Oben rechts findet ihr eine neue Kategorie: Geschriebenes. Dort biete ich meine früheren Fanfictions als PDF-Download an, da meine The-Blue-Sky-Homepage leider nicht mehr existiert. Ich wurde jetzt schon ein paar Mal seitdem auf meine Storys angesprochen und jetzt versuche ich auf diesem Wege, sie euch zur Verfügung zu stellen.

Damit nicht einfach jeder dort hinein spaziert und meine geliebten Werke auseinander pflückt oder sie über die Welt verstreut, ist der Bereich Passwortgeschützt. Das Passwort kann gerne bei mir per Mail oder Kommentar angefragt werden.
Ich bilde mir ein, dass ich dadurch eine gewisse Kontrolle behalte, ist aber wahrscheinlich ein Irrglaube ;-). Nichtsdestotrotz gibt es mir etwas Sicherheit.

Ich hoffe mal, das funktioniert alles so, wie ich mir das vorstelle und das Passwort schreckt die Leute nicht zu sehr ab.

Bisher sind „Game of Life“ und „Fremde im Spiegel“ online, alles weitere kann auf Wunsch und/oder nach und nach hinzugefügt werden (immerhin haben sich im Laufe der Jahre ganze 18 fertige Romane angesammelt).

Wir liegen nebeneinander im Bett und lauschen den Geräuschen der Party, die außerhalb unserer eigenen, kleinen Welt in vollem Gange ist. Das ist unsere Tradition.
Wir sehen uns nicht sehr oft. Alex und ich. Aber jedes Jahr zu Halloween ist er da. Egal welche Termine, Verpflichtungen oder Probleme er hat. Noch nie hat er unsere Verabredung vergessen oder abgesagt.
Vielleicht ist es das denke ich gerade was mich nicht von ihm loskommen läßt. Egal was in meinem Leben passiert, welche Menschen mir begegnen, welche neuen Freundschaften ich schließe oder welche neuen Orte ich sehe … im Endeffekt landen wir immer wieder hier. Im Bett meiner Schwester.
Bis vor ein paar Jahren haben wir Bier getrunken, auch mal einen Joint geraucht und uns erzählt, was uns gerade auf der Seele lag.
Dann ging er in eine Entzugsklinik und seit dem begnügen wir uns mit Wasser oder Cola. Doch die Gespräche sind noch immer die gleichen.
Wir sind so etwas wie Freunde. Um ehrlich zu sein ist er der einzige, richtige Freund den ich habe. Ich bin so oft umgezogen und habe meinen Arbeitsplatz mindestens schon fünf Mal gewechselt so daß für eine tiefergehende Beziehung welcher Art bisher keine Zeit blieb.
Nur Alex ist in diesem Chaos eine Konstante. Jemand, auf den ich mich immer verlassen kann.
Ich freue mich jedes Jahr auf diesen Abend wie ein kleines Kind. Ich zähle erst Monate, dann Wochen, Tage und schließlich Stunden, bis endlich die ersten Gäste eintreffen. Dann sitze ich auf den Stufen im Haus meiner Schwester und starre die Haustür an. Manchmal ist er früh und kommt bereits mit den ersten Gästen. Manchmal schafft er es aber auch gerade so, bevor die letzten gehen. Doch er hat mich noch nie enttäuscht.
Der Moment, in dem die Tür aufgeht und er tatsächlich dahinter auftaucht ist zuckersüß und bitter zu gleich. Ich weiß dann, daß uns nur weniger Stunden bleiben, während mein Herz vor Glück und Freude wie verrückt schlägt.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich gemerkt habe, daß ich mehr für ihn empfinde als pure Freundschaft. Vor zwei oder drei Jahren kam er ziemlich spät. Er wirkte unglaublich müde und später erzählte er mir, daß er direkt aus Europa eingeflogen sei und gute dreißig Stunden nicht geschlafen hätte.
Er trank eine Cola, während er die restlichen Anwesenden die er kannte begrüßte, dann nahm er mich bei der Hand und wir verschwanden in unserem eigenen, kleinen Reich.
Allerdings war er nach einer halben Stunde bereits fest eingeschlafen und ich hatte somit mehr als genug Zeit um ihn ausgiebig zu betrachten. Sein dunkles Haar war damals ganz kurz, der Bart um seinen Mund dafür ein bißchen zu lang. Seine geschmeidigen Wimpern, die man eigentlich eher bei einem Mädchen vermutet, malten sanfte Schatten auf seine Wangen und ich spürte dieses Ziehen in der Magengegend. Mein Herz klopfte hektisch und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie es ich wohl anfühlen würde, seine weichen Lippen zu küssen.
Mir war sofort klar, daß diese Gedanken und Wünschen zu nichts führen würden, also schwieg ich und verbrachte die Nacht damit, neben ihm zu liegen und seinem gleichmäßigen Atmen zu lauschen.
Jetzt liegt er wieder neben mir, diesmal wach und munter, die Nachttischlampe wirft bizarre Schatten an die Zimmerdecke und ich fühle mich wohl und beschützt wie in einer gemütlichen Höhle.
„Es wird wirklich langsam Zeit, daß deine Schwester heiratet,“ sagt Alex gerade.
„Dazu müßte sie erst einmal jemanden finden, der sie länger als zwei Monate erträgt,“ gebe ich schmunzelnd zurück.
„Hey,“ lacht er leise und knufft mich in die Seite. „Das war aber nicht nett.“
„Ach, du kennst sie doch. Sie will einen starken Mann, der sie beschützen kann, aber im Grunde braucht sie einen, der sich von ihr bemuttern läßt. Diese Kombination gibt es einfach nicht.“
„Und welche Kombination wäre für dich passend?“ fragt er und wendet den Kopf. Das Kopfkissen raschelt dabei leise und ich denke, daß dies ein Geräusch ist, das ich immer mit Alex in Verbindung bringen werde.
Ich drehe mich auf die Seite, falte die Hände unter meiner Wange und sehe ihn an. Am liebsten würde ich das für den Rest meines Lebens tun: Einfach hier liegen und ihn ansehen.
„Hm … er müßte besonders sein,“ sage ich.
„Besonders? In welchem Sinne?“
„Naja … nicht so nullachtfünfzehn. Er bräuchte ein … hm … abgefahrenes Hobby oder eine besondere Fähigkeit.“
„Jemand wie Superman?“ fragt er belustigt.
„Den würde ich auch nehmen, so ist es nicht,“ grinse ich.
„So, so. Superman also,“ sagt er leise, stellt sein Glas auf den Nachttisch ab und dreht sich ebenfalls auf die Seite. Sein Gesicht ist meinem so nahe, daß ich seinen ruhigen, gleichmäßigen Atem auf der Wange spüren kann und ich bekomme eine Gänsehaut.
„Naja … für den Anfang würde es auch Clark Kent tun,“ grinse ich.
Er lacht erneut. „Und da sag noch mal von deiner Schwester, daß sie anspruchsvoll ist.“
„Ein bißchen Anspruch sollte schon sein. Immerhin bin ich auch etwas besonderes.“
„Das stimmt allerdings,“ nickt er langsam.
„Wie müßte denn deine Traumfrau sein?“ frage ich weiter und bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt wissen will.
Er überlegt kurz, wobei seine großen, braunen Augen über mein Gesicht schweifen und es fühlt sich beinahe so an, als würde er mich berühren, mir sanft mit seinen Fingern über die Wange streicheln und mich zärtlich auf die Stirn küssen.
„Sie sollte verläßlich sein,“ sagt er als erstes und ich muß lächeln. Ich hätte jede Summe auf diese Antwort gesetzt. „Sie sollte gut aussehen.“
„Na, das versteht sich ja wohl von selbst.“
„Sie sollte … Fantasie haben. Ehrlich und offen sein. Und gut riechen,“ fügt er mit einem breiten Grinsen hinzu. „Was ist das überhaupt?“ Er beginnt zu schnüffeln und kommt mir dabei noch ein Stückchen näher.
„Was meinst du?“ frage ich irritiert.
„Dein Parfum. Das bringt mich ja ganz durcheinander.“
„Hey. Flirtest du etwa mit mir?“ gebe ich Augenklimpernd zurück, während sich mein Herzschlag verdoppelt.
„Vielleicht,“ gibt er mit einem unergründlichen Lächeln zurück.
„Hör auf damit,“ sage ich leise und fühle, wie sich mein Magen augenblicklich zusammen zieht.
„Womit?“
„Mit dem Schnüffeln und Flirten und … keine Ahnung.“
Sein Lächeln erlischt und er rückt ein Stück von mir ab.
„Entschuldige,“ sagt er und ich könnte mich ohrfeigen. Ich will doch genau das. Ich will, daß er mich so ansieht. Ich will, daß ihn mein Duft verführt. Ich will, daß er bei mir bleibt. Für immer. Und nicht nur einen Tag im Jahr.
Das Schweigen zwischen uns zieht sich in die Länge und ich habe absolut keine Ahnung, was ich sagen soll.
„Manchmal … ,“ sagt er schließlich leise ohne mich dabei anzusehen „habe ich das Gefühl, daß ich nur in diesem Raum wirklich glücklich und vollkommen bin. Ist das nicht seltsam?“
„Nein, ist es nicht,“ entgegne ich ebenso leise.
Seine Augen heften sich wieder auf mich und ich habe das unwirkliche Gefühl, daß er in diesem Moment bis auf den Grund meiner Seele blicken kann.
„Aber … ,“ er stockt, beißt sich kurz auf die Unterlippe und schüttelt dann den Kopf. „Vergiss es.“
Er dreht sich wieder auf den Rücken, verschränkt die Arme unter dem Kopf und starrt an die Decke.
„Aber?“ hake ich nach, während ich mich auf den Bauch drehe, mich auf die Ellenbogen stütze und von oben auf ihn herab sehe.
Seine warmen, braunen Augen suchen meine, dann hebt er die Hand und streicht mir sanft einige Haarsträhnen aus der Stirn.
„Aber … es ist nicht richtig.“
„Was ist nicht richtig?“
Er will seine Hand wieder zurück ziehen, doch ich ergreife sie und lege sie an meine Wange.
„Was ist nicht richtig?“ wiederhole ich.
„Das hier,“ bringt er heiser hervor.
„Warum?“
„Weil wir Freunde sind. Schon seit Jahren. Wir sind gerade dabei das einzig wirklich wichtige in unserem Leben zu zerstören.“
Ich lasse seine Hand los, doch anstatt sie zurück zu ziehen fängt er an mit seinem Daumen kleine Kreise auf meiner Wange zu malen.
„Weißt du … manchmal muß man vielleicht etwas riskieren um an sein Ziel zu gelangen. Superman hätte es nie so weit gebracht, wenn er im entscheidenden Moment gezögert hätte.“
„Was ist eigentlich aus ihm geworden?“ fragt er leise.
„Ich glaube, er lebt mit Lois Lane glücklich und zufrieden in einem Reihenhäuschen in Utah. Wahrscheinlich haben sie drei süße Kinder, die alle irgendwelche merkwürdigen Superkräfte haben. Sie geben jeden Sonntag Barbecues für ihre Freunde und Nachbarn, haben einen kleinen Hund namens Tippsy und nachts fliegen sie gemeinsam um die Häuser wenn sie keiner sieht. Wahrscheinlich … ,“ doch weiter komme ich nicht.
Alex richtet sich auf und ehe ich es mich versehe, hat er seine Lippen auf meiner gedrückt. Mir stockt der Atem, während mein Herz einen heftigen Satz in meiner Brust macht.
Ich rücke noch ein Stück näher an ihn heran, lasse mich bereitwillig von ihm in die Kissen hinunter ziehen, lege einen Arm um seine Taille und hauche vorsichtig federleichte Küsse auf seine Lippen.
„Tippsy, hm?“ fragt er kichernd zwischen zwei Küssen.
„Oder Krypto, such dir was aus,“ grinse ich.
„Nein. Tippsy klingt toll,“ murmelt er, dann schlingen sich seine Arme um mich, eine Hand verschwindet in meinem Haar, die andere legt sich auf meinen Po.
Ich versuche, den letzten Rest gesunden Menschenverstand der mir geblieben ist zusammen zu kratzen und richte mich ein Stückchen auf. Seine Arme lassen zwar nur zwanzig Zentimeter zu, aber das reicht fürs erste.
„Willst du mein Superman sein?“ frage ich leise.
„Nur wenn du Lois Lane bist,“ lächelt er.
„Auf das Reihenhaus in Utah verzichte ich allerdings,“ grinse ich.
„Und auf Tippsy?“
„Das muß ich mir noch überlegen.“
Er faßt mich etwas fester und rollt sich mit mir auf die Seite, so daß ich schließlich unter ihm liege.
„Machen wir hier gerade den Fehler unseres Lebens?“ fragt er leise und klingt dabei wirklich ängstlich.
„Nein,“ ich schüttle den Kopf. „Etwas, das sich so gut anfühlt, kann kein Fehler sein.“
„Vielleicht stellen wir bald fest, daß wir nicht mehr als einen Tag zusammen aushalten können,“ gibt er zu bedenken.
„Dann sehen wir uns eben nur einmal im Jahr,“ gebe ich bestimmt zurück. „Ein Abend mit dir ist jedenfalls mehr wert als der ganze kümmerliche Rest meines Lebens.“
Er schüttelt langsam den Kopf und runzelt dann die Stirn. „Warst du schon immer so?“
„Ich befürchte ja,“ nicke ich.
„Ich bin ein Idiot.“
„Ich weiß,“ lache ich.
Kichernd versenkt er seinen Kopf in meiner Halsbeuge und als seine Lippen die weiche, empfindliche Haut berühren, seufze ich leise. Dies ist der Himmel. Oder zumindest etwas, das diesem sehr nahe kommt.
„Vielleicht,“ murmelt er nahe an meinem Ohr, was ein unbändiges Kribbeln in meinen Lenden auslöst „bist du Superman und ich Lois Lane.“
„Meinetwegen. Aber nur, wenn ich die unbequemen Strumpfhosen weglassen darf.“
Er richtet sich auf und sieht wieder auf mich hinunter. Er wirkt sehr ernst und angespannt und innerlich versuche ich mich darauf vorzubereiten, daß er jetzt aufstehen und gehen wird. Vielleicht hat er erkannt, daß das mit uns niemals funktionieren kann, vielleicht will er nicht, daß ich sein Superman bin.
„Ich liebe dich,“ sagt er kaum hörbar und bevor ich irgend etwas darauf antworten kann, versiegelt er meine Lippen mit einem innigen Kuß. Ich schließe die Augen und lasse mich mit ihm davon tragen. Hinauf zu den glitzernden Sternen, hoch hinaus über die Stadt, weg von allen irdischen Verpflichtungen und Problemen, während mein rotes Superman-Cape hinter uns im Wind flattert.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Für das folgende Kapitel habe ich vier Tage gebraucht, da ich mir die kostbaren Minuten zwischen Miss Allerliebst-Schlaf und Hausarbeit abzwacken musste. Dafür ist es aber ordentlich lang und (hoffentlich) spannend geworden.

Kapitel 6

Wer hätte gedacht, dass er den vierradgetriebenen SUV irgendwann seiner eigentlichen Bestimmung zuführen würde. Bei diesem Gedanken spürte Lennard ein leises Kitzeln in der Magengegend, das sich an jedem anderen Tag sicherlich in ein leises Kichern verwandelt hätte. Heute jedoch blieb es schmerzhaft irgendwo in seiner Herzgegend stecken. Der Wagen holperte und schaukelte zwar über den unebenen Waldboden, doch blieb er dabei genau so sicher in seiner Spur, als würde er auf glattem Asphalt fahren.
Trotzdem umklammerte Lennard das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten und seine Fingerspitzen anfingen zu kribbeln. Nicht mehr lange und sie wären komplett taub. Also lockerte er vorsichtig seinen Griff.
„Meinst du, wir sind hier richtig?“ fragte er, nur um sich irgendwie von dem Gedanken abzulenken, dass er gerade auf dem direkten Weg in die Hölle war.
Nina neben ihm zuckte mit den Schultern, während ihre Hände die nutzlose Karte auf ihrem Schoß festhielten. „Ich habe keine Ahnung. Aber so viele Möglichkeiten gibt es nicht, wenn sie Olivia direkt vom Krankenhaus in den Wald gebracht haben.“
„In das Herz des Bösen,“ murmelte Lennard und war sich darüber im Klaren, dass sich in seinem Hirn ein kitschiges Klischee nach dem anderen jagte. Aber etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Es gab einfach keinen Plan, keine Erfahrungswerte oder irgendwelche Anhaltspunkte, an die er sich klammern konnte. Was er hier tat, hatte noch niemals irgendjemand getan den er kannte, seine Patienten mal nicht mitgerechnet.
Warum, fragte er sich nun, hatte er eigentlich nie nachgefragt? Warum nie Interesse für ihr Schicksal gezeigt? Vielleicht, weil er kein Mediziner war? Weil er zu weit von den Patienten entfernt in seinem weißen Turm hockte und nur über Dritte und durch irgendwelche Akten von den Vorkommnissen erfuhr? Doch gerade im Moment erschien ihm dies ein wenig dürftig als Rechtfertigung.
„Was tun wir, wenn wir dort sind?“ fragte er also weiter. Vielleicht hatte Nina ja so etwas wie einen Plan. Man konnte ja nie wissen.
„Das entscheiden wir, wenn wir dort sind,“ hörte er sie sagen und das kleine bißchen Hoffnung, das gerade in ihm aufgeflammt war, erlosch sofort wieder.
„Wir hätten irgendwelche Waffen mitnehmen sollen,“ sagte er grimmig, während er den Fuß vom Gas nahm, um unbeschadet durch eine tiefe Senke zu fahren.
„Ach Mist,“ schnaubte Nina „warum habe ich auch meine Kalaschnikow zu Hause gelassen? Sie hängt neben meiner Glock und der Panzerfaust an der Garderobe und staubt ein.“
„Sehr witzige,“ grummelte Lennard.
„Mal im Ernst. Was für Waffen denn? Ich besitze so etwas jedenfalls nicht.“
„Wie wäre es mit nem Hammer oder einem Messer oder irgend so etwas?“ gab er heftiger als beabsichtigt zurück. „Wir fahren hier zu unseren eigenen Hinrichtung und haben nichts zu unserer Verteidigung dabei.“
„Ich gebe zu bedenken, dass ein Teil der bisherigen Opfer ausgebildete Schützen und sogar kampferprobte Soldaten waren,“ entgegnete Nina. „Erinnerst du dich noch an diese Truppenübung, bei der drei von den Soldaten schwer verletzt und zwei getötet wurden?“
Lennard nickte, während sein Magen schmerzhafte Purzelbäume schlug.
„Denen haben ihre Waffen und Kampftechniken auch nichts genutzt. Also entspann dich. Sie werden uns mit oder ohne Waffen kriegen. Wir müssen einfach schnell sein. Das ist alles.“
„Das ist alles? DAS IST ALLES??“ brüllte Lennard, trat auf die Bremse und fuhr zu Nina herum. Was zu viel war, war zu viel.
„Es ist ja schön und gut, dass du mit deinem Leben offensichtlich schon abgeschlossen hast,“ stieß er mit nur mühsam im Zaum gehaltener Wut hervor „aber ich würde diesen Tag gerne überleben. Und wenn hierfür dein ganzer, genialer Plan ist „wir müssen einfach schneller als die Bestien sein“, dann sage ich dir hier und jetzt, dass wir umdrehen und nach Hause fahren.“
„Und Olivia im Wald zurück lassen?“ konterte Nina aufgebracht, während sie mit heftigen Bewegungen die Karte in ihrem Schoß zusammen faltete.
„Wir wissen doch noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebt, Herr Gott nochmal!“
„Und? Weiter?“ gab sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. „Ich habe eine Neuigkeiten für dich: Es gibt keinen Plan. Niemand hat für diese Situation einen Plan Lennard, daran solltest du dich ganz schnell gewöhnen. Wenn du zurück fahren willst, bitte. Dann lass mich jetzt aussteigen und das war’s. Aber komm mir nicht hinterher mit irgendwelchen Gewissensbissen oder deinem romantischen Getue.“ Je länger sie sprach, um so lauter wurde sie. Sie richtete sich in ihrem Sitz auf, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, ihre Wangen röteten sich vor Wut und ihre Augen versprühten Funken, die drohten ihn zu verbrennen. „Du würdest Liv lieber sterben lassen um dadurch deine eigene Haut zu retten. Du bist ein gottverdammter Feigling Lennard, und damit nicht viel besser als die Leute, die meine Schwester zusammen geschlagen haben. Reiß dich gefälligst zusammen!“ Und mit diesen Worten öffnete sie das Handschuhfach, pfefferte die Landkarte hinein und schlug die Klappe mit voller Wucht wieder zu. Der laute Knall klang wie ein Schuss in Lennards Ohren und er zuckte erschrocken zusammen.
„Ich habe Angst,“ flüsterte er. „Reine, beschissene Angst.“
„Ich auch,“ gab Nina zu, während er dabei zusehen konnte, wie ihre Wut langsam verrauchte „aber wir dürfen uns von ihr nicht beherrschen lassen, hörst du? Es geht um Olivias Leben, das dürfen wir nie, niemals vergessen, klar?“
Er nickte, weil er seiner Stimme nicht mehr traute. Ein Held zu sein klang zu Hause vor dem Fernseher, auf seinem gemütlichen Sofa immer ganz toll und irgendwie einfach. Das Gute siegte, das Böse wurde vernichtet. Doch in der Realität war ein Held zu sein der beschissenste Job, den er sich nur vorstellen konnte.

Bald darauf lichteten sich die Bäume um sie herum und gaben den Blick auf einen Platz aus festgestampfter Erde frei. Der Ort wirkte, als sei er bereits vor einiger Zeit künstlich entstanden, doch die Natur eroberte ihn bereits wieder zurück. Kleine Büsche und Sträucher schoben sich an den Rändern auf die Lichtung, Gras und kleinere Pflanzen hatten sich aus der Erde hervor geschoben und bildeten einen grünen Teppich unter dem strahlend blauen Sommerhimmel. Neben einer Ansammlung alter Baumstämme hielt Lennard schließlich den Wagen an und stellte den Motor ab.
Sein Herz pochte wild in seiner Brust, seine Hände waren schweißnass und seine Augen suchten hektisch den Waldrand ab. Waren die Andersartigen schon hier? Beobachteten sie ihn aus dem Schutz der Bäume heraus? Bestimmt warteten sie nur darauf, dass sie ausstiegen um über sie herzufallen.
„Los geht’s,“ sagte Nina da neben ihm und öffnete ohne weitere Umschweife die Tür.
Es war mehr Reflex als eigener Wille, der ihn ebenfalls nach dem Türgriff greifen lies. Als er schließlich neben dem Auto stand und seine Augen gegen die grelle Sonne abschirmte, wurden ihm die Knie weich. Er fühlte sich vollkommen ungeschützt und ausgeliefert, beinahe so, als stünde er nackt in Mitten einer gutbesuchten Fußgängerzone.
Fliegen summten um sein Ohren herum, Vögel zwitscherten und eine leichte Briese rauschte in den Baumwipfeln.
„Ist doch schön hier,“ hörte er Nina sagen, die ein paar Schritte vom Wagen weggegangen war und sich nun langsam um die eigene Achse drehte.
Lennard schüttelte nur den Kopf. Entweder war seine Begleitung absolut furchtlos oder eine extrem gute Schauspielerin oder, was er für am wahrscheinlichsten hielt, vollkommen durchgedreht.
„Da und da führen Wege in den Wald hinein,“ fuhr sie dann fort und deutete dabei zum Waldrand zu ihrer Rechten hinüber. Sofort wurde ihm wieder bewusst, warum sie eigentlich hier waren.
„Du willst wirklich da rein gehen Nina?“ hakte er noch einmal nach, während er sich langsam zu ihr gesellte. Die scheinbare Normalität dieser Szene schien so gar nicht zu seinem aufgewühlten Innenleben zu passen.
„Wir wollen Olivia suchen, schon vergessen?“ gab Nina zurück. „Und das können wir nicht, in dem wir hier herum stehen. Also komm jetzt und sei nicht so eine Memme.“ Sprach’s und marschierte einfach los.
Lennard verdrehte die Augen, seufzte abgrundtief, folgte ihr dann aber ohne weiteren Kommentar.
Nur wenige Schritte, dann hatte der Wald sie verschluckt. Unter den Bäumen war es deutlich kühler als draußen in der prallen Sonne, die Blätter malten tanzende Muster auf den Waldboden und der Geruch nach Erde und Laub stieg ihm in die Nase.
Langsam folgten sie einem schmalen Pfad, der sie in sanften Schlangenlinien immer tiefer in den Wald hinein führte. Nirgends war ein Zeichen von anderen Menschen zu sehen. Nicht einmal Tiere sahen sie. Hätten die Vögel nicht weiterhin ein vielstimmiges Konzert über ihren Köpfen gegeben, hätten sie wirklich meinen können, sie seien die einzigen Lebewesen in diesem Wald.
Je weiter sie liefen, desto finsterer wurde der Wald um sie herum. Bald schaffte es die Sonne kaum noch, durch das dichte Blätterdach zu dringen, Farne und Dornengestrüppe hatten den Weg beinahe zu gewuchert und immer öfter war Lennard gezwungen stehen zu bleiben und seine Hosenbeine von irgendwelchem Gestrüpp zu befreien.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ihm die Veränderung auffiel. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen und seine Beine waren kurz davor ihren Dienst zu quittieren. Vorsichtig legte er Nina, die vor ihm ging, eine Hand auf die Schulter. Als diese sich zu ihm herum drehte, legte er einen Finger an die Lippen und bedeutete ihr leise zu sein. Angestrengt lauschte er in den Wald hinein. Nichts. Nicht ein Vogel zwitscherte mehr, kein Insektensummen drang an sein Ohr, selbst das Flüstern der Blätter hatte aufgehört. Augenblicklich fühlte sich Lennard wie lebendig begraben und seine Atmung verselbständigte sich.
„Es ist so still,“ wisperte Nina.
Lennard nickte. „Ich schätze, wir sind nahe dran. An was auch immer.“
Er fühlte, wie Nina nach seiner Hand tastete. Aufmerksam blickten Sie sich um und suchten den Wald mit ihren Augen ab. Doch mittlerweile standen die Bäume so dich beieinander, dass sie in dem entstandenen Halbdunkel mehr Schatten als real existierende Dinge sahen.
„Lass uns weiter gehen,“ flüsterte Nina. „Ich fühle mich hier wie auf dem Präsentierteller.“
Lennard musste ihr Recht geben, allerdings fand er ihren Vorschlag wenig berauschend. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie hier und jetzt die Suche abgebrochen hätten und zum Auto zurück gegangen wären. Zu Hause konnte er sich dann immer noch Gedanken darüber machen, was für ein Feigling er war. Doch hier und jetzt konnte er die Gefahr, in der sie schwebten, förmlich auf der Zunge schmecken. Die Härchen an seinen Armen und Nacken stellten sich auf und alle seine Sinne schrieen Gefahr!
Doch Nina ging einfach weiter, langsamer zwar und darauf bedacht, möglichst wenig Lärm zu machen, doch sie hielt seine Hand unerbittlich fest, so dass er gezwungen war, ihr zu folgen.
Er konzentrierte sich auf den kaum noch zu erkennenden Weg vor ihm, setzte seine Füße mit bedacht und verursachte trotzdem so viel Lärm, dass man sie garantiert über eine beträchtliche Entfernung hinweg hören konnte. Der Pfad schien währenddessen ins Nichts zu führen. Baum um Baum tauchte vor ihnen auf, das Gestrüpp um sie herum wurde höher und dichter und rückte immer näher an den Weg heran.
Plötzlich nahm Lennard aus den Augenwinkeln eine Bewegung war. Ein flinkes Huschen, ein Schatten, der vorbei rauschte. Nicht mehr. Und trotzdem genug, um seinen Pulsschlag in nie geahnte Höhen zu treiben.
Sofort blieb er stehen und starrte in den Wald hinein. Doch es war nichts zu sehen. Nina blickte ihn fragend an, doch er zuckte nur mit den Schultern. Er sah scheinbar schon Gespenster. Immer noch war es so unheimlich still um sie herum und wäre dort wirklich irgendjemand (oder irgendetwas) durch den Wald gehuscht, hätte er mindestens so viel Lärm wie sie verursachen müssen.
Also gingen sie weiter, immer in der Hoffnung hinter der nächsten Biegung so etwas wie eine Siedlung, eine Ansammlung von Hütten, Zelten oder irgendetwas zu finden, dass auf eine Ansammlung von Menschen, von Andersartigen, hindeutete.
Stattdessen weiterhin huschende Schatten um sie herum, dann knackte ein Zweig irgendwo vor ihnen und beide blieben sie abrupt stehen.
„Nenn mich einen Feigling Nina, aber ich gehe zurück,“ sagte Lennard bestimmt, während seine Augen starr auf den Weg vor ihnen gerichtet blieb. Irgendetwas näherte sich ihnen, das konnte er mit jeder Faser seines Körpers spüren. Und es war ihnen nicht freundlich gesinnt.
„Ich denke nicht … ,“ setzte Nina an, doch er drehte sich einfach um und zog sie einfach mit sich. Sie begann sich zu wehren, doch das war ihm egal. Er würde sie beide lebend hier heraus bringen und dann würden sie sich einen neuen Plan überlegen.
Mittlerweile achtete er nicht mehr darauf, ob er sich leise bewegte. Was auch immer hier im Wald lauerte, hatte sie schon längst bemerkt.
„Lennard, so warte doch … ,“ hörte er Nina hinter sich. Sie versuchte, sich aus seinem festen Griff zu befreien, doch er drückte unbarmherzig zu. „Lennard, verdammt noch mal. Wenn dir dein Leben lieb ist, lässt du mich sofort los!“
„Du hast recht Nina,“ entgegnete er grimmig. „Ich liebe mein Leben und deshalb verschwinden wir von hier. Auf der Stelle.“
Zu ihrer Linken hörte er plötzlich ein leises Rascheln. Erst dachte Lennard, er hätte es sich vielleicht nur eingebildet. Sein überreiztes Nervenkostüm spielte ihm bestimmt Streiche in diesem verfluchten Wald. Er atmete flach und so ruhig wie möglich und spitze die Ohren, wurde dabei aber keinen Deut langsamer. Da! Da war es wieder. Und es kam näher! Nina verstummte schlagartig und drängte sich nun gegen ihn, anstatt weiterhin an ihm herum zu zerren. Also hatte sie es auch gehört.
„Was ist das?“ hauchte sie, während sie hinter Lennard den Weg zurück stolperte.
„Ich habe keine Ahnung, aber ich möchte es auch nicht heraus finden,“ entgegnete er, während er mit der freien Hand Zweige und Blätter zur Seite schob um schneller voran zu kommen.
Das Rascheln näherte sich weiterhin. Ab und an knackte ein Zweig, so als wälze sich eine ganze Horde von Angreifern durch den Wald auf sie zu.
„Lauf!“ rief Lennard schließlich, als sich der Weg vor ihnen etwas verbreiterte und sofort verfielen sie in einen schnellen Trab, immer darauf bedacht, an keiner Wurzel oder Dornengestrüpp hängen zu bleiben. Ein Sturz konnte ihnen hier endgültig zum Verhängnis werden.
Es dauerte nicht lange, dann blitze vor ihnen die Sonne durch die Bäume. Lennard konnte es kaum glauben. Hatten sie es tatsächlich bis zurück zur Lichtung geschafft? Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Und wie sich heraus stellen sollte, war es das auch.
Noch etwa zweihundert Meter trennten sie von dem rettenden Platz, als plötzlich eine Gestalt aus dem Wald mitten auf den Weg trat. Augenblicklich blieb Lennard stehen, so dass Nina ungebremst in ihn hinein rannte.
„He!“ beschwerte sie sich, dann erst schien sie die Gestalt keine fünf Schritte vor ihnen zu bemerken.
Es handelte sich um einen Mann. Er trug eine ausgewaschene Jeans, die an den Knien aufgerissen war, ein rot kariertes Hemd und dicke, braune Lederstiefel. Sein Haar hing ihm in langen Strähnen auf die Schultern und verdeckte sein Gesicht zur Hälfte. Seine Hände hingen locker an den Seiten herab und wirkten so groß wie Schaufeln. Er rührte sich nicht, starrte sie nur hinter seinem Vorhang aus Haaren unverwandt an.
Lennard räusperte sich. „Hallo,“ sagte er, in dem Versuch irgendetwas normales zu tun und seine alles verzehrende Angst damit in den Griff zu bekommen. Dieser Mann wirkte wie ein Holzfäller oder ähnliches. Normal eigentlich. Nichts, wovor man sich fürchten müsste. Und trotzdem. Die Bedrohung, die von ihm ausging, war mit Händen zu greifen.
Weder rührte der Mann sich, noch gab er eine Antwort. Er gab nicht einmal zu erkennen, ob er Lennard überhaupt gehört hatte. Und nun?
„Lass uns einfach weiter gehen,“ wisperte Nina in seinem Rücken. „Wir können einen Bogen um ihn machen, da,“ sie deutete auf ein kleines, mit Gras bewachsenes Stück, das parallel zum Waldweg verlief.
Lennard nickte. Die Idee war genau so gut wie jede andere. Hier stehen bleiben konnten sie jedenfalls nicht.
Also setzten sie sich langsam in Bewegung. Lennard stellte fest, dass er die Hände abwehrend vor sich hielt. So, als wolle er signalisieren, dass sie dem Mann nichts tun würden und in friedlicher Absicht kamen.
Sie hatten den Grasstreifen noch nicht ganz erreicht, als aus der Kehle des Mannes ein tiefes, animalisches Knurren aufstieg. So weit Lennard erkennen konnte, bewegte er dazu keinen Gesichtsmuskel, trotzdem war die Botschaft eindeutig. Erneut blieben sie stehen.
„Wir möchten nur an ihnen vorbei zu unserem Auto,“ hörte er Nina sagen. Ihre Stimme zitterte leicht, trotzdem war sie erstaunlich klar und laut. „Wir tuen ihnen nichts und es wäre schön, wenn sie uns auch nichts tun.“
Aber auch damit erzeugte sie keinerlei Reaktion bei ihrem Gegenüber.
Hinter ihnen knackte plötzlich ein Zweig und als sie erschrocken herumfuhren, sahen sie sich zwei weiteren Männern gegenüber. Sie trugen ebenfalls Jeans und derbe Lederstiefel, darüber beachtliche Muskeln die sich unter dreckigen T-Shirts spannten. Ihre Gesichter waren ähnlich ausdruckslos wie das des ersten Mannes, doch konnten sie diesmal die Konturen unter den kurzen Haaren besser erkennen.
Lennard durchfuhr es eiskalt, als er in die Augen seines Gegenübers blickte. Schwarze Löcher taten sich da auf. So groß und tief, dass er drohte hinein zu stürzen. Da war kein Weiß mehr zu sehen, nur diese alles durchdringende Schwärze, die bodenlos zu sein schien. Und abgrundtief böse.
„Nina?“ flüsterte er.
„Auf drei,“ hörte er sie genau so leise sagen und war so dankbar, dass sie seine Gedanken erraten hatte.
Sie zählte leise.
„Eins … zwei … ,“ bei drei fuhren sie herum und rannten los.
Lennard zog Nina mit sich auf den schmalen Grasstreifen und noch während Karohemd sich anschickte, ihnen auch dort den Weg zu verstellen, schlug Lennard einen Haken zurück auf den Waldweg. Dort hastete er so schnell ihn seine Beine trugen weiter, doch das nütze recht wenig, denn keine zwei Schritte weiter hörte er ein lautes Fauchen. Sein Blick schoss hinauf zu den Baumwipfeln und er sah zu seiner Bestürzung, wie sich zwei weitere Männer von den Bäumen auf sie herunter fallen ließen.
Nina reagierte erstaunlich flink, sie gab Lennard einen Schubs, so dass er wieder nach links ins Gebüsch strauchelte. Gott sei Dank fing er sich sofort wieder und rannte weiter, Nina dicht hinter ihm, ihre Angreifer ihnen auf den Fersen.
Entsetzliche Laute drangen an sein Ohr. Ein Knurren und Fauchen, ein Geifern und Schnappen. Seine Fantasie reichte nicht aus um sich vorzustellen, was dort mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukam.
Keine zwei Schritte weiter holte ihn einer der Verfolger von den Füßen. Er bekam einen Stoß zwischen die Schulterblätter der sich anfühlte, als hätte ihn ein Betonpfeiler gerammt. Er flog ein ganzes Stück durch die Luft, bevor er schmerzhaft auf dem harten, trockenen Waldboden aufschlug. Irgendwo hinter ihm schrie Nina auf.
Er versuchte sich aufzurappeln, doch da war eine der Bestien bereits über ihm. Er wurde in die Höhe gerissen und gegen einen Baumstamm geschleudert. Noch bevor er richtig wieder auf dem Boden gelandet war, hockte die Kreatur vor ihm. Eine Klaue schoss vor und legte sich um seinen Hals, drückte aber noch nicht all zu fest zu, gerade so, als wolle sein Angreifer noch eine Runde mit ihm spielen bevor es ernst wurde. Die Finger hatten nichts mehr menschliches an sich. Sie waren viel zu lang und schienen nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Heißer, übel riechender Atem schlug Lennard entgegen und nur mit großer Anstrengung schaffte er es, sich nicht sofort zu übergeben. Dann begann sein Gegenüber zu grinsen und Lennards Herz kam für einige Tackte ins Stolpern. Zwischen blutroten, spröden Lippen, reihten sich rasiermesserscharfe, spitze Zähne aneinander. Sofort tauchen Bilder seiner verstümmelten Patienten in seinem Kopf auf.
„Nein,“ flüsterte er, dann schossen seine Fäuste vor und bohrten sich mit solchem Nachdruck in die Brust der Kreatur, dass diese tatsächlich nach hinten taumelte und ihn dabei los ließ.
Noch während er in die Höhe schoss, streiften seine Finger etwas hartes, kantiges. Er packte zu und schwang ein dreckiges, moosbewachsenes Kantholz in die Höhe. Wie auch immer es hier her gekommen war, es konnte nun ihre Rettung sein. Mit voller Wucht schlug er zu und zielte dabei auf den Kopf seines Angreifers. Dieser duckte sich kurz bevor der Schlag ihn erreichte, so dass Lennard nur noch seine Schulter traf. Doch es hatte auch so die erwünschte Wirkung. Die Kreatur heulte auf und taumelte einige Schritte rückwärts, während sein Arm nutzlos an der Seite herabbaumelte.
Hastig sah Lennard sich um. Nina war inzwischen umringt von mindestens sechs der Bestien. Knurrend standen sie um sie herum und weideten sich sichtlich an ihrer Angst.
Lennard stürmte los und donnerte dem erstbesten Angreifer das Kantholz auf den Schädel. Mit verdrehten Augen sackte der Mann in sich zusammen.
Die anderen fuhren nun zu ihm herum und stürzten sich auf ihn. Lennard rannte los. Irgendwo hinter sich hörte er Nina seinen Namen rufen, doch seine Überlebensinstinkte hatten die Führung übernommen. Nur weg hier.
Weit kam er allerdings nicht. Keine fünf Schritte weiter hatten ihn seine Verfolger bereits eingeholt. Einer stellte ihm vollkommen mühelos ein Bein, so dass er der Länge nach hin schlug. Gleich darauf landete Nina mit dem Gesicht voran neben ihm Dreck. Sie wimmerte leise, rührte sich aber nicht. Lennard selbst schaffte es gerade noch, sich aufzusetzen, zu mehr waren seine zitternden Arme und Beine nicht fähig. Das hier war das Ende, so viel war klar. Und die Kreaturen um ihn herum wussten dies scheinbar auch.
Sie heulten und johlten, hüpften und fauchten und hatten dabei nichts menschliches mehr an sich. Das hier waren Raubtiere, die ihre Beute verfolgt, gejagt und gestellt hatten.
Lennard schloss die Augen als Karohemd zum Sprung ansetzte. Doch er wartete vergeblich auf den Aufprall. Stattdessen hörte er ein hohes Kreischen, ein Rascheln und Knacken von vielen Füßen und ein lautes Heulen, das sich erstaunlich schnell entfernte.
Mir rasendem Herzschlag öffnete Lennard die Augen. Die Bestien waren verschwunden. Konnte das wirklich wahr sein?
„Nina?“ krächzte er und berührte sie sanft an der Schulter. Sofort schrie sie auf und schlug nach ihm. Er hatte einige Mühe ihre Hände einzufangen, während er immer wieder „Sie sind weg. Nina, sie sind weg. Sie sind weg … ,“ hervorstieß, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.
Irgendwie schafften sie es auf die Füße. Taumelnd stolperten sie die letzten Meter hinaus auf die Lichtung. Das gleißende Licht der Sonne blendete sie, während sie über die freie Fläche rannten. Im Laufen zog Lennard seinen Autoschlüssel hervor, drückte den Knopf für die Zentralverriegelung und stürzte sich gleich darauf auf den Fahrersitz. Gleichzeitig mit Nina warf er die Tür hinter sich zu, dann versuchte er mit zitternden Händen den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, während Nina die Zentralverriegelung betätigte.
„Verdammt, verdammt, verdammt,“ keuchte er, als er immer wieder mit dem Schlüssel abrutschte.
„Mach schon Lennard!“ kreischte Nina neben ihm vollkommen außer sich. „Mach schon!“
In dem Moment, in dem er Schlüssel endlich ins Schloss rutschte, traf etwas schweres mit einem lauten Schlag die Motorhaube. Er schrie auf, während Nina neben ihm besinnungslos zu kreischen begann.
Auf der Motorhaube hockte ein Mann. Er starrte durch die Windschutzscheibe zu ihnen herein, machte aber keinerlei Anstalten irgendwie zu ihnen herein zu kommen. Langsam legte er den Kopf schräg, so als überlege er, was er nun genau mit ihnen anstellen sollte. Dabei streifte die Sonne seine linke Gesichtshälfte. Wulstige, rote Narben verunstalteten seine Wange und seinen Hals, seine Hände krampften sich um die Scheibenwischer und seine Augen starrten hasserfüllt ins Innere des Wagens. Lennard stellte sofort fest, dass die Augen des Mannes zwar dunkel aber ansonsten ganz normal aussahen, was nicht hieß, dass ihnen von diesem Mann weniger Gefahr drohte.
Endlich sprang der Motor an, Lennard schob den Schalthebel brutal in den Rückwärtsgang und gab Gas. Durch den harten Ruck verlor der Mann auf der Motorhaube das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Ein Scheibenwischer brach dabei ab, doch das registrierte Lennard nur am Rande. Als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her wendete er in einer riesigen Staubwolke auf der Lichtung und raste dann den unebenen Weg zurück, den sie vor nicht einmal einer halben Stunde gekommen waren.

Ich habe eine eigenen Kategorie für die Story angelegt. Wer also die Kapitel noch einmal nachlesen oder eventuell ganz neu einsteigen möchte, klicke bitte rechts unter „Kategorien“ auf „NochohneTitel“. Dankeschön :).

Kapitel 5 

Fast im selben Augenblick, in dem Lennard Berg das Café Melange betrat, fanden seine Augen die leuchtend rote Haarmähne von Nina Suarez. Sie saß an einem der Tische an der breiten Fensterfront, mit Blick hinaus in das sommerliche Treiben der Fußgängerzone.
Nachdem er sich den Film bis zu seinem bitteren Ende angesehen hatte, hatte er zum Telefon gegriffen und Nina zurückgerufen. Wieder und wieder sah er vor sich, wie eine blutüberströmte Olivia in ein Taxi gezerrt wurde, nachdem dem Fahrer ein dickes Bündel Geldscheine überreicht worden war. Wohin die Fahrt gehen würde war keine Frage. Das wusste heutzutage schließlich jedes Kind.
Das Reservat im Wald existierte seit er denken konnte. Dorthin wurden die Andersartigen – wie sie ganz offiziell bezeichnet wurden – verbannt. Sein Vater hatte ihm früher gerne Schauergeschichten von dem dunklen Ort erzählt, an dem die Monster hausten und kleine Kinder zum Frühstück verspeisten. Wie viel davon wirklich stimmte konnte er selbst heute nicht eindeutig sagen, denn so wirklich hatte niemand Einblick in das Leben der Andersartigen im Wald. Doch dass sie schlussendlich alle dort landeten war Gesetzt. Zumindest alle, die bis dort hin überlebten.
Früher, in seiner Kindheit und später auch in seiner Teenagerzeit, hatte es öfter Vorfälle dieser Art gegeben. Menschen, die bis dahin ein ruhiges und unauffälliges Leben geführt hatten wurden ihrer Schandtaten überführt und in den Wald verbannt. Nicht selten verselbständigte sich dieser Vorgang. Lynchjustiz war in dieser Zeit allerorts Gang und Gebe.
Irgendwann beschloss dann ein Politiker namens Hendrik Rose, dass selbst diesen Kreaturen und ausgestoßenen der Gesellschaft ein Minimum an Rechten zustand. Denn, so argumentierten zumindest die Anhänger der Todesstrafe für die Andersartigen, es handelte sich bei diesen Kreaturen nicht um Menschen im herkömmlichen Sinne und so fänden die Verfassung und alle Gesetzte, die das menschliche Leben schützten, hier keine Anwendung. Und so erließ er die heute allgemein gültigen Rosen-Gesetzte, in denen er unter anderem die Tötung der Andersartigen verbot und ihre Verbringung in den Wald anordnete. Die Rosen-Gesetze minderten die Gewalt zwar nur unwesentlich, doch Todesfälle gab es ab da nur noch sehr selten. Die Ordnungshüter schauten gerne weg, wenn es um die Vertreibung dieser Monster ging, doch einen Mordfall mussten sie untersuchen. Ab und an landete einer der Gewalttäter tatsächlich vor Gericht, allerdings nur, um dann mit einer sehr milden, meist auf Bewährung ausgesetzten Strafe davon zu kommen und der Statistik damit genüge zu tun.
Und nun war Olivia eine von ihnen geworden. Eine Zahl in einer monströsen Statistik. Eine Andersartige.
Immer noch fühlte Lennard sich wie betäubt. Als befände er sich in einem Film der zu unwirklich war um glaubwürdig zu sein. Jeden Moment würden hinter dem Tresen des Cafés seine Kollegen und Freunde hervorspringen und „Reingefallen!“ brüllen. Ein schlechter Scherz, mehr nicht. Olivia ging es gut. Alles wäre nur ein Missverständnis.
Doch als er die finstere Miene von Nina sah und in ihre grünen Augen mit den dunklen Rändern blickte, wurde ihm nur all zu deutlich bewusst, dass dies Wunschdenken war. Etwas unfassbar furchtbares war passiert. Olivia hatte die Seiten gewechselt und es gab rein gar nichts, was er dagegen tun konnte.
Ihre Schwester sah dies allerdings etwas anders. Er hatte sich noch nicht richtig hingesetzt, als Nina bereits näher an ihn heran rückte und zischte „wir müssen irgendetwas tun. Wir können Olivia unmöglich diesen Monstern im Wald überlassen.“
„Und was hast Du Dir da so vorgestellt?“ er konnte den sarkastischen Unterton in seiner Stimme nicht verbergen, doch Nina ging darauf nicht ein.
„Keine Ahnung. Aber irgendetwas müssen wir doch tun!“ ereiferte sie sich und hinter ihren hübschen, grünen Augen sah er ihre Selbstsicherheit bröckeln.
In diesem Moment kam eine Bedienung an ihren Tisch. Er bestellte ein Bier, Nina entschied sich für eine Apfelschorle. „Und bringen sie uns zwei Obstler,“ fügte sie ihrer Bestellung noch hinzu. Lennard hütete sich, dem zu widersprechen.
Während sie auf ihre Bestellung warteten, sprachen sie kein Wort. Lennard blickte stur nach draußen und betrachtete die Menschen, die im hellen Sonnenlicht am Fenster vorbei hasteten. Sie wirkten so unbeschwert, so ahnungslos. Lennard beneidete sie zutiefst.
Als ihre Getränke schließlich vor ihnen standen und sich der Schnaps warm und angenehm in seinem Magen ausbreitete, nahm er den Faden ihres Gespräches wieder auf.
„Nina, mal ganz realistisch,“ begann er also und wusste dabei sehr genau, dass er gerade dabei war Olivia endgültig auf’s Schafott zu reden. „Was könnten wir beide schon ausrichten? Ein Verwaltungshengst und eine Buchladentante. Wir haben keine Superkräfte. Selbst wenn wir in den Wald kämen und selbst wenn wir sie dort finden würden, was beides sehr unwahrscheinlich ist, woher willst du wissen, dass sie überhaupt mit uns zurück kommt? Und selbst wenn sie das wollte ginge es nicht, weil der nächste, der sie auf der Straße sieht, sie wahrscheinlich endgültig umbringen wird.“
Er war außer Atem und fühlte, wie ihm die Kehle eng wurde. Die Aussichtslosigkeit dieser Situation wurde ihm mit einem Mal voll bewusst und er schluckte hart.
„Wir können natürlich nicht hier bleiben,“ stellte Nina fest, als sei dies das einzige Hindernis, das es zu überwinden galt. „Aber das können wir doch sowieso nicht. Es wundert mich, dass du noch auf deinem Posten sitzt. Hat noch niemand mitbekommen, dass Du hinter Olivia her warst? Alle in ihrem direktem Umkreis sind jetzt verdächtig. Sympathisanten, womöglich selbst andersartig oder sonst irgendwie gestört.“
„Bisher hat mich noch niemand angesprochen, nein,“ sagte er kopfschüttelnd. „Und bei Dir?“ Er spürte, wie die Angst erneut aus seinen Eingeweiden empor gekrochen kam, diesmal allerdings bezog sich dieses Gefühl nicht mehr ausschließlich auf Olivia. Die gesamte Tragweite der Geschehnisse entfaltete sich nach und nach vor seinem geistigen Auge und was er dort zu sehen bekam ließ seine Hände zittern und seinen Herzschlag davon galoppieren.
„Ein paar Drohbriefe und eine vollgeschmierte Schaufensterscheibe,“ sagte Nina achselzuckend, was wohl lässig und unbekümmert aussehen sollte, aber gründlich misslang. „Dem Schwager einer Freundin haben sie damals, nachdem seine Frau in den Wald verschleppt wurde, eine Brandbombe in seinen Lebensmittelladen geworfen. Ich versuche mir ständig einzureden, dass Lebensmittel etwas anderes sind als Bücher, doch so wirklich gelingt mir das nicht. Ich stelle mich also darauf ein, irgendwann die Stadt verlassen zu müssen und das solltest du auch.“ sagte sie und blickte ihm dabei direkt in die Augen.
„Ich werde hier nicht weggehen,“ entgegnete er bestimmt und mit Nachdruck in der Stimme. „Ich habe nichts getan. Die können mich mal.“
„Olivia hat auch nichts getan,“ gab Nina heftig zurück „und trotzdem wurde sie zusammengeschlagen und verschleppt.“
„Nun ja … nichts würde ich das nun nicht nennen, sie … ,“
„Sie hat Menschen geheilt, verdammt nochmal,“ fuhr Nina auf.
„Pst, nicht so laut … ,“ versuchte er sie zu besänftigen und warf einen verstohlenen Blick durch das Lokal. Doch bisher schien niemand von ihnen Notiz zu nehmen.
„Ist doch wahr,“ sagte sie nun etwas leiser. „Sie hat nur Gutes bewirkt und zum Dank dafür hat man ihr Leben zerstört.“
„Du weißt doch gar nicht, ob sie nur Gutes … ,“ setzte er erneut an, doch sie unterbrach ihn wieder.
„Auf welcher Seite stehst du eigentlich Lennard? Ich dachte, Olivia bedeutet dir etwas und jetzt sitzt zu hier und verteidigst diesen Abschaum, der meine Schwester, deine Liebste, verschleppt hat.“
„Ich verteidige gar nichts,“ versuchte er zurück zu rudern, doch im selben Moment wurde ihm klar, dass er genau das tat. Er versuchte eine Rechtfertigung für die Handlungen von Olivias Freunden und Kollegen zu finden. Vielleicht, weil das Ganze dann weniger monströs und unmenschlich wirken würde. Vielleicht, weil er dann endlich irgendeinen Sinn darin sehen konnte. Doch natürlich war das Schwachsinn.
„Du nimmst die Menschen in Schutz, die Olivia blutüberströmt in ein Taxi gezerrt haben, die auf sie einprügelten, sie traten und angespuckt haben … ,“ Ninas Stimme brach. Ihre Hände zitterten, als sie mit weißen Knöcheln ihr Glas umfasste und ein paar Schlucke nahm.
Lennard seufzte. „Was sollen wir denn tun Nina?“ fragte er leise. „Was können wir tun?“
„In den Wald fahren.“ Sie hatte ihre Sicherheit wieder gefunden, wenn er auch vermutete, dass sie nur gespielt war.
Der Wald also. Darauf war es von Anfang hinaus gelaufen. Warum überraschte ihn das nicht? Ein eiskalter Schauer rann sein Rückrad hinab.
„Das ist gefährlich,“ sagte er mit einer Stimme, die nicht mehr ihm zu gehören schien.
„Ich weiß,“ gab sie zurück und nickte dabei.
„Und du weißt auch, was mit denen passieren kann, die dort nicht hingehören. Die scheußlichen Wunden, die wahnsinnigen Geschichten, die die Überlebenden erzählt haben. Schreckt dich das gar nicht ab?“
„Doch,“ gab sie zu. „Mehr als du dir vorstellen kannst. Aber es gibt keine andere Möglichkeit. Wir fahren in den Wald und holen sie zurück. Und dann suchen wir uns irgendwo ein nettes Plätzchen, wo uns niemand kennt und wir in Frieden leben können.“
„Du bist naiv,“ schnaubte er.
„Nein, ein Optimist,“ korrigierte sie ihn und lächelte zaghaft.

Kapitel 4

„Sie haben WAS?“ Lennard Berg brüllte beinahe in den Hörer. Der Bleistift, den er bis eben noch locker in der Hand gehalten hatte, brach mit einem trockenen Knacken entzwei und beide Hälften hüpften über den großen Schreibtisch davon.
„Sie haben Olivia verprügelt und in den Wald gebracht,“ hörte er erneut Ninas heisere Stimme aus dem Hörer.
Er konnte zwar die Worte verstehen, sein Gehirn weigerte sich allerdings noch das Gesagte wirklich zu akzeptieren. Olivia bei den Kreaturen im Wald? Seine Liv? Unvorstellbar. Und wie es dazu gekommen war, war noch unglaublicher.
„Ich kann das nicht glauben Nina,“ entgegnete er deshalb mit fester Stimme, auch wenn er innerlich bereits zitterte. „Ich war doch nur zwei Tage weg. Wie soll denn da … ,“ er wusste selbst, dass diese Argumentation, diese Verleugnung überhaupt nichts brachte. Ganze Weltreiche konnte man in zwei Tagen dem Erdboden gleich machen, warum sollte da nicht jemand Liv angegriffen und verschleppt haben? Und trotzdem …
„Du glaubst mir nicht?“ hörte er Olivias Schwester am anderen Ende der Leitung. Sie wirkte aufgebracht und schien kurz vor einem Wutausbruch zu stehen. Diese Ausbrüche waren legendär, hatte sie doch das spanische Temperament ihres Vaters geerbt. „Dann sieh dir deine verdammten Mails an und ruf mich zurück,“ blaffte sie noch, dann hallte lediglich ein langgezogenes Tuten an sein Ohr.
Langsam und bedächtig legte Lennard den Hörer auf die Tischplatte und blickte zu seinem Laptop hinüber, der noch ausgeschaltet auf einer Ecke des Schreibtisches stand. Er war gerade von einer zweitägigen Vortragsreise zurück gekehrt und hatte sich eigentlich auf einen anstrengenden aber angenehmen Arbeitsnachmittag im Krankenhaus gefreut. Als Verwaltungschef eines der größten Krankenhäuser Deutschlands war er fast mehr unterwegs als wirklich in seinem Büro anwesend und die wenigen Tage, die er hier verbringen durfte erschienen ihm beinahe wie Urlaub. Er mochte es zwar unterwegs zu sein, empfand es aber meist als ziemlich anstrengend immer präsent und aufmerksam sein zu müssen. In seinem Büro konnte er einfach mal zehn Minuten mit einer Kaffeetasse in der Hand aus dem Fenster starren, ohne dass ihn irgendjemand dabei störte. Auch wenn er das gegenüber der Klinikleitung natürlich nicht unbedingt erwähnen würde.
Sein Magen zog sich ängstlich zusammen, als er nun den Laptop zu sich heran zog und ihn einschaltete. Kurz sah er sein müdes Spiegelbild im Display: Sein kurz geschnittenes, braunes Haar, die grauen Augen mit den dunklen Schatten darunter, die gelockerte Krawatte über dem grauen Hemd und die schmale Linie seines Mundes darüber. Dann erwachte der Bildschirm zum Leben, sein Konterfei verschwand und er schloss einen Moment die Augen. Kurz wünschte er sich, er wäre vom Flughafen direkt nach Hause gefahren. Doch das wäre ähnlich effektiv gewesen, wie sich die Augen zuzuhalten und zu hoffen, dass ihn niemand sah. Nina hätte ihn überall erreicht und sie hätte sicherlich auch nicht eher geruht, bis er seine Mails gelesen hatte.
Wieder einmal musste er feststellen, wie unterschiedlich die beiden Schwestern waren. Nina war laut, aufbrausend und kantig, wo Olivia weich und liebevoll war. Olivia kam rein äußerlich mehr nach ihrem Vater, Nina hatte die Gene ihrer Mutter geerbt, was sich in der feuerroten Haarmähne und ihrer hellgrünen Augen bemerkbar machte. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass die beiden miteinander verwandt waren und doch, wenn man genau hinsah bemerkte man die Ähnlichkeiten. Ihre aufrechte Haltung, die Art, den Kopf zur Seite zu legen, wenn sie aufmerksam zuhörten und ihre Willensstärke, die bei beiden schon an Sturheit grenzte.
Er war Olivia in der Krankenhaus Cafeteria begegnet. Normalerweise schickte er seine Sekretärin, wenn er irgendetwas von dort brauchte, doch an diesem Tag hatte sie frei gehabt und so musste er wohl oder übel selbst hinunter gehen. Olivia hatte hinter ihm in der Selbstbedienungsschlange gestanden und als er schließlich an der Kasse ankam und mehr als peinlich berührt feststellte, dass sein Portmonee oben in seinem Jackett steckte, hatte sie ihn und seinen Kaffe mit Kuchen ohne mit der Wimper zu zucken ausgelöst.
Sofort als er wieder an seinem Arbeitsplatz angekommen war, hatte er in den Personalakten nach ihrem Namen gesucht und ab da seine Kaffepausen nach ihrem Dienstplan ausgerichtet.
Ihr Verhältnis war stets beruflich geblieben. In der kurzen Zeit, die Olivia als Pause zur Verfügung stand, unterhielten sie sich ausschließlich über die Arbeit. Ein Vorrücken seinerseits in privatere Gefilde blockte sie stets so geschickt ab, dass ihm erst hinterher auffiel, dass er mal wieder nichts über sie erfahren hatte.
Dann hatte er kurz vor seiner Vortragsreise erfahren, dass er Olivias Schwester bereist seit Ewigkeiten kannte. Nina und er hatten die selbe Universität besucht und sich auch nach dem Studium nicht aus den Augen verloren. Er mochte sie auf eine schwer zu erklärende Art. Niemand konnte so recht nachvollziehen, warum sich der umgängliche, freundliche Lennard mit der kratzbürstigen, überall aneckenden Nina so gut verstand. Er konnte es im übrigen auch nicht. Vielleicht war an dem Spruch, dass Gegensätze sich anzogen, doch etwas wahres dran. Auch wenn sein Interesse über bloße Freundschaft nicht hinaus ging.
Als er Nina schließlich von seiner kleinen Schwärmerei für ihre Schwester erzählte, reagierte sie erfreulich unkompliziert. Sie machte ihm zwar klar, was sie mit seinem Gemächt anstellen würde, wenn er ihrer Schwester weh tun sollte, aber im Großen und Ganzen gab sie ihm ihren Segen. Und so war er in den letzten zwei Tagen zu dem Entschluss gelangt, Olivia zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Vielleicht ein Abendessen, oder, wenn sie darauf eher ausweichend reagieren sollte, auch nur ein Drink nach der Arbeit. Er war der Meinung, wenn er sie erst einmal aus den dicken Mauern des Krankenhauses heraus bekommen könnte, würde sie sich entspannen und vielleicht ein wenig mehr öffnen.
Doch dazu war es nun nicht mehr gekommen. Stattdessen saß er hier alleine, starrte auf seinen Maileingang und traute sich nicht den Anhang in Ninas Mail mit der Bezeichnung „Dämonenaustreibung“ zu öffnen.
Was würde er zu sehen bekommen? Diese Frage ließ seinen Puls in die Höhe schnellen und seine Hände feucht werden. Würde er sehen, wie sie Olivia misshandelten? Oder reichte diese Aufnahme sogar weiter zurück? Würde er sehen können, wie es zu dieser Tragödie gekommen war? Was Olivia genau getan hatte? Ihr Verbrechen mit ansehen? Dann würde er wahrscheinlich an gebrochenem Herzen sterben.
Seine Finger näherten sich zitternd dem Mousepad, dann tippten sie schnell zwei Mal hintereinander darauf und bevor er es sich anders überlegen konnte, flimmerte bereits ein Film in schlechter Qualität und winzigem Format über seinen Bildschirm.
Die Aufnahme zeigte die Cafeteria. Irgendjemand saß in der hintersten Ecke und hatte vermutlich eine Handykamera auf den weiter vorne gelegenen Teil gerichtet. Gleißende Sonnenstrahlen, die durch die Türen zum Garten herein fielen, erschwerten zusammen mit dem winzigen Bildausschnitt die Sicht. Trotzdem erkannte er Olivia, die an einem der  runden Tische aufgestanden war und die von etlichen Mitarbeitern in weißen und grünen Krankenhausoutfits umringt wurde. Der Tumult war bereits dabei, sich Bahn zu brechen. Er hörte Stimmen durcheinander rufen und dass Quietschen von metallenen Stuhlbeinen auf Fliesen.
„Schlampe!“ hörte er jemanden brüllen. „Miststück!“ einen anderen. „Aber ich habe doch nicht … ,“ setzte Olivia an. Ihr Stimme war leise und kaum zu hören, so dass er die Lautstärke ganz aufdrehte und sich näher zum Bildschirm beugte.
„Ich habe es doch gesehen,“ ereiferte sich eine weibliche Stimme, doch auch hier konnte er die Sprecherin nicht ausmachen. „Ich habe die Krankenakten der letzten 50 Patienten durchgesehen. Fünfzig!“ kreischte die Frau mit überschlagender Stimme. „Immer das gleiche Muster. Katastrophale Werte und innerhalb von ein paar Tagen eine schlagartige Besserung. Das ist doch nicht normal!“
„Aber die Patienten sind doch hier um geheilt zu werden,“ verteidigte Olivia sich. Er konnte leider nicht die Einzelheiten ihres Gesichtes erkennen, dazu war die Qualität des Filmes zu schlecht und die Kamera zu weit weg vom Geschehen. Doch er hörte den panischen Unterton in ihrer Stimme und sah, wie sie sich immer hektischer nach allen Seiten umschaute.
„Das ist abartig,“ meldete sich eine neue Stimme zu Wort und diesmal konnte er sehen, wie sich ein Mann einen Weg vom Eingang der Cafeteria durch die Menschenmenge bahnte und schließlich vor Olivia stehen blieb. „Wie konntest Du das nur tun Liv?“ sprach der Mann weiter und bevor Olivia seinen Namen aussprach, wusste Lennard, mit wem er es hier zu tun hatte.
„Brandon?“ Das Wort kam beinahe flüstern über Olivias Lippen, doch da es bei Brandons Auftritt totenstill geworden war, konnte selbst Lennard vor seinem Laptop sie verstehen.
„Ach tu doch nicht so Liv,“ Brandon spuckte angewidert vor ihre Füße. „Du hast es mir und Camille doch selbst gesagt. Dass du heilst, dass du diese Kräfte hast. Dass du ein widerlicher FREAK bist. Eine abartige Kreatur. Und du wagst es, noch einmal hier aufzukreuzen?“
Lennard fröstelte, als der erste Olivia am Arm packte.
„Lass mich los,“ fauchte sie sofort und versuchte, ihren Arm aus der Umklammerung zu lösen, leider mit wenig Erfolg. Immer mehr Hände griffen nun nach ihr. Olivia schwankte bereits gefährlich und versuchte immer hektischer, sich gegen die aufgebrachte Meute zur Wehr zu setzen.
„Brandon, bitte!“ hörte er sie verzweifelt rufen. „Brandon so tu doch was.“
„Ich? Dir helfen?“ Brandon lachte verbittert auf. „Du bist ein Monster Liv. Ein gottverdammtes Monster und es wird Zeit, dass du auch wie eines behandelt wirst.“
In diesem Moment kippte nicht nur Olivia nach hinten, sondern auch die Situation eskalierte. Wie eine riesige Welle türmten sich plötzlich Gebrüll und Schreie auf unter der Olivia für kurze Zeit begraben wurde, bevor sie zappelnd und um sich schlagend, von unzähligen Händen gezerrt und gezogen wieder auftauchte. Wie eine unaufhaltsame Flut rollte die Menschenmenge auf die Terrassentüren zu und ergoss sich hinaus in den strahlenden Sonnenschein.
Das Videobild flackerte kurz, wurde dann komplett schwarz, bevor es gleich darauf wieder aufleuchtete. Das Bild schwankte und wackelte, als der Kameramann um eine Ecke rannte. Er keuchte heftig, bevor er schließlich stehen blieb und die Szenerie vor sich einfing. Sie befanden sich diesmal auf der Rückseite des Krankenhauses, das verrieten Lennard die Müllcontainer und die lange, gewundene Stahltreppe, die zu einer Glastür im ersten Stock führte. Olivia lehnte am Geländer, immer noch umringt von etlichen Männern und Frauen in Krankenhaus Kluft. Durch das heftige Husten des Kameramanns  hörte er Schreie und stellte bestürzt fest, dass es Olivia war, die um Gnade flehte. Eine Faust fuhr plötzlich aus der Menschenmenge heraus und traf Olivia seitlich im Gesicht, so dass ihr Kopf nach hinten flog und Blut aus ihrer Nase spritze. Gejohle und Gegröle begleiteten die nächsten Schläge, die in rascher Folge auf Olivia einprasselten.
Schließlich knickten ihre Beine ein und sie sackte in sich zusammen. Sofort war der rasende Mob über ihr und Lennard sah nur noch tretende und schlagende Menschen, die wie ein wildgewordenes Tier über dieses arme Mädchen herfielen.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Mein richtiger Name ist Olivia Suarez, doch die meisten nennen mich Liv. Von meinem spanischen Vater habe ich das dunkle, lockige Haar geerbt. Widerspenstig und kaum zu bändigen kringelt es sich um meine Ohren und wenn ich bei einer Fee einen Wunsch frei hätte, würde glattes Haar ganz oben rangieren.
Die helle Haut und die Sommersprossen bescherten mir die Wurzeln meiner Mutter, die zwar selbst nie einen Fuß auf irischen Boden gesetzt hatte, deren Vorfahren aber angeblich von dort stammten.
Bevor ich in meinem ganz persönlichen Albtraum landete, arbeitete ich als Krankenschwester in einem großen Krankenhaus. Bei genauerer Betrachtung – und ich hatte in den ersten Tagen auf meinem Krankenlager viel Zeit zum Nachdenken – war es genau dieser Job, der mir zum Verhängnis wurde. Ich war unvorsichtig geworden, hatte mich zu sicher gefühlt. Es reichte mir nicht mehr, mich lediglich um die Kranken zu kümmern, Verbände zu wechseln, Medikamente zu verabreichen und Werte und Daten in Krankenakten festzuhalten, ganz zu schweigen vom Bettenmachen und Bettpfannen wechseln. Ich wollte mehr tun. Mehr helfen. Schmerzen lindern. Und das tat ich. Anfangs nur sehr selten und nur bei den ganzen schweren Fällen, später immer häufiger und weniger zielgerichtet.
Ich hätte wissen müssen, dass so etwas nicht lange unentdeckt bleiben konnte, aber ich bildete mir ein, dass es schon keiner merken würde. Und wenn, würden sie niemals mich, eine kleine, unscheinbare Krankenschwester, verdächtigen.
Doch als die Gerüchte, etwas ginge auf der chirurgischen Abteilung nicht mit rechten Dingen zu, erst einmal die Runde machten, dauerte es nicht lange, bis auch ich in den Fokus der Klinikleitung rückte. Bis hier hin war alles noch meiner eigenen Dummheit zuzuschreiben, aber alles was danach folgte … nun ja … ich hatte einfach die Loyalität meiner Freunde kolossal überschätzt.
Wie immer, wenn mich die Gedanken an „früher“ überfielen, spürte ich ein Brennen in der Herzgegend, das so intensiv war, dass es jeden anderen Schmerz für kurze Zeit überdeckte. Es nahm mir buchstäblich die Luft zum Atmen und trieb mir die Tränen der Wut, aber auch der Scham in die Augen. Wie hatte ich mich so in diesen Menschen täuschen können? Ich hatte Hilfe gesucht, mich nach Jahren, in denen ich mein Geheimnis wie den heiligen Gral gehütet hatte, Menschen geöffnet, Menschen von denen ich bis dahin gedacht hatte, sie wären meine Freunde. Und was hatte es mir gebracht? Man hatte mich beinahe tot geprügelt, nachdem man mich in aller Öffentlichkeit gedemütigt und bloßgestellt hatte. Und zu guter letzt verschleppten sie mich hierher in den Wald zu diesen Freaks, deren Opfer in der Vergangenheit immer wieder auf meiner Station gelandet waren. Wie konnten all diese Menschen, angefangen von meinem Boss über meine Kollegen bis hin zu meinen Freunden auch nur eine Sekunde glauben, ich wäre wie diese Kreaturen? Dieser Abschaum der Menschheit? Ich wollte heilen, nicht morden, verdammt nochmal.
Was mich zu der Überlegung brachte, warum ich immer noch hier lag und ganz offensichtlich gesund gepflegt wurde, statt dass sie den Rest meines kümmerlichen Daseins in Stücke rissen.
Die Frau mit dem Raubvogelgesicht, die sich mir als Rachel vorgestellt hatte, sah ein paar Mal am Tag nach mir. Sie brachte mir Wasser und Hühnerbrühe, versorgte meine Wunden mit einer Salbe, die zwar furchtbar roch, aber ganz offensichtlich eine heilende Wirkung besaß und wechselte meine Verbände. Gemeinsam mit ihrer Tochter Finn hievte sie mich am zweiten Tag ungefragt aus dem Bett und stellte mich vorsichtig auf die Füße. Der gesamte Raum um mich herum schwankte wie bei hohem Seegang, mein Kreislauf fuhr Achterbahn und mein Magen rebellierte gegen die plötzliche Vertikale. Aber da ich so dringend wie noch nie in meinem Leben auf die Toilette musste, ignorierte ich dies alles.
Unter höllischen Schmerzen schleppten sie mich aus meinem Zimmer durch einen kleinen, dunklen Flur in ein winziges Badezimmer, wo ich mich endlich erleichtern und notdürftig waschen konnte.
Zurück in meinem Zimmer, drängten sich bereits drei Männer in dem kleinen Raum. Noch während Rachel mich in die frisch aufgeschüttelten und gelüfteten Kissen sinken ließ, begann der erste mir Fragen zu stellen. Er war groß, mit breiten Schultern, langen, muskulösen Armen und einem kantigen Gesicht. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig, allerdings konnte man das bei dem wettergegerbten Gesicht, das von einem Leben im Freien zeugte, nicht so genau bestimmten. Zudem verdeckte ein dunkler Bart die untere Hälfte seines Gesichtes, was ihn wie Rübezahl ausziehen ließ.
„Wer bist Du?“ war natürlich das erste, was er wissen wollte. Ich schwieg. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihm wahrscheinlich im Moment nicht antworten können, so sehr hatte mich der Gang zum Badezimmer erschöpft. Außerdem: Wenn ich gar nichts sagte, konnte ich ihnen auch nichts nützliches verraten. Was auch immer für diese Leute „nützlich“ sein mochte.
„Verrate uns doch wenigstens deinen Namen,“ versuchte er es noch einmal.
„Vielleicht ist sie stumm?“ vermutete ein anderer. Er war beinahe genau so groß wie Rübezahl, allerdings so dürr, dass man ihn womöglich gar nicht sehen konnte, wenn er seitlich zu einem stand. Immer wieder schob er sich die Strähnen seines sandfarbenen Haars hinter die Ohren, wo sie etwa eine Sekunde blieben, bevor sie ihm wieder ins Gesicht fielen.
„Sie kann sprechen,“ entgegnete Rachel bestimmt. „Sie hat schließlich im Delirium geredet.“
Der Schreck durchfuhr meine Glieder, so dass ich heftig zusammen zuckte. Was hatte ich gesagt während ich hier lag, mehr tot als lebendig? Was hatte ich ihnen unbewusst verraten?
„Das Gebrabbel konnte doch keiner verstehen,“ winkte Rübezahl ab, was mich sofort ungemein erleichterte.
„Bist Du von hier?“ versuchte der Dünne es noch einmal, doch ich starrte weiterhin einfach durch ihn hindurch.
„Was die beiden eigentlich wissen wollen,“ meldete sich nun der dritte Mann zu Wort, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte „ist, warum du hier bist.“ Er trat einen Schritte auf das Bett zu, so dass das Licht vom Fenster in meinem Rücken sein Gesicht in gleißende Helligkeit tauchte und ich musste meine gesamte Beherrschung aufbringen, um nicht vor ihm zurück zu zucken. Er war etwa so alt wie ich, Mitte zwanzig schätzte ich, und obwohl uns bestimmt noch zwei Meter trennten, umhüllte mich seine Präsenz wie eine dunkle Wolke, in der es bereits blitzte und donnerte.
Sein Haar war beinahe so dunkel wie meines und mindestens genauso gelockt. Seine Augen wirkten tiefschwarz in dem gebräunten Gesicht. Die offene Feindseligkeit darin war nicht zu übersehen, doch sie schreckte mich nicht. Das, was meinen Blick wie magisch anzog, war nicht das hübsche Gesicht mit der geraden Nase und den vollen Lippen, oder der schlanke Körper mit dem beachtlichen Bizeps, sondern die Brandnarben, die sich über seine linke Gesichtshälfte und den Hals hinunter wanden, bis sie im Ausschnitt seines T-Shirts verschwanden. Seine Schläfe, seine Wange und sein Hals waren mit wulstigen, roten Narben übersät. Ich wusste nicht, warum mich dieses Bild so aus dem Konzept brachte. Durch den Dienst in der Notaufnahme während meiner Ausbildung hatte ich bereits viele solcher Verletzungen gesehen, doch irgendwie waren diese hier anders.
„Da guckst du, was?“ höhnte der Unbekannte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sam, lass sie,“ sagte Rachel und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
„Nein,“ entgegnet Sam grimmig und schüttelte ihre Hand ab. „Ich will wissen, was sie hier zu suchen hat.“
Ich presste die Lippen fest aufeinander und starrte böse zurück. Was er konnte, konnte ich schon lange. Wenn überhaupt hatte er mich nur darin bestärkt, meinen Mund zu halten.
„Also?“ hakte er nach und kam drohend noch einen Schritt näher.
Irgendetwas in seiner Körperhaltung, die Art, wie er den Kopf dabei schräg legte und die Fäuste ballte, erweckte die Panik in mir von neuem. Mein Herzschlag begann zu galoppieren, mir fehlte plötzlich die Luft zum Atmen obwohl ich verzweifelt versuchte Luft zu holen und am Rande meines Gesichtsfeldes begannen schwarze Pünktchen zu tanzen. Unbewusst wartete ich auf den ersten Schlag, während sich mein Körper zu einer Kugel zusammenrollte, die Arme schützend über den Kopf gelegt, und Adrenalin in rauen Mengen in meine Adern gepumpt wurde.
„Raus hier Sam, sofort!“ hörte ich Rachel noch sagen, dann nahm ich nichts weiter wahr als meinen Körper, der sich in zitternden Krämpfen wand.

Kapitel 1

Kapitel 2

Hitze, das war das erste, das ich wahrnahm, als ich wieder zu mir kam. Es fühlte sich an, als glühe mein gesamter Körper von innen heraus. Mein Herzschlag hüpfte hektisch und unkontrolliert in meiner Brust, wie ein eingesperrtes Vögelchen, das verzweifelt versuchte aus seinem Käfig zu entkommen.
Ich lag auf der Seite und fühlte eine kratzige Decke an der Wange. Mein Kopf ruhte auf etwas Weichem, während Hitze über mein Gesicht wie eine sanfte Berührung strich. Vorsichtig öffnete ich blinzelnd die Augen, was gar nicht so einfach war. Ein Tonnengewicht schien auf meinen Lidern zu liegen und nur mühsam hoben sie sich ein winziges Stück. Schatten tanzten verschwommen vor meinen Augen im Dämmerlicht, gleichzeitig stieg mir der Geruch von brennendem Holz in die Nase und ein unangenehmes Kratzen kitzelte meinen Rachen. Die Augen fielen mir sofort wieder zu und ich seufzte leise.
Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, mir durch ein Husten Erleichterung zu verschaffen, doch als ich es dann doch tat, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Im selben Moment kamen die Schmerzen zurück. Mein Brustkorb brannte wie Feuer und sämtliche Knochen und Muskeln in meinem Körper kreischten gequält auf, so dass ich meine Hände in die Decke krampfte und verzweifelt versuchte, das Husten zu unterdrücken. Schweiß rann über meine Stirn, den Nasenrücken hinunter in den Mundwinkel und ich meinte, bei lebendigem Leib zu verbrennen.
„Langsam,“ hörte ich plötzlich eine Stimme, ganz in meiner Nähe und wenn das überhaupt noch möglich war, hämmerte mein Herz vor Schreck noch ein wenig fester in meiner Brust. „Komm, trinken sie einen Schluck, dann wird es sicherlich gleich besser,“ fuhr die Stimme sanft fort und ich fühlte etwas hartes zwischen den Lippen. Vielleicht einen Strohhalm? Gierig saugte ich daran und hätte beinahe aufgestöhnt, so gut tat das kühle Wasser, das mir gleich darauf die Kehle hinunter rann. Der Husten verstummte und mein Körper entspannte sich augenblicklich. Dann schien mein Verstand endlich wieder seine Tätigkeit aufzunehmen und sofort rasten unzählige Fragen gleichzeitig durch meinen Kopf.
Wer ist das? Wo bin ich? Was ist passiert? Was haben die mir da eben gegeben? Werde ich sterben? Die letzte Frage ließ mich die Augen vor Furcht erneut aufreißen.
Über mir schwebte ein heller, runder Fleck, der wie unter Wasser leise vor sich hin waberte. Im Hintergrund konnte ich noch weitere helle Flecken ausmachen, die vor den tanzenden Flammen eines Kaminfeuers ebenfalls zu schweben schienen.
„Keine Angst,“ hörte ich die Stimme wieder „sie sind hier in Sicherheit.“
Von irgendwo kam ein seltsamer Laut. So etwas wie ein Schnauben oder Prusten, vermutete ich.
„Achten Sie nicht auf Sam,“ vernahm ich die Stimme wieder, während sich der helle Fleck des fremden Gesichtes über mich beugte. Ich vermutete, dass es sich dabei um eine Frau handelte, war mir aber nicht wirklich sicher. „Er hat keine Ahnung. Wie fühlen Sie sich?“
Ich öffnete die Lippen gerade so weit, das ich das Aroma des Feuers schmecken konnte, doch kein Ton kam heraus. Himmel, mir war so furchtbar heiß!
„Du siehst doch, dass sie noch gar nicht richtig bei sich ist,“ meldete sich eine andere Stimme aus dem Hintergrund. „Wir sollten sie noch ein wenig schlafen lassen und später wieder kommen.“
„Wir müssen aber wissen … ,“ setzte eine dunkle, männliche Stimme irgendwo zu meiner Linken an.
„Sie kann aber nicht,“ wurde er von einem weiteren Mann rüde unterbrochen. Ich spürte, wie mein Verstand langsam davon driftete. Meine Augen schlossen sich, erschöpft von der Anstrengung ganze zehn Sekunden offen gewesen zu sein. Die restliche Unterhaltung nahm ich nur noch wie durch Watte wahr.
„Ich denke auch wir sollten noch etwas warten Carl,“ sagte die weibliche Stimme von vorhin und irgendwie gefiel mir die Sanftheit darin.
„Es ist aber nicht ungefährlich, wenn sie … ,“ setzte dieser Carl wieder an, nur um erneut von Mr. Unhöflich unterbrochen zu werden. „Jetzt ist es sowieso zu spät. Entweder sind sie bereits auf dem Weg hierher oder sie ist nur ein weiterer Flüchtling.“
„Sam hat recht,“ gab die weibliche Stimme zu. „Wenn sie wirklich die Absicht hätten uns zu finden, währen sie bereits hier.“
„Trotzdem ist mir nicht wohl bei dem Gedanken … ,“ Hier blendete mein Gehirn die Stimme von Carl ganz langsam aus und mit einem letzten Rest von Bewusstsein fragte ich mich, ob es Carl je vergönnt war, einen Satz zu Ende zu bringen.

Als ich das nächste Mal erwachte, war ich sofort vollkommen klar im Kopf. Die Augen zu öffnen fiel mir allerdings noch genau so schwer. Auch die Schmerzen waren immer noch da, weshalb ich versuchte, mich möglichst nicht zu bewegen.
Inzwischen lag ich auf dem Rücken und erleichtert stellte sie fest, dass diese alles verzehrende Hitze einer angenehmen Wärme gewichen war. Unter einiger Anstrengung öffnete ich die Augen einen Spalt weit und blinzelte gequält in das helle Sonnenlicht.
Und in diesem Moment fiel mir alles wieder ein und jeder Gedanke, der wie eine Supernova in meinem Gehirn explodierte, ließ mich leise aufkeuchen. Brendan, Camille und ihr Verrat, der mehr schmerzte als alle Wunden, die mir in dieser Nacht zugefügt worden waren. Ich spürte die Tränen aus den Tiefen meines Herzens aufsteigen und schluckte schwer. Jetzt nicht daran denken. Damit konnte ich mich später noch befassen. Stattdessen versuchte ich an die Fahrt hierher zu denken, mein Erwachen in diesem Bett und das seltsame Gespräch, das ich mit angehört hatte.
Oh Gott! Ich war doch nicht wirklich bei diesen … Wilden … diesen … Kreaturen … gelandet? Diesen Ausgestoßenen Freaks im Wald? Bilder aus meinem Klinikalltag wirbelten durch meinen Kopf, während sich das Entsetzen fett und schwer auf meine Brust hockte und diabolisch grinste: Knochenbrüche, tiefe Fleischwunden und Hautabschürfungen. Ich hatte abgetrennte Gliedmaßen gesehen, Menschen, denen buchstäblich ein Stück ihres Fleisches bei lebendigem Leib herausgerissen worden war, Verletzte, denen Augen, Ohren oder eine ganze Hand fehlte, Menschen, die als solche kaum noch zu erkennen waren, weil jeder Knochen in ihrem Leib gebrochen war. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um Männer, Frauen oder sogar Kinder handelte. Und alle hatten sie diesen verstörten und entsetzten Gesichtsausdruck. Als hätten sie etwas gesehen, das sie selbst jetzt nicht artikulieren oder auch nur begreifen konnten. Und immer spielten diese Monster aus dem Wald eine Rolle.
Ich begann zu zittern. Es fing bei meinen Händen an und setzte sich dann langsam über die Arme und Beine und dann den gesamten Körper fort. Ich hatte gewusst, dass man mich hierher bringen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich nach einer ganzen Nacht immer noch unversehrt hier liegen würde. Nun ja … zumindest ohne neue Verletzungen. Was hatten diese Ausgeburten der Hölle mit mir vor? Ich spürte, wie sich die Panik in riesigen Schritten näherte, sie raste heran und schlug wie eine riesige Welle über mir zusammen. Das Atmen fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich krümmte mich zusammen, die rasenden Schmerzen ignorierend. Es war jetzt sowieso schon egal.
Am Rande bekam ich mit, wie eine Tür geöffnet wurde. Mittlerweile rang ich verzweifelt nach Luft, meine Hände hatten sich so fest zu Fäusten geballt, dass die Fingernägel in die weichen Handballen stachen und mein gesamter Körper zitterte unkontrolliert.
„Ach Du meine Güte,“ hörte ich eine Stimme über mir und hätte bei der Berührung einer kühlen Hand auf meiner Stirn aufgeschrien, hätte ich noch ein bißchen Luft in den Lungen gehabt. „Finn, hilf mir,“ rief die Frau über mir und gleich darauf näherten sich hastige Schritte im Laufschritt.
„Dreh sie wieder auf den Rücken,“ befahl die Frau und während ich herumgewälzt wurde, drückte mir jemand etwas glattes an den Mund.
„Atmen,“ befahl die Frau, diesmal wohl an mich gewandt. „Tief ein und wieder ausatmen.“ Das knistern einer Papiertüte war zu hören, die sie mir an die Lippen drückte und gleich darauf amtete die Frau selbst tief und laut ein. „So, sehen sie? Ein,“ und stieß die Luft wieder langsam aus „und ausatmen.“ Sie wiederholte ihr Mantra immer wieder und wie von selbst schien sich mein Körper den Anweisungen zu fügen. Wie eine Ertrinkende saugte ich Luft in meine Lungen, nur um sie gleich darauf wieder heftig auszustoßen. Die Papiertüte verhinderte, dass ich hyperventilierte, während ich immer wieder im Takt mit dieser fremden Frau ein und wieder aus atmete. Ganz langsam beruhigte sich meine Atmung, was ich von meinem rasenden Herzschlag nicht behaupten konnte. Doch der Druck auf meiner Brust ließ langsam nach und auch das Schwindelgefühl verschwand nach und nach. Zurück blieb ein dumpfes Gefühl der Angst und ein ekelhafter, metallischer Geschmack auf meiner Zunge.
„So ist es schon viel besser,“ sagte die Frau über mir und blinzelnd stellte sich die Welt um mich herum scharf.
Sie hatte ein kantiges, ausgezehrtes Gesicht, das von dunklem, von ersten grauen Strähnen durchzogenem Haar umrahmt wurde. Früher war sie sicherlich mal sehr hübsch gewesen, doch jetzt stach die gerade Nase wie ein Vogelschnabel aus ihrem schmalen Gesicht heraus, ihre großen, blauen Augen wirkten eingefallen und unsagbar müde und ihre Lippen bildeten einen schmalen Strich, während sie mir sanft die Haare aus der Stirn strich.
„Es ist alles in Ordnung,“ murmelte sie. „Sie sind hier in Sicherheit.“
Ich erkannte in ihr die Frau von gestern Abend, was mich allerdings nicht unbedingt beruhigte. Wo waren die Männer? Und was hatten sie mit mir vor?
„Ich bin Rachel,“ sagte die Frau sanft und lächelte dabei etwas angestrengt. „Und das hier,“ sie deutete auf ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, das neben ihr stand und hinter einem Vorhang aus dunklem, lockigen Haar zu mir herunter blinzelte „ist meine Tochter Finn. Finn, sag Hallo zu unserem Gast.“
„Hallo,“ murmelte es hinter dem Haarvorhang, dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und verschwand eilig durch die Tür.
„Sie müssen sie entschuldigen. Sie hat schon lange kein unbekanntes Gesicht mehr gesehen,“ lächelte diese Rachel immer noch. Sie machte eine kurze Pause, dann gab sie sich scheinbar einen Ruck und fragte „verraten sie mir ihren Namen?“
Kein Sterbenswörtchen würde ich ihnen sagen. Weder meinen Namen, noch sonst irgendetwas. Ich würde ihnen nicht die Genugtuung geben und mich erst mit ihnen verbrüdern, bevor sie mich in Stücke rissen.