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Kapitel 5 

Fast im selben Augenblick, in dem Lennard Berg das Café Melange betrat, fanden seine Augen die leuchtend rote Haarmähne von Nina Suarez. Sie saß an einem der Tische an der breiten Fensterfront, mit Blick hinaus in das sommerliche Treiben der Fußgängerzone.
Nachdem er sich den Film bis zu seinem bitteren Ende angesehen hatte, hatte er zum Telefon gegriffen und Nina zurückgerufen. Wieder und wieder sah er vor sich, wie eine blutüberströmte Olivia in ein Taxi gezerrt wurde, nachdem dem Fahrer ein dickes Bündel Geldscheine überreicht worden war. Wohin die Fahrt gehen würde war keine Frage. Das wusste heutzutage schließlich jedes Kind.
Das Reservat im Wald existierte seit er denken konnte. Dorthin wurden die Andersartigen – wie sie ganz offiziell bezeichnet wurden – verbannt. Sein Vater hatte ihm früher gerne Schauergeschichten von dem dunklen Ort erzählt, an dem die Monster hausten und kleine Kinder zum Frühstück verspeisten. Wie viel davon wirklich stimmte konnte er selbst heute nicht eindeutig sagen, denn so wirklich hatte niemand Einblick in das Leben der Andersartigen im Wald. Doch dass sie schlussendlich alle dort landeten war Gesetzt. Zumindest alle, die bis dort hin überlebten.
Früher, in seiner Kindheit und später auch in seiner Teenagerzeit, hatte es öfter Vorfälle dieser Art gegeben. Menschen, die bis dahin ein ruhiges und unauffälliges Leben geführt hatten wurden ihrer Schandtaten überführt und in den Wald verbannt. Nicht selten verselbständigte sich dieser Vorgang. Lynchjustiz war in dieser Zeit allerorts Gang und Gebe.
Irgendwann beschloss dann ein Politiker namens Hendrik Rose, dass selbst diesen Kreaturen und ausgestoßenen der Gesellschaft ein Minimum an Rechten zustand. Denn, so argumentierten zumindest die Anhänger der Todesstrafe für die Andersartigen, es handelte sich bei diesen Kreaturen nicht um Menschen im herkömmlichen Sinne und so fänden die Verfassung und alle Gesetzte, die das menschliche Leben schützten, hier keine Anwendung. Und so erließ er die heute allgemein gültigen Rosen-Gesetzte, in denen er unter anderem die Tötung der Andersartigen verbot und ihre Verbringung in den Wald anordnete. Die Rosen-Gesetze minderten die Gewalt zwar nur unwesentlich, doch Todesfälle gab es ab da nur noch sehr selten. Die Ordnungshüter schauten gerne weg, wenn es um die Vertreibung dieser Monster ging, doch einen Mordfall mussten sie untersuchen. Ab und an landete einer der Gewalttäter tatsächlich vor Gericht, allerdings nur, um dann mit einer sehr milden, meist auf Bewährung ausgesetzten Strafe davon zu kommen und der Statistik damit genüge zu tun.
Und nun war Olivia eine von ihnen geworden. Eine Zahl in einer monströsen Statistik. Eine Andersartige.
Immer noch fühlte Lennard sich wie betäubt. Als befände er sich in einem Film der zu unwirklich war um glaubwürdig zu sein. Jeden Moment würden hinter dem Tresen des Cafés seine Kollegen und Freunde hervorspringen und „Reingefallen!“ brüllen. Ein schlechter Scherz, mehr nicht. Olivia ging es gut. Alles wäre nur ein Missverständnis.
Doch als er die finstere Miene von Nina sah und in ihre grünen Augen mit den dunklen Rändern blickte, wurde ihm nur all zu deutlich bewusst, dass dies Wunschdenken war. Etwas unfassbar furchtbares war passiert. Olivia hatte die Seiten gewechselt und es gab rein gar nichts, was er dagegen tun konnte.
Ihre Schwester sah dies allerdings etwas anders. Er hatte sich noch nicht richtig hingesetzt, als Nina bereits näher an ihn heran rückte und zischte „wir müssen irgendetwas tun. Wir können Olivia unmöglich diesen Monstern im Wald überlassen.“
„Und was hast Du Dir da so vorgestellt?“ er konnte den sarkastischen Unterton in seiner Stimme nicht verbergen, doch Nina ging darauf nicht ein.
„Keine Ahnung. Aber irgendetwas müssen wir doch tun!“ ereiferte sie sich und hinter ihren hübschen, grünen Augen sah er ihre Selbstsicherheit bröckeln.
In diesem Moment kam eine Bedienung an ihren Tisch. Er bestellte ein Bier, Nina entschied sich für eine Apfelschorle. „Und bringen sie uns zwei Obstler,“ fügte sie ihrer Bestellung noch hinzu. Lennard hütete sich, dem zu widersprechen.
Während sie auf ihre Bestellung warteten, sprachen sie kein Wort. Lennard blickte stur nach draußen und betrachtete die Menschen, die im hellen Sonnenlicht am Fenster vorbei hasteten. Sie wirkten so unbeschwert, so ahnungslos. Lennard beneidete sie zutiefst.
Als ihre Getränke schließlich vor ihnen standen und sich der Schnaps warm und angenehm in seinem Magen ausbreitete, nahm er den Faden ihres Gespräches wieder auf.
„Nina, mal ganz realistisch,“ begann er also und wusste dabei sehr genau, dass er gerade dabei war Olivia endgültig auf’s Schafott zu reden. „Was könnten wir beide schon ausrichten? Ein Verwaltungshengst und eine Buchladentante. Wir haben keine Superkräfte. Selbst wenn wir in den Wald kämen und selbst wenn wir sie dort finden würden, was beides sehr unwahrscheinlich ist, woher willst du wissen, dass sie überhaupt mit uns zurück kommt? Und selbst wenn sie das wollte ginge es nicht, weil der nächste, der sie auf der Straße sieht, sie wahrscheinlich endgültig umbringen wird.“
Er war außer Atem und fühlte, wie ihm die Kehle eng wurde. Die Aussichtslosigkeit dieser Situation wurde ihm mit einem Mal voll bewusst und er schluckte hart.
„Wir können natürlich nicht hier bleiben,“ stellte Nina fest, als sei dies das einzige Hindernis, das es zu überwinden galt. „Aber das können wir doch sowieso nicht. Es wundert mich, dass du noch auf deinem Posten sitzt. Hat noch niemand mitbekommen, dass Du hinter Olivia her warst? Alle in ihrem direktem Umkreis sind jetzt verdächtig. Sympathisanten, womöglich selbst andersartig oder sonst irgendwie gestört.“
„Bisher hat mich noch niemand angesprochen, nein,“ sagte er kopfschüttelnd. „Und bei Dir?“ Er spürte, wie die Angst erneut aus seinen Eingeweiden empor gekrochen kam, diesmal allerdings bezog sich dieses Gefühl nicht mehr ausschließlich auf Olivia. Die gesamte Tragweite der Geschehnisse entfaltete sich nach und nach vor seinem geistigen Auge und was er dort zu sehen bekam ließ seine Hände zittern und seinen Herzschlag davon galoppieren.
„Ein paar Drohbriefe und eine vollgeschmierte Schaufensterscheibe,“ sagte Nina achselzuckend, was wohl lässig und unbekümmert aussehen sollte, aber gründlich misslang. „Dem Schwager einer Freundin haben sie damals, nachdem seine Frau in den Wald verschleppt wurde, eine Brandbombe in seinen Lebensmittelladen geworfen. Ich versuche mir ständig einzureden, dass Lebensmittel etwas anderes sind als Bücher, doch so wirklich gelingt mir das nicht. Ich stelle mich also darauf ein, irgendwann die Stadt verlassen zu müssen und das solltest du auch.“ sagte sie und blickte ihm dabei direkt in die Augen.
„Ich werde hier nicht weggehen,“ entgegnete er bestimmt und mit Nachdruck in der Stimme. „Ich habe nichts getan. Die können mich mal.“
„Olivia hat auch nichts getan,“ gab Nina heftig zurück „und trotzdem wurde sie zusammengeschlagen und verschleppt.“
„Nun ja … nichts würde ich das nun nicht nennen, sie … ,“
„Sie hat Menschen geheilt, verdammt nochmal,“ fuhr Nina auf.
„Pst, nicht so laut … ,“ versuchte er sie zu besänftigen und warf einen verstohlenen Blick durch das Lokal. Doch bisher schien niemand von ihnen Notiz zu nehmen.
„Ist doch wahr,“ sagte sie nun etwas leiser. „Sie hat nur Gutes bewirkt und zum Dank dafür hat man ihr Leben zerstört.“
„Du weißt doch gar nicht, ob sie nur Gutes … ,“ setzte er erneut an, doch sie unterbrach ihn wieder.
„Auf welcher Seite stehst du eigentlich Lennard? Ich dachte, Olivia bedeutet dir etwas und jetzt sitzt zu hier und verteidigst diesen Abschaum, der meine Schwester, deine Liebste, verschleppt hat.“
„Ich verteidige gar nichts,“ versuchte er zurück zu rudern, doch im selben Moment wurde ihm klar, dass er genau das tat. Er versuchte eine Rechtfertigung für die Handlungen von Olivias Freunden und Kollegen zu finden. Vielleicht, weil das Ganze dann weniger monströs und unmenschlich wirken würde. Vielleicht, weil er dann endlich irgendeinen Sinn darin sehen konnte. Doch natürlich war das Schwachsinn.
„Du nimmst die Menschen in Schutz, die Olivia blutüberströmt in ein Taxi gezerrt haben, die auf sie einprügelten, sie traten und angespuckt haben … ,“ Ninas Stimme brach. Ihre Hände zitterten, als sie mit weißen Knöcheln ihr Glas umfasste und ein paar Schlucke nahm.
Lennard seufzte. „Was sollen wir denn tun Nina?“ fragte er leise. „Was können wir tun?“
„In den Wald fahren.“ Sie hatte ihre Sicherheit wieder gefunden, wenn er auch vermutete, dass sie nur gespielt war.
Der Wald also. Darauf war es von Anfang hinaus gelaufen. Warum überraschte ihn das nicht? Ein eiskalter Schauer rann sein Rückrad hinab.
„Das ist gefährlich,“ sagte er mit einer Stimme, die nicht mehr ihm zu gehören schien.
„Ich weiß,“ gab sie zurück und nickte dabei.
„Und du weißt auch, was mit denen passieren kann, die dort nicht hingehören. Die scheußlichen Wunden, die wahnsinnigen Geschichten, die die Überlebenden erzählt haben. Schreckt dich das gar nicht ab?“
„Doch,“ gab sie zu. „Mehr als du dir vorstellen kannst. Aber es gibt keine andere Möglichkeit. Wir fahren in den Wald und holen sie zurück. Und dann suchen wir uns irgendwo ein nettes Plätzchen, wo uns niemand kennt und wir in Frieden leben können.“
„Du bist naiv,“ schnaubte er.
„Nein, ein Optimist,“ korrigierte sie ihn und lächelte zaghaft.

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