Als ich 39 Jahre alt wurde, war ich davon überzeugt, dass mein Leben die nächsten 50 Jahre ohne weitere besondere Vorkommnisse vorüber gehen würde. Eine eher niederschmetternde Erkenntnis.
Ich war seit fast 20 Jahren mit dem selben Mann zusammen, hatte eine Tochter und wir planten kein weiteres Kind, wir lebten in Eigentum, ich hatte seit der Ausbildung den selben Arbeitgeber und seit Jahren den gleichen Freundeskreis. Alles schien in Stein gemeißelt.

Bereits ein Jahr später gesellte sich zum Fräulein Wunder Miss Allerliebst (ursprünglich nicht geplant, denn wer will schon mit 40 noch einmal Eltern werden), zwei Jahre später trennte sich mein Arbeitgeber von mir. Alles war anders. Nichts schien mehr in Stein gemeißelt.

Mit dem Fräulein Wunder erblühte mein neues, soziales Ich. Und im Laufe der Zeit lernte ich, dass es so etwas wie Stillstand nicht gibt, es sei denn, man möchte dies unbedingt. Und manchmal zwingen einen die äußeren Umstände quasi dazu, seinen Horizont zu erweitern.

Vor gut einem Jahr nahm ich eine neue Arbeitsstelle an. Ein neuer Arbeitgeber, raus aus der Komfortzone, rein in neue Aufgaben und in das Leben anderer Menschen.
Ich frage mich manchmal, ob es überall so gelaufen wäre, wie es bei mir lief. Ich kam in ein Team, das mich mit offenen Armen aufnahm, mit einer Chefin, die ich bereits beim Vorstellungsgespräch ins Herz schloss und einer ganz besonderen Kollegin, der ich mich von Anfang an sehr nahe fühlte. Selten habe ich einen Menschen getroffen, der so ausgeglichen und geduldig ist und der so viel Tiefe besitzt. Ich vermisse sie sehr, denn ich arbeite seit zwei Wochen in einer anderen Abteilung. Wieder neue Menschen, wieder alles anders. Niemand mehr da, dem ich morgens meine Alltagsproblemchen schildern kann, der versteht und aufbaut, wenn ich mich wie die Rabenmutter der Nation fühle, der mit mir über Bücher und Filme spricht und der für mich ein Vorbild ist als Mutter zweier Teenagermädchen.

Und dann die neuen Kollegen. Unglaublich jung. Unglaublich motiviert. Unglaublich interessant. Die eine durfte ich nur zwei Wochen kennenlernen, nun wechselt auch sie in eine andere Abteilung. Sie ist einer dieser Menschen, die man kennenlernt und bereits nach einer viertel Stunde weiß, dass sie etwas besonderes ist. Ein Mensch der diese goldene Sonnenausstrahlung hat, in die man eintauchen möchte. Diese Sorte Mensch, die einen Raum betritt und der sich automatisch alle Blicke zuwenden.
Und dann der junge Kollege, der sicherlich schon mehr gesehen hat, als ich je in meinem Leben sehen werde. Und dies mit einer Gelassenheit und Entspanntheit, auf die ich durchaus neidisch bin. Ich freue mich wirklich darauf, ihn besser kenn zu lernen. Weil ich glaube, dass er sehr viel zu erzählen hat und dass ich noch einiges von ihm lernen kann. Nicht nur in beruflicher Hinsicht. Einen guten Musikgeschmack hat er auf jeden Fall.

Und dann die Lieblingsfreundin. Der Herzmensch, der mich seit 40 +1 begleitet. In der Vergangenheit habe ich einige schmerzhafte Erfahrungen mit Freundschaften gemacht und so fällt es mir nicht leicht jemanden nahe an mich heran zu lassen. Ich bin durchaus offen, wenn ich neue Menschen kennen lerne, aber es gibt einen Punkt, den niemand überschreiten darf. Aus Schaden wird man klug.
Und doch hat sie es geschafft, diese Barriere nach und nach aufzubrechen. Mit ihrer Art, zu sagen was sie denkt, mir das Gefühl zu geben, wichtig für sie zu sein. Etwas besonderes zu sein. Und es auch so zu meinen. Die mich gelehrt hat, dass es nicht wehtut, wenn man sagt „ich hab dich lieb“. Die, die am nächsten an meinem Leben dran ist. Die weiß, was gerade so passiert. Die einzige neben dem tollen Mann und meinen Kindern.
Und als Sahnehäubchen oben drauf lieben gerade die sie genau so sehr wie ich.

Und dann sind da die Menschen, die ich schon ewig kenne und die mich schon genau so lange als Freundin bezeichnen. Menschen, die genau wissen, wie ich bin. Die meine guten und auch schlechten Seiten kennen. Mein Inneres. Und die trotzdem immer noch da sind. Manchmal (leider) mehr in meinen Gedanken als physisch, trotzdem unglaublich wertvoll und bereichernd. Manche sehe ich nur zwei Mal im Jahr, manche sogar weniger.
Da ist die letze verbliebene Fanverrückte, die mir auf eine Gratulation zum Geburtstag hin eine lange WhatsApp zurück schreibt und deren Stimme ich dabei im Ohr habe und ich mir wünsche, wir hätten mehr Kontakt.
Da ist die Freundin aus lange vergangenen Cliquentagen, deren neues Haus ich bewundern durfte und die ich nur ein oder zwei Mal im Jahr treffe, aber bei der es immer so ist, als hätten wir uns gestern erst gesehen. So ungezwungen, so verbunden, so nahe.
Da ist ihre Schwester, mit der ich heute Abend essen war und die ich am Ende drücke und ihr sage, wie wichtig sie für mich ist. Jemand, bei dem ich auch nach und nach lerne, dass es okay ist zu sagen, was ich denke. Und die ich für ihren Mut bewundere.
Da sind meine Käfermädels. Die Konstante. Die, die mich und mein Leben kennen. Die mir sagen, dass ich gerade so gar nicht Ich bin und sich Sorgen machen. Sorgen. Um mich. Die, mit denen ich das letzte Mal Tränen gelacht habe. Die, die mir sagen, dass sie mich vermissen. Und die, die meine Launen verstehen und mich trotzdem gern haben.
Das sind die vielen Menschen, an die ich denke, der Kontakt aber gerade etwas eingeschlafen ist. Die älteste Freundin, mit der ich die Leidenschaft fürs Laufen teile und unsere Freundschaft, die manchmal wie ein Gummiband ist, das sich ausdehnt und wieder zusammen findet, aber niemals reißt.

Und zu guter Letzt der tolle Mann und meine wunderhübschen, allerliebsten Kinder. Meine Familie. Die, bei denen ich so sein kann, wie ich wirklich bin. Die mich bedingungslos lieben. Ungeschminkt, übellaunig oder auch euphorisch. Tatsächlich die einzigen, denen ich nichts vormachen kann. Ich liebe sie. Mehr als mich selbst.

Manchmal ist es wichtig mir bewusst zu machen, wie viele wertvollen Menschen meinen Lebensweg begleiten. Wieviel Glück ich habe. Wieviel Liebe ich für sie empfinde. Gerade weil es mir schwer fällt, es ihnen zu sagen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass sie da draußen sind. Dass mir nichts passieren kann, selbst wenn die Welt zusammenbricht.

Meine Herzmenschen.

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