Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Für das folgende Kapitel habe ich vier Tage gebraucht, da ich mir die kostbaren Minuten zwischen Miss Allerliebst-Schlaf und Hausarbeit abzwacken musste. Dafür ist es aber ordentlich lang und (hoffentlich) spannend geworden.

Kapitel 6

Wer hätte gedacht, dass er den vierradgetriebenen SUV irgendwann seiner eigentlichen Bestimmung zuführen würde. Bei diesem Gedanken spürte Lennard ein leises Kitzeln in der Magengegend, das sich an jedem anderen Tag sicherlich in ein leises Kichern verwandelt hätte. Heute jedoch blieb es schmerzhaft irgendwo in seiner Herzgegend stecken. Der Wagen holperte und schaukelte zwar über den unebenen Waldboden, doch blieb er dabei genau so sicher in seiner Spur, als würde er auf glattem Asphalt fahren.
Trotzdem umklammerte Lennard das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten und seine Fingerspitzen anfingen zu kribbeln. Nicht mehr lange und sie wären komplett taub. Also lockerte er vorsichtig seinen Griff.
„Meinst du, wir sind hier richtig?“ fragte er, nur um sich irgendwie von dem Gedanken abzulenken, dass er gerade auf dem direkten Weg in die Hölle war.
Nina neben ihm zuckte mit den Schultern, während ihre Hände die nutzlose Karte auf ihrem Schoß festhielten. „Ich habe keine Ahnung. Aber so viele Möglichkeiten gibt es nicht, wenn sie Olivia direkt vom Krankenhaus in den Wald gebracht haben.“
„In das Herz des Bösen,“ murmelte Lennard und war sich darüber im Klaren, dass sich in seinem Hirn ein kitschiges Klischee nach dem anderen jagte. Aber etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Es gab einfach keinen Plan, keine Erfahrungswerte oder irgendwelche Anhaltspunkte, an die er sich klammern konnte. Was er hier tat, hatte noch niemals irgendjemand getan den er kannte, seine Patienten mal nicht mitgerechnet.
Warum, fragte er sich nun, hatte er eigentlich nie nachgefragt? Warum nie Interesse für ihr Schicksal gezeigt? Vielleicht, weil er kein Mediziner war? Weil er zu weit von den Patienten entfernt in seinem weißen Turm hockte und nur über Dritte und durch irgendwelche Akten von den Vorkommnissen erfuhr? Doch gerade im Moment erschien ihm dies ein wenig dürftig als Rechtfertigung.
„Was tun wir, wenn wir dort sind?“ fragte er also weiter. Vielleicht hatte Nina ja so etwas wie einen Plan. Man konnte ja nie wissen.
„Das entscheiden wir, wenn wir dort sind,“ hörte er sie sagen und das kleine bißchen Hoffnung, das gerade in ihm aufgeflammt war, erlosch sofort wieder.
„Wir hätten irgendwelche Waffen mitnehmen sollen,“ sagte er grimmig, während er den Fuß vom Gas nahm, um unbeschadet durch eine tiefe Senke zu fahren.
„Ach Mist,“ schnaubte Nina „warum habe ich auch meine Kalaschnikow zu Hause gelassen? Sie hängt neben meiner Glock und der Panzerfaust an der Garderobe und staubt ein.“
„Sehr witzige,“ grummelte Lennard.
„Mal im Ernst. Was für Waffen denn? Ich besitze so etwas jedenfalls nicht.“
„Wie wäre es mit nem Hammer oder einem Messer oder irgend so etwas?“ gab er heftiger als beabsichtigt zurück. „Wir fahren hier zu unseren eigenen Hinrichtung und haben nichts zu unserer Verteidigung dabei.“
„Ich gebe zu bedenken, dass ein Teil der bisherigen Opfer ausgebildete Schützen und sogar kampferprobte Soldaten waren,“ entgegnete Nina. „Erinnerst du dich noch an diese Truppenübung, bei der drei von den Soldaten schwer verletzt und zwei getötet wurden?“
Lennard nickte, während sein Magen schmerzhafte Purzelbäume schlug.
„Denen haben ihre Waffen und Kampftechniken auch nichts genutzt. Also entspann dich. Sie werden uns mit oder ohne Waffen kriegen. Wir müssen einfach schnell sein. Das ist alles.“
„Das ist alles? DAS IST ALLES??“ brüllte Lennard, trat auf die Bremse und fuhr zu Nina herum. Was zu viel war, war zu viel.
„Es ist ja schön und gut, dass du mit deinem Leben offensichtlich schon abgeschlossen hast,“ stieß er mit nur mühsam im Zaum gehaltener Wut hervor „aber ich würde diesen Tag gerne überleben. Und wenn hierfür dein ganzer, genialer Plan ist „wir müssen einfach schneller als die Bestien sein“, dann sage ich dir hier und jetzt, dass wir umdrehen und nach Hause fahren.“
„Und Olivia im Wald zurück lassen?“ konterte Nina aufgebracht, während sie mit heftigen Bewegungen die Karte in ihrem Schoß zusammen faltete.
„Wir wissen doch noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebt, Herr Gott nochmal!“
„Und? Weiter?“ gab sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. „Ich habe eine Neuigkeiten für dich: Es gibt keinen Plan. Niemand hat für diese Situation einen Plan Lennard, daran solltest du dich ganz schnell gewöhnen. Wenn du zurück fahren willst, bitte. Dann lass mich jetzt aussteigen und das war’s. Aber komm mir nicht hinterher mit irgendwelchen Gewissensbissen oder deinem romantischen Getue.“ Je länger sie sprach, um so lauter wurde sie. Sie richtete sich in ihrem Sitz auf, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, ihre Wangen röteten sich vor Wut und ihre Augen versprühten Funken, die drohten ihn zu verbrennen. „Du würdest Liv lieber sterben lassen um dadurch deine eigene Haut zu retten. Du bist ein gottverdammter Feigling Lennard, und damit nicht viel besser als die Leute, die meine Schwester zusammen geschlagen haben. Reiß dich gefälligst zusammen!“ Und mit diesen Worten öffnete sie das Handschuhfach, pfefferte die Landkarte hinein und schlug die Klappe mit voller Wucht wieder zu. Der laute Knall klang wie ein Schuss in Lennards Ohren und er zuckte erschrocken zusammen.
„Ich habe Angst,“ flüsterte er. „Reine, beschissene Angst.“
„Ich auch,“ gab Nina zu, während er dabei zusehen konnte, wie ihre Wut langsam verrauchte „aber wir dürfen uns von ihr nicht beherrschen lassen, hörst du? Es geht um Olivias Leben, das dürfen wir nie, niemals vergessen, klar?“
Er nickte, weil er seiner Stimme nicht mehr traute. Ein Held zu sein klang zu Hause vor dem Fernseher, auf seinem gemütlichen Sofa immer ganz toll und irgendwie einfach. Das Gute siegte, das Böse wurde vernichtet. Doch in der Realität war ein Held zu sein der beschissenste Job, den er sich nur vorstellen konnte.

Bald darauf lichteten sich die Bäume um sie herum und gaben den Blick auf einen Platz aus festgestampfter Erde frei. Der Ort wirkte, als sei er bereits vor einiger Zeit künstlich entstanden, doch die Natur eroberte ihn bereits wieder zurück. Kleine Büsche und Sträucher schoben sich an den Rändern auf die Lichtung, Gras und kleinere Pflanzen hatten sich aus der Erde hervor geschoben und bildeten einen grünen Teppich unter dem strahlend blauen Sommerhimmel. Neben einer Ansammlung alter Baumstämme hielt Lennard schließlich den Wagen an und stellte den Motor ab.
Sein Herz pochte wild in seiner Brust, seine Hände waren schweißnass und seine Augen suchten hektisch den Waldrand ab. Waren die Andersartigen schon hier? Beobachteten sie ihn aus dem Schutz der Bäume heraus? Bestimmt warteten sie nur darauf, dass sie ausstiegen um über sie herzufallen.
„Los geht’s,“ sagte Nina da neben ihm und öffnete ohne weitere Umschweife die Tür.
Es war mehr Reflex als eigener Wille, der ihn ebenfalls nach dem Türgriff greifen lies. Als er schließlich neben dem Auto stand und seine Augen gegen die grelle Sonne abschirmte, wurden ihm die Knie weich. Er fühlte sich vollkommen ungeschützt und ausgeliefert, beinahe so, als stünde er nackt in Mitten einer gutbesuchten Fußgängerzone.
Fliegen summten um sein Ohren herum, Vögel zwitscherten und eine leichte Briese rauschte in den Baumwipfeln.
„Ist doch schön hier,“ hörte er Nina sagen, die ein paar Schritte vom Wagen weggegangen war und sich nun langsam um die eigene Achse drehte.
Lennard schüttelte nur den Kopf. Entweder war seine Begleitung absolut furchtlos oder eine extrem gute Schauspielerin oder, was er für am wahrscheinlichsten hielt, vollkommen durchgedreht.
„Da und da führen Wege in den Wald hinein,“ fuhr sie dann fort und deutete dabei zum Waldrand zu ihrer Rechten hinüber. Sofort wurde ihm wieder bewusst, warum sie eigentlich hier waren.
„Du willst wirklich da rein gehen Nina?“ hakte er noch einmal nach, während er sich langsam zu ihr gesellte. Die scheinbare Normalität dieser Szene schien so gar nicht zu seinem aufgewühlten Innenleben zu passen.
„Wir wollen Olivia suchen, schon vergessen?“ gab Nina zurück. „Und das können wir nicht, in dem wir hier herum stehen. Also komm jetzt und sei nicht so eine Memme.“ Sprach’s und marschierte einfach los.
Lennard verdrehte die Augen, seufzte abgrundtief, folgte ihr dann aber ohne weiteren Kommentar.
Nur wenige Schritte, dann hatte der Wald sie verschluckt. Unter den Bäumen war es deutlich kühler als draußen in der prallen Sonne, die Blätter malten tanzende Muster auf den Waldboden und der Geruch nach Erde und Laub stieg ihm in die Nase.
Langsam folgten sie einem schmalen Pfad, der sie in sanften Schlangenlinien immer tiefer in den Wald hinein führte. Nirgends war ein Zeichen von anderen Menschen zu sehen. Nicht einmal Tiere sahen sie. Hätten die Vögel nicht weiterhin ein vielstimmiges Konzert über ihren Köpfen gegeben, hätten sie wirklich meinen können, sie seien die einzigen Lebewesen in diesem Wald.
Je weiter sie liefen, desto finsterer wurde der Wald um sie herum. Bald schaffte es die Sonne kaum noch, durch das dichte Blätterdach zu dringen, Farne und Dornengestrüppe hatten den Weg beinahe zu gewuchert und immer öfter war Lennard gezwungen stehen zu bleiben und seine Hosenbeine von irgendwelchem Gestrüpp zu befreien.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ihm die Veränderung auffiel. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen und seine Beine waren kurz davor ihren Dienst zu quittieren. Vorsichtig legte er Nina, die vor ihm ging, eine Hand auf die Schulter. Als diese sich zu ihm herum drehte, legte er einen Finger an die Lippen und bedeutete ihr leise zu sein. Angestrengt lauschte er in den Wald hinein. Nichts. Nicht ein Vogel zwitscherte mehr, kein Insektensummen drang an sein Ohr, selbst das Flüstern der Blätter hatte aufgehört. Augenblicklich fühlte sich Lennard wie lebendig begraben und seine Atmung verselbständigte sich.
„Es ist so still,“ wisperte Nina.
Lennard nickte. „Ich schätze, wir sind nahe dran. An was auch immer.“
Er fühlte, wie Nina nach seiner Hand tastete. Aufmerksam blickten Sie sich um und suchten den Wald mit ihren Augen ab. Doch mittlerweile standen die Bäume so dich beieinander, dass sie in dem entstandenen Halbdunkel mehr Schatten als real existierende Dinge sahen.
„Lass uns weiter gehen,“ flüsterte Nina. „Ich fühle mich hier wie auf dem Präsentierteller.“
Lennard musste ihr Recht geben, allerdings fand er ihren Vorschlag wenig berauschend. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie hier und jetzt die Suche abgebrochen hätten und zum Auto zurück gegangen wären. Zu Hause konnte er sich dann immer noch Gedanken darüber machen, was für ein Feigling er war. Doch hier und jetzt konnte er die Gefahr, in der sie schwebten, förmlich auf der Zunge schmecken. Die Härchen an seinen Armen und Nacken stellten sich auf und alle seine Sinne schrieen Gefahr!
Doch Nina ging einfach weiter, langsamer zwar und darauf bedacht, möglichst wenig Lärm zu machen, doch sie hielt seine Hand unerbittlich fest, so dass er gezwungen war, ihr zu folgen.
Er konzentrierte sich auf den kaum noch zu erkennenden Weg vor ihm, setzte seine Füße mit bedacht und verursachte trotzdem so viel Lärm, dass man sie garantiert über eine beträchtliche Entfernung hinweg hören konnte. Der Pfad schien währenddessen ins Nichts zu führen. Baum um Baum tauchte vor ihnen auf, das Gestrüpp um sie herum wurde höher und dichter und rückte immer näher an den Weg heran.
Plötzlich nahm Lennard aus den Augenwinkeln eine Bewegung war. Ein flinkes Huschen, ein Schatten, der vorbei rauschte. Nicht mehr. Und trotzdem genug, um seinen Pulsschlag in nie geahnte Höhen zu treiben.
Sofort blieb er stehen und starrte in den Wald hinein. Doch es war nichts zu sehen. Nina blickte ihn fragend an, doch er zuckte nur mit den Schultern. Er sah scheinbar schon Gespenster. Immer noch war es so unheimlich still um sie herum und wäre dort wirklich irgendjemand (oder irgendetwas) durch den Wald gehuscht, hätte er mindestens so viel Lärm wie sie verursachen müssen.
Also gingen sie weiter, immer in der Hoffnung hinter der nächsten Biegung so etwas wie eine Siedlung, eine Ansammlung von Hütten, Zelten oder irgendetwas zu finden, dass auf eine Ansammlung von Menschen, von Andersartigen, hindeutete.
Stattdessen weiterhin huschende Schatten um sie herum, dann knackte ein Zweig irgendwo vor ihnen und beide blieben sie abrupt stehen.
„Nenn mich einen Feigling Nina, aber ich gehe zurück,“ sagte Lennard bestimmt, während seine Augen starr auf den Weg vor ihnen gerichtet blieb. Irgendetwas näherte sich ihnen, das konnte er mit jeder Faser seines Körpers spüren. Und es war ihnen nicht freundlich gesinnt.
„Ich denke nicht … ,“ setzte Nina an, doch er drehte sich einfach um und zog sie einfach mit sich. Sie begann sich zu wehren, doch das war ihm egal. Er würde sie beide lebend hier heraus bringen und dann würden sie sich einen neuen Plan überlegen.
Mittlerweile achtete er nicht mehr darauf, ob er sich leise bewegte. Was auch immer hier im Wald lauerte, hatte sie schon längst bemerkt.
„Lennard, so warte doch … ,“ hörte er Nina hinter sich. Sie versuchte, sich aus seinem festen Griff zu befreien, doch er drückte unbarmherzig zu. „Lennard, verdammt noch mal. Wenn dir dein Leben lieb ist, lässt du mich sofort los!“
„Du hast recht Nina,“ entgegnete er grimmig. „Ich liebe mein Leben und deshalb verschwinden wir von hier. Auf der Stelle.“
Zu ihrer Linken hörte er plötzlich ein leises Rascheln. Erst dachte Lennard, er hätte es sich vielleicht nur eingebildet. Sein überreiztes Nervenkostüm spielte ihm bestimmt Streiche in diesem verfluchten Wald. Er atmete flach und so ruhig wie möglich und spitze die Ohren, wurde dabei aber keinen Deut langsamer. Da! Da war es wieder. Und es kam näher! Nina verstummte schlagartig und drängte sich nun gegen ihn, anstatt weiterhin an ihm herum zu zerren. Also hatte sie es auch gehört.
„Was ist das?“ hauchte sie, während sie hinter Lennard den Weg zurück stolperte.
„Ich habe keine Ahnung, aber ich möchte es auch nicht heraus finden,“ entgegnete er, während er mit der freien Hand Zweige und Blätter zur Seite schob um schneller voran zu kommen.
Das Rascheln näherte sich weiterhin. Ab und an knackte ein Zweig, so als wälze sich eine ganze Horde von Angreifern durch den Wald auf sie zu.
„Lauf!“ rief Lennard schließlich, als sich der Weg vor ihnen etwas verbreiterte und sofort verfielen sie in einen schnellen Trab, immer darauf bedacht, an keiner Wurzel oder Dornengestrüpp hängen zu bleiben. Ein Sturz konnte ihnen hier endgültig zum Verhängnis werden.
Es dauerte nicht lange, dann blitze vor ihnen die Sonne durch die Bäume. Lennard konnte es kaum glauben. Hatten sie es tatsächlich bis zurück zur Lichtung geschafft? Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Und wie sich heraus stellen sollte, war es das auch.
Noch etwa zweihundert Meter trennten sie von dem rettenden Platz, als plötzlich eine Gestalt aus dem Wald mitten auf den Weg trat. Augenblicklich blieb Lennard stehen, so dass Nina ungebremst in ihn hinein rannte.
„He!“ beschwerte sie sich, dann erst schien sie die Gestalt keine fünf Schritte vor ihnen zu bemerken.
Es handelte sich um einen Mann. Er trug eine ausgewaschene Jeans, die an den Knien aufgerissen war, ein rot kariertes Hemd und dicke, braune Lederstiefel. Sein Haar hing ihm in langen Strähnen auf die Schultern und verdeckte sein Gesicht zur Hälfte. Seine Hände hingen locker an den Seiten herab und wirkten so groß wie Schaufeln. Er rührte sich nicht, starrte sie nur hinter seinem Vorhang aus Haaren unverwandt an.
Lennard räusperte sich. „Hallo,“ sagte er, in dem Versuch irgendetwas normales zu tun und seine alles verzehrende Angst damit in den Griff zu bekommen. Dieser Mann wirkte wie ein Holzfäller oder ähnliches. Normal eigentlich. Nichts, wovor man sich fürchten müsste. Und trotzdem. Die Bedrohung, die von ihm ausging, war mit Händen zu greifen.
Weder rührte der Mann sich, noch gab er eine Antwort. Er gab nicht einmal zu erkennen, ob er Lennard überhaupt gehört hatte. Und nun?
„Lass uns einfach weiter gehen,“ wisperte Nina in seinem Rücken. „Wir können einen Bogen um ihn machen, da,“ sie deutete auf ein kleines, mit Gras bewachsenes Stück, das parallel zum Waldweg verlief.
Lennard nickte. Die Idee war genau so gut wie jede andere. Hier stehen bleiben konnten sie jedenfalls nicht.
Also setzten sie sich langsam in Bewegung. Lennard stellte fest, dass er die Hände abwehrend vor sich hielt. So, als wolle er signalisieren, dass sie dem Mann nichts tun würden und in friedlicher Absicht kamen.
Sie hatten den Grasstreifen noch nicht ganz erreicht, als aus der Kehle des Mannes ein tiefes, animalisches Knurren aufstieg. So weit Lennard erkennen konnte, bewegte er dazu keinen Gesichtsmuskel, trotzdem war die Botschaft eindeutig. Erneut blieben sie stehen.
„Wir möchten nur an ihnen vorbei zu unserem Auto,“ hörte er Nina sagen. Ihre Stimme zitterte leicht, trotzdem war sie erstaunlich klar und laut. „Wir tuen ihnen nichts und es wäre schön, wenn sie uns auch nichts tun.“
Aber auch damit erzeugte sie keinerlei Reaktion bei ihrem Gegenüber.
Hinter ihnen knackte plötzlich ein Zweig und als sie erschrocken herumfuhren, sahen sie sich zwei weiteren Männern gegenüber. Sie trugen ebenfalls Jeans und derbe Lederstiefel, darüber beachtliche Muskeln die sich unter dreckigen T-Shirts spannten. Ihre Gesichter waren ähnlich ausdruckslos wie das des ersten Mannes, doch konnten sie diesmal die Konturen unter den kurzen Haaren besser erkennen.
Lennard durchfuhr es eiskalt, als er in die Augen seines Gegenübers blickte. Schwarze Löcher taten sich da auf. So groß und tief, dass er drohte hinein zu stürzen. Da war kein Weiß mehr zu sehen, nur diese alles durchdringende Schwärze, die bodenlos zu sein schien. Und abgrundtief böse.
„Nina?“ flüsterte er.
„Auf drei,“ hörte er sie genau so leise sagen und war so dankbar, dass sie seine Gedanken erraten hatte.
Sie zählte leise.
„Eins … zwei … ,“ bei drei fuhren sie herum und rannten los.
Lennard zog Nina mit sich auf den schmalen Grasstreifen und noch während Karohemd sich anschickte, ihnen auch dort den Weg zu verstellen, schlug Lennard einen Haken zurück auf den Waldweg. Dort hastete er so schnell ihn seine Beine trugen weiter, doch das nütze recht wenig, denn keine zwei Schritte weiter hörte er ein lautes Fauchen. Sein Blick schoss hinauf zu den Baumwipfeln und er sah zu seiner Bestürzung, wie sich zwei weitere Männer von den Bäumen auf sie herunter fallen ließen.
Nina reagierte erstaunlich flink, sie gab Lennard einen Schubs, so dass er wieder nach links ins Gebüsch strauchelte. Gott sei Dank fing er sich sofort wieder und rannte weiter, Nina dicht hinter ihm, ihre Angreifer ihnen auf den Fersen.
Entsetzliche Laute drangen an sein Ohr. Ein Knurren und Fauchen, ein Geifern und Schnappen. Seine Fantasie reichte nicht aus um sich vorzustellen, was dort mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukam.
Keine zwei Schritte weiter holte ihn einer der Verfolger von den Füßen. Er bekam einen Stoß zwischen die Schulterblätter der sich anfühlte, als hätte ihn ein Betonpfeiler gerammt. Er flog ein ganzes Stück durch die Luft, bevor er schmerzhaft auf dem harten, trockenen Waldboden aufschlug. Irgendwo hinter ihm schrie Nina auf.
Er versuchte sich aufzurappeln, doch da war eine der Bestien bereits über ihm. Er wurde in die Höhe gerissen und gegen einen Baumstamm geschleudert. Noch bevor er richtig wieder auf dem Boden gelandet war, hockte die Kreatur vor ihm. Eine Klaue schoss vor und legte sich um seinen Hals, drückte aber noch nicht all zu fest zu, gerade so, als wolle sein Angreifer noch eine Runde mit ihm spielen bevor es ernst wurde. Die Finger hatten nichts mehr menschliches an sich. Sie waren viel zu lang und schienen nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Heißer, übel riechender Atem schlug Lennard entgegen und nur mit großer Anstrengung schaffte er es, sich nicht sofort zu übergeben. Dann begann sein Gegenüber zu grinsen und Lennards Herz kam für einige Tackte ins Stolpern. Zwischen blutroten, spröden Lippen, reihten sich rasiermesserscharfe, spitze Zähne aneinander. Sofort tauchen Bilder seiner verstümmelten Patienten in seinem Kopf auf.
„Nein,“ flüsterte er, dann schossen seine Fäuste vor und bohrten sich mit solchem Nachdruck in die Brust der Kreatur, dass diese tatsächlich nach hinten taumelte und ihn dabei los ließ.
Noch während er in die Höhe schoss, streiften seine Finger etwas hartes, kantiges. Er packte zu und schwang ein dreckiges, moosbewachsenes Kantholz in die Höhe. Wie auch immer es hier her gekommen war, es konnte nun ihre Rettung sein. Mit voller Wucht schlug er zu und zielte dabei auf den Kopf seines Angreifers. Dieser duckte sich kurz bevor der Schlag ihn erreichte, so dass Lennard nur noch seine Schulter traf. Doch es hatte auch so die erwünschte Wirkung. Die Kreatur heulte auf und taumelte einige Schritte rückwärts, während sein Arm nutzlos an der Seite herabbaumelte.
Hastig sah Lennard sich um. Nina war inzwischen umringt von mindestens sechs der Bestien. Knurrend standen sie um sie herum und weideten sich sichtlich an ihrer Angst.
Lennard stürmte los und donnerte dem erstbesten Angreifer das Kantholz auf den Schädel. Mit verdrehten Augen sackte der Mann in sich zusammen.
Die anderen fuhren nun zu ihm herum und stürzten sich auf ihn. Lennard rannte los. Irgendwo hinter sich hörte er Nina seinen Namen rufen, doch seine Überlebensinstinkte hatten die Führung übernommen. Nur weg hier.
Weit kam er allerdings nicht. Keine fünf Schritte weiter hatten ihn seine Verfolger bereits eingeholt. Einer stellte ihm vollkommen mühelos ein Bein, so dass er der Länge nach hin schlug. Gleich darauf landete Nina mit dem Gesicht voran neben ihm Dreck. Sie wimmerte leise, rührte sich aber nicht. Lennard selbst schaffte es gerade noch, sich aufzusetzen, zu mehr waren seine zitternden Arme und Beine nicht fähig. Das hier war das Ende, so viel war klar. Und die Kreaturen um ihn herum wussten dies scheinbar auch.
Sie heulten und johlten, hüpften und fauchten und hatten dabei nichts menschliches mehr an sich. Das hier waren Raubtiere, die ihre Beute verfolgt, gejagt und gestellt hatten.
Lennard schloss die Augen als Karohemd zum Sprung ansetzte. Doch er wartete vergeblich auf den Aufprall. Stattdessen hörte er ein hohes Kreischen, ein Rascheln und Knacken von vielen Füßen und ein lautes Heulen, das sich erstaunlich schnell entfernte.
Mir rasendem Herzschlag öffnete Lennard die Augen. Die Bestien waren verschwunden. Konnte das wirklich wahr sein?
„Nina?“ krächzte er und berührte sie sanft an der Schulter. Sofort schrie sie auf und schlug nach ihm. Er hatte einige Mühe ihre Hände einzufangen, während er immer wieder „Sie sind weg. Nina, sie sind weg. Sie sind weg … ,“ hervorstieß, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.
Irgendwie schafften sie es auf die Füße. Taumelnd stolperten sie die letzten Meter hinaus auf die Lichtung. Das gleißende Licht der Sonne blendete sie, während sie über die freie Fläche rannten. Im Laufen zog Lennard seinen Autoschlüssel hervor, drückte den Knopf für die Zentralverriegelung und stürzte sich gleich darauf auf den Fahrersitz. Gleichzeitig mit Nina warf er die Tür hinter sich zu, dann versuchte er mit zitternden Händen den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, während Nina die Zentralverriegelung betätigte.
„Verdammt, verdammt, verdammt,“ keuchte er, als er immer wieder mit dem Schlüssel abrutschte.
„Mach schon Lennard!“ kreischte Nina neben ihm vollkommen außer sich. „Mach schon!“
In dem Moment, in dem er Schlüssel endlich ins Schloss rutschte, traf etwas schweres mit einem lauten Schlag die Motorhaube. Er schrie auf, während Nina neben ihm besinnungslos zu kreischen begann.
Auf der Motorhaube hockte ein Mann. Er starrte durch die Windschutzscheibe zu ihnen herein, machte aber keinerlei Anstalten irgendwie zu ihnen herein zu kommen. Langsam legte er den Kopf schräg, so als überlege er, was er nun genau mit ihnen anstellen sollte. Dabei streifte die Sonne seine linke Gesichtshälfte. Wulstige, rote Narben verunstalteten seine Wange und seinen Hals, seine Hände krampften sich um die Scheibenwischer und seine Augen starrten hasserfüllt ins Innere des Wagens. Lennard stellte sofort fest, dass die Augen des Mannes zwar dunkel aber ansonsten ganz normal aussahen, was nicht hieß, dass ihnen von diesem Mann weniger Gefahr drohte.
Endlich sprang der Motor an, Lennard schob den Schalthebel brutal in den Rückwärtsgang und gab Gas. Durch den harten Ruck verlor der Mann auf der Motorhaube das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Ein Scheibenwischer brach dabei ab, doch das registrierte Lennard nur am Rande. Als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her wendete er in einer riesigen Staubwolke auf der Lichtung und raste dann den unebenen Weg zurück, den sie vor nicht einmal einer halben Stunde gekommen waren.

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