Unsere kleine Räubertochter ist inzwischen fünf Jahre alt. Letzte Woche hatte sie ihre Vorschuluntersuchung und somit wird sie ab September ein Vorschulkind sein. Noch ein Jahr, bevor auch sie den Schutz des Kindergartens verlässt und in die große weite Welt hinaus zieht.

Ich weiß noch, dass ich mir beim Fräulein Wunder mehr Sorgen darum gemacht habe, wie sie sich sozial in der Schule zurecht finden wird, als darüber, dass sie vielleicht mit dem Schulstoff Probleme haben könnte. Bei ihr war irgendwie klar, dass ihr das Schulische leicht fallen wird.
Bei Miss Allerliebst habe ich kein richtiges Gefühl, in welche Richtung auch immer. Ich glaube, dass sie besser mit der Umstellung Kindergarten/Schule zurechtkommen wird. Ich glaube auch, dass sie ebenfalls wissbegierig, lernwillig und furchtbar schlau ist. Sie schreibt bereits seit einer Weile ihren Namen, fängt jetzt an im Zehnerbereich zu rechnen, Buchstaben zu erkennen und sie liebt Fehlersuchrätsel. Aber ich kann sie mir (noch) nicht in der Schule vorstellen, wo man aufpassen und sitzen bleiben muss und nicht mehr so viel spielen kann wie früher.

Nach wie vor ist sie ein echter Haudrauf und Wirbelwind. Und auch immer noch meine Kleine. Mein Baby. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie die letztgeborene ist, oder daran, dass sie sehr gerne kuschelt und einfach so allerliebst sein kann. Wenn ich in ihr hübsches Gesicht mit den großen, braunen Augen und den (inzwischen wieder) kurzen Haaren blicke, ist das Baby, das sie einmal war, noch nahe unter der Oberfläche. So schutzbedürftig und voller Vertrauen in sich und ihre Umwelt.
Vielleicht wird sie für mich immer mein Baby bleiben, auch wenn die Zeit kommt, in der sie das (und wahrscheinlich auch mich) hassen wird.

In allem eifert sie ihrer großen Schwester nach und erstaunlicherweise sind sie meist ein Herz und eine Seele. Stundenlang können sie in ihren Rollenspielen versinken. Wer welchen Part dabei übernimmt und was welches Pferd zu welchem Zeitpunkt sagt, ist wie ein gemeinsamer Tanz, bei dem nur sie allein die Schritte kennen. Die ganze Zeit höre ich dabei ihre Stimmen, meist die von Miss Allerliebst, weil die erklärt und erzählt, was jetzt gerade passiert („und jetzt hättest du gesagt „gib mir das sofort wieder“ … und jetzt geht der da hin und haut den … und jetzt schreit der ganz laut ahhhhhhhh … und du hättest im gesagt, dass er aufhören soll und dann … usw. usf.). Das kann durchaus mal drei Stunden am Stück gehen. Das Fräulein Wunder legt ihr Veto nur sehr selten ein, aber das akzeptiert Miss Allerliebst dann sofort.
An schlechten Tagen funktioniert das Zusammenspiel allerdings auch mal gar nicht, weil keiner die Führungsrolle abgeben will. Dann gibt es Geschrei und Gezanke und Tränen und Brüllen und Türenschlagen.

Im Allgemeinen ist Miss Allerliebst diejenige, die eher einen Kompromiss eingeht oder ihre Sachen mit ihrer Schwester teilt. Holt sie sich etwas Süßes, wird die Schwester immer mitbedacht. Gerne wird sie vom Fräulein Wunder auch mal vorgeschickt um irgendetwas zu erbetteln (Süßigkeiten, Fernsehzeit, Mamas Handy oder Tablet).

Miss Allerliebst liebt ihre Hörspiele und hört diese auch gerne laut und immer wieder. Ich schätze, dass sie sämtliche CDs, die sie besitzt schon mindestens zwanzig Mal gehört hat. Bei den ganz beliebten wie früher Bibi & Tina oder jetzt Mia and Me wahrscheinlich an die hundert Mal. Dabei sitzt sie dann gerne in ihrem Zimmer malt oder puzzelt nebenher, während sie den Stimmen aus dem CD-Spieler lauscht. Gerne werden die Geschichten dann mit eigenen Figuren nachgespielt.
Auch findet sie Musik ganz toll. Gerne die Soundtracks zur Eiskönigin oder Trolls, aber auch mal die Partylieder für Kinder, während sie laut singend „Nackedeii, Nackedeiii“ durch das Haus wirbelt.

Unter ihren Freunden ist sie körperlich die Größte und da sie alle so ziemlich im gleichen Alter sind, war der komplette April und Mai mit Kindergeburtstagen ausgebucht. Ich finde es schön zu sehen, dass sie so gute Freunde hat, dass sie bereits jetzt eine eingeschworene Gemeinschaft sind und sich gegenseitig unterstützen und aufeinander aufpassen.

Der Speiseplan von Miss Allerliebst beschränkt sich im Moment auf sehr wenige Dinge. Nudeln, Reis, Spätzle, Pommes und Schupfnudeln (keine Knödel, keine Gnocchi, keine Tortellini, keine Maultaschen … ach, sie wissen schon …), das aber alles trocken oder mit viiiiiiiel Ketchup. Würstchen, Chicken Nuggets, Fischstäbchen und Fleischkäse und dazu gerne auch mal ein selbstgemachtes Zatziki. Und natürlich Pizza („Madarita“) Das war es im Großen und Ganzen an warmen Dingen. Oh … und natürlich Nuuuuudelsuppe. Aber wehe ich mache die selber. Es muss so eine richtig eklige mit mehr Geschmacksverstärkern als Inhalt sein.
Gott sei Dank isst sie Rohkost und Obst. Aber auch hier sehr ausgewählt. Gurke und Tomaten (die gerne bis sie platzt und im Moment direkt aus dem Garten gepflückt. Ich schätze, der tolle Mann und ich werden nie eine eigens gezogene Cocktailtomate abbekommen, da die Miss sie vorher alle vom Strauch klaut), manchmal Paprika, Karotten und saure Gurken. Äpfel, Birne, Banane, Kirschen und Wassermelone in rauen Mengen. Auch das war es dann schon.
Brot und „Müsli“ (wir nennen es so, aber eigentlich ist das ja mehr Zucker als alles andere) gehen morgens und im Kindergarten gerade so. Brezeln und Käselaugestangen gehen immer.
Und mehr kann ich dieser Liste im Moment nicht hinzufügen. Schon etwas traurig. Ich hoffe ja immer noch, dass sie irgendwann auf den Trichter des Probierens kommt (so wie das Fräulein Wunder durch das Essen im Hort), denn nicht einmal die kleinste Menge gelangt in Miss Allerliebsts Mund, wenn es nicht zu den oben erwähnten Nahrungsmitteln gehört.
Und jetzt kommen sie mir bitte nicht mit „Vorbild“ sein und „die Kinder bei der Nahrungszubereitung mithelfen lassen“.
Miss Allerliebst schält leidenschaftlich gerne Karotten und schnippelt gerne alles was man so braucht klein. Sie rührt in Töpfen, riecht an sämtlichen Gewürzen, kennt die Namen von ganz vielen Gemüsesorten (sehr praktisch im Supermarkt „Miss Allerliebst, hol mir mal schnell einen Blumenkohl“) und deckt sogar ab und an mit Freude den Tisch.
Ich selbst koche leidenschaftlich gerne und experimentiere auch schon mal. Wir essen täglich Salat und/oder Gemüse und die Kinder werden in die Speiseplan Aufstellung mit einbezogen (wie man oben aber lesen kann, gestalten sich die Essenswünsche immer sehr einseitig).
Hat aber alles nix genützt. Is(s)t halt so.

Miss Allerliebst hat halt ihren eigenen Kopf. Sie zieht keine Jeans an, weil sie die zu unbequem findet, sie trägt gerne ihr wärmstes Winterkleid im Hochsommer, läuft dafür bei Minus 5 Grad barfuß. Sie liebt es, verschiedene Socken zu tragen (deshalb haben wir uns alle so welche gekauft) und auch mal verkleidet aus dem Haus zu gehen.
Wenn die Miss nicht will, dann will sie nicht. Das bestätigte mir auch kürzlich ihre Erzieherin im Kindergarten. Im Moment, so die erfahrene Damen, von der bereits das Fräulein Wunder drei Jahre betreut wurde, kann man Miss Allerliebst mit nichts locken. Sie macht lieber ihr eigenes Ding und wenn es ans Basteln oder den Stuhlkreis geht, sagt sie nein und macht lieber etwas für sich. Eine Phase (hoffentlich), die auch wieder vorbei geht. Es ist nur ein bißchen lästig wenn es um so Dinge wie „rechtzeitig aus dem Haus kommen“ und „Abends ins Bett gehen“ und „Zimmeraufräumen“ und „Zähneputzen“ und, und, und geht.

Sie ist diejenige, die sich die Haare mit der Bastelschere raspelkurz schneidet („Ich wollte mal eine andere Frisur haben, Mama.“), die sich in aller Seelenruhe unter dem Bett versteckt und eine geklaute Schokolade isst, während der gesamte Haushalt sie wie verrückt sucht und nach ihr ruft, die mit dem Fahrrad die steilsten Hänge hinab saust, die sich ins Schwimmbad stürzt ohne darüber nachzudenken ob sie Schwimmflügel anhat (und dabei ganz laut „Aaaaarschbombe“ schreit), die beim Abendessen niemals still sitzen bleiben kann, die beim Trampolinspringen im öffentlichen Park aus vollem Halse „Hallelujaaaa, danke dir Gott!!“ schmettert, die sich jeden Tag mehrere blaue Flecken und Schrammen von den unterschiedlichsten Orten zuzieht und die mich mit den Worten „Ich hab dich sooooo lieb Mama“ an sich drückt, bis mir die Luft weg bleibt.

Ich hab dich auch lieb mein Schatz. Sooooooo sehr.

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