Das Fräulein Wunder ist inzwischen acht Jahre alt. ACHT! Bald beendet sie das zweite Schuljahr und freut sich schon auf die dritte Klasse. Nun ja … erst einmal auf die Ferien natürlich.
Die Schule läuft für das Fräulein nach wie vor problemlos. So ein bißchen ist die Realität zwar auch bei ihr angekommen –  so gibt es Tage, an denen sie so gar keine Lust hat, in die Schule zu gehen („Mama, ich habe Bauchweh/Kopfweh/mit ist schlecht“). Das liegt aber wahrscheinlich eher am frühen Aufstehen, als an der Schule an sich. Aber im Großen und Ganzen ist sie doch mit Feuereifer bei der Sache.
Im letzten Elterngespräch bestätigte uns auch ihre Lehrerin, dass das Fräulein sich sehr gut eingefunden hat (was am Anfang etwas schwierig war, da das Fräulein Wunder die Angewohnheit hat, etwas Neues erst einmal mit Argusaugen zu beobachten. Die ersten Wochen hat sie wohl kaum einen Ton von sich gegeben und konnte oder wollte auch auf Nachfrage der Lehrerin nicht sagen, warum sie gerade ein Sturm-Wolken-Gewitter-Gesicht macht). Auch hätte sie bereits einen sehr großen Wortschatz und wäre eines der wenigen Kinder, das sich bei einem Vortrag vorne an der Tafel zu den Mitschülern wendet und frei erzählen kann. Sie hat sogar den Vorlesewettbewerb in ihrer Klasse gewonnen und tritt nun nächste Woche zum Regionalentscheid an. Absoluter Mutter- und Fräuleinstolz.
Nach wie vor liegt ihr Deutsch eher als Mathe. Wobei es bei Mathe einfach manchmal etwas länger dauert, bis es klick macht. Aber wenn, dann kann sie es ganz sicher anwenden. Sie ist ein Kind der Logik und wenn das erst einmal sitzt, ist der Rest ein Klacks.
Die ordentlichste ist mein Kind nicht, aber das überrascht mich nun auch nicht sehr. Hefte und Ordner sehen immer aus, wie gerade durch einen Schredder gezogen und auch die Schrift lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig (erst war es der Radierer, jetzt ist es der Tintenkiller der täglich gefühlte 1.000 Mal zum Einsatz kommt).
Auch steht sie sich manchmal selbst mit ihrem stark ausgeprägten Ehrgeiz im Weg. Ein Test, bei dem sie nicht die volle Punktzahl erhält, ist total „verhauen“ und wenn sie beim Antolin-Programm (ein Leseprogramm, bei dem Kinder ein Buch lesen und hinterher am Computer Fragen dazu beantworten müssen) nicht 100 % schafft, ist sie auch schwer geknickt. Da gibt es manchmal auch Tränen, wenn sie eine Matheaufgabe nicht schnell genug versteht und ist dann gedanklich total blockiert, so dass wir dann eine Pause machen und 20 Minuten später die Aufgabe ohne größere Probleme rechnen können.
Da wünsche ich ihr ein wenig mehr Gelassenheit in der Zukunft, denn so unproblematisch wie in der Grundschule, wird die restliche Schulzeit womöglich nicht verlaufen.

Ich hätte mir nie vorstellen können, wie selbst- und eigenständig das Fräulein Wunder mit acht Jahren bereits ist. Verabredungen werden teilweise in Eigenregie getroffen, oft schwingt sie sich auch einfach auf ihren Roller und besucht ihre Freundinnen in der näheren Umgebung. Oder bei uns steht ein Mädchen vor der Tür um sie zu besuchen oder zum Rollern abzuholen. Zwar hat sie mit dem Uhrlesen nach wie vor noch ein wenig Probleme, aber eine Vereinbarung zur vollen Stunden zu Hause zu sein, hält sie präzise ein.
Sie fuhr auch dieses Jahr mit auf die Osterfreizeit, geht freiwillig in den Ferien in den Hort statt zu Oma und Opa, weil die da so tolle Ausflüge und Sachen machen und hat durch ihr Seepferdchen viel mehr Sicherheit im Wasser gewonnen (und ich auch).
Letzte Woche waren wir für ein paar Tage im Odenwald mit der allerliebsten Julia und ihren beiden Kindern. Den ganzen Tag waren die vier Mädels unterwegs auf Abenteuersuche. Wir Eltern waren nur gefragt, wenn sich Hunger oder Durst meldeten oder es dann doch mal zu kleineren Streitereien oder Blessuren kam. Vor zwei, drei Jahren war diese entspannte Stimmung für uns Eltern noch undenkbar.

Das Fräulein Wunder ist ein Freundschafts- und Beziehungsmensch. In ihre Klasse gehen ihre ganzen Freunde aus dem Kindergarten und mit den meisten ist sie immer noch eng befreundet. Auch neue Freundinnen sind hinzugekommen. Hier finde ich es schön, dass diese nicht immer aus ihrer Klasse kommen müssen, sondern dass sie auch im Hort Bezugspersonen hat, etwas, was mir am Anfang ja schweres Kopfzerbrechen bereitet hat. Dabei ist sie sehr loyal und hält an ihren Beziehungen fest.

Sie liebt das Tanzen und Singen. Kaum eine Sekunde am Tag, in der sie still steht. Sie übt eigene Choreographien ein, singt auch gerne schon in englischem Kauderwelsch und interessiert sich mehr und mehr für „richtige“ Musik. Sie ist ein großer Freund von Deichkind (auch wenn es seltsam anmutet, wenn sie aus vollem Halse „Bück dich hoch!“ schmettert), auch sämtliche Titel der aktuellen Disney-Filme (momentan gerade „Trolls“) kann sie aus dem Stand in voller Länge intonieren.

Sie klettert nach wie vor auf die höchsten Bäume und kein Klettergerüst ist vor ihr sicher. Die alte Schaukel in unserem Garten ist, glaube ich, schon auf jede erdenkliche Weise be- und erklettert worden. Ein Wunder, dass ihr dabei noch nie groß etwas passiert ist (im Gegensatz zu Miss Allerliebst, aber die ist ja erst im nächsten Artikel dran). Aber das ist auch ein Ausdruck ihres Wesens. Immer sehr auf Sicherheit und Ordnung bedacht. Klare Strukturen, Bedächtigkeit und Planung. Das ist ihr Ding.

Als ihre Mama bin ich immer noch die wichtigste Bezugsperson. Kleine und große Geheimnisse teilt sie mit mir. Zuletzt die Verkündung, sie hätte jetzt einen Freund und sie hätten sich schon zwei Mal geküsst. Hilfe!
Wenn es um Dinge geht, die sie schwer beschäftigen, ist sie aber weiterhin eher in sich gekehrt. Vieles macht sie mit sich selbst aus. Manches kommt abends, wenn sie im Bett liegt, an die Oberfläche. Aber auch dann sind die Informationen eher spärlich. Wenn sie wütend ist, zieht sie sich lieber zurück, knallt Türen und brüllt ein „ihr seid doof“. Auch im Nachhinein mit ihr über solche Situationen zu reden, ist meist nicht sehr fruchtbar.
Mir steht immer noch die Situation vor Augen, wie wir uns wegen irgendeiner Nichtigkeit am Kopf hatten. Ich kann ja dann auch schon mal laut werden und manchmal sogar sehr ungerecht. Gerade deshalb bin ich nach einer Weile zu ihr gegangen und habe mich entschuldigt. Weil ich eben gemein war und nicht auf sie eingegangen bin. Ihr war diese Situation, diese Entschuldigung, so fruchtbar unangenehm, dass sie sich umgedreht hat und noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, aus dem Zimmer geflüchtet ist. Schwierig also, sich mit ihr zu versöhnen oder im Nachhinein einen Weg zu finden, wie man es beim nächsten Mal vielleicht besser machen könnte.
Am liebsten ist es ihr, wenn man einfach so tut, als sie nichts gewesen. Sie kann sich dann an mich schmiegen und mir irgendetwas Belangloses erzählen und alles ist wieder gut. Denn nachtragend ist sie Gott sei Dank nicht.

Ich liebe es, wie ihre Augen leuchten, wenn sie mir etwas erzählt, wie ihr Mädchenlachen klingt, das jetzt immer öfter zu einem präpubertären Gekicher ausartet. Manchmal ist sie schon so groß und vernünftig, räumt ihr Zimmer auf ohne großes Gewese, hilft mit wo sie kann (natürlich nur, wenn sie Lust hat, aber das ist immer öfter der Fall) und sie interessiert sich immer mehr für „erwachsenere“ Dinge.
Kürzlich haben wir zum Beispiel den ersten Harry Potter Band zusammen gelesen (nun gut, 99,9% davon habe ich vorgelesen). Es ist für mich als Mutter einfach auch mal schön, wenn ich beim Vorlesen mit den Charakteren in einem Buch mitfiebern kann. Als Krönung durfte sie anschließend den ersten Teil der Reihe auf DVD anschauen. Miss Allerliebst weilte an diesem Abend bei den Großeltern und so konnten wir uns zweieinhalb Stunden nach Hogwarts versetzen lassen. Es war so wundervoll zu erleben, wie das Fräulein teilweise aufrecht auf der Couch stand vor lauter Aufregung, und atemlos mitfieberte, obwohl sie das Buch und damit die Handlung ja bereits kannte.
Wir haben nun mit dem zweiten Teil begonnen und unsere Gespräche drehen sich oftmals darum, was wohl Snape nun wieder ausheckt, ob Ron den armen Harry bei den Dursleys wirklich vergessen hat, was Dobby da zu suchen hat und wie toll Dumbledore doch ist. Hach!

Sie hat Haare, um die ich sie beneide, einen Scharfsinn und Intelligenz, die mich manchmal sprachlos machen und einen Blick fürs Detail, der ihr die Welt weit öffnet. Es fühlt sich so unglaublich gut an, sie an mich zu drücken, ich liebe es, wenn sie sich beim Spazierengehen noch nichts dabei denkt und ihre Hand in meine schiebt und mit ihrem kleinen Luftkuss morgens zum Abschied vor der Schule erwärmt sie regelmäßig mein Herz. Sie ist schon lange kein Baby mehr, meine große, wunderschöne Tochter. Und das ist gut so.

 

 

 

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