Wir liegen nebeneinander im Bett und lauschen den Geräuschen der Party, die außerhalb unserer eigenen, kleinen Welt in vollem Gange ist. Das ist unsere Tradition.
Wir sehen uns nicht sehr oft. Alex und ich. Aber jedes Jahr zu Halloween ist er da. Egal welche Termine, Verpflichtungen oder Probleme er hat. Noch nie hat er unsere Verabredung vergessen oder abgesagt.
Vielleicht ist es das denke ich gerade was mich nicht von ihm loskommen läßt. Egal was in meinem Leben passiert, welche Menschen mir begegnen, welche neuen Freundschaften ich schließe oder welche neuen Orte ich sehe … im Endeffekt landen wir immer wieder hier. Im Bett meiner Schwester.
Bis vor ein paar Jahren haben wir Bier getrunken, auch mal einen Joint geraucht und uns erzählt, was uns gerade auf der Seele lag.
Dann ging er in eine Entzugsklinik und seit dem begnügen wir uns mit Wasser oder Cola. Doch die Gespräche sind noch immer die gleichen.
Wir sind so etwas wie Freunde. Um ehrlich zu sein ist er der einzige, richtige Freund den ich habe. Ich bin so oft umgezogen und habe meinen Arbeitsplatz mindestens schon fünf Mal gewechselt so daß für eine tiefergehende Beziehung welcher Art bisher keine Zeit blieb.
Nur Alex ist in diesem Chaos eine Konstante. Jemand, auf den ich mich immer verlassen kann.
Ich freue mich jedes Jahr auf diesen Abend wie ein kleines Kind. Ich zähle erst Monate, dann Wochen, Tage und schließlich Stunden, bis endlich die ersten Gäste eintreffen. Dann sitze ich auf den Stufen im Haus meiner Schwester und starre die Haustür an. Manchmal ist er früh und kommt bereits mit den ersten Gästen. Manchmal schafft er es aber auch gerade so, bevor die letzten gehen. Doch er hat mich noch nie enttäuscht.
Der Moment, in dem die Tür aufgeht und er tatsächlich dahinter auftaucht ist zuckersüß und bitter zu gleich. Ich weiß dann, daß uns nur weniger Stunden bleiben, während mein Herz vor Glück und Freude wie verrückt schlägt.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich gemerkt habe, daß ich mehr für ihn empfinde als pure Freundschaft. Vor zwei oder drei Jahren kam er ziemlich spät. Er wirkte unglaublich müde und später erzählte er mir, daß er direkt aus Europa eingeflogen sei und gute dreißig Stunden nicht geschlafen hätte.
Er trank eine Cola, während er die restlichen Anwesenden die er kannte begrüßte, dann nahm er mich bei der Hand und wir verschwanden in unserem eigenen, kleinen Reich.
Allerdings war er nach einer halben Stunde bereits fest eingeschlafen und ich hatte somit mehr als genug Zeit um ihn ausgiebig zu betrachten. Sein dunkles Haar war damals ganz kurz, der Bart um seinen Mund dafür ein bißchen zu lang. Seine geschmeidigen Wimpern, die man eigentlich eher bei einem Mädchen vermutet, malten sanfte Schatten auf seine Wangen und ich spürte dieses Ziehen in der Magengegend. Mein Herz klopfte hektisch und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie es ich wohl anfühlen würde, seine weichen Lippen zu küssen.
Mir war sofort klar, daß diese Gedanken und Wünschen zu nichts führen würden, also schwieg ich und verbrachte die Nacht damit, neben ihm zu liegen und seinem gleichmäßigen Atmen zu lauschen.
Jetzt liegt er wieder neben mir, diesmal wach und munter, die Nachttischlampe wirft bizarre Schatten an die Zimmerdecke und ich fühle mich wohl und beschützt wie in einer gemütlichen Höhle.
„Es wird wirklich langsam Zeit, daß deine Schwester heiratet,“ sagt Alex gerade.
„Dazu müßte sie erst einmal jemanden finden, der sie länger als zwei Monate erträgt,“ gebe ich schmunzelnd zurück.
„Hey,“ lacht er leise und knufft mich in die Seite. „Das war aber nicht nett.“
„Ach, du kennst sie doch. Sie will einen starken Mann, der sie beschützen kann, aber im Grunde braucht sie einen, der sich von ihr bemuttern läßt. Diese Kombination gibt es einfach nicht.“
„Und welche Kombination wäre für dich passend?“ fragt er und wendet den Kopf. Das Kopfkissen raschelt dabei leise und ich denke, daß dies ein Geräusch ist, das ich immer mit Alex in Verbindung bringen werde.
Ich drehe mich auf die Seite, falte die Hände unter meiner Wange und sehe ihn an. Am liebsten würde ich das für den Rest meines Lebens tun: Einfach hier liegen und ihn ansehen.
„Hm … er müßte besonders sein,“ sage ich.
„Besonders? In welchem Sinne?“
„Naja … nicht so nullachtfünfzehn. Er bräuchte ein … hm … abgefahrenes Hobby oder eine besondere Fähigkeit.“
„Jemand wie Superman?“ fragt er belustigt.
„Den würde ich auch nehmen, so ist es nicht,“ grinse ich.
„So, so. Superman also,“ sagt er leise, stellt sein Glas auf den Nachttisch ab und dreht sich ebenfalls auf die Seite. Sein Gesicht ist meinem so nahe, daß ich seinen ruhigen, gleichmäßigen Atem auf der Wange spüren kann und ich bekomme eine Gänsehaut.
„Naja … für den Anfang würde es auch Clark Kent tun,“ grinse ich.
Er lacht erneut. „Und da sag noch mal von deiner Schwester, daß sie anspruchsvoll ist.“
„Ein bißchen Anspruch sollte schon sein. Immerhin bin ich auch etwas besonderes.“
„Das stimmt allerdings,“ nickt er langsam.
„Wie müßte denn deine Traumfrau sein?“ frage ich weiter und bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt wissen will.
Er überlegt kurz, wobei seine großen, braunen Augen über mein Gesicht schweifen und es fühlt sich beinahe so an, als würde er mich berühren, mir sanft mit seinen Fingern über die Wange streicheln und mich zärtlich auf die Stirn küssen.
„Sie sollte verläßlich sein,“ sagt er als erstes und ich muß lächeln. Ich hätte jede Summe auf diese Antwort gesetzt. „Sie sollte gut aussehen.“
„Na, das versteht sich ja wohl von selbst.“
„Sie sollte … Fantasie haben. Ehrlich und offen sein. Und gut riechen,“ fügt er mit einem breiten Grinsen hinzu. „Was ist das überhaupt?“ Er beginnt zu schnüffeln und kommt mir dabei noch ein Stückchen näher.
„Was meinst du?“ frage ich irritiert.
„Dein Parfum. Das bringt mich ja ganz durcheinander.“
„Hey. Flirtest du etwa mit mir?“ gebe ich Augenklimpernd zurück, während sich mein Herzschlag verdoppelt.
„Vielleicht,“ gibt er mit einem unergründlichen Lächeln zurück.
„Hör auf damit,“ sage ich leise und fühle, wie sich mein Magen augenblicklich zusammen zieht.
„Womit?“
„Mit dem Schnüffeln und Flirten und … keine Ahnung.“
Sein Lächeln erlischt und er rückt ein Stück von mir ab.
„Entschuldige,“ sagt er und ich könnte mich ohrfeigen. Ich will doch genau das. Ich will, daß er mich so ansieht. Ich will, daß ihn mein Duft verführt. Ich will, daß er bei mir bleibt. Für immer. Und nicht nur einen Tag im Jahr.
Das Schweigen zwischen uns zieht sich in die Länge und ich habe absolut keine Ahnung, was ich sagen soll.
„Manchmal … ,“ sagt er schließlich leise ohne mich dabei anzusehen „habe ich das Gefühl, daß ich nur in diesem Raum wirklich glücklich und vollkommen bin. Ist das nicht seltsam?“
„Nein, ist es nicht,“ entgegne ich ebenso leise.
Seine Augen heften sich wieder auf mich und ich habe das unwirkliche Gefühl, daß er in diesem Moment bis auf den Grund meiner Seele blicken kann.
„Aber … ,“ er stockt, beißt sich kurz auf die Unterlippe und schüttelt dann den Kopf. „Vergiss es.“
Er dreht sich wieder auf den Rücken, verschränkt die Arme unter dem Kopf und starrt an die Decke.
„Aber?“ hake ich nach, während ich mich auf den Bauch drehe, mich auf die Ellenbogen stütze und von oben auf ihn herab sehe.
Seine warmen, braunen Augen suchen meine, dann hebt er die Hand und streicht mir sanft einige Haarsträhnen aus der Stirn.
„Aber … es ist nicht richtig.“
„Was ist nicht richtig?“
Er will seine Hand wieder zurück ziehen, doch ich ergreife sie und lege sie an meine Wange.
„Was ist nicht richtig?“ wiederhole ich.
„Das hier,“ bringt er heiser hervor.
„Warum?“
„Weil wir Freunde sind. Schon seit Jahren. Wir sind gerade dabei das einzig wirklich wichtige in unserem Leben zu zerstören.“
Ich lasse seine Hand los, doch anstatt sie zurück zu ziehen fängt er an mit seinem Daumen kleine Kreise auf meiner Wange zu malen.
„Weißt du … manchmal muß man vielleicht etwas riskieren um an sein Ziel zu gelangen. Superman hätte es nie so weit gebracht, wenn er im entscheidenden Moment gezögert hätte.“
„Was ist eigentlich aus ihm geworden?“ fragt er leise.
„Ich glaube, er lebt mit Lois Lane glücklich und zufrieden in einem Reihenhäuschen in Utah. Wahrscheinlich haben sie drei süße Kinder, die alle irgendwelche merkwürdigen Superkräfte haben. Sie geben jeden Sonntag Barbecues für ihre Freunde und Nachbarn, haben einen kleinen Hund namens Tippsy und nachts fliegen sie gemeinsam um die Häuser wenn sie keiner sieht. Wahrscheinlich … ,“ doch weiter komme ich nicht.
Alex richtet sich auf und ehe ich es mich versehe, hat er seine Lippen auf meiner gedrückt. Mir stockt der Atem, während mein Herz einen heftigen Satz in meiner Brust macht.
Ich rücke noch ein Stück näher an ihn heran, lasse mich bereitwillig von ihm in die Kissen hinunter ziehen, lege einen Arm um seine Taille und hauche vorsichtig federleichte Küsse auf seine Lippen.
„Tippsy, hm?“ fragt er kichernd zwischen zwei Küssen.
„Oder Krypto, such dir was aus,“ grinse ich.
„Nein. Tippsy klingt toll,“ murmelt er, dann schlingen sich seine Arme um mich, eine Hand verschwindet in meinem Haar, die andere legt sich auf meinen Po.
Ich versuche, den letzten Rest gesunden Menschenverstand der mir geblieben ist zusammen zu kratzen und richte mich ein Stückchen auf. Seine Arme lassen zwar nur zwanzig Zentimeter zu, aber das reicht fürs erste.
„Willst du mein Superman sein?“ frage ich leise.
„Nur wenn du Lois Lane bist,“ lächelt er.
„Auf das Reihenhaus in Utah verzichte ich allerdings,“ grinse ich.
„Und auf Tippsy?“
„Das muß ich mir noch überlegen.“
Er faßt mich etwas fester und rollt sich mit mir auf die Seite, so daß ich schließlich unter ihm liege.
„Machen wir hier gerade den Fehler unseres Lebens?“ fragt er leise und klingt dabei wirklich ängstlich.
„Nein,“ ich schüttle den Kopf. „Etwas, das sich so gut anfühlt, kann kein Fehler sein.“
„Vielleicht stellen wir bald fest, daß wir nicht mehr als einen Tag zusammen aushalten können,“ gibt er zu bedenken.
„Dann sehen wir uns eben nur einmal im Jahr,“ gebe ich bestimmt zurück. „Ein Abend mit dir ist jedenfalls mehr wert als der ganze kümmerliche Rest meines Lebens.“
Er schüttelt langsam den Kopf und runzelt dann die Stirn. „Warst du schon immer so?“
„Ich befürchte ja,“ nicke ich.
„Ich bin ein Idiot.“
„Ich weiß,“ lache ich.
Kichernd versenkt er seinen Kopf in meiner Halsbeuge und als seine Lippen die weiche, empfindliche Haut berühren, seufze ich leise. Dies ist der Himmel. Oder zumindest etwas, das diesem sehr nahe kommt.
„Vielleicht,“ murmelt er nahe an meinem Ohr, was ein unbändiges Kribbeln in meinen Lenden auslöst „bist du Superman und ich Lois Lane.“
„Meinetwegen. Aber nur, wenn ich die unbequemen Strumpfhosen weglassen darf.“
Er richtet sich auf und sieht wieder auf mich hinunter. Er wirkt sehr ernst und angespannt und innerlich versuche ich mich darauf vorzubereiten, daß er jetzt aufstehen und gehen wird. Vielleicht hat er erkannt, daß das mit uns niemals funktionieren kann, vielleicht will er nicht, daß ich sein Superman bin.
„Ich liebe dich,“ sagt er kaum hörbar und bevor ich irgend etwas darauf antworten kann, versiegelt er meine Lippen mit einem innigen Kuß. Ich schließe die Augen und lasse mich mit ihm davon tragen. Hinauf zu den glitzernden Sternen, hoch hinaus über die Stadt, weg von allen irdischen Verpflichtungen und Problemen, während mein rotes Superman-Cape hinter uns im Wind flattert.

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