Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Mein richtiger Name ist Olivia Suarez, doch die meisten nennen mich Liv. Von meinem spanischen Vater habe ich das dunkle, lockige Haar geerbt. Widerspenstig und kaum zu bändigen kringelt es sich um meine Ohren und wenn ich bei einer Fee einen Wunsch frei hätte, würde glattes Haar ganz oben rangieren.
Die helle Haut und die Sommersprossen bescherten mir die Wurzeln meiner Mutter, die zwar selbst nie einen Fuß auf irischen Boden gesetzt hatte, deren Vorfahren aber angeblich von dort stammten.
Bevor ich in meinem ganz persönlichen Albtraum landete, arbeitete ich als Krankenschwester in einem großen Krankenhaus. Bei genauerer Betrachtung – und ich hatte in den ersten Tagen auf meinem Krankenlager viel Zeit zum Nachdenken – war es genau dieser Job, der mir zum Verhängnis wurde. Ich war unvorsichtig geworden, hatte mich zu sicher gefühlt. Es reichte mir nicht mehr, mich lediglich um die Kranken zu kümmern, Verbände zu wechseln, Medikamente zu verabreichen und Werte und Daten in Krankenakten festzuhalten, ganz zu schweigen vom Bettenmachen und Bettpfannen wechseln. Ich wollte mehr tun. Mehr helfen. Schmerzen lindern. Und das tat ich. Anfangs nur sehr selten und nur bei den ganzen schweren Fällen, später immer häufiger und weniger zielgerichtet.
Ich hätte wissen müssen, dass so etwas nicht lange unentdeckt bleiben konnte, aber ich bildete mir ein, dass es schon keiner merken würde. Und wenn, würden sie niemals mich, eine kleine, unscheinbare Krankenschwester, verdächtigen.
Doch als die Gerüchte, etwas ginge auf der chirurgischen Abteilung nicht mit rechten Dingen zu, erst einmal die Runde machten, dauerte es nicht lange, bis auch ich in den Fokus der Klinikleitung rückte. Bis hier hin war alles noch meiner eigenen Dummheit zuzuschreiben, aber alles was danach folgte … nun ja … ich hatte einfach die Loyalität meiner Freunde kolossal überschätzt.
Wie immer, wenn mich die Gedanken an „früher“ überfielen, spürte ich ein Brennen in der Herzgegend, das so intensiv war, dass es jeden anderen Schmerz für kurze Zeit überdeckte. Es nahm mir buchstäblich die Luft zum Atmen und trieb mir die Tränen der Wut, aber auch der Scham in die Augen. Wie hatte ich mich so in diesen Menschen täuschen können? Ich hatte Hilfe gesucht, mich nach Jahren, in denen ich mein Geheimnis wie den heiligen Gral gehütet hatte, Menschen geöffnet, Menschen von denen ich bis dahin gedacht hatte, sie wären meine Freunde. Und was hatte es mir gebracht? Man hatte mich beinahe tot geprügelt, nachdem man mich in aller Öffentlichkeit gedemütigt und bloßgestellt hatte. Und zu guter letzt verschleppten sie mich hierher in den Wald zu diesen Freaks, deren Opfer in der Vergangenheit immer wieder auf meiner Station gelandet waren. Wie konnten all diese Menschen, angefangen von meinem Boss über meine Kollegen bis hin zu meinen Freunden auch nur eine Sekunde glauben, ich wäre wie diese Kreaturen? Dieser Abschaum der Menschheit? Ich wollte heilen, nicht morden, verdammt nochmal.
Was mich zu der Überlegung brachte, warum ich immer noch hier lag und ganz offensichtlich gesund gepflegt wurde, statt dass sie den Rest meines kümmerlichen Daseins in Stücke rissen.
Die Frau mit dem Raubvogelgesicht, die sich mir als Rachel vorgestellt hatte, sah ein paar Mal am Tag nach mir. Sie brachte mir Wasser und Hühnerbrühe, versorgte meine Wunden mit einer Salbe, die zwar furchtbar roch, aber ganz offensichtlich eine heilende Wirkung besaß und wechselte meine Verbände. Gemeinsam mit ihrer Tochter Finn hievte sie mich am zweiten Tag ungefragt aus dem Bett und stellte mich vorsichtig auf die Füße. Der gesamte Raum um mich herum schwankte wie bei hohem Seegang, mein Kreislauf fuhr Achterbahn und mein Magen rebellierte gegen die plötzliche Vertikale. Aber da ich so dringend wie noch nie in meinem Leben auf die Toilette musste, ignorierte ich dies alles.
Unter höllischen Schmerzen schleppten sie mich aus meinem Zimmer durch einen kleinen, dunklen Flur in ein winziges Badezimmer, wo ich mich endlich erleichtern und notdürftig waschen konnte.
Zurück in meinem Zimmer, drängten sich bereits drei Männer in dem kleinen Raum. Noch während Rachel mich in die frisch aufgeschüttelten und gelüfteten Kissen sinken ließ, begann der erste mir Fragen zu stellen. Er war groß, mit breiten Schultern, langen, muskulösen Armen und einem kantigen Gesicht. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig, allerdings konnte man das bei dem wettergegerbten Gesicht, das von einem Leben im Freien zeugte, nicht so genau bestimmten. Zudem verdeckte ein dunkler Bart die untere Hälfte seines Gesichtes, was ihn wie Rübezahl ausziehen ließ.
„Wer bist Du?“ war natürlich das erste, was er wissen wollte. Ich schwieg. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihm wahrscheinlich im Moment nicht antworten können, so sehr hatte mich der Gang zum Badezimmer erschöpft. Außerdem: Wenn ich gar nichts sagte, konnte ich ihnen auch nichts nützliches verraten. Was auch immer für diese Leute „nützlich“ sein mochte.
„Verrate uns doch wenigstens deinen Namen,“ versuchte er es noch einmal.
„Vielleicht ist sie stumm?“ vermutete ein anderer. Er war beinahe genau so groß wie Rübezahl, allerdings so dürr, dass man ihn womöglich gar nicht sehen konnte, wenn er seitlich zu einem stand. Immer wieder schob er sich die Strähnen seines sandfarbenen Haars hinter die Ohren, wo sie etwa eine Sekunde blieben, bevor sie ihm wieder ins Gesicht fielen.
„Sie kann sprechen,“ entgegnete Rachel bestimmt. „Sie hat schließlich im Delirium geredet.“
Der Schreck durchfuhr meine Glieder, so dass ich heftig zusammen zuckte. Was hatte ich gesagt während ich hier lag, mehr tot als lebendig? Was hatte ich ihnen unbewusst verraten?
„Das Gebrabbel konnte doch keiner verstehen,“ winkte Rübezahl ab, was mich sofort ungemein erleichterte.
„Bist Du von hier?“ versuchte der Dünne es noch einmal, doch ich starrte weiterhin einfach durch ihn hindurch.
„Was die beiden eigentlich wissen wollen,“ meldete sich nun der dritte Mann zu Wort, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte „ist, warum du hier bist.“ Er trat einen Schritte auf das Bett zu, so dass das Licht vom Fenster in meinem Rücken sein Gesicht in gleißende Helligkeit tauchte und ich musste meine gesamte Beherrschung aufbringen, um nicht vor ihm zurück zu zucken. Er war etwa so alt wie ich, Mitte zwanzig schätzte ich, und obwohl uns bestimmt noch zwei Meter trennten, umhüllte mich seine Präsenz wie eine dunkle Wolke, in der es bereits blitzte und donnerte.
Sein Haar war beinahe so dunkel wie meines und mindestens genauso gelockt. Seine Augen wirkten tiefschwarz in dem gebräunten Gesicht. Die offene Feindseligkeit darin war nicht zu übersehen, doch sie schreckte mich nicht. Das, was meinen Blick wie magisch anzog, war nicht das hübsche Gesicht mit der geraden Nase und den vollen Lippen, oder der schlanke Körper mit dem beachtlichen Bizeps, sondern die Brandnarben, die sich über seine linke Gesichtshälfte und den Hals hinunter wanden, bis sie im Ausschnitt seines T-Shirts verschwanden. Seine Schläfe, seine Wange und sein Hals waren mit wulstigen, roten Narben übersät. Ich wusste nicht, warum mich dieses Bild so aus dem Konzept brachte. Durch den Dienst in der Notaufnahme während meiner Ausbildung hatte ich bereits viele solcher Verletzungen gesehen, doch irgendwie waren diese hier anders.
„Da guckst du, was?“ höhnte der Unbekannte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sam, lass sie,“ sagte Rachel und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
„Nein,“ entgegnet Sam grimmig und schüttelte ihre Hand ab. „Ich will wissen, was sie hier zu suchen hat.“
Ich presste die Lippen fest aufeinander und starrte böse zurück. Was er konnte, konnte ich schon lange. Wenn überhaupt hatte er mich nur darin bestärkt, meinen Mund zu halten.
„Also?“ hakte er nach und kam drohend noch einen Schritt näher.
Irgendetwas in seiner Körperhaltung, die Art, wie er den Kopf dabei schräg legte und die Fäuste ballte, erweckte die Panik in mir von neuem. Mein Herzschlag begann zu galoppieren, mir fehlte plötzlich die Luft zum Atmen obwohl ich verzweifelt versuchte Luft zu holen und am Rande meines Gesichtsfeldes begannen schwarze Pünktchen zu tanzen. Unbewusst wartete ich auf den ersten Schlag, während sich mein Körper zu einer Kugel zusammenrollte, die Arme schützend über den Kopf gelegt, und Adrenalin in rauen Mengen in meine Adern gepumpt wurde.
„Raus hier Sam, sofort!“ hörte ich Rachel noch sagen, dann nahm ich nichts weiter wahr als meinen Körper, der sich in zitternden Krämpfen wand.

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