Advertisements

Es ist Freitag Mittag, so gegen halb zwei. Der tolle Mann hat eigentlich Urlaub, nutzt aber diesen Tag, um eine Runde Motorrad zu fahren. Das Fräulein hat den Vormittag mit mir und den Großeltern auf dem Markt verbracht und ist entsprechend glücklich und kaputt vor einer halben Stunde eingeschlafen. Das Buch in meiner Hand wird langsam schwer, genau so wie meine Augendeckel. Also kuschele ich mich auf die Couch und schließe die Augen. Wenn alles gut läuft, bekomme ich noch eine Stunde Mittagsschlaf.

Natürlich ist dies Wunschdenken, denn es klingelt just in diesem Moment das Telefon. Ich beeile mich, damit nicht auch noch das Fräulein wach wird. Während ich mit fliegenden Fingern den Hörer an mich reiße, registriere ich eine mir unbekannte Nummer.
„Hallo?“ melde ich mich.
„Guten Tag, ist dort die Frau des tollen Mannes?“ Entgegnet eine freundliche, weibliche Stimme.
„Ja, das bin ich.“
„Gut. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht. Hier ist das Krankenhaus in Bruchsal. Bitte, bitte nicht erschrecken.“
Ich denke noch Erschrecken? Wieso sollte ich erschrecken? Und was will denn ein Krankenhaus, noch dazu in Bruchsal von mir?
„Wir haben Ihren Mann bei uns.“

Ich kann nicht sagen, welche Gedanken mir in diesem Moment durch den Kopf gehen. Mein Herz saust auf jeden Fall hinunter in die Zehen und mein Hintern sinkt bleischwer auf das Sofa.
„Bitte machen Sie sich keine Sorgen es geht ihn gut!“ redet die Frau schnell weiter, so als wüsste sie, dass sie nur mit diesen Worten die Horrorszenarien in meinem Kopf stoppen kann, in denen Unmengen von Blut, glitschige Gedärme und zerschmetterte Gliedmaßen eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen.
Während ich also auf dem Sofa sitze, das Telefon wie eine Bekloppte an mein Ohr drücke und die Tränen irgendwie versuche zurück zu halten, erklärt mir die nette Frau, von der ich nicht einmal weiß, ob sie eine Ärztin oder Schwester oder überhaupt jemand vom Personal des Krankenhauses ist, dass der tolle Mann einen ziemlich beeindruckenden Schutzengel haben muss. So sei er nämlich mit 160 km/h von seiner Maschine abgestiegen und hätte sich nichts weiter dabei getan.
Ich hake sofort noch einmal nach. „Keine Knochenbrüche? Fleischwunden? Schädeltrauma? Nichts? Gar nichts?“
Die Frau bestätigt dies und fügt noch hinzu „die Hände hat er sich aufgeschürft, das ist alles.“ Dann fährt sie fort „Ihr Mann wollte eigentlich gleich nach Hause fahren, aber das habe ich ihm ausgeredet.“
Ja, klingt ganz und gar nach meinem Mann.
„Bei so einem Sturz kann es zu Rissen in den Organen und inneren Blutungen kommen, die man im ersten Moment nicht bemerkt.“
Ja, das kann ich mir irgendwie ziemlich gut vorstellen.
„Deshalb werden wir ihn auf jeden Fall über Nacht hier behalten.“
„Das ist eine gute Idee,“ pflichte ich ihr bei und wenn ich nicht wüsste, wie sehr der tolle Mann Krankenhäuser verabscheut, dann würde ich mir wünschen, dass sie ihn gleich übers Wochenende da behalten. Nur zur Sicherheit.
Sie versichert mir noch zwei Mal, dass der tolle Mann lebt und so gut wie unversehrt ist, dann verspricht sie mir, dass er mich innerhalb der nächsten Stunde selbst anrufen wird, sobald er auf Station angekommen ist.
Als sie auflegt fühle ich mich, als sie ich gerade vor einen Bus gelaufen. Oder noch besser: Als sei ich gerade bei Tempo 160 von einem Motorrad  abgestiegen.

Die unglaublich lange, nicht enden wollende, verf**** Stunde Wartezeit verbringe ich mit verbissenem Wäschelegen und einem Auge auf dem Telefon.

Als es endlich klingelt, ist seine Stimme das schönste, was ich seit langem gehört habe. Gleich nach seinem „Hallo“ frage ich ihn, wie es ihm geht und er antwortet „Mir geht es gut.“
Das sagen sie bei Dr. House auch immer, doch dann ist noch eine Sendezeit von einer dreiviertel Stunde übrig.
Er erklärt mir, dass er auf der A5 unterwegs gewesen wäre, entspannt ein Liedchen pfeifend und nichts böses ahnend, als ihm plötzlich irgendetwas den Lenker aus der Hand schlägt. An den eigentlichen Sturz kann er sich nicht mehr erinnern, aber er weiß noch, was er bei der ewig langen Rutschpartie Richtung Seitenstreifen und damit direkt auf die Leitplanke zu, gedacht hat. Mir wird abwechselnd heiß und kalt.
Unter anderem hoffte er inständig, dass die nachfolgenden Fahrzeuge rechtzeitig bremsen würden, damit er nicht auch noch überfahren wird. Sensationeller Weise hielten alle an und gleich aus dem ersten Wagen kam eine Hand zum Vorschein, die ein Blaulicht auf das Dach setzte. Polizei in Zivil. Die konnten ihm auch gleich genau sagen, wie schnell er gefahren war.

Ich verspreche, so schnell wie es geht zu ihm zu kommen – wenn das Fräulein aufgewacht ist und ich ein paar Sachen zusammen gepackt habe. Wir legen mit einer inbrünstigen Liebesbekundung auf und ich suche schon einmal die wichtigsten Dinge wie Bücher, PSP und den neue Spiegel zusammen.
Dabei gehen mir immer wieder die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Am vorherrschensten  ist die Frage, was ich gemacht hätte, wenn ich jetzt  nicht die Möglichkeit hätte zu einem noch atmenden, unversehrten Mann zu fahren. Doch die Antwort verdränge ich immer wieder ganz schnell.

Eine gute Stunde später – ich habe mich durch den Berufsverkehr, Baustellen und Freitagsnachmittagströdler gekämpft – stampfe ich mit dem Fräulein an der Hand in das besagte Krankenhaus. Ich öffne die Tür zu Zimmer 123 und höre seine Stimme. „Ah, da sind sie ja.“ und könnte schon wieder heulen.
Er wirkt so lebendig, wie man nur sein kann, auch wenn in seinen Augen noch der Schock zu lesen ist. Seine Hände sind weiß bandagiert und von seiner Armbeuge verläuft ein Schlauch zu einer leeren Infusion. Aber ansonsten scheint er tatsächlich an einem Stück zu sein.
Wir umarmen uns etwas länger als sonst und küssen uns ganz vorsichtig. Er riecht so gut und er fühlt sich warm unter meinen Händen an. Ich kann es immer noch nicht ganz fassen.
Das Fräulein hat sichtbar Angst vor seinen Verbänden. Irgendwie sieht Papa heute nicht aus wie Papa. Außerdem gefällt es ihr in dem Krankenhaus nicht besonders. Doch auch ein quängelndes Fräulein kann mein Glück nicht trüben.

Inzwischen sitze ich hier an meinem Computer, meine Augen brennen vor Müdigkeit, ich habe mir eine Tiefkühlpizza reingezogen und dabei an den tollen Mann gedacht, der nur Zwieback und Tee bekommt. Wir haben uns am Telefon eine gute Nacht gewünscht und ewig gebraucht, bis wir auflegen konnten. Ich fühle mich einsam und ich vermisse ihn ganz schrecklich. Dann denke ich aber wieder, dass es schlimmer hätte kommen können, als lediglich eine Nacht von ihm getrennt zu sein.

Ich glaube, ich trinke jetzt noch einen Schnaps und gehe dann ins Bett. Vielen Dank fürs Zuhören. Gute Nacht.

Ich hatte gestern ein sehr aufschlussreiches und hilfreiches Gespräch mit einer Freundin. Es ging um Freundschaften und wie schnell ich enttäuscht sein kann, wenn es nicht meinen Erwartungen entsprechend läuft.

Und plötzlich sind da SMSe von Freundinnen, die mich treffen oder mit mir sprechen wollen, mir fällt unser Wellnesswochenende Mitte Oktober wieder ein und der Grillabend am vergangenen Samstag, der meine Perspektiven wieder gerade gerückt hat. Und ich spüre, dass ich mehr will, als immer nur auf diese „besonderen Ereignisse“ zu warten.

Und dann dieser Herzsprungmoment. Ich las einen Namen in einem Forum, den ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen habe und ich hatte plötzlich das starke Bedürfnis, mich bei dieser Person zu melden. Was ich auch getan habe.
Es gab eine Zeit, da waren sie und ich uns nahe. Wenn wir auch in vielen Dingen sehr verschieden waren. Wir telefonierten sehr viel, schrieben uns Mails und gemeinsame Storys. Ich besuchte sie auch ein paar Mal.

Dann kam der Tag, an dem sie mir verkündete, dass sie heiraten würde und sie sich wünschte, dass ich ihre Trauzeugin sei. Ich war damals schwanger und zum Zeitpunkt der Hochzeit wäre das Fräulein, glaube ich, vier Monate gewesen. Ich hatte Angst davor. Davor, dieses Ereignis mit dem tollen Mann und dem Fräulein zu bewältigen, meine Aufgabe als Trauzeugin richtig auszufüllen, mich mit ihrer gesamten Familie und ihren Freunden konfrontiert zu sehen … einfach aus dem virtuellen Schatten zu treten und plötzlich sichtbar zu sein. Sie kam mir damit viel zu nah – auch eine Erkenntnis, die ich erst viel später wirklich begriff.
Anstatt also definitiv zu sagen „Hör zu, ich kann und möchte das nicht“ , redete ich erst um den heißen Brei herum und meldete mich dann „einfach“ nicht mehr.

Das alles ist jetzt fast zwei Jahre her. Meine Schuldgefühle begleiten mich seitdem jeden Tag. Mal mehr mal weniger intensiv.
Natürlich habe ich mir auch gesagt, dass sie sich, wenn es ihr so wichtig war, mich bei der Hochzeit dabei zu haben, auch hätte melden können. Nachfragen, warum ich schweige. Aber so ein wirklicher Trost war das nie.

Und jetzt ist sie plötzlich wieder da. Wie aus dem Nichts. Ich habe Fotos von ihrer Hochzeit gesehen und sie sieht darauf unglaublich glücklich aus. Ein wirklich seltsamer Moment.

Ich habe ihr eine Nachricht geschickt. Ich wünschte ich wüsste, was mich erwartet. Denkt sie über damals so wie ich? Oder sieht sie die Geschehnisse ganz anders? Ist sie sauer? Hat sie an mich gedacht? Oder bin ich nur noch ein Name im Netz, wie alle anderen auch?
Und was erwarte ich eigentlich? Hauptsächlich wohl so etwas wie ein Ende meiner Grübeleien. Zu wissen wo ich stehe ist mir so unglaublich wichtig. Und dann ist da doch auch ein Wunsch nach Neuanfang.

Und im gleichen Zug schreibe ich an eine andere Person endlich die Mail, die mir schon seit Tagen auf den Nägeln brennt. Und anstatt einfach zu schreiben, dass ich mich freuen würde, sie mal wieder zu sehen, werde ich nostalgisch und merke, wie sehr ich an ihr hänge. Ich gehe sogar so weit, dass ich sie frage, ob wir wohl wieder einen losen Mailverkehr aufnehmen können.

Ich denke an all die Freundschaften, die ich im Laufe meines Lebens hatte und einfach so habe dahinsiechen lassen. Und ich denke an die Mädels, um die ich gekämpft habe (das sind nicht sehr viele). So verbissen und mit dem unbedingten Willen geliebt zu werden. Wie lächerlich!

Im Moment habe ich einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen, Feuer wieder zu entfachen, mich mehr zu bemühen, wieder präsent zu sein. Ich habe mich jetzt lange genug mit dem Fräulein ausgeruht. Ich möchte nicht mehr nur eine Familie sein, die abgeschottet vom Rest der Welt existiert. Ich möchte mich wieder öffnen können, aber das erfordert wohl noch ein bischen Arbeit. Stay tuned!