Gelesenes


Lee Child – „Größenwahn“, „Ausgeliefert“, „Sein wahres Gesicht“ uff. (Die Jack Reacher Reihe)

⭐︎⭐︎⭐︎⭐︎⭐︎ (und wenn ich könnte, würde ich nochmal fünf vergeben)

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf Lee Child und seine Jack Reacher Reihe gekommen bin. Ich glaube, beim Lesen irgendwelcher Rezensionen zu anderen Krimis bin ich immer wieder über ihn gestolpert und wollte mir dann mal selbst ansehen, von was die da alle reden.

Jack Reacher ist ein ehemaliger Militärpolizist der US-Army, der nach 13 Jahren Dienst ehrenhaft entlassen wurde. Schon seit Vater war beim Militär und Jack Reacher somit von Geburt an auf der ganzen Welt zu Hause. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst genießt er nun seine Freiheit, was für ihn bedeutet selten länger als zwei Tage an einem Ort zu verweilen und mit kleinem Gepäck – nämlich einer Zahnbürste – zu reisen. Alles was er sonst braucht wird gekauft, benutzt und entsorgt. Dies ist nur eine kleine der vielen, vielen Facetten, die diese Serie so faszinierend macht. Denn dadurch ist jedes Buch anders. Es spielt in einer anderen Stadt, in einer anderen Klimazone, mit vollkommen anderen Menschen und Begebenheiten.
Jeder Band ist in sich abgeschlossen. Es ist also durchaus möglich die Bücher nicht in Reihenfolge oder nur einzelne oder wie auch immer durcheinander zu lesen. Trotzdem gibt es natürlich ab und an Kommentare oder nimmt Lee Child Bezug auf vorherige Begebenheiten, die aber nicht bedeutend für die jeweiligen Handlungen sind, dem ganzen aber noch einen Schuss zusätzlicher Würze gibt.

Was macht die Buchserie noch so einzigartig? Natürlich ist da der große Held. Jack Reacher, 1,98 groß, über 100 Kilo schwer, ein Berg aus Muskeln mit einem scharfsinnigen Verstand, blondem Haar und Eissee-blauen Augen (in der gleichnamigen Verfilmung wird Jack Reacher von Tom Cruise gespielt *kotz*). Er wirkt wie eine Mischung aus James Bond (die neuere Variante mit Daniel Craig) und Sherlock Holmes (wenn man diesen ins 21. Jahrhundert versetzen würde) und ist dabei unglaublich cool (auf eine sympathische Art). Er weiß unglaublich viel über Waffen, Verbrecher, Polizisten, wie man das perfekte Verbrechen plant, wie man einen Mann am schnellsten kampfunfähig macht oder tötet. All diese Dinge werden dem Leser so detailreich näher gebracht, dass man jeden Schritt, jede Entscheidung nachvollziehen kann. Womöglich stimmt man nicht immer mit ihr überein, denn Jack Reacher ist eben ein echter Kerl und wenn es sein muss, dann schlägt er erst zu und fragt dann, trotzdem läuft es nie auf Gemetzel oder unnötige Brutalität hinaus (das mögen andere womöglich anders sehen, denn durchschnittene Kehlen, gebrochene Genicke oder auch mal ein zertrümmertes Knie kommen durchaus vor).

Zudem kommen die Bücher ohne jeden Pathos, ohne Schmalz, ohne ein Wort zu viel aus. Einen Jack Reacher Band zu lesen ist wahnsinnig spannend, unglaublich unterhaltend, immer stimmig und immer nachvollziehbar.
Erschienen sind bisher 22 Bände. Der erste wurde 1997 veröffentlicht und da mutet es manchmal seltsam an, wenn Münztelefone, Telefonbücher, Straßenkarten oder Faxgeräte benutzt werden. Aber genau das macht es auch so unglaublich faszinierend. Je weiter man sich durchliest, desto mehr kommt auch Jack Reacher in der Neuzeit an, auch wenn er kein Handy besitzt und das Internet für ihn ein Buch mit sieben Siegeln ist. Genau das macht die Stärke des Autors aus: Er bleibt seiner Figur in jeder Situation treu. Jack Reacher bleibt zum Beispiel nicht einmal für seine große Liebe an einem Ort (dafür hat er in jedem Band eine andere Flamme, was natürlich für mich Romantikerin auch ganz nett zu lesen ist).

Ich bin inzwischen bei Band 10 angekommen und habe noch wundervolle 12 Bände vor mir. Mir graut es jetzt schon davor, wenn ich kein neues Lesefutter mehr bekomme. Deshalb zwinge ich mich immer, zwischendurch auch etwas anderes zu lesen. Aber es ist schwer, mich von etwas anderem so fesseln zu lassen, weil wirklich sehr wenig mit Lee Child und seiner Jack Reacher Reihe mithalten kann.

Also Leute, geht los und kauft euch den ersten Band „Größenwahn“: Auf dem Weg von Tampa nach nirgendwo ist Jack Reacher in einer Kleinstadt in Georgia aus dem Bus gestiegen. Wenige Stunden später findet er sich im Gefängnis wieder. Er steht unter Mordverdacht. Doch statt einer schnellen Lösung hat Detective Finlay bald ein noch größeres Problem: einen Hauptverdächtigen, der seine Unschuld beweisen kann, und das Geständnis eines Bankers, der die Tat nicht begangen hat.

 

 

 

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Rebecca Gablè – „Das Lächeln der Fortuna“, „Die Hüter der Rose“, „Das Spiel der Könige“ (Die Waringham Trilogie)

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Bisher war ich eigentlich kein Fan von historischen Romanen. Auch wenn ich schon ein paar wenige gelesen habe („Die Wanderhure“ zum Beispiel. Furchtbar laaaaangweilig).
Trotzdem reizte mich Rebecca Gablè. Zum Einen, weil eine gute Freundin große Stücke auf sie hält und man zum Anderen beim Thema „historische Romane“ nicht an ihr vorbei kommt. Und – ein kleines aber für mich nicht zu vernachlässigendes Plus – Frau Gablè ist eine deutsche Autorin. Lese ich sehr selten, aber dann meist mit Genuss (siehe z.B. Andreas Eschbach).

Ich begann also mit dem ersten Teil der Waringham-Saga, ohne zu wissen, dass es ein erster Teil ist. Im Grunde funktionieren die Bücher auch durchaus alleine, auch wenn die Verwandschafts- und Geschichtsverhältnisse natürlich auf einander aufbauen und der Lesegenuss dadurch enorm gesteigert wird.

Ich zitiere hier stellvertretend für alle drei Bücher den Klappentext des ersten Bandes, weil dieser sehr treffend zusammenfasst und wesentlich kürzer das aussagt, was ich vielleicht zu sagen hätte:

England 1360: Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earls, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft. Aber Robin geht seinen Weg, der ihn schließlich zurück in die Welt von Hof, Adel und Ritterschaft führt. An der Seite des charismatischen Duke of Lancaster erlebt er Feldzüge, Aufstände und politische Triumphe – und begegnet Frauen, die ebenso schön wie gefährlich sind. Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber …

Band 1 begleitet also Robin of Waringham, Band 2 beschäftigt sich mit seinem Sohn John und Band 3 wiederum mit dessen Sohn Julian. Man bekommt in diesen Bänden also gut und gerne 100 Jahre Geschichte auf dem Silbertablett serviert.

Um es erst einmal kurz in wenigen Sätzen zusammen zu fassen: Die Bücher sind der absolute Wahnsinn! Unglaublich toll geschrieben, mit genau der richtigen Balance zwischen Fakten und Fiktion. Kopfkino deluxe.

Ich könnte stundenlang über die Bücher schwärmen. Wie mitreißend sie sind. Wie tief sie einen ins Mittelalter hinein saugen. Wie sehr sie ein Gefühl für die Lebensumstände dort vermitteln. Wie oft ich die Hände vor die Augen schlagen wollte, ein leises oder auch mal ein lauteres „Oh nein!“ von mir gab und wie fieberhaft ich mich von einer Seite zur nächsten las.

Selten habe ich Bücher gelesen, die so umfassend und detailgetreu sind, ohne dabei langatmig zu werden. Und dabei so wahnsinnig spannend und lebendig, dass man eigentlich die ganze Zeit die Luft anhalten möchte.

Probleme hatte ich ab und an (speziell im letzten Band) allerdings mit den vielen Namen und Verwandtschaftsverhältnissen. Irgendwie ist jeder mit jedem verwand, und wenn es nur ein Cousin vierten Grades ist und die ganzen Earls of Sowieso brachte ich auch ab und an durcheinander (was manchmal doof ist, wenn man nun nicht mehr weiß, welcher nun zu Lancaster oder York steht).
Ich muss hier allerdings anmerken, dass ich eine recht schnelle Leserin bin und manches mehr überfliege denn wirklich in mich aufnehme. Es könnte also auch daran liegen.
Die Hauptakteure, die, auf die es wirklich ankommt, sind allerdings immer so präsent und gut beschrieben, dass sie mir immer im Gedächtnis geblieben sind.

Von mir also eine ganz klar Leseempfehlung. Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass ihr die nächsten Wochen nichts anderes tut als historische Romane zu lesen.

Schwerelos / Ildiko von Kürthy (1)

Seite 121

Ich nutze die Zeit während des Beischlafs lieber sinnvoll.
Als ich das letzte Mal mit Frank geschlafen habe, auch schon wieder ein paar Wochen her, habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum Barbapapas keine Beine haben und wie sie sich eigentlich fortbewegen. Eine interessante Fragestellung, die meines Wissens noch nirgends hinreichend beantworte wurde. Immerhin war ich so taktvoll, diese Problem mit mir selbst auszumachen und mich ein wenig über mich selbst zu wundern – allerdings nur so lange, bis mich Frank kurz nach Abschluss des Aktes als solchem unvermittelt fragte: „Sag mal, lebt Inge Meysel eigentlich noch?“

Die gelöschte Welt / Nick Harkaway (4)

Seite 603

Fünf Minuten verbringe ich damit, in Royce Allens Konfektionsware herumzukramen und die Sachen zu bewundern, während mir ein nervöser Assistent nickend hin und her folgt. Ich aber gebe kleine, unzufriedene Laute von mir und erkläre, dass (obwohl alles, was ich sehe, in jeder Hinsicht von allerbester Qualität ist), maßgeschneiderte Ware doch sicherlich angenehmer wäre. Ich probiere ein Hemd an, in dem ich wie ein Gott aussehe, und deute an, es kneife ein wenig unter den Achseln. Ja. Eindeutig, es drückt tatsächlich … welche Art Faden Royce Allen wohl für seine Nähte benutzt? Es fühlt sich so rau an. Der Assistent versichert mir, der Faden sei aus feinstem Babyhaar und bester Angorawolle gewirkt, etwas Weicheres gebe es nicht. Ich seufze. Dann muss es der Stoff sein, wie schade. Nein, nein, der Stoff sei Baumwolle, die von Kindersklaven gepflückt werde. Sie müssten jede Stunde ihre Hände waschen und befeuchten, damit ihre Finger die Fasern nicht aufrauten. Natürlich bluteten sie auch, aber ihr Blut enthalte dank einer streng kontrollierten Ernährung einige Chemikalien, die sogar noch die luxuriöse Geschmeidigkeit des Stoffes verstärkten. Das Blut werde natürlich mit einem mineralischen Reinigungsmittel, das aus zerstoßenen Diamanten und dem Speichel von Jungfrauen besteht, auf hygienische Weise herausgebleicht, was den Glanz und das Schimmern sogar noch verstärke und dem fertigen Hemd beinahe die Festigkeit einer Schutzweste verleihe.

Die gelöschte Welt / Nick Harkaway (3)

Seite 520

Jeder Mensch trägt eine Vielzahl von Geistern mit sich herum: Die Eindrücke, die andere Menschen hinterlassen haben, ob stark oder schwach, ob nach langer Bekanntschaft oder in Folge einer oberflächlichen Begegnung. Diese Geister sind wie Landkarten, die bei jeder Begegnung aktualisiert werden und neue Details bekommen. Wir beurteilen sie und entwickeln Zuneigungen oder Abneigungen. Wenn man einen Philosophen fragt, dann stellen sie alles dar, was wir in der realen Welt jemals über einen Menschen erfahren können. Normalerweise ist es nicht sinnvoll Philosophen zu befragen. Sie haben eine Angewohnheit, die in der persischen Sprache sanud genannt wird – die ziellose Betrachtung beunruhigender, im Grunde aber doch bedeutungsloser Dinge.

Die gelöschte Welt / Nick Harkaway (2)

Seite 445

Von da an war dies einfach unser Leben. Jeder einzelne Tag ist kurz, aber wenn man die Tage zählt, stellt man fest, dass die Zeit sie mit ihrem eigenartigen Fortschreiten zu Jahren zusammengeschmiedet hat. Wir fanden Orte, an denen wir leben konnten, strichen Zäune und Haustüren, die Jahreszeiten schälten die Farbe ab, und wir begannen wieder von vorn. Samuel P. machte Saphira einen Antrag, den sie ablehnte. Als er es ein Jahr später noch einmal versuchte, hetzte ihr Onkel seine Hunde auf ihn. Tommy Lapland fand in seiner Schamgegend ein graues Haar und stürzte in die Bar ohne Namen, um es uns allen zu zeigen. Dabei entblößte er sein legendäres hässliches Glied und veranlasste Tobemory Trent zu der Bemerkung, es habe ihm noch nie so leid getan, ein Auge behalten zu haben. Sally Culpepper wurde strenger und schöner und zog mit Jim zusammen. Baptiste Vasille baute ein Gewächshaus und produzierte einen Wein, der nach Asche und Fischmehl schmeckte. Wir sagten, er sei köstlich, und seufzten erleichtert, als er einen großen Teil seiner ersten Lese selbst trank und anschließend mit dem Panzer rückwärts in sein Gewächshaus fuhr. Annie der Ochse begann, Puppenköpfe zu sammeln. Sie besaß eine Katze, einen Hund, einen Affen und mehrere Bären. Ihr Liebling war jedoch ein Elefantenkopf mit geschwungenen Stoßzähnen aus Hanfseil. Er lächelte traurig, als vermisste er die Taftsavanne und die Sackleinenweiden seiner Heimat. Wir fragten nie, was ihr die Sammlerei bedeutete, weil manche Dinge zur Privatsphäre gehörten, so verrückt und beunruhigend es auch war, die ordentlich über ihrem Bett aufgereihten Köpfe zu sehen. Alles in allem verbrachten wir die Zeit mit Essen, Trinken und Lieben – also wie ganz gewöhnliche Menschen, die ganz gewöhnliche Dinge taten. Bis eines Tages das Rohr Feuer fing, in der Bar ohne Namen das Licht erlosch und Gonzo in seinem neuen großen Truck das erste Mal einen Gang einlegte.

Die gelöschte Welt / Nick Harkaway (1)

Seite 384

Eigentlich hieß sie vorher Pieper Neun Null Bravo Eins Eins Uniform. Wenn man annimmt, dass jeder Bestandteil dieser Bezeichnung für eine Zahl von eins bis zehn oder einen Buchstaben des Alphabets besteht (entsprechend dem Code Alpha Bravo Charlie, den die Militärfans auf der ganzen Welt so lieben), war die Plattform womöglich eine von 78 364 164 096 Einheiten. Kein Mensch weiß, warum eine Firma auf der Erde so viel Spielraum für Seriennummern braucht. Jedes Handy und jeder Videorekorder hat so eine Seriennummer, und die meisten reichen für derart hohe Stückzahlen aus, dass bei der normalen Abfolge von Neuauflagen der Produkte – sagen wir mal, es sind zwischen drei und fünfzig neue Produktvarianten pro Jahr – die Hersteller immer noch reichlich Seriennummern übrig haben werden, wenn die Menschen so weit entwickelt und in ihrer eigenen Technologie so aufgegangen sind, dass der Gedanke, sie müssten ein von ihrem Organismus getrenntes Telefon benutzen, ihnen ebenso absurd vorkommt wie der Vorschlag, die Lunge in der Westentasche herumzutragen.