In letzter Zeit befasst sich mein Kopf immer öfter mit dem Thema „Alter“ und „Tod“. Als meine Mutter vor drei Jahren krank wurde, brach dieser Gedanke sehr vehement in meine ansonsten doch recht heile Welt ein: Was ist, wenn sie stirbt?

Mittlerweile lebt sie ganz gut mit der Krankheit, aber auch mit diversen Medikamenten und Schmerzmitteln. Trotzdem ist da diese leise Ahnung, dass der Tod unausweichlich ist.

Ich weiß, jeder Mensch muss irgendwann sterben. Aber so lange man jung (oder vielleicht auch nicht mehr ganz so jung) ist, hat dieser Gedanke noch kein wirkliches Gewicht. Inzwischen ist mir bewusst, dass es jederzeit passieren kann. Nicht nur meiner Mutter, sondern auch meinen Kindern, dem tollen Mann. Mir selbst.

Meine Eltern sind mittlerweile alt. Vielleicht nicht so alt, wie ihre Eltern es damals noch im selben Alter waren, aber trotzdem um die 70. Diese unverrückbare Stärke, die Allmacht und das Allwissen, das Eltern nun einmal haben – das alles ist zwar noch da, aber es verblasst langsam. Abgesehen von den körperlichen Einschränkungen meiner Mutter und der Garten- und Hausarbeit, die ihnen beiden einfach nicht mehr so leicht von der Hand gehen, vergisst mein Vater zum Beispiel immer öfter Dinge. Ganz normal. Und ich glaube, so lange die beiden sich haben, passt der eine auf den anderen auf und ich muss mir (noch) keine Sorgen machen. Aber nicht mehr weit entfernt, wird sich dies alles grundlegend ändern und davor habe ich bereits jetzt eine Heidenangst.

Die Vorstellung, dass ich eines meiner Kinder verlieren könnte, ist für mich unaushaltbar. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, mit solch einem Verlust zu leben. Danach aufzustehen und jeden Tag aufs Neue einen leeren Stuhl am Tisch, ein leeres Bett am Abend oder achtlos hin geworfenes Spielzeug ansehen zu müssen und zu wissen, dass dieser Platz in der Wohnung, am Tisch, im Herzen für immer leer bleiben wird. Keine Umarmungen, keine feuchten Küsse, kein „Mama, ich hab dich sooooooo lieb“, keine verwirrten Superheldengeschichten mehr, wie sie nur meine Töchter erfinden können.
Leere.
Stille.
Unwiederbringlich.
Auch wenn diese Vorstellung vielleicht noch am weitesten von allen anderen entfernt ist, treibt sie mich doch noch am ehesten um.

In zwei Wochen jährt sich der Hochzeitstag vom tollen Mann und mir zum 17. Mal. Siebzehn Jahre, das muss man sich mal vorstellen! Manchmal ist mir, als seien wir zu einem Ganzen verschmolzen. Manchmal ist er eine zusätzliche Hand, manchmal mein Hirn, mein Herz, mein Gewissen oder mein gesunder Menschenverstand. Unser Leben ist so, wie wir es für uns gewählt haben und glücklicherweise haben wir meist die selbe Vorstellung, wie dieses auszusehen hat. Wir ergänzen den anderen, wo es nötig ist und geben uns trotzdem gegenseitig die Freiräume, die wir brauchen. Er ist und bleibt meine erste große Liebe und ist inzwischen so viel mehr. Was würde geschehen, wenn er auf einmal nicht mehr da wäre? Ich wache morgens auf und stelle fest, dass er von dem Treffen mit seinen Kumpels nicht nach Hause gekommen ist. Oder bei der Arbeit im Garten trifft ihn der Schlag. Oder, oder, oder. Dann bin ich alleine. Alleine mit mir, unseren Kindern, dem Haus und allem, was dazu gehört.
Keine Schulter mehr zum Anlehnen, niemand, der mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wenn ich mal wieder den Kopf in den Wolken habe. Niemand, der mich umarmt und mir sagt, wie sexy mein Hintern ist. Ein Teil meiner Seele würde mit ihm sterben.

Das sind Gedanken die jedes Mal kleine Pfeile auf mein Herz abschießen und immer muss ich mich schnell ablenken, weil sie mich sonst überrollen würden.

Und dann ist da natürlich noch meine eigene Sterblichkeit.

Wenn ich heute in den Spiegel sehe, mag ich mich und mein Äußeres wesentlich mehr als noch vor – sagen wir – zehn, zwölf Jahren und die Zeit davor. Auch wenn ich immer wieder mit meinem Körper hadere, fühle ich mich doch mehr im Einklang mit ihm als früher. Trotzdem sind die Veränderungen nicht mehr zu übersehen: Ich bekomme Falten um die Augen. Und das nicht zu knapp. Meine Haare werden langsam grau. Meine Hände sehen aus wie die einer sechzigjährigen. Ganz runzelig. Meine gesamte Haut hatte schon mal mehr Spannkraft, hat mehr gestrahlt und war faltenfreier.
Mit Mitte zwanzig oder sogar noch Anfang dreißig lässt sich leicht sagen, dass man es nicht verstehen kann, wenn sich Frauen unter das Messer legen, nur weil sie mit ihrem Alter nicht klarkommen.
Wenn man aber selbst mal so alt wird und sieht, dass dieses Alter nicht nur anderen widerfährt, sondern man Ruck Zuck selbst davon betroffen ist, sieht das schon ganz anders aus.
Ich glaube, dass es heutzutage schwieriger ist, in Würde alt zu werden. Kittelschürzen, Stützstrümpfe und Haarnetze sind ja sowas von out. Alle wollen ewig jung und gutaussehend bleiben. Ich frage mich, wann für mich der Zeitpunkt kommt, an dem ich mir sage „Jetzt bist du wirklich alt.“ Vielleicht kommt der auch nie, sondern es geht eher schrittchenweise nach dem Motto „Jetzt bin ich wirklich zu alt, um bis morgens um fünf feiern zu gehen“.

Und wird man wirklich irgendwann so alt und weise, dass man akzeptieren kann, dass man in den nächsten Jahren sterben wird? Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Klar, wenn ich alt und krank bin, wünsche ich mir vielleicht das Ende. Oder vielleicht doch nicht? Die Vorstellung, meine Kinder nicht mehr aufwachsen zu sehen, dass mein Leben, dass ich doch zum großen Teil so sehr genieße, einfach vorbei sein soll, ängstigt mich (gelinde gesagt).

Früher habe ich immer gesagt „Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor den Schmerzen“. Was für ein dummer Satz. Mit dem Tod endet alles (und nein, ich werde hier nicht anfangen irgendwelche Glaubensdiskussionen zu führen). Die Sonne. Die Liebe. Der Genuss. Die Freude. Das Glück. Alles. Für mich im Moment inakzeptabel. Und gerade deshalb doch irgendwie ständig präsent.

In zwei Wochen werde ich 45. Ich werde mit ein paar Freunden nach Heidelberg in eine tolle Kneipe und anschließend in der Halle 02 tanzen gehen. Und wenn es gut läuft morgens um fünf nach Hause kommen. Ich freue mich wie Bolle darauf. Und fühle mich noch nicht zu alt dafür (auch wenn ich inzwischen mindestens drei Tage brauche um mich davon zu erholen). Noch ist also alles einigermaßen im Lot. Auf den Rest habe ich keinen Einfluss und muss das so akzeptieren. Daran arbeite ich allerdings noch.

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