Ich weiß noch, wie ich mit meiner Freundin Michi im Sommer beim Griechen saß und wir total geflasht feststellten, dass wir unabhängig von einander und mehr oder weniger zur gleichen Zeit mit dem Laufen angefangen hatten. Irgendwie passte das. Wir kennen uns seit der fünften Klasse und haben alleine deshalb schon eine ganz besondere Beziehung.

Als Michi dann im August anrief und verkündete, es gebe einen Frauenlauf in Mannheim und da würden wir mitlaufen, habe ich auch gar nicht lange überlegt. Klar melden wir uns da an!

Der Lauf fand unter dem Motto „Wir laufen, wie es uns gefällt“ statt, jeder konnte mitmachen. 7 km rund um den Luisenpark, das sollte zu schaffen sein. Also online angemeldet, 20 Euro überwiesen und dann erst die Wochen und dann die Tage gezählt, bis es endlich losging.

Ein paar Tage vorher dann das erste Highlight: Wir konnten unsere Startunterlagen bei Engelhorn Sports in Mannheim abholen. Erst wollte ich gar nicht selbst hin, aber durch ein paar glückliche Umstände hatte ich „kinderfrei“ und fuhr dann doch in die Stadt. Irgendwie wollte ich alles erleben, was es rund um diesen ersten Lauf zu erleben gab.
Es war dann auch cool, zwischen all diesen so unterschiedlichen Frauen zu stehen und dann meinen Namen zu nennen, damit mir meine eigenen Unterlagen ausgehändigt werden. Ich. Sportlich. Öffentlich. Vor einem halben Jahr noch absolut undenkbar. Auf das Laufshirt, das jede Teilnehmerin bekam, bin ich auch furchtbar stolz.

ShirtFL

Und dann war er einfach da: Der Tag, auf den wir so lange hingefiebert hatten. Und ich war viel nervöser wegen der ganzen Umstände drum herum (wo? wie? wann?), als wegen des Laufs selbst. Ich packte eine riesige Sporttasche, um nach dem Lauf duschen und mich umziehen zu können, packte Startnummer und Zeitmesschip ein, zog ein langes Laufshirt unter das T-Shirt und lange Hosen an, und lies mich vom tollen Mann nach Mannheim fahren.

Leider habe ich nur zwei qualitativ eher schlechte Fotos gemacht, aber wer möchte, kann sich hier zumindest ein paar Impressionen ansehen. Das Gelände des Turnvereins, der als Ausgangspunkt diente, war riesig. Es gab eine Bühne, auf der nach dem Lauf Livemusik spielen sollte, Getränke- und Essensstände und das Gebäude mit Umkleiden, Duschen und Fitnessraum war ebenfalls groß und bot Platz für all die vielen Sportlerinnen. Auch unsere Taschen konnten wir dort bedenkenlos abgeben. Hierfür befand sich bereits eine Kleiderbeutel-Nummer bei den Startunterlagen. Die Organisation, fand ich, war wirklich perfekt.

Das Wetter war es weniger. Am Mittag bei Dauerniesel/-regen und den „arktischen“ Temperaturen von 14 Grad hatte ich eigentlich gar keine Lust auf einen 7 km Lauf. Aber als wir erst einmal da waren, war ich genau so aufgeregte und euphorisch wie alle anderen.

Um kurz nach fünf trafen Michi und ich uns dort, der Start war für 18.00 Uhr vorgesehen. In dieser Zeit schafften wir es gerade so, uns kurz umzusehen, unsere Taschen abzugeben und noch mal schnell aufs Klo zu gehen (das dauerte natürlich am längsten). Und dann standen wir schon am Start/Ziel Bereich. Da wir spät dran waren und tatsächlich über 1.700 Läuferinnen an den Start gingen, fanden wir nur ein Plätzchen etwas weiter außen.

StartFL

Moderiert wurde das Ganze von Radio Regenbogen und klang von daher sehr professionell. Der Countdown wurde von 10 rückwärts gezählt und die Massen setzten sich in Bewegung. Gaaaanz langsam trippelten wir vor an die Startlinie. Durch den Chip an unserem Schuh begann dort die Zeitmessung ganz automatisch. Tatsächlich ging es auch direkt nach der Startlinie etwas schneller vorwärts.
Trotzdem waren die ersten zwei Kilometer eher langsam und schwierig. Ganz am Anfang musste man aufpassen, dass man nicht von ein paar Nordic-Walkerinnen mit ihren Stöcken aufgespießt wurde (ich weiß nicht, ob es eine Trennung zwischen Läufern und Walkern gab, es hätte auf jeden Fall Sinn gemacht. Die meisten haben dies auch von sich aus berücksichtig, denn ich überholte am Anfang vielleicht 10 Walkerinnen, aber die hatten es in sich). Danach ging es mehr darum, genug Platz zu finden. Und so waren die ersten Kilometer von Ausbremsen, Überholungen und kurzen Sprints geprägt. So wirklich in irgendeinen Laufrythmus kam ich nicht. Das machte mir aber gar nichts. Für mich war die Teilnahme an diesem Event, das Gucken, Fühlen und Erleben viel wichtiger, als irgendeine zu erreichende Zeit. Klar wollte ich unter 50 Minuten laufen, aber alles andere war eher nebensächlich.
Michi und ich hatten ausgemacht, dass jeder sein eigenes Rennen lief und wir uns nach dem Zieleinlauf wieder treffen würden. Die ersten Kilometer sah ich sie noch vor mir her joggen, irgendwann verloren wir uns dann aber aus den Augen zwischen all den laufenden Frauen in türkisfarbenen Shirts.

Und so begannen die 7 Kilometer. Das bescheidene Wetter nahm ich bereits ab dem Start gar nicht mehr richtig wahr. Ich glaube, es nieselte unterwegs ein wenig, aber im Grunde war es trockener, als erwartet.
Wir liefen am Fernmeldeturm los, weiter durch den unteren Luisenpark, über eine Brücke, wendeten auf der anderen Seite, liefen über die Brücke wieder zurück, um den Luisenpark herum und durch ihn hindurch zurück zum Start/Ziel. Und überall an der Strecke standen Menschen (mal mehr, mal weniger), die jubelten, klatschten, uns anfeuerten. Das war echt cool.

StreckeFL

(zum Vergrößern klicken)

Bei Kilometer 2,5 meldete sich mal wieder mein Seitenstechen, aber aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass sich das nach einem bis eineinhalb Kilometer wieder legt. Also biss ich die Zähne zusammen und lief weiter. Ab der Brücke (ca. Kilometer 3-4) entzerrte die Menge sich etwas, so dass ich mit den Gedanken abschweifen konnte und langsamer wurde, nur um irgendwann aufzuwachen (nach der Samba-Truppe unter der Brücke) und Gas zu geben.

ZeitenFL

(zum Vergrößern klicken)

Dem Fräulein Wunder winkte ich am Wegesrand zu, der tolle Mann war mit Miss Allerliebst leider gerade anderweitig beschäftigt. Also kein Foto von mir während des Laufs.

Nach gut sieben Kilometern dann der Zieleinlauf. Ich sehe noch den Streckenposten vor mir in seiner gelben Warnweste. Der klatschte in die Hände, feuerte uns an „Los, los. Nur noch ein paar Meter Mädels. Tempo, Tempo! Super, ihr habt es gleich geschafft!“
Also legte ich nen Endspurt hin, nur um festzustellen, dass es zum Ziel noch einen Hügel raufging. Aber bereits da standen die Leute dicht an dicht, überall wurde gejubelt, gerufen, geklatscht. Ich kam mir vor wie bei irgendeinem Großevent, den das Fernsehen überträgt. Tour de France oder so.
Dann kam ich um die Kurve, durfte den Zielbereich hinunter laufen und sah dann irgendwann die Uhr vor mir. 49 Minuten zeigte diese an und ich wollte um nichts in der Welt, dass sie auf 50 Minuten umspringt. Also bin ich gerannt. Mit erhobenen Armen durchs Ziel. Es war richtig, richtig toll!
Dieses Gefühl, es wirklich durchgezogen zu haben. Unterwegs Frauen überholt zu haben, die wesentlich jünger und auch schlanker sind als ich. Zu wissen, dass ich die Strecke nicht nur geschafft, sondern richtig gut geschafft hatte. Das war einfach großartig.
Und auch wenn es total kitschig klingt … nach dem Zieleinlauf ging ich ein paar Meter, versuchte zu Atem zu kommen und spürte dabei, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ich war so stolz (und bin es  noch) und glücklich, das alles erleben zu dürfen und zu wissen, dass mein Körper zu so etwas in der Lage ist.
Der Moment ging Gott sei Dank vorbei, so dass ich nicht heulend in einer Ecke landete, sondern mit einer Flasche Gründels alkoholfrei in Michis Armen. Wir haben gelacht und geschrien und uns wieder und wieder gesagt, wie cool das doch ist, dass wir das geschafft haben. Im Nachhinein betrachtet irgendwie sureal. *lach*

Einen kurze Zeit genossen wir noch die aufgeregte Stimmung um uns herum, dann machten wir uns auf um unsere Sachen zu holen und vielleicht zu duschen. Taten wir dann aber doch nicht. Wir zogen uns mitten im Flur komplett um (inklusive Unterwäsche, das ist der Vorteil an einem reinen Frauenlauf) und beschlossen dann, wegen des ekelhaften Wetters lieber in die Stadt zu fahren und dort gemütlich was zu essen, statt uns frierend und nass hier vor die Bühne zu stellen.

Gott, waren wir kaputt. Aber glücklich. Und als das Adrenalin so langsam abklang und wir im Warmen bei Kerzenschein saßen, verstummten wir so langsam, aßen gemütlich unser Essen und dachten sehnsüchtig an unsere Betten. Der tolle Mann versorgte uns via WhatsApp mit unseren Ergebnissen. Von über 900 Läuferinnen belegte ich Platz 552, Michi den grandiosen 474. In meiner Altersklasse ab 40 habe ich nun Platz 220 von knapp 400 inne. Ich bin schwer zufrieden, sehe aber durchaus das Potenzial für’s nächste Jahr.

  • UrkundeFL

Ich habe mich schon informiert, wann und wo die nächsten Läufe stattfinden. Feudenheim im Oktober wäre vielleicht ganz cool. Das sind dann aber 10 Kilometer. Mal sehen. Fest steht auf jeden Fall: Nächstes Jahr wieder Frauenlauf in Mannheim. Und ich kann jedem nur empfehlen, dort mitzumachen. Es ist wirklich ein grandioses Erlebnis!

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