Seit ein paar Wochen gehe ich mit Miss Allerliebst freitags ins Mutter-Kind-Turnen. Dort war ich früher bereits mit dem Fräulein Wunder und irgendwie war es so ein bißchen wie nach Hause kommen. Die Leiterin ist mir sehr vertraut, weil sie mich auch Mittwochs bei der Step-Aerobic drillt, das Singen, Tanzen und Turnen sind gleichgeblieben und auch das abschließende Frühstück gibt es noch.
Ein Jahr war ich jetzt nicht dort gewesen und inzwischen gibt es einige Mütter, die so wie ich mit dem zweiten (oder dritten) Kind dort sind. Und wir haben erstaunlich viele Parallelen festgestellt.

Sehr auffällig ist, dass die zweiten wesentlich größere ‚“Feger“ sind, als es die Ersten waren. Wenn ich mal bei uns so gucke … das Fräulein Wunder war immer sehr bedächtig. Sie hat sich zwar auch vieles getraut, hat aber immer erst einmal eine Hand benötigt, die sie beim ersten Mal leitet und unterstützt. Wenn sie dann gesehen hat, dass sie es kann, dann wurde diese Hand meist recht bald nicht mehr gebraucht.
Miss Allerliebst stürzt sich hingegen mit vollem Körpereinsatz in sämtliche brenzliche Situationen, die man sich vorstellen kann. Sie klettert im Turnen die Bank zum Kasten in Windeseile hinauf und wenn ich nicht schnell genug bin, stürzt sie sich dahinter auch direkt alleine in die Tiefe. Das hat sich das Fräulein Wunder gerade mal mit drei Jahren, kurz bevor sie das morgendliche Turnen wegen des Kindergartens verlassen musste, getraut.

Die anderen Zweitmütter bestätigen, dass ihre Zweiten ebenfalls viel aufgeweckter und risikofreudiger seien. Auch sind sie viel selbständiger. Da wo wir früher um unsere Erstgeborenen „herumgegluggt“ sind (und die Zeit auch noch dafür hatten), lassen wir den zweiten Sprössling springen und werfen ab und an mal ein Auge drauf.
Dem Fräulein Wunder war es von kleinauf sehr wichtig, dass ich immer dabei war. Auf dem Boden liegen und mit Spielzeug spielen? Alleine? Undenkbar. Herumkrabbeln und die Welt erobern, ohne dass Mama auf allen Vieren hinterherkraucht? Nie im Leben. Vielleicht ist sie auch deshalb so lange nur an meiner Hand gelaufen, bevor sie sich getraut hat los zu lassen. Und selbst heute noch versucht sie alles, um mich zum Mitspielen zu bewegen.

Miss Allerliebst war da von Anfang an pflegeleichter. Klar, als Baby einfach so herumliegen ohne dass jemand dabei ist, fand sie auch doof. Aber sobald sie sich eigenständig fortbewegen konnte, hat sie sich die benötigte Portion Mama lieber selbstbestimmt abgeholt. So streift Miss Allerliebst heute gemütlich durch den Garten, während ich in der Küche hantiere oder auf der Terrasse sitze. Ich schaue natürlich alle paar Minuten nach ihr und passe auf, dass sie keinen Unfug anstellt. Aber im Großen und Ganzen ist sie erstaunlich unabhängig. Und ab und an kommt sie dann bei mir vorbei, kuschelt kurz, bevor sie weiter auf Entdeckungsreise geht.

Auch bin zumindest ich beim zweiten Kind wesentlich entspannter was so gewisse Vorstellungen und Prinzipien angeht. War es beim Fräulein Wunder noch ein ungeschriebenes Gesetz, dass sie in ihrem eigenen Bett schlafen soll, so durfte Miss Allerliebst von Anfang an erst in ihrem Beistellbett und später in unserer Mitte nächtigen. Ich glaube, das entsprang der Erkenntnis, dass die Kinder sowieso machen was sie wollen, man kann es nicht wirklich ändern.
Das Fräulein Wunder hat zum Beispiel von Anfang an wunderbar alleine in ihrem Bett im Nebenzimmer geschlafen, aber später, als sie größer wurde, hatte sie auch die Phase, in der sie ganz nahe bei uns und um Gottes Willen nicht alleine schlafen wollte. Wir konnten das nicht beeinflussen (es sei denn man ist ein Unmensch und lässt seine Kinder in ihrem Bett schreien, bis sie vor Müdigkeit und Erschöpfung von alleine einschlafen). Und so nehmen wir es bei Miss Allerliebst eben wie es kommt. Ganz entspannt. Sowohl für das Kind, als auch für mich. Man glaubt ja gar nicht, wie verrückt man sich wegen eines solchen Themas machen kann.

Damit einher geht auch das Thema „Wie lange halte ich mein Kind tagsüber auf dem Arm?“. Es gibt Mütter, und dazu tendierte ich beim Fräulein Wunder auch manchmal, die Angst haben, sie könnten ihr Kind „verwöhnen“ wenn es rund um die Uhr auf Mamas Arm verbringt. Niemals nicht würden sich die Kinder daran gewöhnen, irgendwo alleine zu bleiben. Nicht auf Spieldecken, nicht im Bett und später im Kindergarten wird das bestimmt auch ganz furchtbar!
Heute sage ich: Behaltet eure Kinder unbedingt so lange und so nahe bei euch, wie ihr und das Baby das möchtet. Die Zeit, die uns mit Kind auf dem Arm gegönnt ist, ist so extrem kurz. Nach einem Jahr laufen sie schon davon und wollen von stundenlangem Kuscheln nix mehr wissen. Meist ist uns diese Säuglingsphase nur ein, zwei oder drei Mal gegönnt. Das muss man sich mal vorstellen. Nur zwei Mal in seinem ganzen Leben. Zwei Mal ein Jahr, wo wir diese winzigen Lebewesen so nahe bei uns haben und dann niemals wieder. Jede Minute zählt da also. Und wie man jetzt an Miss Allerliebst sieht, hat dieses viele Kuscheln und beieinander schlafen scheinbar nur Positives (zumindest was das Selbstständigsein betrifft) bewirkt.

Natürlich frage ich mich, inwiefern mein Verhalten und meine veränderten Erziehungsmethoden damit zu tun haben, dass „die Zweite“ eben so ist wie sie ist. Oder sind die beiden Mädchen von Grund auf so verschieden, dass ihr Temperament einfach in ihrem Charakter liegt?
Es ist nun mal so, dass man bei zwei Kindern nicht mehr so viel Zeit hat auf jede Befindlichkeit und jeden Pieps einzugehen. Da lässt man sie eben springen und anstatt ihnen hinterher zu hetzen, versucht man noch schnell irgendeinen Teil der immer vernachlässigten Haushaltspflichten zu erledigen.

Ich renne z.B. nicht mehr sofort los, wenn eines der Kinder hingefallen ist oder ich von irgendwo ein Weinen höre. Als Mama hört man ziemlich genau, ob da nun etwas wirklich schlimmes passiert ist (und dann renne ich so schnell wie der Blitz!), oder ob das gerade nur ein normaler Fall von „hingefallen und gleich wieder aufstehen“ ist.
Miss Allerliebst weint dann meist ganz kurz (vermutlich mehr aus Schreck oder weil sie an unserer Reaktion sehen will, ob das jetzt schlimm war, was da eben passiert ist), steht auf und läuft weiter. Das Fräulein Wunder macht gerne ein groooooooßes Drama aus jedem Pieps. Und wehe, sie schürft sich das Knie auch nur ein winziges Bißchen auf! Da muss aber sofort das volle Programm abgezogen werden: Kühlakku, Globolie, Pflaster, halbe Stunde trösten und kuscheln mit Tuch und Schnuller (ja, den sind wir auch noch nicht los, aber hierzu demnächst mal ein gesonderter Beitrag).

Was ich damit eigentlich nur sagen will … nicht nur mir fällt auf, dass die Zweitgeborenen meist viel selbständiger, damit aber auch etwas wilder sind. Und keiner kann sagen, ob das nun Erziehung oder Charakter ist.

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