Früher hatte ich nie Angst vor dem Tod. Ich sah das Ganze relativ pragmatisch: Entweder diese ganze Geschichte von wegen Himmel und Hölle ist wahr, dann geht es mir danach blendend, oder mein Leben endet einfach, ohne dass ich es mitbekomme. Es wird sein wie zu schlafen. Das Ende des Bewusstseins. Prima.
Ich verlor drei meiner vier Großeltern und war durchaus traurig über diesen Verlust, aber das gehörte nunmal zum Leben dazu. Man lebt sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen und irgendwann verlässt man eben diese Welt. Manchmal ist dies sogar eine Erlösung.

Dann wurde das Fräulein Wunder geboren und irgendwo in mir regte sich etwas. Eine leise Stimme, die eine lange Zeit nur unverständliches wisperte. Ich bin nämlich ziemlich gut im Verdrängen, Nichtsehen und Ignorieren von inneren Stimmen. Doch so ganz egal, was mit mir und meinem Leben passierte, war es mir trotzdem nicht mehr.

Doch spätestens als Miss Allerliebst geboren wurde, musste ich mich der Stimme stellen. Denn mittlerweile war sie so laut, dass ich sie nicht mehr überhören konnte. Erst starb meine Lieblingsoma, dann ein guter Freund. Und dann sehe ich meine Eltern an. Mein Papa wird nächstes Jahr 70, meine Mama feierte letzten Sommer ihren 60. Plötzlich verspüre ich so etwas wie Panik. Eine Angst, die ganz tief in mir sitzt und mich nicht so recht loslassen will.
Wie könnte ich weiterleben, wenn der tolle Mann nicht mehr bei mir wäre? Meine Stütze, mein Halt, mein Fels in der Brandung. Meine Welt würde jegliche Farbe verlieren. Ich wäre so allein, wie ein Mensch nur sein kann.
Und ich sehe meine Töchter, wie sie jeden Tag ein Stückchen wachsen. Und wie sehr sie mich dabei brauchen. Was würde mit ihren passieren, wenn ich plötzlich nicht mehr da wäre? Die Vorstellung, sie alleine lassen zu müssen, ist für mich kaum auszuhalten. Alles was die Zukunft für sie bereit hält, könnte ich nicht begleiten. Schulbeginn, der erste Freund, Hochzeit, Kinder. Ich wäre nicht da um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sie tröstend zu umarmen, sie liebevoll an mich zu drücken oder ihnen einfach mal einen dicken Kuss auf die Wange zu drücken, weil ich sie so sehr liebe.
Daran, dass meinen Kindern etwas passieren könnte, kann ich gar nicht denken. Zumindest nicht bis zur letzten Konsequenz. Bereits im Ansatz schnürt sich mir die Kehle zu und fühle ich die Tränen, die hinter meinen Augen brennen.
Ich ertappe mich in letzter Zeit häufiger dabei, wie ich mal schnell ins Kinderzimmer husche um zu sehen, ob meine Kinder noch atmen. Ich bin manchmal übervorsichtig, wenn es um das Fräulein Wunder geht. Mein Kopfkino springt immer häufiger an.

Ich weiß noch nicht genau, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen soll. Wenn das Fräulein Wunder wie aus dem Nichts morgens beim Schuheanziehen sagt „Mama? Wenn Du tot bist, bin ich ganz allein.“ habe ich das Gefühl, dass meine Ängste plötzlich ganz greifbar vor mir stehen. Ich schlucke und stammle und kann doch nicht so ganz verbergen, wie sehr ich ihre Furcht teile.
Ich suche also noch nach Gleichgewicht. Der Zuversicht, dass alles gut werden wird, selbst wenn etwas schlimmes passieren sollte. Genau aus diesem Grund (und natürlich noch einigen anderen) sollte das Fräulein Wunder nicht alleine aufwachsen und so wurden sie und wir mit Miss Allerliebst beschenkt.

Manchmal ist der Schmerz der Liebe kaum auszuhalten. Und trotzdem nehme ich ihn gerne in Kauf.

Heute morgen habe ich wie immer das Fräulein Wunder in den Kindergarten gebracht. Miss Allerliebst saß dabei auf meinem Arm und freute sich ihres Lebens. Wie immer verabschiedete ich mich vom Fräulein, während diese bereits mit ihrer Freundin auf die Stühle vor der Fensterbank kletterte, damit sie mir bzw. ich ihr zum Abschied winken und gefühlte 5 Millionen Kusshände zuwerfen kann.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich andere Mamas. Quatsche hier ein bißchen, während ich Miss Allerliebst in ihren Kinderwagen packe, grüße da hinüber, während ich langsam um das Gebäude herum gehe, plane nebenbei im Kopf meinen Tag und unterhalte mich dabei mit einer weiteren Mama, die einen kleinen Knirps von etwa zwei Monaten in der Trage vor dem Bauch hängen hat. Auf dem Weg nach draußen kommt mir auch noch ein frisch gebackener Zweitpapa entgegen (was ich vor etwa zehn Minuten erst erfahren hatte), dem musste ich natürlich auch noch gratulieren.

Dann zu Hause der Schock. Ich habe nicht gewunken!! Ahhhhhhh!! Ich habe vor lauter lauter … und weil ich gedanklich bereits mit anderen Dingen beschäftigt war … und überhaupt … Ich hab’s einfach vergessen!! Ich RABENMUTTER!!

Den ganzen Tag fühle ich mich sowas von schlecht, mein schlechtes Gewissen ist groß wie ein Hochhaus, mein Herz schmerzt bei dem Gedanken an das Fräulein Wunder, das über mir, beinahe zum Greifen nahe hockte und sich wahrscheinlich den Wolf gewunken hat, während ich sie links liegen ließ und einfach nach Hause marschierte.

Als ich sie gegen ein Uhr abhole, ist von dem Desaster am Morgen nur in meinem Kopf etwas zu spüren. Das Kind freut sich wie immer mich zu sehen, zeigt mir dies und das von dem, was sie heute gemacht hat, holt ihren Rucksack, zieht ihre Schuhe gewohnt laaaaangsam an und trottet dann hinter mir her die Stufen hinunter und hinaus in den sommerlichen Tag. Dort kann ich dann nicht mehr an mich halten. „Beim Winken heute, war das schon ein bißchen komisch, oder?“ fange ich vorsichtig an. „Hm,“ nickt das Fräulein, äußerlich weiterhin ziemlich unbeeindruckt. „Ich habe vergessen zu winken, gell?“ werde ich also etwas konkreter. „Ja,“ stimmt das Fräulein mir zu. Wir befinden uns mittlerweile unter besagtem Fenster, also sozusagen am Ort des Geschehens, so dass ich anhalte, mich zu ihr hinunter in die Hocke begebe und sie direkt anschaue.“ Ich habe ein bißchen geweint,“ erklärt das Fräulein kläglich und mir bricht endgültig das Herz. „Es tut mir ganz schrecklich leid,“ sage ich ihr und nehme sie in den Arm. „Ich verspreche, es kommt nie, nie wieder vor, okay?“ füge ich hinzu und fühle mich absolut schrecklich. „Schon gut Mama,“ verkündet das Fräulein daraufhin großspurig und der Großmütigkeit nicht genug, tätschelt sie mir dann auch noch aufmunternd den Rücken, während sie nun mich ganz fest drückt. Schließlich fängt sie an, auf mir herumzuklettern und lacht sich dabei nen Ast.

Mein Kind! Hach!

Bevor wir das Fräulein Wunder bekamen hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Stillen. Die perfekte Symbiose zwischen Kind und Mutter, ganz natürlich, ganz einfach. Dachte ich.
Doch bereits im Krankenhaus begann ich zu ahnen, dass es vielleicht nicht ganz so einfach werden würde. Überall liest man oder hört man, dass Babys den Weg zur Brust von ganz alleine finden. Nun ja … da scheint das Fräulein eine große Ausnahme zu bilden (und Miss Allerliebst auch, aber dazu später). Es war jedenfalls nicht einfach ihr den Weg zur Brust zu zeigen. Hinzu kommt in meinem Fall auch noch die überwältigende Größe von Körbchen*größe G, so dass ich zum einen erst einmal sehen musste, wie das Fräulein das adäquat in ihren winzigen Mund bekommt und zum anderen dabei nicht erstickt.

Als wir dies ohne fremde Hilfe geschafft hatten (ein denkwürdiger Augenblick nachts um drei im Stillzimmer der Wochenbettstation an Tag 3), dachte ich wieder „Jetzt wird es ganz natürlich und einfach.“
Aber auch hier irrte ich. Denn saugende Lippen und Kiefer eines Babys hinterlassen Spuren an der Brust, davon machen sich nicht-stillende Frauen keinen Begriff. Als wäre man mit einer Stahlbürste darüber gefahren. Ehrlich. Da war Blut und selbst als noch kein Blut da war, tat es höllisch weh.
Aber das sind ja nur Schmerzen. Die kann man irgendwie aushalten. Zumal die Babys irgendetwas in ihrem Speichel haben müssen, das recht schnell betäubt. Die ersten Trinkzüge tun noch abartig weh, danach hört der Schmerz aber relativ schnell ganz auf.

Das Fräulein und ich fanden in den nächsten sechs Wochen relativ schnell einen guten Rhythmus. Vier Stunden am Tag, sechs Stunden in der Nacht. Das Fräulein schien augenscheinlich gut satt zu werden und gedeihte prächtig.
Leider war im Gegensatz dazu meine Technik immer noch nicht wirklich ausgereift. Ich habe keine Ahnung, wie Frauen das machen, die in Cafés oder irgendwelchen anderen öffentlichen Plätzen einfach mal so ihre Kinder stillen. Ich benötigte dazu meine Couch, das Stillkissen und jede Menge Konzentration. Von wegen einfach und natürlich. Pah!
Aber ich arrangierte mich damit. Immerhin ist Muttermilch das beste fürs Kind und ach so praktisch und überhaupt.

Nach acht Wochen dann die Brustentzündung. Von jetzt auf nachher hatte ich 40 Fieber und Schüttelfrost. Und die beste Hebamme von allen war im Urlaub.
Also sind wir ins Klinikum gefahren, wo sie mich dann auch gleich ganze fünf Tage da behalten haben. Alle drei Stunden musste ich abpumpen und das auch in der Nacht, ich bekam Quarkumschläge und Antibiotika und das Fräulein nächtigte neben mir in einem dieser Neugeborenen Bettchen. Eine ausgebildete Stillberaterin nahm sich meiner, immer noch vom Stillen malträtierten Brust*warzen an, attestierte mir, dass ich das Fräulein richtig anlege und verordnete eine Lasertherapie, die zwar die Warzen relativ schnell wieder gut aussehen lies, aber die Schmerzen nicht wirklich nehmen konnte.
Die Milch ging dabei auf die Hälfte zurück, so dass das Fräulein mit Milchpulver zugefüttert werden musste. Ich wurde schließlich als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen, wie ich meine Milchproduktion allerdings wieder anregen sollte, konnte mir irgendwie niemand sagen. Oft anlegen, viel Silltee trinken, Milchreis und Hühnerbrühe essen und auf das beste hoffen.

Ich quälte mich damit noch ganze zwei Wochen rum. Unglaublich, wenn ich mir das heute so überlege. Fräulein stillen und dann noch eine Flasche hinterher geben. Was wir so alles mitgemacht haben. Und wie viel Zeit wir damals für so einen Schnickschnack hatten!

Und das Ende vom Lied: Ich habe dann doch abgestillt, wenn ich mir die Entscheidung damals auch nicht leicht gemacht habe. Noch drei, vier Wochen danach vermisste ich den kleinen Kinderkörper an meiner Brust und habe deshalb so manche Träne vergossen und das, obwohl die Flasche rein vernunftmäßig das einzig Richtige war. Körperlich war alles eine schnelle und klare Angelegenheit: Tablette schlucken, Flasche geben. Emotional hatte ich lange daran zu knabbern. Und manchmal glaube ich, ich tue das heute noch.

Dann war ich mit Miss Allerliebst schwanger und natürlich stellte sich hier wieder die Fragen aller Fragen „Stillen oder nicht stillen?“

Mein erster Impuls war eindeutig „Nicht stillen“. Doch der tolle Mann widersprach und meinte, dass wir es doch wenigstens probieren sollten. Schließlich wäre Muttermilch das beste für das Baby, ganz natürlich und vielleicht wäre diesmal ja alles ganz einfach.
Ich suchte also das Gespräch mit der besten Hebamme von allen. Nach einer Stunde hatte ich die Vorfreude auf das Stillen tief in mir wiedergefunden und war fest entschlossen, es einfach wieder zu versuchen. Mehr als schiefgehen konnte es doch nicht und wer sagte denn, dass bei Miss Allerliebst alles genau so laufen würde?

Miss Allerliebst wurde geboren und siehe da, das Anlegen klappte nach kurzer Zeit ganz unproblematisch. Vielleicht war ja doch alles ganz einfach.
Ich verließ die Klinik nach drei Tagen mit dem guten Gefühl, das mit dem Stillen schon irgendwie hin zu bekommen. Weh tat es natürlich auch diesmal, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es diesmal gar nicht so schlimm war. Auch fand ich das Anlagen gar nicht mehr so kompliziert und ich traute mir nun durchaus zu, auch außer Haus Miss Allerliebst an die Brust zu legen (wenn eine entsprechende Sitzgelegenheit und ein Kissen in Reichweite war. Aber immerhin …). So weit so gut.

Was nicht ganz so funktionierte war das Durchhalten von Miss Allerliebst. Nach fünf bis sieben Schlucken schlief sie regelmäßig ein. Diesmal ist scheinbar ein Betäubungsmittel in der Milch. Ich stillte, weckte, stillte, wickelte um zu wecken, stillte und hoffte auf das beste. Dass ich für das alles meist gute eineinhalb Stunden benötigte war erst einmal kein Thema. Der tolle Mann hatte Urlaub und ich nahm mir einfach die Zeit. Anfangsschwierigkeiten hatte ich ja schließlich erwartet und das würde schon werden.

Nachdem Miss Allerliebst aber auch nach zwei Wochen weiterhin ab- statt zunahm, mussten wir etwas unternehmen. Die tollste Hebamme von allen machte sich bereits Sorgen, kam täglich zum Wiegen und schüttelte dann immer wieder den Kopf und seufzte vielsagend.
Maßnahme eins bedeutete wieder abpumpen. Einfach um zu sehen, wie viel Milch zur Verfügung stand und es der Miss etwas leichter beim Trinken zu machen. Aber dieses Pumpen machte mich schon bereits beim Gedanken daran ganz depressiv. Da kam es mir ganz recht, dass die Pumpe mehr schlecht als recht funktionierte und ich mich damit nur einen halben Tag befassen musste. Immerhin. Drei Mal habe ich jeweils eine gute Stunde für sage und schreibe 70 ml gepumpt. 90 hätten es sein sollen.
Also verabschiedeten wir uns von der Pumpe und fingen mit dem Zufüttern wieder an. Die Theorie: Wenn Miss Allerliebst wieder ihr Geburtsgewicht hat, ist sie auch kräftiger und trinkt besser und länger.

Innerhalb von fünf Tagen hat Miss Allerliebst nun die fehlenden 300 Gramm zugenommen und so beschlossen die tollste Hebamme und ich vorgestern, auf die Flasche wieder zu verzichten.

In mir hatte aber bereits ein Prozess eingesetzt, der nach dem gestrigen katastrophalen Stillabend, heute morgen abgeschlossen wurde.
Ich hatte keinen Spaß mehr am Stillen. Ich empfand das ganze Hin und Her, den großen Zeitaufwand und die immer wieder kehrenden Rückschläge als Belastung. Ich hielt mich zwar mit dem Gedanken bei der Stange, dass alles besser werden würde, wenn Miss Allerliebst wieder ganz auf der Höhe war, aber so recht glaubte ich irgendwie nicht daran.

Ich muss zugeben, dass es zwischendurch wirklich gut klappte. Die Miss trank brav und zügig, auch wenn ich trotzdem noch eine gute Stunde für eine Fütterung und mindestens einen Weckruf benötigte. Doch ich hatte das Gefühl, dass sie richtig satt wurde. Allerdings dies auch nur bei durchschnittlich jedem zweiten Mal, an dem sie trank.
Die anderen Male wollte sie partout die Brust nicht nehmen, brüllte wie am Spieß vor Hunger und Frustration und konnte kaum bis gar nicht beruhigt werden. So haben wir gestern Abend vier Stunden von halb sieben bis halb elf verbracht. Mit Schreien, gelegentlichem Trinken von maximal fünf Schlucken, bevor das Schreien wieder los ging. Dazwischen beruhigen durch Saugen an Mamas kleinem Finger und kurzzeitiges Einschlafen, während dem ich es irgendwie fertig brachte, in Etappen den Kuchen für den heutigen Kuchenverkauf in des Fräulein Wunder Kindergartens zu glasieren und mit Zuckerstreusel zu versehen.
Um halb elf habe ich dann aufgegeben und eine Flasche gemacht. Die wurde von Miss Allerliebst in einem Zug förmlich inhaliert und danach war so wohltuende Ruhe, dass ich vor Erleichterung hätte heulen können. Stattdessen sind wir ins Bett gegangen.

Heute morgen weckte mich dann die Miss um 6.30 Uhr mit mittellautem Quaken. Klar, sie hatte bestimmt Hunger (und ja, sie schläft wirklich durch und das trotz Stilldesaster. So ein braves, liebes Kind!). Also rausgequält, angelegt und nach sieben Schlucke wieder ins Bett getaumelt, weil das Kind sich einfach nicht mehr wecken lies. Um acht waren wir dann alle endgültig wach, da das Fräulein ja auch in den Kindergarten muss (wo sie Gott sei Dank der tolle Mann hinbringt).
Die Miss brüllte bereits wieder vor Hunger (kann ich verstehen, hätte ich auch), doch das Theater vom gestrigen Abend setzte sich einfach fort. Da wird geschrieen wie am Spieß, aber die Brust, von der die Milch bereits in den geöffneten Mund tropft, wird ignoriert.

So. Und nun? Ich habe keine Ahnung, ob es da draußen so viele standfestere Mütter gibt oder ob bei denen wirklich alles ganz natürlich und einfach ist. Fest steht jedenfalls, dass die ganze Stillerei uns alle fertig macht. Mich sowieso, Miss Allerliebst auch und nicht zu letzt muss das Fräulein Wunder darunter ebenfalls leiden, weil ihre Mutter zum einen Ewigkeiten mit Stillen beschäftigt ist und zudem so angespannt und genervt ist, dass sie ihr im Moment nichts recht machen kann.

So habe ich mir das einfach nicht vorgestellt und anders als beim Fräulein ziehe ich schneller meine Konsequenzen. Ich werde die tollste Hebamme von allen also heute Mittag darum bitten, mir diese Tabletten zum Abstillen zu geben. Diese Entscheidung erfüllt mich mit grenzenloser Erleichterung und gleichzeitig heule ich schon den ganzen Morgen vor mich hin.
Weil es sich eben doch nach Versagen anfühlt. Als würde ich meinem Kind etwas schlimmes antun, wenn ich ihm jetzt die Flasche gebe. Als würde ich egoistisch handeln, denn die Flasche hat unbestreitbar hauptsächlich für mich Vorteile.

Und dann versuche ich daran zu denken, wie das heute Morgen war, als ich Miss Allerliebst die Flasche gegeben habe. Sie wirkte auf einmal so entspannt, ließ sich ohne Geschrei wickeln, schaute interessiert in der Gegend herum und machte einfach einen sehr zufriedenen Eindruck. Und wenn ich dann noch bedenke, dass ich normaler Weise eine bis eineinhalb Stunden mit Stillen beschäftigt gewesen wäre und ich in dieser Zeit heute, nach der Flasche, bereits geduscht und die Küche auf Vordermann gebracht habe, dann motiviert mich dies natürlich zusätzlich, auch wenn dies eigentlich einer der oben erwähnten egoistischen Gründe ist. Immerhin kann ich mir hier sagen, dass ich heute Nachmittag die durch die Flasche gesparte Zeit für das Fräulein Wunder nutzen kann. Ich kann endlich richtig mit ihr spielen oder etwas vorlesen, ohne dass dabei ein anderes Kind an meiner Brust hängt und eigentlich meine Aufmerksamkeit bräuchte.

Wahrscheinlich werde ich mich für den Rest meines Lebens für das vorzeitige Abstillen beider Kindern vor anderen rechtfertigen, aber das muss ich wohl in Kauf nehmen. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Der tolle Mann sieht das übrigens und Gott sei Dank genau so. Er meinte, dass er und ich und auch das Fräulein Wunder mit der Flasche groß geworden sind (O-Ton „Na ja, Du vielleicht nicht, aber du weißt, was ich meine, oder?“ Ha, ha.). Und die tollste Hebamme von allen hat sowieso von Anfang an gesagt, sie tut, was immer ich für richtig halte und redet mir nicht rein.

Jetzt brauche ich also nur noch diese kleinen Tabletten und dann bin ich frei. Und wahrscheinlich untröstlich. Aber das gehört wohl dazu.

Es kommt einem so unwirklich vor, wenn man morgens angerufen wird und einem mitgeteilt wird, dass ein guter, langjähriger Freund ganz plötzlich verstorben ist. Jemand in unserem Alter, einer, den wir seit vielen, vielen Jahren kennen, der immer zu uns gehört hat, wenn wir uns auch in den letzten Jahren ein wenig von einander entfernt haben.

Schock. Trauer. Entsetzen. Dieses Unwirklichkeitsgefühl verflüchtigt sich irgendwie nicht.

Ich muss die ganze Zeit daran denken, wie es seiner Frau jetzt wohl geht. Alleine in dem Haus. Du gehst abends ins Bett und die andere Betthälfte bleibt leer und du weißt, dass sie für immer leer bleiben wird.
Diese Momente, in denen du einfach nur kurz einen Gedanken loswerden willst oder einen kurzen Rat brauchst und der Mensch, der immer ganz selbstverständlich für dich da war, ist es nun nicht mehr.
Kopfkino Deluxe. Ich könnte schon wieder heulen.

Und wie bringt sie es ihrem 8 Jahre alten Sohn bei? Er war bis heute auf einer Freizeit und war somit wenigstens nicht zu Hause, als es passiert ist. Diese Bilder brennen sich sicherlich auch für ein ganzes Leben in dein Hirn.

Wir hatten in der Vergangenheit mit ihr so unsere Schwierigkeiten, so dass wir nicht zu dem Kreis gehören, der sofort zu ihr eilt um ihr persönlich beizustehen. Trotzdem würde ich gerne irgendetwas tun. Ich hoffe und fürchte gleichzeitig, sie kommt irgendwann auf unser Hilfsangebot zurück.

Und dann sitzen wir da beim Abendbrot, ich halte Miss Allerliebst ganz fest im Arm, das Fräulein Wunder hat es sich auf dem Schoß des tollen Mannes bequem gemacht und ich bin so dankbar und glücklich für und mit meiner kleinen Familie und spüre gleichzeitig einen Anflug von schlechtem Gewissen darüber.
Und mir schießen wieder die Tränen in die Augen und ich sehe, dass es dem tollen Mann genau so geht.

Wie heißt es so schön? Das Leben ist ein Arschloch.

Bekanntermaßen leidet das Fräulein Wunder an einer Allergie gegen Milch (nein, nicht nur Laktose sondern tatsächlich Milchzucker und Milcheiweiß) und Ei. Seit sie ein Baby ist und ich wegen einer Brustentzündung und der dadurch ausbleibenden Milch nicht mehr stillen konnte, bekam sie also kuhmilchfreie Produkte. Sie trinkt literweise Sojamilch, liebt Soja-Joghurt und -Pudding, steht auf ihre Pizza ohne Käse, beim Eismann gibt es leckeres Fruchteis ohne Milch oder Sahne und wir lesen gewissenhaft jede Zutatenliste, ob Milch oder Ei enthalten sind.
Gott sei Dank ist das Fräulein das beste der Welt und fragt inzwischen bei unbekannten Lebensmitteln immer erst nach: „Kuhmilch drin?“ Auch würde sie von Fremden nie etwas zu Essen nehmen, ohne sich von mir oder dem tollen Mann das Okay zu holen. Gerade beim Kinderturnen, bei dem es am Ende immer ein großes „Picknick“ aus mitgebrachten Dingen der Eltern gibt, ist das sehr praktisch. Die meisten Kekse sind tabu, Käse geht natürlich auch nicht und neuerdings scheint es Reiswaffeln kaum noch „Natur“ zu geben, sondern sie müssen mit Joghurt oder Schokolade sein. Geht also auch nicht. Undsoweiterundsofort.

Das Fräulein Wunder nimmt das alles sehr gelassen. Wir haben auch immer versucht, sie von Anfang an darauf vorzubereiten. Somit werden Kekse von anderen, die sie nicht essen darf, trotzdem öffentlich vor ihren Augen verteilt und sie bekommt von mir eben die, die sie essen darf. Auch wenn mal kein „Ausgleich“ zur Hand ist, muss sie da durch. Ich halte nichts davon, heimlich hinter ihrem Rücken die Süßigkeiten zu verteilen. Lieber verteilen und ihr bedauernd aber klar und deutlich mitteilen, dass in den Keksen leider Ei drin ist und sie sie deshalb nicht essen kann.
Das klingt jetzt vielleicht etwas hart, aber das hat alles seinen Sinn. Die Ärzte sagen, dass sich so eine Allergie mit der Zeit verwächst, doch weiß ich, ob und wann das sein wird?  Und was ist, wenn sie auf die ersten Kindergeburtstage geht und sich die anderen Kinder über Kuchen und Kekse hermachen und sie nicht weiß oder nicht gelernt hat, auf so etwas zu verzichten? Oder im Kindergarten später vielleicht mal nicht so genau hingesehen wird, ob die Kinder ihre Pausenbrote austauschen? Und, und, und.

Mittlerweile ist ihr gesamtes Umfeld allerdings so sensibilisiert, dass die meisten zum einen dem Fräulein schon gar nichts mehr anbieten, in dem Ei oder Milch enthalten ist oder mich vorher fragen. Auch die Bereitschaft, sich so viel Mühe zu machen und extra Produkte ohne die beiden Zutaten mitzubringen oder sie sogar extra zu backen ist unglaublich.
Ich gebe auf Nachfrage immer gerne Rezepte ohne Milch oder Ei weiter. Es gibt ganz tolle Bananenmuffins oder Nussschnecken, denen man gar nicht „anschmeckt“, dass da kein Ei drin ist. Überhaupt ist ein Ei beim Backen durch Mineralwasser hervorragend zu ersetzen  (fünf Eier sind allerdings ein wenig zu viel).

Aber eigentlich wollte ich das alles gar nicht erzählen. Ist aber vielleicht ganz interessant als Vorgeschichte (hoffe ich zumindest).

Eigentlich geht es darum, dass diese Allergie jedes Jahr neu ausgetestet werden sollte. Kuhmilch war uns relativ früh, schon im Säuglingsalter klar, nachdem das Fräulein auf das herkömmliche Milchpulver reagiert hat und es mit einem speziellen Milchpulver ohne Kuhmilch wesentlich besser wurde.
Die Allergie gegen Ei wurde hochprofessionell im Krankenhaus getestet. Hierzu werden im ungünstigsten Fall zwei Mal zwei Tage stationär benötigt, da die Ärzte sowohl mit echtem Ei als auch mit Placebo arbeiten um herauszufinden, ob der Ausschlag nun von der Hysterie der Mutter oder wirklich vom Ei stammt. Und da keiner weiß, wann was gegeben wird, waren wir tatsächlich in der unglücklichen Lage, uns zwei Mal in diesem Etablissement einmieten zu müssen.
Bei der zweiten Runde hat das Fräulein auch gleich bei der dritten Gabe Apfelgriesbrei mit einem Spritzer Frischei (die Menge wurde mit einer Spritze auf einen Löffel gegeben, es handelte sich also insgesamt um nicht mehr als einen halben Teelöffel) so heftig mit Hautausschlag und Juckreiz reagiert, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass das kein Placebo war.

Das Jahr ist nun allerdings schon seit Juli um. Immer wieder schiebe ich es vor mir her zum Kinderarzt zu gehen und ihr Blut abnehmen zu lassen und damit zu bestimmen, ob sie nun in die Klinik muss.
Erst war es ja viel zu heiß, das muss man ja nicht im Sommer machen, dann war im September so viel los und dann kam der Oktober und ich nahm mir jeden Tag wieder vor „morgen rufst du an und machst einen Termin“, doch das hat mein Unterbewusstsein einfach immer wieder verdrängt.
Mit einem kleinen aber gezielten Schubs in die richtige Richtung (Danke nochmal hierfür), habe ich also dann endlich einen Termin ausgemacht.

Und dann kommen diese ganzen Bilder wieder hoch. Der Test und das Krankenhaus, das gelbe Gitterbett, die Clowns, die nachmittags zur Aufheiterung der Kinder auf die Station kamen … alles im Grunde machbar und in letzter Konsequenz auch gar nicht so schlimm. Damit werde ich fertig und kann somit für meine Tochter stark sein und ihr den Rückhalt und den Trost geben, den sie in dieser doch sehr beängstigenden aber leider notwendigen Situation braucht.
Aber die Sache mit den Nadeln ist ein anderes Thema.

Das Fräulein Wunder war vor diesem Krankenhausaufenthalt nie ängstlich beim Kinderarzt, war immer freundlich, hat beim Impfen kaum geweint und hatte überhaupt kein Problem damit, dort hin zu gehen.
Danach hat sich das vollkommen geändert. Alleine die Erwähnung eines Arztes ließ sie unruhig werden, die ersten Male wollte sie die Praxis unseres Kinderarztes gar nicht betreten und kaum hat sie ihn gesehen, hat sie laut geweint und wollte sozusagen in mich hineinkrabbeln, um vor ihm sicher zu sein.
Inzwischen haben wir es auf ein wieder annehmbares Maß gebracht. Wir haben viel geredet, ihr gezeigt, dass der Doktor meistens „nur guckt“ und ihr nichts tut und die letzten beiden Arztbesuche gingen tatsächlich relativ entspannt für sie über die Bühne.

Und nun wieder die Nadeln. Ich sehe es immer noch vor mir, wie das kleine Fräulein, damals gerade zarte 15 Monate alt, im Krankenhaus von einem Arzt, zwei Schwestern und von mir auf der Pritsche festgehalten wurde, um ihr einen Zugang zu legen. Vier Mal musste der Arzt neu ansetzen, beide Hände, beide Füße, nichts hat geklappt. Und ich weintet dabei vielleicht leiser, aber mindestens genau so verzweifelt wie das arme, kleine Fräulein.
Hätte ich gekonnt, hätte ich mich für sie da hin gelegt. Sollten sie mich doch mit glühenden Eisen quälen oder ohne Narkose aufschneiden – alles egal. Nur hört auf mein Mädchen zu quälen.

Tja. Und nun heute die erste Etappe auf dem Weg der Nadeln. Blutabnehmen beim Kinderarzt. Anhand von bestimmten Werten kann man ersehen, ob eine Allergie gegen Milch oder Ei wahrscheinlich ist und auf Grund dieser Werte wird dann entschieden, was weiterhin passiert.
Das Fräulein Wunder war wirklich tapfer. Sie hat weder vorher noch hinterher geweint, auch wenn sie versucht hat, den Doktor gekonnt zu ignorieren. Das Stechen war allerdings weniger schön, wenn ich auch sagen muss, dass es für uns beide nicht ganz so schlimm war (hoffe ich). Natürlich hat sie geweint. Zum einen tut das ja nunmal schon weh, zum anderen hat sie nicht gerade die schönsten Venen, so dass da schon ein bißchen gesucht und gestochert wurde und sie hasst es nach wie vor, wenn sie jemand festhält.
Aber als das Blut dann lief, war sie eher fasziniert als ängstlich und nach ein paar letzten Schluchzern und dem netten Igelpflaster (und besonders den Gummibärchen vom Dok), war alles wieder gut.

Ich weiß noch nicht so genau, auf was ich hoffen soll. Wenn die Werte gleich geblieben sind, warten wir ein weiteres Jahr ab und machen weiter wie bisher. Wir fahren ja bisher mit den Ersatzprodukten nicht schlecht (auch wenn das Kochen manchmal leichter wäre, denn für Käse, sei es nun gerieben, Schmierkäse oder Frischkäse, gibt es leider keinen Ersatz). Aber eben noch einmal ein Jahr warten, danach die ganze Prozedur noch einmal.
Oder hoffe ich auf veränderte Werte, die uns tatsächlich in die Klinik führen. Eigentlich des Fräulein Wunders und mein Albtraum, aber mit der Aussicht, vielleicht nie wieder da hin zu müssen. Hmmmmm.

Nun ja, wir werden es erleben. Ändern kann ich sowieso nichts. Jedenfalls bin ich froh, den ersten Schritt gemacht zu haben. Wie das eben so ist mit Dingen, die man ewig vor sich her schiebt. Wenn man sie (erst einmal) abhaken kann, fühle ich mich dann doch wesentlich besser und erleichtert.

Es ist Freitag Mittag, so gegen halb zwei. Der tolle Mann hat eigentlich Urlaub, nutzt aber diesen Tag, um eine Runde Motorrad zu fahren. Das Fräulein hat den Vormittag mit mir und den Großeltern auf dem Markt verbracht und ist entsprechend glücklich und kaputt vor einer halben Stunde eingeschlafen. Das Buch in meiner Hand wird langsam schwer, genau so wie meine Augendeckel. Also kuschele ich mich auf die Couch und schließe die Augen. Wenn alles gut läuft, bekomme ich noch eine Stunde Mittagsschlaf.

Natürlich ist dies Wunschdenken, denn es klingelt just in diesem Moment das Telefon. Ich beeile mich, damit nicht auch noch das Fräulein wach wird. Während ich mit fliegenden Fingern den Hörer an mich reiße, registriere ich eine mir unbekannte Nummer.
„Hallo?“ melde ich mich.
„Guten Tag, ist dort die Frau des tollen Mannes?“ Entgegnet eine freundliche, weibliche Stimme.
„Ja, das bin ich.“
„Gut. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht. Hier ist das Krankenhaus in Bruchsal. Bitte, bitte nicht erschrecken.“
Ich denke noch Erschrecken? Wieso sollte ich erschrecken? Und was will denn ein Krankenhaus, noch dazu in Bruchsal von mir?
„Wir haben Ihren Mann bei uns.“

Ich kann nicht sagen, welche Gedanken mir in diesem Moment durch den Kopf gehen. Mein Herz saust auf jeden Fall hinunter in die Zehen und mein Hintern sinkt bleischwer auf das Sofa.
„Bitte machen Sie sich keine Sorgen es geht ihn gut!“ redet die Frau schnell weiter, so als wüsste sie, dass sie nur mit diesen Worten die Horrorszenarien in meinem Kopf stoppen kann, in denen Unmengen von Blut, glitschige Gedärme und zerschmetterte Gliedmaßen eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen.
Während ich also auf dem Sofa sitze, das Telefon wie eine Bekloppte an mein Ohr drücke und die Tränen irgendwie versuche zurück zu halten, erklärt mir die nette Frau, von der ich nicht einmal weiß, ob sie eine Ärztin oder Schwester oder überhaupt jemand vom Personal des Krankenhauses ist, dass der tolle Mann einen ziemlich beeindruckenden Schutzengel haben muss. So sei er nämlich mit 160 km/h von seiner Maschine abgestiegen und hätte sich nichts weiter dabei getan.
Ich hake sofort noch einmal nach. „Keine Knochenbrüche? Fleischwunden? Schädeltrauma? Nichts? Gar nichts?“
Die Frau bestätigt dies und fügt noch hinzu „die Hände hat er sich aufgeschürft, das ist alles.“ Dann fährt sie fort „Ihr Mann wollte eigentlich gleich nach Hause fahren, aber das habe ich ihm ausgeredet.“
Ja, klingt ganz und gar nach meinem Mann.
„Bei so einem Sturz kann es zu Rissen in den Organen und inneren Blutungen kommen, die man im ersten Moment nicht bemerkt.“
Ja, das kann ich mir irgendwie ziemlich gut vorstellen.
„Deshalb werden wir ihn auf jeden Fall über Nacht hier behalten.“
„Das ist eine gute Idee,“ pflichte ich ihr bei und wenn ich nicht wüsste, wie sehr der tolle Mann Krankenhäuser verabscheut, dann würde ich mir wünschen, dass sie ihn gleich übers Wochenende da behalten. Nur zur Sicherheit.
Sie versichert mir noch zwei Mal, dass der tolle Mann lebt und so gut wie unversehrt ist, dann verspricht sie mir, dass er mich innerhalb der nächsten Stunde selbst anrufen wird, sobald er auf Station angekommen ist.
Als sie auflegt fühle ich mich, als sie ich gerade vor einen Bus gelaufen. Oder noch besser: Als sei ich gerade bei Tempo 160 von einem Motorrad  abgestiegen.

Die unglaublich lange, nicht enden wollende, verf**** Stunde Wartezeit verbringe ich mit verbissenem Wäschelegen und einem Auge auf dem Telefon.

Als es endlich klingelt, ist seine Stimme das schönste, was ich seit langem gehört habe. Gleich nach seinem „Hallo“ frage ich ihn, wie es ihm geht und er antwortet „Mir geht es gut.“
Das sagen sie bei Dr. House auch immer, doch dann ist noch eine Sendezeit von einer dreiviertel Stunde übrig.
Er erklärt mir, dass er auf der A5 unterwegs gewesen wäre, entspannt ein Liedchen pfeifend und nichts böses ahnend, als ihm plötzlich irgendetwas den Lenker aus der Hand schlägt. An den eigentlichen Sturz kann er sich nicht mehr erinnern, aber er weiß noch, was er bei der ewig langen Rutschpartie Richtung Seitenstreifen und damit direkt auf die Leitplanke zu, gedacht hat. Mir wird abwechselnd heiß und kalt.
Unter anderem hoffte er inständig, dass die nachfolgenden Fahrzeuge rechtzeitig bremsen würden, damit er nicht auch noch überfahren wird. Sensationeller Weise hielten alle an und gleich aus dem ersten Wagen kam eine Hand zum Vorschein, die ein Blaulicht auf das Dach setzte. Polizei in Zivil. Die konnten ihm auch gleich genau sagen, wie schnell er gefahren war.

Ich verspreche, so schnell wie es geht zu ihm zu kommen – wenn das Fräulein aufgewacht ist und ich ein paar Sachen zusammen gepackt habe. Wir legen mit einer inbrünstigen Liebesbekundung auf und ich suche schon einmal die wichtigsten Dinge wie Bücher, PSP und den neue Spiegel zusammen.
Dabei gehen mir immer wieder die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Am vorherrschensten  ist die Frage, was ich gemacht hätte, wenn ich jetzt  nicht die Möglichkeit hätte zu einem noch atmenden, unversehrten Mann zu fahren. Doch die Antwort verdränge ich immer wieder ganz schnell.

Eine gute Stunde später – ich habe mich durch den Berufsverkehr, Baustellen und Freitagsnachmittagströdler gekämpft – stampfe ich mit dem Fräulein an der Hand in das besagte Krankenhaus. Ich öffne die Tür zu Zimmer 123 und höre seine Stimme. „Ah, da sind sie ja.“ und könnte schon wieder heulen.
Er wirkt so lebendig, wie man nur sein kann, auch wenn in seinen Augen noch der Schock zu lesen ist. Seine Hände sind weiß bandagiert und von seiner Armbeuge verläuft ein Schlauch zu einer leeren Infusion. Aber ansonsten scheint er tatsächlich an einem Stück zu sein.
Wir umarmen uns etwas länger als sonst und küssen uns ganz vorsichtig. Er riecht so gut und er fühlt sich warm unter meinen Händen an. Ich kann es immer noch nicht ganz fassen.
Das Fräulein hat sichtbar Angst vor seinen Verbänden. Irgendwie sieht Papa heute nicht aus wie Papa. Außerdem gefällt es ihr in dem Krankenhaus nicht besonders. Doch auch ein quängelndes Fräulein kann mein Glück nicht trüben.

Inzwischen sitze ich hier an meinem Computer, meine Augen brennen vor Müdigkeit, ich habe mir eine Tiefkühlpizza reingezogen und dabei an den tollen Mann gedacht, der nur Zwieback und Tee bekommt. Wir haben uns am Telefon eine gute Nacht gewünscht und ewig gebraucht, bis wir auflegen konnten. Ich fühle mich einsam und ich vermisse ihn ganz schrecklich. Dann denke ich aber wieder, dass es schlimmer hätte kommen können, als lediglich eine Nacht von ihm getrennt zu sein.

Ich glaube, ich trinke jetzt noch einen Schnaps und gehe dann ins Bett. Vielen Dank fürs Zuhören. Gute Nacht.

Ich hatte gestern ein sehr aufschlussreiches und hilfreiches Gespräch mit einer Freundin. Es ging um Freundschaften und wie schnell ich enttäuscht sein kann, wenn es nicht meinen Erwartungen entsprechend läuft.

Und plötzlich sind da SMSe von Freundinnen, die mich treffen oder mit mir sprechen wollen, mir fällt unser Wellnesswochenende Mitte Oktober wieder ein und der Grillabend am vergangenen Samstag, der meine Perspektiven wieder gerade gerückt hat. Und ich spüre, dass ich mehr will, als immer nur auf diese „besonderen Ereignisse“ zu warten.

Und dann dieser Herzsprungmoment. Ich las einen Namen in einem Forum, den ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen habe und ich hatte plötzlich das starke Bedürfnis, mich bei dieser Person zu melden. Was ich auch getan habe.
Es gab eine Zeit, da waren sie und ich uns nahe. Wenn wir auch in vielen Dingen sehr verschieden waren. Wir telefonierten sehr viel, schrieben uns Mails und gemeinsame Storys. Ich besuchte sie auch ein paar Mal.

Dann kam der Tag, an dem sie mir verkündete, dass sie heiraten würde und sie sich wünschte, dass ich ihre Trauzeugin sei. Ich war damals schwanger und zum Zeitpunkt der Hochzeit wäre das Fräulein, glaube ich, vier Monate gewesen. Ich hatte Angst davor. Davor, dieses Ereignis mit dem tollen Mann und dem Fräulein zu bewältigen, meine Aufgabe als Trauzeugin richtig auszufüllen, mich mit ihrer gesamten Familie und ihren Freunden konfrontiert zu sehen … einfach aus dem virtuellen Schatten zu treten und plötzlich sichtbar zu sein. Sie kam mir damit viel zu nah – auch eine Erkenntnis, die ich erst viel später wirklich begriff.
Anstatt also definitiv zu sagen „Hör zu, ich kann und möchte das nicht“ , redete ich erst um den heißen Brei herum und meldete mich dann „einfach“ nicht mehr.

Das alles ist jetzt fast zwei Jahre her. Meine Schuldgefühle begleiten mich seitdem jeden Tag. Mal mehr mal weniger intensiv.
Natürlich habe ich mir auch gesagt, dass sie sich, wenn es ihr so wichtig war, mich bei der Hochzeit dabei zu haben, auch hätte melden können. Nachfragen, warum ich schweige. Aber so ein wirklicher Trost war das nie.

Und jetzt ist sie plötzlich wieder da. Wie aus dem Nichts. Ich habe Fotos von ihrer Hochzeit gesehen und sie sieht darauf unglaublich glücklich aus. Ein wirklich seltsamer Moment.

Ich habe ihr eine Nachricht geschickt. Ich wünschte ich wüsste, was mich erwartet. Denkt sie über damals so wie ich? Oder sieht sie die Geschehnisse ganz anders? Ist sie sauer? Hat sie an mich gedacht? Oder bin ich nur noch ein Name im Netz, wie alle anderen auch?
Und was erwarte ich eigentlich? Hauptsächlich wohl so etwas wie ein Ende meiner Grübeleien. Zu wissen wo ich stehe ist mir so unglaublich wichtig. Und dann ist da doch auch ein Wunsch nach Neuanfang.

Und im gleichen Zug schreibe ich an eine andere Person endlich die Mail, die mir schon seit Tagen auf den Nägeln brennt. Und anstatt einfach zu schreiben, dass ich mich freuen würde, sie mal wieder zu sehen, werde ich nostalgisch und merke, wie sehr ich an ihr hänge. Ich gehe sogar so weit, dass ich sie frage, ob wir wohl wieder einen losen Mailverkehr aufnehmen können.

Ich denke an all die Freundschaften, die ich im Laufe meines Lebens hatte und einfach so habe dahinsiechen lassen. Und ich denke an die Mädels, um die ich gekämpft habe (das sind nicht sehr viele). So verbissen und mit dem unbedingten Willen geliebt zu werden. Wie lächerlich!

Im Moment habe ich einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen, Feuer wieder zu entfachen, mich mehr zu bemühen, wieder präsent zu sein. Ich habe mich jetzt lange genug mit dem Fräulein ausgeruht. Ich möchte nicht mehr nur eine Familie sein, die abgeschottet vom Rest der Welt existiert. Ich möchte mich wieder öffnen können, aber das erfordert wohl noch ein bischen Arbeit. Stay tuned!