Als ich neun Jahre alt war, zogen meine Eltern in das Dorf, in dem ich heute noch wohne. Sie bauten ihr Eigenheim mitten auf ein Feld, das nach und nach mit anderen Häusern aufgefüllt wurde. Noch heute, dreißig Jahre später, nennt sich dieser Teil des Dorfes „Neubaugebiet“.

Ich besuchte daraufhin die vierte Klasse der hiesigen Grundschule. Vollkommen neue Klassenkameraden in einem fremden Ort. Ein Klassenverband, der bereits seit drei Jahren bestand und Freundschaften, die sich teilweise schon im Kindergarten geschlossen hatten. Und dann ich mittendrin. Erstaunlich schüchtern und gehemmt. Es stellte sich heraus, dass ich nicht wirklich gut im Freundschaftenschließen war. Zu meiner Faschingsparty, etwa ein halbes Jahr nach meinem Eintreten in die Klasse, kam keines der etwa zehn eingeladenen Kinder.

Nach der vierten Klasse wurde alles neu in Haupt-, Realschule und Gymnasium gemischt. Ich weiß nicht wieso, aber ich bekam erst einmal nur eine Empfehlung für die Hauptschule, was bedeutete, dass ich weiterhin auf der Schule blieb, die ich bis dahin besucht hatte. Wieder kam ich in eine Klasse mit haufenweise neuer Schüler. Immerhin: Einen wirklich guten Freund habe ich dort gefunden. Mit Nachmittagen am Computer (der erste C64, ich weiß es noch wie heute), Playbacksingen zu Roland Kaiser und Reinigen des riesigen Aquariums. Diese Freundschaft hielt ein paar Jahre, bevor wir uns aus den Augen verloren.

Im „Neubaugebiet“ hatten sich inzwischen sehr viele Familien mit Kindern niedergelassen. Das Problem war nur, dass diese entweder jünger  waren als ich und mit meinem vier Jahre jüngeren Bruder durch die Gegend zogen, oder mindestens zwei, drei Jahre älter waren und somit mit mir kleinem Mädchen nichts zu tun haben wollten.

Dann wechselte ich nach der fünften Klasse in die Realschule und hier endete vorerst die Durststrecke. Ich wurde, wie alle anderen auch, noch einmal in die fünfte Klasse eingeschult und sah mich jeder Menge Kindern gegenüber, die das gleiche Schicksal teilten wie ich: Sie kannten niemanden auf der neuen Schule.
Und so fand ich hier relativ schnell Anschluss. Wir waren eine Clique von fünf Mädchen, die nicht nur in der Schule immer zusammen hockten, sondern die sich auch in ihrer Freizeit trafen. Damals war es noch absolut normal, mit dem Bus überall hin zu fahren und somit Anfahrtswege von gut einer halben bis dreiviertel Stunde in Kauf zu nehmen.
Je älter wir wurden, desto mehr erweiterte sich unser Welt. Wir bemerkten plötzlich Jungs, die vorher nicht da gewesen waren und schauten neidisch auf die coolen Mädchen, um die sich die gesamte Schule riss.

Erst, als meine Schulzeit endete und ich eine Lehre begann, lernte ich nach und nach auch ein paar Leute in meinem direkten Umkreis des Dorfes kennen. Ich ging zum hiesigen Jugendtreff und freundete mich dort mit zwei, drei Mädels an mit denen ich auch meine ersten Partys im Gemeindehaus besuchte und mit denen ich gemeinsam für und über Jungs schwärmte.
Mit 16 war ich mit einer Gruppe Jungs jedes Wochenende mindestens einmal im Kino und hockte ansonsten bei einem von ihnen zu Hause rum. In den einen war ich verknallt, der wollte aber nichts von mir. Der andere war in mich verknallt, von dem wollte ich allerdings nur Freundschaft.

Zwei Jahre später lernte ich den tollen Mann und seine Kumpels kennen und ab da schrumpfte irgendwie alles bisher da gewesene zu einem kleinen Sandkorn zusammen. Von den Mädels aus der Schule blieben erst einmal zwei, eine von ihnen bereichert noch heute mein Leben. Von den Mädels aus der Jugendgruppe scheint ein Teil weggezogen zu sein, jedenfalls sehe ich diese gar nicht mehr, eine andere hat den tollen Mann angebaggert, mit der rede ich heute nicht mehr. Von den Jungs sehe ich einen sehr selten zufällig im Ort, von den anderen höre ich nur ab und an mal irgendwelche Neuigkeiten über vier Ecken.

Mit Anfang 30 wurde ich dann plötzlich in dieses Internet gesogen, von dem alle redeten. Etwa vier bis fünf Jahre war ich sehr intensiv darin unterwegs. Ich lernte jede Menge neuer Menschen kennen und bei einigen blieb es nicht nur im virtuellen Rahmen. Doch genau so heftig und vollkommen, wie es mich gepackt hatte, enttäuschte es mich auch an manchen Stellen und heute ist auch aus dieser Phase nur noch ein Hauch von etwas übrig, das einmal extrem großartig war.

Abgesehen von diesem virtuellen Exkurs, habe ich also die letzten zwanzig Jahre mit mehr oder minder den selben Freunden verbracht. „Die Clique“ nennen wir es heute noch. Wer näheres dazu wissen möchte, kann gerne hier mal nachlesen. Doch nach so vielen Jahren bröckelt auch dieses Konstrukt. Jeder hat seine eigene Familie, sein eigenes Leben und erstaunlicher Weise keine Zeit mehr für irgendetwas außerhalb des normalen Alltagstrotts. Und da nehme ich uns gar nicht mal aus. Wir haben uns auch in unseren Alltag eingekuschelt, genießen die Zeit mit der Familie und denken mit einem Seufzen und einem wehmütigen Blick an die Vergangenheit.

Bis hier hin blieb ich demnach mehr oder weniger unbehelligt in meinem Ort. Ich konnte einkaufen, ohne nach links und rechts grüßen zu müssen, für’s Brötchenholen brauchte ich immer exakt 12 Minuten, weil mir niemand zum Quatschen über den Weg lief und ich betrat sehr selten andere Wege als die, die mich zu den hiesigen Einkaufsmöglichkeiten oder Ärzten führten.

Und dann wurde das Fräulein Wunder geboren und plötzlich sah ich mich mit einer Situation konfrontiert, die ich so gar nicht mehr kannte. Ich war gezwungen, mich mit neuen Menschen – potentiellen Freunden – zu beschäftigen. Ich musste Smalltalk halten, mich mit Personen austauschen, von denen ich überhaupt nichts wusste (außer vielleicht, wie ihre Kinder heißen). Und ich gebe offen zu, dass ich am Anfang damit schwer überfordert war.
Ich hatte allerdings das Glück, dass ich gleich zu Anfang, als das Fräulein Wunder noch in meinem Bauch wohnte, meine Käfermädels kennenlernen durfte. Irgendwie hat es gepasst – und es passt noch. Wir sehen uns weiterhin regelmäßig einmal die Woche, treffen uns etwa alle acht bis zehn Wochen abends ohne die Kinder in einem netten Restaurant und nächste Woche steht wieder unser alljähriges Weihnachtsessen mit Wichteln an. Ich freu mich!
Aber auch von diesen fünf Mädels wohnt keine in meinem Ort. Um eine von ihnen zu besuchen, muss ich ins Auto bzw. aufs Fahrrad steigen und das erfordert somit etwas an Planung. Zumindest einen kurzen Anruf, ob derjenige zu Hause ist, bevor man sich auf den Weg macht.

Und somit bleiben da die vielen Mamas (und ganz wenige Papas), die ich durch das Fräulein Wunder nach und nach im Ort kennenlernte. Ob nun Krabbelgruppe, Kinderturnen oder jetzt der Kindergarten – irgendwie trifft man doch immer die selben. Manche davon sind total nett und liebenswert und wir haben uns auch schonmal privat getroffen, mit anderen unterhalte ich mich gerne mal so im Vorbeigehen, aber etwas engeres könnte ich mir bei ihnen nicht vorstellen.
Doch bei allen ist es immer das gleiche Spiel: Mich zu öffnen, neue, enge Freundschaften zu schließen, fällt mir unglaublich schwer. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht erwarte ich auch einfach zu viel. Vielleicht ist es ganz normal, dass man Menschen in seinem Leben hat, die man beinahe täglich sieht, die man auch irgendwie mag, von denen man aber mehr über die Kinder als über den Menschen selbst weiß. Oftmals scheint es mir zu mühsam, ein anderes Mal habe ich das Gefühl, ich dränge mich unnötig auf und wieder ein anderes Mal, wenn ich mitbekomme, dass sich ein paar der Mamas ohne mich getroffen haben, fühle ich mich missverstanden, ungeliebt und ausgeschlossen. Ich befürchte, ich sehe das Ganze viel zu verkrampft.

Dabei finde ich es total schön, wenn wir zu fünft vor dem Bäcker stehen und uns über dies und das austauschen. Ich weiß so viel wie noch nie darüber, was bei uns im Dorf los ist. Warum der Bäcker zu gemacht hat und warum die Pizzeria doch noch ein Jahr geöffnet hat und wer mit wem und sowieso. Mittlerweile mag ich es, wenn ich unterwegs ein bekanntes Gesicht treffe und wir uns, manchmal kurz, manchmal länger, manchmal auch nur von weitem winkend, austauschen.
Doch nach wie vor scheue ich mich davor, mich mit diesen Frauen und deren Kindern zu Hause zu treffen. Das ist so verbindlich. Ein großer Schritt. Ab und an kommt dies schonmal vor, dann meist aber auf die Initiative der Anderen hin. Und dann finde ich das auch sehr angenehm und schön. Wir unterhalten uns gut, haben Spaß und ich nehme mir vor, mich viel öfter auf so etwas einzulassen, selbst einmal die Initiative zu ergreifen und aus meinem Schneckenhaus heraus zu kommen.
Bei dem Vorsatz bleibt es meist.

Im Moment schwirrt in meinem Kopf die Idee eines „Elternstammtisches“ herum. Durch Krabbelgruppe, Turnen und nun den Elternbereit bin ich mittlerweile im Besitz der meisten Email-Adressen der betreffenden Eltern. Ich stelle mir also vor, wie ich eine Mail schreibe und vorschlage, dass wir uns einmal im Monat, oder alle acht bis zehn Wochen, oder, oder, oder, in einer Lokalität am Abend treffen. Zum zwanglosen Plaudern, zum besseren Kennenlernen und zum entspannten Beisammensein. Ohne, dass wir vor dem Bäcker frieren müssen, ohne Zeitdruck und ohne, dass ich mich mit jemandem direkt und persönlich verabreden muss.

Bisher fand ich diese Idee ziemlich genial. Wenn ich jetzt diesen Artikel hier so lese, komme ich mir vor, als hätte ich eine schwere, soziale Störung. Zumindest gibt es noch so einiges an meiner Persönlichkeit, an dem ich arbeiten muss. Fortsetzung folgt.

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