Kapitel 1

Kapitel 2

Hitze, das war das erste, das ich wahrnahm, als ich wieder zu mir kam. Es fühlte sich an, als glühe mein gesamter Körper von innen heraus. Mein Herzschlag hüpfte hektisch und unkontrolliert in meiner Brust, wie ein eingesperrtes Vögelchen, das verzweifelt versuchte aus seinem Käfig zu entkommen.
Ich lag auf der Seite und fühlte eine kratzige Decke an der Wange. Mein Kopf ruhte auf etwas Weichem, während Hitze über mein Gesicht wie eine sanfte Berührung strich. Vorsichtig öffnete ich blinzelnd die Augen, was gar nicht so einfach war. Ein Tonnengewicht schien auf meinen Lidern zu liegen und nur mühsam hoben sie sich ein winziges Stück. Schatten tanzten verschwommen vor meinen Augen im Dämmerlicht, gleichzeitig stieg mir der Geruch von brennendem Holz in die Nase und ein unangenehmes Kratzen kitzelte meinen Rachen. Die Augen fielen mir sofort wieder zu und ich seufzte leise.
Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, mir durch ein Husten Erleichterung zu verschaffen, doch als ich es dann doch tat, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Im selben Moment kamen die Schmerzen zurück. Mein Brustkorb brannte wie Feuer und sämtliche Knochen und Muskeln in meinem Körper kreischten gequält auf, so dass ich meine Hände in die Decke krampfte und verzweifelt versuchte, das Husten zu unterdrücken. Schweiß rann über meine Stirn, den Nasenrücken hinunter in den Mundwinkel und ich meinte, bei lebendigem Leib zu verbrennen.
„Langsam,“ hörte ich plötzlich eine Stimme, ganz in meiner Nähe und wenn das überhaupt noch möglich war, hämmerte mein Herz vor Schreck noch ein wenig fester in meiner Brust. „Komm, trinken sie einen Schluck, dann wird es sicherlich gleich besser,“ fuhr die Stimme sanft fort und ich fühlte etwas hartes zwischen den Lippen. Vielleicht einen Strohhalm? Gierig saugte ich daran und hätte beinahe aufgestöhnt, so gut tat das kühle Wasser, das mir gleich darauf die Kehle hinunter rann. Der Husten verstummte und mein Körper entspannte sich augenblicklich. Dann schien mein Verstand endlich wieder seine Tätigkeit aufzunehmen und sofort rasten unzählige Fragen gleichzeitig durch meinen Kopf.
Wer ist das? Wo bin ich? Was ist passiert? Was haben die mir da eben gegeben? Werde ich sterben? Die letzte Frage ließ mich die Augen vor Furcht erneut aufreißen.
Über mir schwebte ein heller, runder Fleck, der wie unter Wasser leise vor sich hin waberte. Im Hintergrund konnte ich noch weitere helle Flecken ausmachen, die vor den tanzenden Flammen eines Kaminfeuers ebenfalls zu schweben schienen.
„Keine Angst,“ hörte ich die Stimme wieder „sie sind hier in Sicherheit.“
Von irgendwo kam ein seltsamer Laut. So etwas wie ein Schnauben oder Prusten, vermutete ich.
„Achten Sie nicht auf Sam,“ vernahm ich die Stimme wieder, während sich der helle Fleck des fremden Gesichtes über mich beugte. Ich vermutete, dass es sich dabei um eine Frau handelte, war mir aber nicht wirklich sicher. „Er hat keine Ahnung. Wie fühlen Sie sich?“
Ich öffnete die Lippen gerade so weit, das ich das Aroma des Feuers schmecken konnte, doch kein Ton kam heraus. Himmel, mir war so furchtbar heiß!
„Du siehst doch, dass sie noch gar nicht richtig bei sich ist,“ meldete sich eine andere Stimme aus dem Hintergrund. „Wir sollten sie noch ein wenig schlafen lassen und später wieder kommen.“
„Wir müssen aber wissen … ,“ setzte eine dunkle, männliche Stimme irgendwo zu meiner Linken an.
„Sie kann aber nicht,“ wurde er von einem weiteren Mann rüde unterbrochen. Ich spürte, wie mein Verstand langsam davon driftete. Meine Augen schlossen sich, erschöpft von der Anstrengung ganze zehn Sekunden offen gewesen zu sein. Die restliche Unterhaltung nahm ich nur noch wie durch Watte wahr.
„Ich denke auch wir sollten noch etwas warten Carl,“ sagte die weibliche Stimme von vorhin und irgendwie gefiel mir die Sanftheit darin.
„Es ist aber nicht ungefährlich, wenn sie … ,“ setzte dieser Carl wieder an, nur um erneut von Mr. Unhöflich unterbrochen zu werden. „Jetzt ist es sowieso zu spät. Entweder sind sie bereits auf dem Weg hierher oder sie ist nur ein weiterer Flüchtling.“
„Sam hat recht,“ gab die weibliche Stimme zu. „Wenn sie wirklich die Absicht hätten uns zu finden, währen sie bereits hier.“
„Trotzdem ist mir nicht wohl bei dem Gedanken … ,“ Hier blendete mein Gehirn die Stimme von Carl ganz langsam aus und mit einem letzten Rest von Bewusstsein fragte ich mich, ob es Carl je vergönnt war, einen Satz zu Ende zu bringen.

Als ich das nächste Mal erwachte, war ich sofort vollkommen klar im Kopf. Die Augen zu öffnen fiel mir allerdings noch genau so schwer. Auch die Schmerzen waren immer noch da, weshalb ich versuchte, mich möglichst nicht zu bewegen.
Inzwischen lag ich auf dem Rücken und erleichtert stellte sie fest, dass diese alles verzehrende Hitze einer angenehmen Wärme gewichen war. Unter einiger Anstrengung öffnete ich die Augen einen Spalt weit und blinzelte gequält in das helle Sonnenlicht.
Und in diesem Moment fiel mir alles wieder ein und jeder Gedanke, der wie eine Supernova in meinem Gehirn explodierte, ließ mich leise aufkeuchen. Brendan, Camille und ihr Verrat, der mehr schmerzte als alle Wunden, die mir in dieser Nacht zugefügt worden waren. Ich spürte die Tränen aus den Tiefen meines Herzens aufsteigen und schluckte schwer. Jetzt nicht daran denken. Damit konnte ich mich später noch befassen. Stattdessen versuchte ich an die Fahrt hierher zu denken, mein Erwachen in diesem Bett und das seltsame Gespräch, das ich mit angehört hatte.
Oh Gott! Ich war doch nicht wirklich bei diesen … Wilden … diesen … Kreaturen … gelandet? Diesen Ausgestoßenen Freaks im Wald? Bilder aus meinem Klinikalltag wirbelten durch meinen Kopf, während sich das Entsetzen fett und schwer auf meine Brust hockte und diabolisch grinste: Knochenbrüche, tiefe Fleischwunden und Hautabschürfungen. Ich hatte abgetrennte Gliedmaßen gesehen, Menschen, denen buchstäblich ein Stück ihres Fleisches bei lebendigem Leib herausgerissen worden war, Verletzte, denen Augen, Ohren oder eine ganze Hand fehlte, Menschen, die als solche kaum noch zu erkennen waren, weil jeder Knochen in ihrem Leib gebrochen war. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um Männer, Frauen oder sogar Kinder handelte. Und alle hatten sie diesen verstörten und entsetzten Gesichtsausdruck. Als hätten sie etwas gesehen, das sie selbst jetzt nicht artikulieren oder auch nur begreifen konnten. Und immer spielten diese Monster aus dem Wald eine Rolle.
Ich begann zu zittern. Es fing bei meinen Händen an und setzte sich dann langsam über die Arme und Beine und dann den gesamten Körper fort. Ich hatte gewusst, dass man mich hierher bringen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich nach einer ganzen Nacht immer noch unversehrt hier liegen würde. Nun ja … zumindest ohne neue Verletzungen. Was hatten diese Ausgeburten der Hölle mit mir vor? Ich spürte, wie sich die Panik in riesigen Schritten näherte, sie raste heran und schlug wie eine riesige Welle über mir zusammen. Das Atmen fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich krümmte mich zusammen, die rasenden Schmerzen ignorierend. Es war jetzt sowieso schon egal.
Am Rande bekam ich mit, wie eine Tür geöffnet wurde. Mittlerweile rang ich verzweifelt nach Luft, meine Hände hatten sich so fest zu Fäusten geballt, dass die Fingernägel in die weichen Handballen stachen und mein gesamter Körper zitterte unkontrolliert.
„Ach Du meine Güte,“ hörte ich eine Stimme über mir und hätte bei der Berührung einer kühlen Hand auf meiner Stirn aufgeschrien, hätte ich noch ein bißchen Luft in den Lungen gehabt. „Finn, hilf mir,“ rief die Frau über mir und gleich darauf näherten sich hastige Schritte im Laufschritt.
„Dreh sie wieder auf den Rücken,“ befahl die Frau und während ich herumgewälzt wurde, drückte mir jemand etwas glattes an den Mund.
„Atmen,“ befahl die Frau, diesmal wohl an mich gewandt. „Tief ein und wieder ausatmen.“ Das knistern einer Papiertüte war zu hören, die sie mir an die Lippen drückte und gleich darauf amtete die Frau selbst tief und laut ein. „So, sehen sie? Ein,“ und stieß die Luft wieder langsam aus „und ausatmen.“ Sie wiederholte ihr Mantra immer wieder und wie von selbst schien sich mein Körper den Anweisungen zu fügen. Wie eine Ertrinkende saugte ich Luft in meine Lungen, nur um sie gleich darauf wieder heftig auszustoßen. Die Papiertüte verhinderte, dass ich hyperventilierte, während ich immer wieder im Takt mit dieser fremden Frau ein und wieder aus atmete. Ganz langsam beruhigte sich meine Atmung, was ich von meinem rasenden Herzschlag nicht behaupten konnte. Doch der Druck auf meiner Brust ließ langsam nach und auch das Schwindelgefühl verschwand nach und nach. Zurück blieb ein dumpfes Gefühl der Angst und ein ekelhafter, metallischer Geschmack auf meiner Zunge.
„So ist es schon viel besser,“ sagte die Frau über mir und blinzelnd stellte sich die Welt um mich herum scharf.
Sie hatte ein kantiges, ausgezehrtes Gesicht, das von dunklem, von ersten grauen Strähnen durchzogenem Haar umrahmt wurde. Früher war sie sicherlich mal sehr hübsch gewesen, doch jetzt stach die gerade Nase wie ein Vogelschnabel aus ihrem schmalen Gesicht heraus, ihre großen, blauen Augen wirkten eingefallen und unsagbar müde und ihre Lippen bildeten einen schmalen Strich, während sie mir sanft die Haare aus der Stirn strich.
„Es ist alles in Ordnung,“ murmelte sie. „Sie sind hier in Sicherheit.“
Ich erkannte in ihr die Frau von gestern Abend, was mich allerdings nicht unbedingt beruhigte. Wo waren die Männer? Und was hatten sie mit mir vor?
„Ich bin Rachel,“ sagte die Frau sanft und lächelte dabei etwas angestrengt. „Und das hier,“ sie deutete auf ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, das neben ihr stand und hinter einem Vorhang aus dunklem, lockigen Haar zu mir herunter blinzelte „ist meine Tochter Finn. Finn, sag Hallo zu unserem Gast.“
„Hallo,“ murmelte es hinter dem Haarvorhang, dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und verschwand eilig durch die Tür.
„Sie müssen sie entschuldigen. Sie hat schon lange kein unbekanntes Gesicht mehr gesehen,“ lächelte diese Rachel immer noch. Sie machte eine kurze Pause, dann gab sie sich scheinbar einen Ruck und fragte „verraten sie mir ihren Namen?“
Kein Sterbenswörtchen würde ich ihnen sagen. Weder meinen Namen, noch sonst irgendetwas. Ich würde ihnen nicht die Genugtuung geben und mich erst mit ihnen verbrüdern, bevor sie mich in Stücke rissen.

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