn, gefolgt von der Enttäuschung, dies jetzt nicht mehr tun zu können.

Zwei Wochen nach der Beerdigung flogen wir zwei Wochen in den Süden in Urlaub. Es war ein komisches Gefühl, als würde ich mit Tempo 100 gegen eine Wand fahren. Vorher war so viel zu organisieren, so viel zu tun gewesen, dass ich gar nicht richtig zum Nachdenken kam. Ich musste funktionieren. Für meinen Vater, meine Kinder, die zur Beerdigung angereiste Verwandtschaft.
Und dann saß ich am ersten Tag am Pool und mir wurde das erste Mal so richtig bewusst, dass meine Mutter nicht mehr da ist. Dass ich nicht nach Hause kommen und ihr vorschwärmen kann, wie schön es im Urlaub gewesen ist. Realität deluxe.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb haben wir den Urlaub sehr genossen. Wir haben viel gesehen, sehr viel gefaulenzt, noch mehr gegessen und meine Kinder hatten am Ende der zwei Wochen Schwimmhäute ausgebildet.

Am 11. September ging dann die Schule für Miss Allerliebst wieder los. Man kann jetzt nicht gerade behaupten, dass sie die Schule vermisst hätte, aber ihre Freunde schon. Noch im Urlaub redete sie nur davon, dass sie eine große Party schmeißen möchte, wenn sie wieder zu Hause ist und alle ihre Freunde dazu einladen möchte. Am besten mit Übernachtung. Und Tanz. Und Buffet. Ja Mama?
Ich antwortete eher ausweichend. Noch heute spricht sie davon, endlich diese Party zu feiern, aber andere Ereignisse kamen uns leider dazwischen (dazu später). Dieses Jahr wird es diese Party demnach nicht geben.

Einen Tag später, also am 12. September, hatte dann das Fräulein Wunder den ersten Schultag in der weiterführenden Schule. Alles neu. Alles groß. Alles ungewohnt. Ich denke manchmal, dass ich womöglich mehr aufgeregt war, als sie. Es ist unfassbar, wie locker sie diese Umstellung wegsteckt.
Von einer kleinen Dorf-Grundschule mit zwei Klassen pro Stufe, einer Klassenlehrerin die 90% des Unterrichts abdeckt und einem Schulweg von maximal 8 Minuten zu Fuß, hin in ein Gymnasium mit 4 fünften Klassen, mitten in der Innenstadt, mindestens 10 verschiedene Lehrer und 5 neue Fächer, darunter Latein, das ich jetzt so nebenbei mitlerne und einem Schulweg von 40 Minuten, der eine Fahrt mit der S-Bahn und einen strammen Fußmarsch durch die Innenstadt erfordert.
Es ist erstaunlich, wie locker sie geworden ist. Zu spät kommen, weil die Bahn Verspätung hatte? Kein Problem (alleine beim Gedanken daran stellen sich mir vor Unbehagen die Nackenhaare). Eine Aufgabe in der Mathearbeit nicht lösen können? Was soll’s (das hätte früher Tränen und Tobsuchtsanfälle ausgelöst).
Und da das Fräulein Wunder kein Mensch ist, der sofort und mit jedem innige Freundschaft schließt, hatte ich starke Bedenken wie es wohl sein wird, wenn ihr die Tragweite dessen bewusst wird, dass sie tatsächlich ganz alleine auf diese neue Schule geht.
Aber auch hier, große Überraschung. Mit ihrer Banknachbarin verstand sie sich wohl von Anfang an ganz gut und das war ihr auch vollkommen ausreichend. Vorsichtiges Nachhaken meinerseits brachte auch kein anderes Ergebnis. Sie vermisse nichts und käme gut klar. Na dann. Und natürlich trifft sie weiterhin ihre beiden besten Freundinnen hier zu Hause und auf dem Heimweg mit der Bahn fährt meist das halbe Dorf mit.
Trotzdem war ich irgendwie beruhigt und erleichtert, als das Fräulein diese Woche erzählte, dass ihr neuer Hogwarts Pullover so gut angekommen sei und sie ganz viele gefragt haben, wo sie den denn her hätte. Und als ich fragte, wer denn gefragt habe, zählte sie vier oder fünf Mädchen auf und erzählte nach Nachfragen, dass sie mit denen auch manchmal die Pausen verbringe und dass überhaupt manche Mädchen, von denen sie am Anfang gedacht hatte, sie seien doof, gar nicht so doof seien sondern im Gegenteil ganz nett. Das Mutterherz ist also etwas versöhnt.

Ende September dann der nächste Schlag. Der Schwiegervater erlitt einen schweren Schlaganfall. Und dies in der Nacht von Freitag auf Samstag, d.h. wir bekamen davon erst einmal gar nichts mit. Erst am nächsten Tag, als er nicht wie sonst zum morgendlichen Kaffeetrinken rüberkam, wurden wir stutzig.

Mittlerweile sind gute fünf Wochen vergangen. Fünf Wochen, in denen der tolle Mann hin und her pendelt zwischen Job, Familie, Krankenhaus und kaum Zeit zum Luftholen hat. Wochen, in denen wir uns erst mit der akuten Situation befassen mussten, die Ungewissheit über seinen Gesundheitszustand, der Frage, wie es jetzt weitergeht und den vielen organisatorischen Dingen.
Wenn irgend möglich soll er wieder zurück in sein zu Hause, aber es ist jetzt schon absehbar, dass er dort nicht mehr allein bleiben kann. Er ist körperlich nicht in der Lage sich zu versorgen und geistig auch teilweise zu sehr verwirrt. Also wird es auf eine Rund-um-die-Uhr-Pflege zu Hause hinauslaufen. Dies bedeutet aber auch, dass das Bad komplett behindertengerecht umgebaut werden muss, da alleine die Toilette nicht einmal mit einem Rollator oder ähnlichem begehbar ist.
Also kümmern wir uns um Firmen, die kommen, sich alles ansehen, Angebote abgeben und möglichst gestern mit dem Umbau anfangen können.
Hinzu kommt der ganze Formularkram, Pflegeversicherung, Krankenkasse usw. usw..

Es läuft gerade nicht wirklich rund. So viele emotionale „Altlasten“ trage ich noch mit mir herum, die Kinder sind teilweise sehr angespannt oder dünnhäutig (auch wenn ich jetzt nicht sagen kann, ob das entwicklungsbedingt oder umständehalber ist), der tolle Mann und ich sehen uns manchmal mehr so im Vorbeigehen, einen Abend ohne Kinder ist nicht mehr ganz so leicht wie früher, als meine Mama noch jederzeit bereit war auf die Mädels aufzupassen und es bleibt gerade wenig Raum für andere Dinge.

Doch wenn uns das letzte halbe Jahr eines gezeigt hat dann wohl, dass wir als Familie zusammenhalten, dass wir füreinander da sind und alle zusammen an einem Strang ziehen. Dass wir uns nahe sind und uns auch ohne Worte verstehen.
Und dass wir wundertolle Freunde haben, die jederzeit da sind. Die die Kinder ganz unproblematisch bei sich übernachten lassen, damit der tolle Mann und ich einen Abend alleine verbringen können. Die ihre Hilfe anbieten. Die auf der Beerdigung alleine mit ihrer Anwesenheit gezeigt haben, dass sie Anteil nehmen. Die nachfragen, sich sorgen und kümmern.
Und ich bin in all dem Unglück froh, so wertvolle Menschen um mich herum zu haben, mich auf Freundschaften mehr einlassen zu können, als ich es vielleicht früher getan habe und neue Chancen zu sehen und wahrzunehmen.

Das Leben geht weiter. Mit all seinen schaurigen, schrecklichen, schönen, freudigen, emotional anstrengenden und lustigen Seiten. Manchmal ist das schwer auszuhalten, aber manchmal ist das auch genau das, was mich über den Tag rettet.

Daher Danke. Ein fettes, großes DANKE.

Wer kennt ihn nicht: Den Schmachtfetzen schlechthin. Die Mutter aller Tanzfilme. Den sich alle Mädels Ende der Achtziger und auch noch Jahre danach immer wieder und wieder angesehen haben: Dirty Dancing.
Wir fieberten mit Baby mit. Wir schmachteten Johnny an. Wir lernten Mambo zu tanzen und die Hüften zu schwingen. Und wir konnten jeden Satz auswendig mitsprechen.
Und wenn man ganz genau hinhört, vernimmt man ihn gerade jetzt im Sommer immer wieder – Den legendäre Satz „Ich habe eine Wassermelone getragen.“

Als Mutter von zwei Töchtern ist es mir natürlich ein Anliegen, diesen Teil meiner Mädchenkultur weiterzugeben. Sozusagen ein Initiationsritus zur Vorpubertät (in der das Fräulein Wunder schon voll drinsteckt, aber das nur am Rande). Den kleinen Monstern ein wenig romantische Bildung näherbringen, auf dass sie vielleicht demnächst auch Hüftschwingend und „I’ve had the time of my life“ schmetternd mit mir durchs Wohnzimmer tanzen.

Also erklärte ich Ihnen, dass es da einen gaaaanz tollen Film gäbe, den ich das erste Mal gesehen hätte, als ich jung war und den ich unbedingt mit ihnen anschauen will. Es wäre ein Mädchenfilm. Noch besser, sogar ein Tanzfilm! Immerhin stehen sie auf die Eiskönigin und Trolls. Tanzen und Singen sollte also nicht ganz so verkehrt sein.
Um der berechtigten Skepsis meiner Kinder entgegenzuwirken (denn sind wir mal ehrlich, wenn unsere Mütter heute kämen und würden sagen, sie möchten mit uns unbedingt einen Film aus ihrer Jugend ansehen, der ja sooooo toll sei, wären wir anfangs auch erstmal skeptisch, oder?), schauten wir uns erst einmal den Trailer an.
Erster großer Fehler. Ich hätte mich vorher informieren sollen. Denn leider war dieser Trailer der schlechteste seit Menschengedenken. So schlecht, dass selbst ich mir kurz überlegte, ob ich den Film überhaupt sehen will.

Der vernichtende Satz des Fräulein Wunders war dann auch „Mama, du bist so altmodisch!“
(Kurzer Exkurs: Ich bin tatsächlich lieber altmodisch als uncool, obwohl ich nicht genau weiß, ob dazwischen überhaupt ein Unterschied besteht.)

Ich versuchte also zu retten, was zu retten war. Wie, ihr wollt den Film nicht sehen? Aber daraus stammt doch der legendäre Satz „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Den habt ihr doch bestimmt schon ganz oft irgendwo gehört. Oder? ODER?

Öhm … nun ja … den Gesichtern meiner Kinder konnte man ablesen, dass sie gerade überlegen, in welche Klapse sie mich einweisen sollen. Wassermelone? Schon klar.

Ich erklärte ihnen also, dass so gut wie jede Frau diesen Film schon mal gesehen hat und dass, egal wen sie fragen würden, jede diesen Satz kennt.

Natürlich hielten sie das, wenn nicht gerade für gelogen, dann zumindest für eine riesengroße Übertreibung. Hätte ich an ihrer Stelle womöglich auch.

Als wir also das nächste Mal mit ein paar Müttern und Kindern irgendwo zusammenstanden (das ergibt sich auch heute noch ab und zu, was sehr schön ist), lies ich einfach mal den Satz fallen „Ach übrigens, ich habe vorhin eine Wassermelone getragen.“ Und sofort schallte mir ein einstimmiges, jubelndes „DIRTY DAAAANCING!“ entgegen.

Ich sag mal so … meine Kinder denken nun womöglich, ich könnte übers Wasser gehen. Und ich werde sie natürlich nicht korrigieren.

Ab da löcherten sie mich ständig, was denn nun dieser Satz zu bedeuten hätte. Eine Wassermelone getragen. Das macht man ja schon mal wenn man einkaufen war. Was, die waren nicht einkaufen? Okay. Hm. Ist das dann ein Code für irgendwas? So, wie Spione sich unterhalten? Nein? Auch nicht? Aber warum sagt die das dann Mama?

Spiel, Satz und Sieg. Ha!

Wir einigten uns also darauf, dass wir den Film bis zu dem legendären Melonensatz gucken würden und wenn er ihnen dann immer noch zu altmodisch wäre, könnten wir ihn immer noch aus machen. Was, wie ich mir sicher war, nicht passieren würde, denn bis dahin wären sie schon so tief drin in dieser herzzerreißenden Story, dass sie ihn unbedingt zu Ende sehen wollen würden.

Letztes Wochenende war es dann so weit. Der tolle Mann verbrachte mit Freunden ein Männerwochenende im Odenwald (obwohl er sagte, er würde sich den Film sogar mit angucken) und wir Mädels kuschelten uns mit Brause und Knabberzeug auf die Couch.

Am Anfang wies ich darauf hin, dass der Film in einer Zeit spielt, in der es weder Handys noch Computer gegeben hat. „Aber Kameras hatten die schon, Mama, gell? Denn sonst hätten die den Film ja nicht drehen können.“ Mein Kind. So blitzgescheit.

Den ersten Auftritt von Johnny nahmen die Mädels vollkommen gelassen hin, während ich laut seufzte und ihn anschmachtete. Gott, war der da noch jung!! Dann fiel mir ein, dass Patrick Swayze auch schon seit einer Weile tot ist. Was mich wiederum traurig machte und noch nostalgischer werden ließ.

Dann die besagte Szene, als Billy mit den drei riesigen Wassermelonen auftaucht. Baby überredet ihn, sie mit zu der Party der Hotelangestellten zu nehmen und hilft ihm dafür mit den Melonen. Sie steigen die Treppe hinauf und kommen in diesen riesigen, stickigen Partyraum, in dem bereits wie wild getanzt wird.
„Uaah, das ist ja eklig!“ höre ich es zu meiner Rechten vom Fräulein Wunder. „Ja, voll eklig!“ bestätigt Miss Allerliebst mit gerümpfter Nase zu meiner Linken.
„Aber die tanzen doch total toll,“ sage ich, weiß aber natürlich, was sie meinen. Für die Kinder ist dieser Tanz wie Sex mit Klamotten an. Sie halten sich also die Augen zu oder machen Würgegeräusche, während Baby den Raum durchquert und sich an den Rand der Tanzfläche stellt.

Auftritt von Johnny und Penny.

„Die können aber viel besser tanzen als die anderen,“ kommentiert das Fräulein. „Ja, das sind ja auch die Tanzlehrer,“ nicke ich.

Dann entdeckt Johnny Billy mit Baby in der Ecke und hüpft tanzen zu ihnen rüber.
„Was macht die denn hier?“ fragte Johnny und Baby entgegnet vollkommen unzusammenhängend „Ich habe eine Wassermelone getragen.“

Mit triumphierendem Grinsen schaue ich meine Mädels an. Jetzt müssen sie doch einsehen, wie toll dieser Film ist. Wie herzzerreißend, wie romantisch, wie aufregend, wie …
„Mama, können wir jetzt BITTE was anderes gucken?“

Grummel.

Später, als die Kinder im Bett liegen, kuschele ich mich zurück auf die Couch und gucke den Film alleine weiter.
Im weiteren Verlauf des Abends bin ich dann eigentlich ganz froh, dass ich mit meinen Kindern kein Gespräch über Abtreibung, Sex und Betrug führen muss. Ich kann es genießen. In vollen Zügen.
Es macht auch gar nichts, dass ich schon vorher weiß, was als nächstes passiert. Im Gegenteil. Ich singe leise mit, ich murmle den Text vor mich hin und bekomme wie immer eine Gänsehaut und Pipi in die Augen, wenn die Hebefigur bei der Abschlussfeier endlich gelingt.

Als ich dann ein paar Tage später die Einkäufe in den Kühlschrank räume, kommt das Fräulein Wunder und sagt im Vorbeigehen „Ach Mama, hast du eine Wassermelone getragen?“ grinst breit und verschwindet im Garten.

Erwähnte ich schon, dass ich sie echt lieb hab?

Ich wohne auf dem Dorf. Nicht so ein Zwei-Bauernhöfe-und-ein-Tante-Emma-Laden Dorf sondern eher ein Wir-kennen-uns-alle-durch-Kiga-Schule-Verein Dorf.
Tatsächlich nennen wir zwei Kindergärten, eine Grundschule, einen Turnverein, einen kleinen Supermarkt und sage und schreibe drei Bäcker unser Eigen.

Mein perfektes Lebensbild wäre wahrscheinlich eine Mischung aus „Gilmore Girls“ und „Unsere kleine Farm“. Nähe und Geborgenheit, ohne seine Eigenständigkeit und Geheimnisse zu verlieren.

Ich habe früher einmal aufgeschrieben, wie es mir in meinem bisherigen Leben so mit Freundschaften und lieben Menschen erging (und wie ich jetzt mit Erschrecken feststelle, ist dieser Artikel schon 7 Jahre her). Ich wage zu behaupten, dass ich nicht gerade einfach bin. Ich denke zu viel nach, interpretiere und analysiere zu viel um entspannt mit dem Thema „neue Freundschaften“ umzugehen.

Heute fand nun der alljährliche Sommertagsumzug in unserem Dorf statt. Und ich stelle fest, wie viel sich mal wieder seit dem erwähnten Artikel geändert hat.

Inzwischen habe ich zwei Kinder, die zudem beide bereits den Kindergarten besucht haben und nun in der Schule sind. Ich gehe wieder arbeiten, bin also auf ein ganz anderes Freundschaftsgefüge angewiesen als damals, als ich noch in der Elternzeit zu Hause war und alle anderen Eltern unausweichlich unterwegs getroffen habe.

Das Schöne ist, dass inzwischen ganz viele Menschen in mein Leben getreten sind, die mir wichtig und lieb und teuer sind.

Die Eltern von Fräulein Wunders Freunden begleiten mich jetzt zum Beispiel schon fast 10 Jahre. Man kennt sich. Von öffentlichen Events, Veranstaltungen und Aktionen von Kiga und Schule. Von privaten Festen und Einladungen. Von gemeinsamen Aktivitäten und Ereignissen, die unsere Kinder gleichermaßen betreffen. Man läuft sich einfach sehr oft über den Weg.
Und mit der Zeit baut sich ein Vetrauensverhältnis auf. Ich finde es toll, wenn wir uns irgendwo zu irgendeinem Anlass im Dorf treffen. Wenn wir zusammen sitzen, die Kinder ihr eigenes Ding machen und wir uns darüber austauschen, was gerade aktuell so bewegt. Meist sind es ja die gleichen Dinge.
Und sehr oft geht dies alles auch über die Kinder hinaus. Man hat sich über die Jahre kennen gelernt. Hat gemeinsam auf Partys getanzt, Kuchen für einen guten Zweck verkauft, auf dem Spielplatz zusammen gestanden und sich über die kleinen und großen Dinge ausgetauscht.
All diese Menschen möchte ich nicht missen und sind für mich sehr, sehr wichtig geworden. Weil sie mich und mein Kind verstehen. Weil sie genau wissen wie es ist, sich für eine weiterführende Schule zu entscheiden oder die vorpubertären Phasen der zehnjährigen zu ertragen.
Da kann es auch schonmal passieren, dass man sich zufällig nachts um zwölf auf dem Bahnhof trifft und dann gemeinsam noch bis drei Uhr morgens zu Hause Ouzo trinkt.

Inzwischen hat auch Miss Allerliebst viele Freunde, die sie auch bereits seit einer kleinen Ewigkeit begleiten. Aus Gründen, die ich noch nicht einmal so wirklich benennen kann, passt das zwischen uns hervorragend.
Vielleicht auch, weil der tolle Mann mit den Jahren gelernt hat, sich ebenfalls zu öffnen. Vielleicht, weil er mit den Ehemännern dieser Mamas eher einen Draht gefunden hat. Keine Ahnung.
Fakt ist, wir haben uns im letzten Sommer ab und an mal zum gemeinsamen Grillen oder Essengehen (merke: Essen ist der Sex im Alter!) getroffen, wir Mamas schaffen es tatsächlich auch mal alle Vierteljahr, gemeinsam essen zu gehen.
Für mich ist dies gerade die richtige Mischung zwischen Nähe und Unverbindlichkeit, die ich genieße. Keiner von ihnen würde sich jetzt wundern, wenn er zwei Wochen nichts von mir hört, aber wenn wir zusammen sind, ist es immer sehr nahe und intensiv.

Und natürlich sind da die Herzmenschen, die wir durch die Kinder kennen gelernt haben. Die, die eben genau wissen, was gerade los ist, die sich kümmern und sich Gedanken um uns machen. Die so wichtig sind, die ich aber (immer noch) skeptisch betrachte, weil ich tief in mir drin damit rechne, dass sie irgendwann nicht mehr da sind. Und dies eher früher als später. Denn eigentlich, wenn man ganz genau hinschaut, bin ich nicht wirklich liebenswert.

Und so findet dieses Fest in unserem Dorf statt. Man trifft diesen und jenen, unterhält sich hier und da, umarmt und drückt wenige und am Ende des Tages sitze ich hier und bin sooooo froh, dass ich dieses gesellschaftliche Gefüge habe. Dass da Menschen sind, die uns als Familie kennen, denen wir wichtig sind, zu denen wir irgendwie und wenn auch nur entfernt gehören. Denen es auffallen würde, wenn wir von heute auf morgen verschwinden würden. Die beweisen, dass wir existiert haben und nicht völlig daneben waren. Die uns mögen, so wie wir sind. Die MICH so mögen, wie ich bin. Ein sehr, sehr schönes Gefühl.