Kürzlich las ich in der Nido (mein absolutes Lieblingsmagazin) einen Artikel über die Gelassenheit bzw. über deren Fehlen in der Erziehung. Das Problem sei die fehlende Balance zwischen ständigem Präsentsein für die Kinder und einem ganz und gar „bei-sich-sein“. Zwischen Aktivität und Ruhe.

Und seit ich Kinder habe, lerne ich mein zweites Ich kennen. Eine kurzatmige Frau mit Nasenwurzelfurche, deren Gekeife geschlossene Doppelglasfenster durchdringt, die bis „dreihei“ zählt, Drohungen ausstößt, Türen schmeißt – und heult, wenn sich gleich mehrere Krisen überschneiden.

Bei diesen Worten fühlte ich mich sofort angesprochen. Bis das Fräulein Wunder im Kindergarten ist, habe ich ganz sicher bereits vier Mal bis „dreihei“ gezählt, gedroht, dass irgendeine Aktivtät am Nachmittag ausfällt und bestimmt zehn Mal zur Eile und Konzentration gemahnt. Es fällt mir schwer, mich locker zu machen. Selbst wenn ich am Vormittag keinerlei Termine habe fühle ich mich unter Druck. Und diesen Druck gebe ich an meine Kinder weiter.

Der Lösungsansatz sei relativ simple: Innehalten. Ganz bei sich sein. Nicht an die Kinder, Arbeit, Mann, Umfeld, wasauchimmer denken und einfach nur da sein. Doch dies scheint mir unvorstellbar. Und nicht nur mir, sonder auch Ute Diefenbach, der Autorin dieses tollen Textes:

Den Kamin haben wir vor Kurzem eingebaut, einfach, weil wir Feuer mögen. An Meditation hatte keiner von uns gedacht. Jetzt schichte ich das Holz bereits mit Hintergedanken auf, suche einen bequemen Sitz mit Blick auf die Flammen. Ich zwinge mich, in die Flammen zu schauen, nehme aber im Augenwinkel die rund ums Sofa verstreuten Legosteine wahr. Die könnte ich eben noch wegräumen, dann wär’s auch entspannter.

So geht es immer aus. Selbst wenn das Fräulein im Kindergarten ist und Miss Allerliebste eine Runde schläft. Ich sitze beim Frühstück, kaue an meinem Brot, lese ein paar Seiten meines Buches und sehe aus den Augenwinkeln den Abwasch, die herumliegenden Spielzeuge, denke an die Wäsche im Keller und den Einkauf für das Abendessen.

Der Tag fließt so dahin, ausgefüllt mit unzähligen Kleinigkeiten, die zu tun sind. Brote schmieren, Haushalt in Ordnung bringen, Kind füttern/wickeln/in den Schlaf singen, 100 Mal am Tag Rotznasen putzen, kochen, einkaufen, essen richten, Wäsche waschen/legen/bügeln usw. usw..

Selbst wenn ich mich mit anderen Müttern treffe, Krabbelgruppen besuche, durch Indoor-Spielplätze robbe oder mich auch mal zum Frühstück verabrede: Immer sind die Kinder dabei präsent, immer ist gerade irgend eine Kleinigkeit zu tun, nie komme ich wirklich zur Ruhe.

Und am Abend, wenn die Kinder dann endlich im Bett liegen, dann falle ich auf die Couch, oder sitze mit dem tollen Mann in der Küche und versuche irgendwie die Augen offen zu halten. Wenn ich dann an den vergangenen Tag denke, dann habe ich das Gefühl, dass ich kein einziges Mal Innegehalten habe, dass ich eigentlich nie wirklich bei mir war. Und selbst in diesem Moment denke ich bereits daran, was ich noch schnell aufräumen könnte, wie das Programm für den nächsten Tag aussieht und wie die kommende Nacht wohl verlaufen wird.

Und was noch viel schlimmer ist: Ich habe sehr oft auch das Gefühl, die Zeit mit meinen Kindern lediglich mit schimpfen, ermahnen, streiten und dem Satz „Gleich mein Schatz, ich mach‘ das hier gerade noch fertig“ verbracht zu haben.
Bevor ich also näher bei mir sein kann, möchte ich erst einmal näher bei meinen Kindern sein. Und so hat mich das Fräulein Wunder heute mit Hingabe „operiert“, die beiden Mädels sind auf mir herumgeturnt, wir haben zusammen gelacht und gekichert und es war vollkommen egal, dass der Abwasch noch nicht erledigt war, sich im Keller die Wäsche stapelt und ich immer noch nicht die Unterlagen für die Steuer herausgesucht habe.
Und siehe da: Es fühlte ich an, als hätte mir jemand ein Mittel zur Entkrampfung gegeben. Eine gewisse Leichtigkeit stellte sich ein, eine „mir doch egal“ Haltung, und ich habe das Zusammensein und die Nähe wirklich genossen.

Das Arbeitskarussell im Kopf begann relativ schnell wieder zu rotieren, aber für die kurze Zeit davor war ich tatsächlich entspannt. Ich hatte Innegehalten in unserem hektischen Alltag, habe einfach nur das Jetzt genossen. Darauf will ich aufbauen. Einatmen. Ausatmen. Gelassener werden.

Vielleicht schaffen wir uns ja doch noch irgendwann einen Kamin an, dann probiere ich das mit dem „bei mir sein“ auch mal aus.

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Vor Kurzem weilte ich mit drei meiner Lieblingsfreundinnen zum Erholungswochenende in einem schnieken Biolandhotel. Nach Frühstücksbuffet, 4 stündiger Wanderung (weil wir uns ein wenig verlaufen hatten), Kaffe und Tee in der strahlenden Herbstsonne und Sauna, erwartete uns auch noch ein vier Gänge Menü. So lecker wie dort habe ich schon lange, lange nicht mehr gegessen.
Der einzige Nachteil für mich war, dass ich von den zwei Flaschen Rotwein, die in unserem Wochenend-Paket enthalten waren, nichts mittrinken durfte. Und nach der dritten Saftschorle und dem leckeren aber gerade deshalb quälenden Weinboequet in der Nase, fragte ich die freundliche Bedienung, ob sie nicht irgendetwas außergewöhnliches, antialkoholisches zu bieten hätte. Als kleinen Ausgleich sozusagen.

Und was soll ich sagen? Diese Frau pürierte einfach ein wenig Ingwer in Apfelsaft, goss noch etwas Mineralwasser dazu und fertig war ein überaus leckeres und vor allen Dingen schwangerengeeignetes Getränk.

Ich habe das heute mal selbst versucht, muss allerdings gestehen, dass der Ingwer diesmal ziemlich stark durchkommt. Das nächste Mal auf jeden Fall weniger Apfelsaft-Ingwer-Mischung und mehr Saft und Wasser pur dazu. Aber trotzdem leeeeeecker!! Prost.

Und da freute ich mich schon, dass die neuen Globolis wie auf das Fräulein zugeschnitten zu sein schienen und ihr Schnupfen innerhalb von drei Tagen auf ein klägliches Rinnsal, das man nur drei Mal am Tag wegputzen musste, zurück geschrumpft war.
Und dann stand sie eines morgens auf und humpelte absolut filmreif durch die Gegend. Auf meine Frage, ob ihr etwas weh tue, verneinte sie und hüpfte humpelnd (das geht und sieht sehr komisch aus) von dannen.
Im Laufe des Tages klang das Humpeln auf ein kaum noch wahrzunehmendes Humpelchen ab, verschwand aber nie ganz. Nach ein paar Tagen wurde es mir dann doch ein wenig mulmig und ich machte einen Termin bei unserem Kinderarzt.

Und was erzählte der mir? Dass es bei kleinen Kindern durchaus vorkommen kann, dass sich eine Erkältung auf die Hüfte niederschlägt. Die Kinder zeigen dann Symptome wie das Fräulein: Sie humpeln nach dem Aufwachen sehr stark und im Laufe des Tages laufen sie sich dann ein.
Er empfahl einfach nichts zu tun, da das Fräulein offensichtlich keine nennenswerten Schmerzen hätte (Ich so: „Sie scheint keine wirklich Schmerzen zu haben.“ Er so: „Doch, sie hat Schmerzen, sonst würde sie den Fuß nicht entlasten.“ Ich kam mir vor wie die schrecklichste Mutter der Welt!). Ein Fiebersaft, der die Schmerzen lindert, würde nämlich nur dazu führen, dass sie das Bein wieder voll belastet und das beeinträchtige die Heilung.

Wieder was dazu gelernt.

Das Fräulein Wunder nimmt nun schon seit einiger Zeit feste Nahrung zu sich.

Am Anfang gewöhnten wir sie an die Breinahrung. Erst ein Eierbecher voll Karottenbrei, dann nach und nach Kartoffelbrei mit Fleisch, bis hin zum ganzen Mittagsgläschen mit „Stückchen“. Der Weg bis dahin war erstaunlich langwierig und schwierig. Bisher kannte ich nur Kinder, die bereits an den Vorgang des Essens gewöhnt waren und somit den Mund weit aufsperrten wenn der Löffel angeschwebt kam und auch ohne Probleme schlucken konnten.
Das Fräulein hingegen musste dies alles erst noch lernen. Logisch eigentlich, aber wie so vieles vorher nicht vorstellbar. Zwei Monate lang schlürfte, spuckte, mampfte und schrie sie mal mehr und mal weniger heftig. Es gab Tage, da lief alles wunderbar glatt und am nächsten wollte sie schon wieder lieber ihre Flasche trinken.
Danach folgte die Einführung des Abendbreis mit Milchpulver, Dinkelflocken und ein wenig Obst, was wieder eine ganz andere Herausforderung an uns alle stellte. Denn versuchen Sie mal einem todmüden Fräulein, das eigentlich nur noch in ihr Bettchen will, klar zu machen, dass es jetzt noch von einem Löffel komisch schmeckendes Zeugs essen soll. Auch hier benötigten wir sicherlich sechs bis acht Wochen, bis sie sich mit ihrem glücklichen und auch ein wenig ungeduldigen „Mhmm, mhmmmmmm!!!“ auf den Brei stürzte.
Der abschließend eingeführte Nachmittagsbrei mit Obst und Getreideflocken war dagegen ein Kinderspiel. Obst geht beim Fräulein Wunder immer.

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Und dann sitze ich beim Arzt mit meinen überaus schmerzhaft entzündeten Mandeln:

Erso: „Haben Sie irgendwelche Schmerzmittel genommen?“
Ichso: „Schmerzmittel?“
Erso:  „Ja. Zum Beispiel Ibuprofen?“
Ichso: „Öhm … nein.“ (Ich schäme mich bereits ein bißchen, weil er klingt, als hätte man das unbedingt nehmen müssen.)
Erso: „Haben Sie welche im Haus?“
Ichso: „Schmerzmittel? Ich glaube, da könnte noch eine Schachtel Aspirin in der Hausapotheke sein …“ (und denke den Satz zu Ende … aber ich dachte, die nimmt man nur bei Kopfschmerzen?!?)
Erso: „Gut, dann schreibe ich Ihnen da nichts auf.“

Zurück im wohlig warmen Keksnest, krame ich natürlich zu erst die Schachtel Aspirin hervor. Ich wundere mich etwas, dass tatsächlich eine Tablette bereits aus der Verpackung fehlt, denn Kopfschmerzen haben wir eigentlich so gut wie nie in diesem Haushalt. Schön brav schlucke ich dann also erst das Antibiotikum und hinterher etwas skeptisch die kleine weiße Schmerztablette.

Und siehe da – Nach zehn Minuten fühlt sich mein Hals sowas von fluffig, watteweich und sanft an, dass die Schmerzen des vergangenen Wochenendes nur noch ein schwache Ahnung sind. (So stelle ich es mir im Übrigen vor, wenn man bei der Geburt eine PDA bekommt, was ich ja Gott sei Dank nicht brauchte).

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich jetzt über mein Wochenende mit Höllenqualen ärgere. Im Bereich Krankenpflege muss ich also noch einiges lernen.