Ich wohne auf dem Dorf. Nicht so ein Zwei-Bauernhöfe-und-ein-Tante-Emma-Laden Dorf sondern eher ein Wir-kennen-uns-alle-durch-Kiga-Schule-Verein Dorf.
Tatsächlich nennen wir zwei Kindergärten, eine Grundschule, einen Turnverein, einen kleinen Supermarkt und sage und schreibe drei Bäcker unser Eigen.

Mein perfektes Lebensbild wäre wahrscheinlich eine Mischung aus „Gilmore Girls“ und „Unsere kleine Farm“. Nähe und Geborgenheit, ohne seine Eigenständigkeit und Geheimnisse zu verlieren.

Ich habe früher einmal aufgeschrieben, wie es mir in meinem bisherigen Leben so mit Freundschaften und lieben Menschen erging (und wie ich jetzt mit Erschrecken feststelle, ist dieser Artikel schon 7 Jahre her). Ich wage zu behaupten, dass ich nicht gerade einfach bin. Ich denke zu viel nach, interpretiere und analysiere zu viel um entspannt mit dem Thema „neue Freundschaften“ umzugehen.

Heute fand nun der alljährliche Sommertagsumzug in unserem Dorf statt. Und ich stelle fest, wie viel sich mal wieder seit dem erwähnten Artikel geändert hat.

Inzwischen habe ich zwei Kinder, die zudem beide bereits den Kindergarten besucht haben und nun in der Schule sind. Ich gehe wieder arbeiten, bin also auf ein ganz anderes Freundschaftsgefüge angewiesen als damals, als ich noch in der Elternzeit zu Hause war und alle anderen Eltern unausweichlich unterwegs getroffen habe.

Das Schöne ist, dass inzwischen ganz viele Menschen in mein Leben getreten sind, die mir wichtig und lieb und teuer sind.

Die Eltern von Fräulein Wunders Freunden begleiten mich jetzt zum Beispiel schon fast 10 Jahre. Man kennt sich. Von öffentlichen Events, Veranstaltungen und Aktionen von Kiga und Schule. Von privaten Festen und Einladungen. Von gemeinsamen Aktivitäten und Ereignissen, die unsere Kinder gleichermaßen betreffen. Man läuft sich einfach sehr oft über den Weg.
Und mit der Zeit baut sich ein Vetrauensverhältnis auf. Ich finde es toll, wenn wir uns irgendwo zu irgendeinem Anlass im Dorf treffen. Wenn wir zusammen sitzen, die Kinder ihr eigenes Ding machen und wir uns darüber austauschen, was gerade aktuell so bewegt. Meist sind es ja die gleichen Dinge.
Und sehr oft geht dies alles auch über die Kinder hinaus. Man hat sich über die Jahre kennen gelernt. Hat gemeinsam auf Partys getanzt, Kuchen für einen guten Zweck verkauft, auf dem Spielplatz zusammen gestanden und sich über die kleinen und großen Dinge ausgetauscht.
All diese Menschen möchte ich nicht missen und sind für mich sehr, sehr wichtig geworden. Weil sie mich und mein Kind verstehen. Weil sie genau wissen wie es ist, sich für eine weiterführende Schule zu entscheiden oder die vorpubertären Phasen der zehnjährigen zu ertragen.
Da kann es auch schonmal passieren, dass man sich zufällig nachts um zwölf auf dem Bahnhof trifft und dann gemeinsam noch bis drei Uhr morgens zu Hause Ouzo trinkt.

Inzwischen hat auch Miss Allerliebst viele Freunde, die sie auch bereits seit einer kleinen Ewigkeit begleiten. Aus Gründen, die ich noch nicht einmal so wirklich benennen kann, passt das zwischen uns hervorragend.
Vielleicht auch, weil der tolle Mann mit den Jahren gelernt hat, sich ebenfalls zu öffnen. Vielleicht, weil er mit den Ehemännern dieser Mamas eher einen Draht gefunden hat. Keine Ahnung.
Fakt ist, wir haben uns im letzten Sommer ab und an mal zum gemeinsamen Grillen oder Essengehen (merke: Essen ist der Sex im Alter!) getroffen, wir Mamas schaffen es tatsächlich auch mal alle Vierteljahr, gemeinsam essen zu gehen.
Für mich ist dies gerade die richtige Mischung zwischen Nähe und Unverbindlichkeit, die ich genieße. Keiner von ihnen würde sich jetzt wundern, wenn er zwei Wochen nichts von mir hört, aber wenn wir zusammen sind, ist es immer sehr nahe und intensiv.

Und natürlich sind da die Herzmenschen, die wir durch die Kinder kennen gelernt haben. Die, die eben genau wissen, was gerade los ist, die sich kümmern und sich Gedanken um uns machen. Die so wichtig sind, die ich aber (immer noch) skeptisch betrachte, weil ich tief in mir drin damit rechne, dass sie irgendwann nicht mehr da sind. Und dies eher früher als später. Denn eigentlich, wenn man ganz genau hinschaut, bin ich nicht wirklich liebenswert.

Und so findet dieses Fest in unserem Dorf statt. Man trifft diesen und jenen, unterhält sich hier und da, umarmt und drückt wenige und am Ende des Tages sitze ich hier und bin sooooo froh, dass ich dieses gesellschaftliche Gefüge habe. Dass da Menschen sind, die uns als Familie kennen, denen wir wichtig sind, zu denen wir irgendwie und wenn auch nur entfernt gehören. Denen es auffallen würde, wenn wir von heute auf morgen verschwinden würden. Die beweisen, dass wir existiert haben und nicht völlig daneben waren. Die uns mögen, so wie wir sind. Die MICH so mögen, wie ich bin. Ein sehr, sehr schönes Gefühl.

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Eigentlich war dieser Tag anders geplant. Eigentlich wollten wir am Nachmittag mit der ganzen Familie in die Stadt fahren und gemeinsam das Fräulein Wunder in ihrem Wunschgymnasium anmelden.
Tatsächlich fuhr ich dann aber alleine. Und das kam so:

Am Vorabend klagte das Fräulein über ein Jucken am Rücken. Und „Mama guck mal, ich hab da so komische Pickel im Gesicht.“

Nun muss man dazu sagen, dass der tolle Mann seit drei Wochen wegen einer Gürtelrose krank zu Hause ist. Weiterhin sollte man wissen, dass die Gürtelrose nichts anderes als das Windpockenvirus ist. 

Als nächstes studierten wir des Fräuleins Impfpass. Darin ist die „Varizellenschutzimpfung“ vorschriftsmäßig zwei Mal angekreuzt. Hmmm.

Also Termin beim Kinderarzt gemacht. Dort war man sehr gespannt auf das Fräulein Wunder, denn ein Kind, das trotz Impfung die Windpocken bekommen hat, gab es dort auch noch nicht.
So musste das Fräulein Wunder auch draußen warten, während ich uns anmeldete, und wurde dann durch einen Seiteneingang direkt in den Behandlungsraum geschleust.

Die Kinderärztin war sich dann schlussendlich nicht ganz sicher. Gegen Windpocken spricht, dass alle Pusteln gleich aussehen (bei Windpocken spricht man auch gerne vom „Sternenhimmel“ der sich auf der Haut abzeichnet) und dass sie vorschriftsmäßig zwei Mal geimpft ist.
Dafür spricht, dass die Dinger jucken und dass der Herr Vater mit dem gleichen Virus zu Hause auf der Couch liegt.

Schlussendlich entschieden wir, dass wir keinen Bluttest zur eindeutigen Bestimmung machen, da zum Einen bei einem positiven Ergebnis die Behandlungsmethode gleich bliebe und zum Anderen dieser Test eigentlich auch nicht mehr gemacht wird, da dieser teuer und für die Behandlung nicht erforderlich ist.
Das Fräulein Wunder wurde somit vorsorglich der Gesundheitsbehörde gemeldet und mit einer Emulsion zum Auftragen auf die Pusteln nach Hause geschickt. Kein Kontakt zu anderen Personen, bis der Ausschlag abgeklungen ist. Na toll!

Ich ließ mir also vom Fräulein Wunder noch einmal bestätigen, welche Schulen an welcher Stelle ihrer Prioritätenliste stehen sollten, ob sie tatsächlich lieber Naturwissenschaften als Sprachen wählen möchte und fuhr dann alleine in die Stadt und zur Anmeldung an der Wunschschule.

Als kurzen Einschub sei hier angemerkt, dass ich, ähnlich wie mein großes Fräulein Tochter, vor neuen Aufgaben, vor Dingen, die ich noch nie gemacht habe und neuen Herausforderungen ziemliches Nervenflattern habe. Da hilft es mir meist schon, wenn ich die Hand eines meiner Kinder halten kann und mir dabei einrede, ich muss ein Vorbild sein und darf keine Angst zeigen. Einfach machen, nicht darüber nachdenken. Dann geht das auch meist wunderbar.

Demnach war ich also schwer aufgeregt, als ich äußerlich sehr bestimmt, aber innerlich sehr, sehr aufgeregt, die Schule betrat.

Sie wirkte diesmal irgendwie anders, als am Tag der offenen Tür. Nüchterner. Wie eine abgeschminkte Diva. Trotzdem schon ein wenig vertraut und auch nicht unangenehm. 

Zum Glück wies direkt ein Schild in die richtige Richtung. Nach links und um die Ecke und dann standen dort schon ein paar Tische mit Formularen, die von mir noch ausgefüllt werden mussten.

Und als hätte es das Universum so vorgesehen, kam mir in diesem Moment die kleine Lateinlehrerin entgegen, die uns beim Infoabend so sehr beeindruckt hatte (sie erinnern sich an Linda aus „Lucifer“?). Sie fragte sofort total nett nach, ob sie mir irgendwie helfen könne, besorgte mir ein noch fehlendes Formular und erklärte mir kurz, was zu tun sei. Den Gruß vom tollen Mann richtete ich ihr dann allerdings doch nicht aus. Man soll es ja nicht übertreiben.

 

Nachdem alle Formulare ausgefüllt und ich die restlichen, mitgebrachten Unterlagen aus meiner riesigen Handtasche hervorgekramt hatte, begab ich mich dann zur eigentlichen Anmeldung.
Ich wurde von einer Kollegin der Lateinlehrerin in Empfang genommen, gab meine vielen Zettel ab, bekam eine Anmeldebestätigung und wurde freundlich gefragt, ob ich noch Fragen hätte.
Ich verneinte dies, musste aber unbedingt noch loswerden, wie toll ich den Lehrertanz am Tag der offenen Tür gefunden hatte und dass wir uns auch wegen dem tollen und lebendigen Vortrag der Lateinlehrerin für diese Schule entschieden hätten. Schleimer. Ich.

Beim Verabschieden erklärte mir die nette Dame, dass ich noch bei einem Herrn Doktor Sowieso vorbeischauen könne, der würde mich auch gerne kurz begrüßen und hätte noch eine kleine Überraschung für das Kind. Natürlich nur, wenn es meine Zeit erlaube.

Ha, sehr gut! Direkt eine Ausrede geliefert bekommen, warum ich jetzt nicht zu diesem unbekannten Mann an einen unbekannten Ort gehen konnte, wo ich nicht wissen würde, was ich sagen soll und der sich womöglich durch meine Anwesenheit eher gestört fühlen würde, denn ich hatte ja keine Fragen und auch kein Kind dabei.

Ich war schon wieder um zwei Ecken, die Treppe hinunter und nur noch zwei Meter von dem Ausgangsportal entfernt, als ich schließlich inne hielt und versuchte mich zusammen zu reißen.
Ein Gedanke ging mir dabei immer wieder durch den Kopf: „Es geht um die Zukunft deines Kinder. Was, wenn die sie hier jetzt nur nicht nehmen, weil du nicht zu dem Doktor sowieso gegangen bist und dich persönlich vorgestellt hast?“
Natürlich ist das eigentlich Schwachsinn. Da melden sich über 150 Kinder an. Der Doktor kann sich gar nicht merken, wer da war und wer nicht, zumal es ja durchaus auch meine kurz bemessene Zeit nicht erlaubt haben könnte, dass ich ihn besuche.
Andererseits wollte ich dann doch irgendwie keine Feigheit vor dem Feind zeigen.

Also umgedreht, die Treppe wieder hoch, in die andere Richtung zum Sekretariat. Als ich eintrat, stand der Herr Doktor Sowieso mehr oder weniger direkt vor mir und füllte einen „Ich bin krank und muss nach Hause“ Zettel für einen Schüler aus. Ich stellte sogleich fest, dass dies nicht der sympathische Direktor mit den schlecht sitzenden Anzügen von den Infoveranstaltungen war, sondern womöglich der Konrektor oder etwas ähnliches. Macht ja aber nichts.
Der nahm mich jedenfalls mit in sein Büro. Ich erklärte bereits auf dem Weg, dass das Fräulein leider mit Windpocken zu Hause sitzt, obwohl sie doch sooooo gerne mitgegangen wäre (gleich mal klarstellen, dass das Fräulein durchaus Interesse an dieser Schule zeigt), was den Doktor zu einer kurzen Mitleidsbekundung und der Übergabe eines Ü-Eis nötigte.
Ich legte meine Jacke ab, stellte die Tasche auf nen Stuhl und setzte mich an den kleinen Konferenztisch. Wir plauderten etwas (was etwas schwierig war, weil der Herr Doktor ein nicht ganz so lockerer Plauder-Mensch zu sein scheint) und nach zwei Sätzen wurde mir klar, der hatte eigentlich nicht vorgehabt, dass wir uns gemütlich an seinen Tisch setzen und plaudern.
Ich vermute mal, geplant war das Ü-Ei zu übergeben, zwei kurze Sätze zu wechseln und danach „Tschüss und Adios.“

Deshalb hasse ich solche Aktionen. 

Aber nun gut. Ich kürzte das Gespräch auf meiner Seite unauffällig ab, zog ganz schnell meine Jacke wieder an und verabschiedete mich gebührend.
Womöglich weiß er jetzt, wenn er des Fräuleins Namen irgendwo liest, dass das die mit der komischen Mutter ist, die sich gleich in seinem Büro breit gemacht und ihm die Ohren vollgequatscht hat. Ich hätte vielleicht noch das Ü-Ei in seinem Beisein auspacken sollen, dann hätte er sich ganz bestimmt an uns erinnert. Wobei … er wirkte nicht so, als hätte er das besonders lustig gefunden.

Erst als ich dann wieder auf der Straße stand, beruhigte sich mein Puls wieder. Ich bin nun aber trotzdem stolz auf mich, dass ich das alles so gut hinbekommen habe und bin glücklich, dass das mit der Anmeldung nun hinter uns liegt. Die ganzen Wochen des Informationen Sammelns, der ewigen Infoabende und des Hin und Her Überlegens sind jetzt vorbei. Alles Weitere liegt jetzt nicht mehr in unseren Händen. Haltet also die Daumen gedrückt.

(Achtung: Dies hier wird ein Eintrag über mein Ess- und Abnehmverhalten, über Punktezählen, Wiegetage und Frust. Deshalb: Wer das liest ist selbst schuld.)

Seit über zwölf Jahren esse ich nach Weight-Watchers Punkten. Mal mehr mal weniger ausgeprägt. Das erste Mal, 2006 bis 2007, nahm ich damit 25 Kg ab.
Dann hörte ich mit dem Rauchen auf, bekam zwei Kinder und hörte wieder mit dem Rauchen auf. Zurück blieben Plus/Minus 10 Kilo, die mich ärgerten.

Also griff ich wieder zu meinem bestens bewährten Abnehmmittel, zählte wieder Punkte und nahm die 10 Kilo wieder ab.
Jedes Mal, wenn ich kurz vor der 59,9 Kg auf der Waage stand, brach meine Motivation allerdings abrupt ab. Vielleicht, weil ich mich mit einem Gewicht knapp darüber eigentlich ganz wohl fühle.

Mein WW-Jahr 2018 war dann so lala. Die erste Hälfte schaffte ich es, mich nach dem traditionellen Fress-Dezember in eine annehmbare Bikini-Figur zurück zu punkten (wieder knapp vor der 5 auf der Waage), die ich dann innerhalb von nur drei Wochen Urlaub (davon 12 Tage All-Inclusive) wieder komplett über den Haufen warf – sprich mir in Null Komma Nix wieder vier einhalb Kilo anfraß (muss man auch erstmal schaffen!).

In der zweiten Hälfte dümpelte ich dann so vor mich hin. Mal 200 Gramm runter, mal wieder 700 Gramm hoch. Im Grunde herrschte Stillstand. In diesem Fall allerdings selbst gewählt, weil ich es nicht so wirklich schaffte, wieder zurück zu meiner Punktezählerei zu finden. Dafür, fand ich, lief es eigentlich ganz gut. Ich zählte nicht oder nur wenig und nahm nicht zu. Das ist ja schließlich das Endziel.
Außerdem machte ich viel Sport. Drei Mal die Woche je über eine Stunde. Ich schätze, das verhinderte ebenfalls Schlimmeres.

Ganz klassisch zum 01.01. diesen Jahres raffte ich mich also wieder auf. Konsequent wollte ich sein. Weiterhin meinen Sport machen. Mich auf das neue Programm mit viel Linsen, Eiern und Proteinen einlassen.

Und was soll ich sagen? So konsequent wie diesen Januar (und dann auch im Februar) war ich glaube ich seit meiner Anfangszeit nicht mehr. Ich schrieb jeden Pups in mein App-Tagebuch, freundete mich Magermilchjoghurt und Skyr an, stellte fest, dass Linsen und Kichererbsen ziemlich leckeres und sattmachendes Zeug sind und freute mich nach der ersten Woche über eine Abnahme von 1,5 Kilo (klar, nach Weihnachten und Silvester war die Umstellung der Ernährung für meinen Körper wahrscheinlich, als sei er mit 100 Sachen gegen ne Wand gefahren).
Natürlich würde es so flott nicht weitergehen, das war mir schon klar. In meinem Alter, von Mitte 40, liegt eine gute Abnahme normalerweise bei 500 bis 600 Gramm pro Woche. Plus/Minus.

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Also machte ich schön so weiter. Zählte selbst am Wochenende akribisch jeden Punkt, kochte mir was punktfreundliches wenn der Rest der Familie sich die Pizza schmecken lies, trank Cola light statt Rotwein, wenn der nicht mehr ins Punktebudget passte und war ansonsten auch sowas von konsequent.

Dann stellte ich mich nach einer weiteren Woche wieder auf die Waage.
Zunahme.
Uff.
Na gut. Ist halt so ne Phase. Muss der Körper sich erst wieder dran gewöhnen. Außerdem gibt es das immer mal wieder, dass die Abnahme stagniert. Das kann schonmal zwei, drei Wochen dauern. Alles kein Problem.

Um es abzukürzen: Den gesamten Januar UND Februar, also ZWEI Monate, insgesamt NEUN Wochen, tat sich .. NICHTS. Gar nichts. Mal eine kleine Abnahme, in der nächsten Woche wieder ne Zunahme.
Und das wo ich so konsequent wie noch nie war. Ich war den gesamten Januar und Februar, bis auf gaaaanz wenige Ausnahmen, jeden Tag blau (also innerhalb meiner Punkte), ich verbrauchte mein Wochenextra niemals ganz, ging weiterhin drei Mal die Woche in Sport und es half … NICHTS.

Mit jeder Woche die verstrich, wurde ich ein bißchen ängstlicher. Panischer. Was, wenn mein Körper bei irgendeinem ominösen Kalorienwert angekommen ist, bei dem er nicht mehr abnehmen will? Was, wenn ich noch weniger essen muss, um abnehmen zu können? Und im Umkehrschluss – um schlank zu bleiben muss ich mich also zukünftig an meine Abnahm-Punktezahl halten?
Mein Mittel, das die letzten 12 Jahre immer funktioniert hatte, zu dem ich immer greifen konnte wenn meine Hosen wieder zu knapp saßen oder ich eine Zeit lang lustvoll drauflos gegessen hatte, diese Rettungsstrategie für alle Gewichtslagen funktionierte plötzlich nicht mehr. Oh. Mein. Gott. Hilfe!

Ich begann irgendwann abends keine oder nur noch sehr wenig Kohlehydrate zu essen und sparte damit täglich zwischen sechs bis zehn Punkte. Zwei Wochen lang. Nichts.

Wir kauften uns tatsächlich irgendwann eine neue Waage, da ein Fuß der alten bereits an der Spiralfeder heraus hing und ich mir sagte, dass sie deshalb vielleicht nicht mehr richtig wog. Auch wenn ich im Grunde wusste, dass ich mir da was vormachte. Wer sich so lange und so intensiv mit sich, seinem Essen und seinem Gewicht beschäftigt, kann morgens beim Aufstehen einen Blick auf seinen Bauch werfen und auf zwei bis dreihundert Gramm genau vorhersagen, wieviel er wiegt.
Die neue Waage zeigte dann auch direkt zweihundert Gramm mehr an. Na toll!

Mein letzter Rettungsanker wäre noch gewesen, weniger Obst zu essen. Doch damit zögerte ich. Denn in einer Welt, in der Obst schädlich ist, will ich dann doch nicht leben.

Dann letzten Samstag die Erlösung. 700 Gramm weniger auf der Waage.

Ich versuchte mich erstmal nicht zu sehr darüber zu freuen, dann das konnte genau so gut eine Eintagsfliege sein.
Heute dann erneut Erfolg. Wieder 700 Gramm. Tschacka und Juchu und Konfetti und all das und noch viel mehr!

Wahrscheinlich kann sich ein Außenstehender das gar nicht wirklich vorstellen, wie sich das anfühlt. Von außen betrachtet sehe ich (und das kann ich inzwischen sogar auch vor anderen zugeben) ganz passabel aus. Ich fühle mich nicht schlank, andere behaupten das aber von mir. Das nehme ich so hin.
Wieviel Arbeit und Disziplin aber dahinter steckt, wieviel Eigen-Motivation und Kraft es immer wieder kostet, bei angebotenem Kuchen oder Süßigkeiten Nein zu sagen, wieviel Gedanken und Pläne zu meinem Essen ich mir täglich mache und wieviel manchmal eben doch Verzicht dabei ist, sieht man mir von außen nicht an.

Und jetzt hat dieses gut funktionierende System plötzlich versagt. Und ich fand keinen Plan B.
Ich habe Freundinnen die schwören auf Fasten. Entweder 5/2 oder 16/8. Kann ich nicht. Nicht essen ist für mich keine Option. Aber ich war soweit es auszuprobieren. Totale Panik.

Ich will nie wieder dick sein. Punkt. Manchmal träume ich davon, dass ich morgens aufwache und wieder 90 Kilo wiege. Schlimm.

Ich werde also auch weiterhin konsequent sein und hoffen, dass diese zwei Monate wirklich nur eine Stagnation war. Dass es eine Phase war, die vorüber ist. Puh!

Der November ist bei mir klassisch der Monat, in dem jeder Funke Energie und Unternehmungslust relativ plötzlich erlischt. Ich habe keine Lust auf gar nichts. Am liebsten würde ich mich bis Anfang März in meinem Bett verkriechen, eine Millionen Bücher lesen, unfassbar viele Liter Tee trinken und den Rest der Welt Welt sein lassen.
Natürlich hat der November auch ein paar gute Seiten. Es macht wieder Spaß die Tage im Haus zu verbringen, wieder etwas mehr Gesellschaftsspiele zu spielen, auch mal ne Runde Fernsehen am Nachmittag einzuschieben oder eine Kanne Tee bis zum letzten Schluck heiß zu genießen.
Auf der anderen Seite stirbt meine Lust auf Sport, und die Disziplin beim Essen nimmt rapide ab. Spätestens im Dezember, wenn Plätzchen, Glühwein und Weihnachtsessen beinahe täglich auf dem Plan stehen, ist diese Verbindung tödlich für meine Figur.

Um meine Sportunlust entgegenzuwirken versuche ich wieder regelmäßig zum Sport aus dem Haus zu gehen. Habe ich das Frühjahr und den Sommer über lieber mit meinen DVDs Sport gemacht und war draußen Laufen, so konnte ich mich bereits Ende Oktober nur sehr schwer zu sportlichen Aktivitäten aufraffen. So sank mein durchschnittliches Sportpensum von fünf bis vier Mal die Woche erst auf drei, dann auf zwei und schließlich auf ein ziemlich verkrampftes Mal die Woche. Ich gebe zu, dass mich das inzwischen etwas panisch macht. Total psycho, ich weiß. Und ich weiß auch, dass ich morgens nicht aufwache und plötzlich wieder 90 Kilo wiegen werde. Und trotzdem. Irgendetwas musste passieren.
Also bin ich mittwochs wieder zum hiesigen Turnverein zur Step-Arobic gegangen. Allerdings war nach zwei Mal für dieses Jahr bereits wieder Schluss, da diverse Theaterproben und die Winterferien dazwischen kamen.

Schon länger erzählte mir meine Freundin Ramona von den Kursen, die sie montags in einem Fitnessstudio gibt. Da es sich hierbei um drei Kurse hintereinander handelt (Fatburner-Step, BBP und Yoga) nannte ich das für mich den „Iron Monday“. Und irgendwo in mir stand diese Frage: Könnte ich diese drei Stunden Sportpensum schaffen? Ich bilde mir ja nun ein, einigermaßen trainiert zu sein. Ich strotze jetzt nicht vor Muskeln, aber ich habe eine gewisse Kondition und meine Beine und mein Bauch können inzwischen einiges aushalten. Aber drei Stunden? Das ist schon Hardcore.
Und dann fand ich auf Groupon plötzlich dieses Super-Sonderangebot (6 Wochen für knapp 30 Euro – Guckst du hier) und es war klar, dass ich damit den Iron Monday ausprobieren musste.

Diese Woche war es dann so weit. Ich war echt ein bißchen ängstlich. Angst zu versagen. Angst nicht mithalten zu können. Angst feststellen zu müssen, dass ich eigentlich gar nichts kann und mir die ganze Schufterei bisher nichts gebracht hat. Angst mich zu blamieren.
Aber auch neugierig. Was kann ich wirklich? Wo liegt mein tägliches DVD Training im Vergleich von Schwierigkeitsgrad und erforderlichem Durchhaltevermögen?
Und nicht zuletzt freute ich mich tierisch darauf, zusammen mit Ramona Sport zu machen (die ohne Frage das absolute Fitnesstier ist. Ich bin immer noch total geflasht und demütig).

Pünktlich um 17.30 Uhr stand ich also vor meinem Step. Noch guter Dinge, mehr in freudiger als ängstlicher Erwartung.

Und dann ging es los.
Obwohl ich ja nun seit Jahren im hiesigen Turnverein zur Step Aerobic gehe, lernte ich doch viel Neues. Zum einen, dass es hierbei nicht immer nur um Choreo gehen muss, sondern dass es auch einfach reicht, einen konditionsmäßig komplett fertig zu machen (Fatburner-Step eben). Demnach die Schritte relativ einfach und bekannt, wenn auch manchmal anders benannt, neu das tänzelnde Wechseln auf den Nachbarstep und wieder zurück und vor allem neu das Hochbauen des Step (!).
Mein lieber Herr Gesangsverein. Wenn so ne Stufe mal 40, 50 cm hoch ist (statt 20) und du zwanzig Minuten rauf und runter steigen, hüpfen und tanzen musst, weißt du hinterher auch was du getan hast.
Erfreulicherweise war meine Kondition vollkommen ausreichend. Ich habe geschwitzt wie bekloppt und ordentlich nach Luft gerungen, aber so sollte Sport eben sein und ich empfand es nicht als unangenehm. Meine Beine haben aber schon ganz schön protestiert. Aber alles noch im Rahmen.
Wenn ich jetzt nach Hause gegangen wäre, hätte ich gesagt, es war anstrengend aber hat Spaß gemacht, weil es was Neues war und mich körperlich echt gefordert hat.

Aber ich hatte ja gerade mal ein Drittel geschafft.

Vor Bauch-Beine-Po hatte ich mit am meisten Respekt. Ich weiß, dass bestimmte Muskelpartien bei mir nicht sonderlich gut trainiert sind. Meine Arme können gar nix und selbst gewisse Bein- oder Bauchregionen sind schlechter trainiert als andere.
Und so kam es, dass nach einer Stunde intensiven Treppensteigens im Step die Beine weiter malträtiert wurden. Da fühlen sich deine Oberschenkel sowieso schon wie Pudding an und dann sollst du auch noch ordentlich in die Knie gehen, die Beine heben und strecken und dabei irgendwie aufrecht bleiben und nicht zusammenbrechen.
Ich habe nicht alle Wiederholungen geschafft. Musste zwischendurch öfter absetzen, nach Atem ringen, kreischende Muskeln massieren und Ramona innerlich verfluchen (ich befürchte, ich habe einmal sogar laut „ich hasse dich“ gesagt). Bei ihr sah das alles so einfach aus (die deutsche Jillian Michaels sozusagen). Ich hingegen wollte nur noch sterben.
Tatsächlich hat mich der Kurs ganz schön deprimiert. Ich wollte besser sein. Ich wollte da vielleicht nicht durchspazieren, aber wenigstens würdevoll vor mich hin stöhnen und die Übungen schaffen. Ging halt nicht.
Das ist aber wiederum das, was meinen Ehrgeiz anfacht. Warum ich nächsten Montag wieder dort bin, mich plage, Schmerzen haben und wieder versagen werde. In sechs Wochen will ich da raus gehen und mir sagen „das war jetzt richtig gut“.

Anschließend ein kurze Pause von fünf Minuten und danach zum Yoga auf der Matte ausstrecken. Für das nächste Mal weiß ich, dass ich mir frische Klamotten mitnehmen muss. Denn so verschwitzt zu entspannen ist nicht so ganz der Bringer.
Wobei ich noch etwas unschlüssig bin, ob ich das nächste Mal die Stunde Yoga nicht lieber in der Sauna verbringe. Denn egal wie, Yoga ist trotzdem Sport, zudem noch eher etwas für Menschen, die wesentlich gelenkiger sind als ich. Ich hatte keine Kraft mehr für gewisse Figuren, wackelte rum, weil mein Körper nur noch sehr widerwillig Spannung halten wollte und beim Entspannen am Schluss musste ich aufpassen, dass ich nicht einschlafe.
Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass mein Körper schon lange genug für diesen Abend hatte und mit dem Prinzip Yoga warm zu werden fällt mir sowieso schon immer schwer.

Ich schlief in dieser Nacht wie ein Stein. Am nächsten Morgen (und die nächste zwei bis drei Tage) schmerzten meine Arme, Schultern und Brustmuskeln und dies nur von vielleicht zwanzig Liegestützen. Der Rest des Abends hatte den Fokus eher auf Beine und Bauch und die fühlten sich gut an. Zwar irgendwie schwer und geschafft, aber es tat nichts weh. Das hat mir wiederum sehr gefallen. Das zeigt mir doch, dass mein bisheriges Sportprogramm nicht umsonst war, dass da Muskeln sind, die bereit für noch mehr Anstrengung sind und das auch gut verkraften.

Demnach stehe ich am Montag wieder um 17.30 Uhr vor meinem Step. Mit sehr viel Respekt und der Erwartung, dass ich spätestens bei BBP abkacken werde. Aber das ist in Ordnung. Wie ich auch immer dem Fräulein Wunder sage: „Du kannst nicht erwarten dass du alles nach fünf Minuten perfekt kannst. Manche Sachen muss man üben, üben und nochmal üben. Aber wenn es dann klappt, dann ist das das tollste Gefühl auf der Welt.“

In diesem Sinne ein angenehmes und geruhsames Wochenende. Vielleicht denkt ja der ein oder andere am Montag Abend an mich und sendet mir ein bißchen Muskelkraft. Ich kann sie ganz sicher gebrauchen!

Als ich 39 Jahre alt wurde, war ich davon überzeugt, dass mein Leben die nächsten 50 Jahre ohne weitere besondere Vorkommnisse vorüber gehen würde. Eine eher niederschmetternde Erkenntnis.
Ich war seit fast 20 Jahren mit dem selben Mann zusammen, hatte eine Tochter und wir planten kein weiteres Kind, wir lebten in Eigentum, ich hatte seit der Ausbildung den selben Arbeitgeber und seit Jahren den gleichen Freundeskreis. Alles schien in Stein gemeißelt.

Bereits ein Jahr später gesellte sich zum Fräulein Wunder Miss Allerliebst (ursprünglich nicht geplant, denn wer will schon mit 40 noch einmal Eltern werden), zwei Jahre später trennte sich mein Arbeitgeber von mir. Alles war anders. Nichts schien mehr in Stein gemeißelt.

Mit dem Fräulein Wunder erblühte mein neues, soziales Ich. Und im Laufe der Zeit lernte ich, dass es so etwas wie Stillstand nicht gibt, es sei denn, man möchte dies unbedingt. Und manchmal zwingen einen die äußeren Umstände quasi dazu, seinen Horizont zu erweitern.

(mehr …)

Ich habe Urlaub. Ursprünglich habe ich diesen beantragt, weil das Fräulein Wunder Osterferien hat. In ihren letzten Ferien habe ich immer gearbeitet, das bedeutete für sie frühes Aufstehen und Betreuung durch den Hort der Schule oder die Großeltern.
In meiner Kindheit waren Ferien damals Ferien: lange Ausschlafen, in den Tag hinein leben – Ferien eben. Das wollte ich dem Fräulein Wunder diesmal auch ermöglichen.
Doch Pustekuchen. Das Fräulein hat sich entschieden auf eine viertägige Freizeit zu Fahren.

Ich gebe zu, dass ich sehr, sehr stolz war und bin, dass sie sich das mit ihren sechs Jahren schon zutraut. Sie nahm sich eine Freundin zur Verstärkung mit und fuhr am Dienstag mit 25 anderen Kindern in die Ferienfreizeit in ein Keltendorf.

Mit der Verabschiedung hatte ich wenig Probleme. Ich wusste, dass sie jede Menge Spaß haben würde. Sie drückte mich zwar drei Mal öfter als sonst, hüpfte dann aber freudig von dannen, als es hieß es ginge endlich los.
Erst am Abend, als ich gemütlich mit meinen Käfer-Mamas beim Essen in einem netten Lokal saß fragte ich mich, wie es ihr wohl so geht. Was macht sie gerade? Liegt sie schon im Bett? Gab es etwas zu essen, dass sie mag? Hat die Zimmerverteilung zu ihrer Zufriedenheit geklappt? Vermisst sie mich?

Und auf der anderen Seite ist da Miss Allerliebst für die ich jetzt richtig viel Zeit und Muße habe. Wir haben den Dienstag im Schwimmbad verbracht, sind gerutscht und geschwommen, haben viele schöne Momente geteilt.
Für mich ist es beinahe wie eine neue Erfahrung mich nur auf ein Kind konzentrieren zu können. Die Aufmerksamkeit ist intensiver, zielgerichteter. Mit zwei Kinder hat man manchmal das Gefühl, auf Situationen nur reagieren zu können, jedes Kind gar nicht richtig für sich wahrzunehmen. Zudem hat uns der Alltag  immer im Griff. Da sind so viele andere Dinge die nebenher berücksichtigt werden müssen.

Als ich gestern Abend ins Bett ging – am zweiten Tag der Ferienfreizeit – spürte ich dann diese Sehnsucht. Das Vermissen meines Kindes: Ihre Stimme. Ihr Geruch. Ihre Präsenz.
Gott sei Dank nur ein kurzer Moment, aber im Hinterkopf bleibt, dass es noch zwei Tage sind, bis ich mein Mädchen wieder in die Arme schließen kann.

Verstärkt wird diese ganze Gefühlsduselei durch das Buch, das ich gerade lese. Es handelt sich dabei um einen wirklich brutalen, blutigen FBI-Thriller, aber es geht darin auch um Verlust. Den Verlust des Ehemannes und der einzigen Tochter der Ermittlern. Und um den Verlust der Mutter für ein 10jähriges Mädchen.
Der Autor beschreibt so eindringlich diese Dunkelheit, die Verzweiflung, diese monströse Welle des Schmerzes, dass es mir jedes Mal ganz anders wird.

Und dann denke ich an meine Kinder: Das eine weit weg auf großer Entdeckungstour und schmerzlich vermisst, das andere wohlbehütet in seinem Bett, die Decke weggestrampelt wie immer aber mit diesem allerliebsten, friedlichen Gesichtsausdruck, dass mir die Kehle ganz eng wird.

Manchmal vergesse ich im Trubel des Alltags, welch ein Segen meine Kinder für mich sind.  Wie sehr ich sie brauche und wie viel sie mir geben. Wie sehr ich sie liebe und welch großen Teil von mir sie ausmachen.
Es tut wirklich gut, daran erinnert zu werde.

Der Ein oder Andere weiß, dass ich bekennender Backstreet Boys Fan bin. Heutzutage beschränkt sich das eher auf das gelegentliche Hören ihrer Musik und das Verfolgen ihrer Posts auf Facebook und Instagram.
Vor einigen Jahren sah das allerdings noch anders aus. Da hat sich mein kompletter Alltag mehr oder weniger um die Jungs gedreht. Hauptsächlich in Form von Internetforen, Mails und Chats mit anderen Fans und natürlich das Schreiben und Lesen von Fanfictions.

Als dann über Facebook die Ankündigung kam, dass der Dokumentarfilm von und über die amerikanischen Jungs in die Kinos auch in Europa kommt, war klar, dass ich ihn sehen muss.

Erst schien es so, als müsse ich nach Heilbronn fahren, da der Film nicht überall gezeigt wurde und auch nur an einem bestimmten Tag (gestern) lief, dann aber war das CinemaxX in Mannheim mit in der Liste und ich war glücklich. Kurzentschlossen bekundete der tolle Mann, dass er mich begleiten würde und schon waren zwei Karten geordert.

Gestern also dann das Ereignis. Ich hatte totales Magenkribbeln. Irgendwie war das aufregender als zu einem Konzert zu gehen.

Das Publikum entsprach dann auch nicht so wirklich den sonstigen Konzertbesuchern. Tatsächlich waren viele Pärchen da und viele hippe Mädels mittleren Alters (so wie ich, ha, ha). Ich summte bereits vor Filmbeginn die BsB-Melodien mit, es wurden Fotos der Jungs mit Fans gezeigt (einen Teil kannte ich schon von Facebook) und niemand schien so wirklich in Vorfreude zu schwelgen wie ich.
Auch während und nach dem Film kam nirgendwo so wirklich Stimmung auf.

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(Übrigens ist der Filmtitel gleichzeitig ein Song aus dem neuen Album. Von AJ und Kevin für ihre Kinder geschrieben.)

Der Film war dann einfach grandios. Und das sage nicht nur ich als „Hardcore-Fan“, sondern auch der tolle Mann, der bekanntermaßen mit der Gruppe gar nix anfangen kann, der aber der Meinung ist, dass er einen gutgemachten Film über eine Band gesehen hat. Informativ, interessant und niemals langweilig.

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Es ist so schwer zu beschreiben wie es sich anfühlt, das alles zu sehen. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit. Plötzlich ist da dieses „Fan-Gefühl“ wieder da. Das Gefühl mehr zu sehen oder zu erleben als einen gutgemachten Dokumentarfilm, sondern in diese Welt einzutauchen.
Ich habe im Laufe meines Fan-Daseins diese fünf Kerle ganz gut kennengelernt. Ich habe eine Zeit lang sicherlich jeden Artikel gelesen, jedes Foto gesehen und jeden Fitzel verschlungen, den es irgendwo im Internet zu finden gab. Und das war wohlgemerkt vor der Zeit von Twitter, Facebook und Co., die heute sämtliche Neuigkeiten schön verpackt mit Schleifchen konsumfähig servieren. Damals hatten Foren und eigene Websides Hochkonjunktur. Und damit war eine Community geschaffen, die alles aus dem, für heutige Verhältnisse fast schon begrenzten Internet heraussaugten und wo jedes Gerücht und jeder Erfahrungsbericht von anderen Fans auf Herz und Nieren geprüft und durchdiskutiert wurde.
Wie gesagt, ich kannte die Geschichten der Jungs, wusste wie sie reden, sich bewegen, wer witzig, wer nachdenklich ist, welcher etwas langsamer spricht, wer wann seine Eltern verloren hat, welches Kindheitstrauma wer mit sich herum trägt und, und, und.
Und trotzdem war dieser Film überraschend und interessant und natürlich auch eine wundervolle Reise in die Vergangenheit (und ich fragte mich des öfteren, wie ich AJ mit dieser Frisur wirklich toll finden konnte).

Trotzdem dass sie schon so lange in diesem Business sind, ließen sie den Zuschauer sehr nahe an sich herankommen. Gleich zu beginn Kevins Tränen als er vor dem Haus seiner Eltern darüber sprach, wie er die Auffahrt herauf kam und sein krebskranker Vater die Tür öffnete, Brians Angst um seine Stimme, die manchmal einfach wegbleibt und die doch das einzige ist, was ihn ausmacht. Howies Bekenntnis, wie sehr er darunter gelitten hat, immer im Hintergrund zu stehen, AJs Trick, wie er die Frauen herumgekriegt hat und die Anekdote mit seinem Kumpel auf der Bowlingbahn („Und dann habe ich ein bißchen in das Glas gekotzt und es dann getrunken.“ „Nein, ich habe in das Glas gekotzt und du hast es dann getrunken.“ „Ach echt?“ Ha, ha). Seine Drogenabhängigkeit wurde nur gestreift, was ich gut und passend fand. Und dann Nick, der beim Besuch seiner alten Schule in Tränen ausbricht und darüber spricht, wie schlimm seine Kindheit war und wie sehr er die Momente genossen hat, wenn er auf einer Bühne stand, weil dort alles gut war und er endlich gesehen wurde. Die ganze Geschichte mit Lou Perlman, der Besuch in seiner alten Villa und der Schmerz über den Verrat, der bei allen fünfen nach so vielen Jahren noch so tief sitzt. Und, und, und. So viele Begebenheiten und Ereignisse verpackt in einem sehr unkitschigen, erwachsenen Gewand. Einfach toll.

Und dann war da natürlich noch die Musik. Jede Phase, jedes Album, jedes Konzert wurde mit, teilweise uralten Liveaufnahmen unterlegt, man sah die fünf bei der Aufnahme des aktuellen Albums, dem ersten, dass sie ganz alleine federführend herausgebracht haben. Das erste Mal (nach 20 Jahren!), dass ihnen keiner hineinredete. Und sie jammten und sangen und spielten und waren einfach großartig (gut, hier spricht sicherlich ein wenig die Fanbegeisterung aus mir).
Und dann wieder dieser private Mäuscheneinblick hinter die Kulissen und Fassaden, den ich mir früher so oft gewünscht hatte. Nick und Brian, die sich über einen Konferenztisch hinweg anschreien, dabei aber brutal ehrlich sind und Kevin, der so wahnsinnig ruhig geschlichtet und versucht hat, die Parteien herunter zu holen. Und das erste Mal in mir die Frage, wie die Jungs eigentlich die Jahre ohne ihn ausgekommen sind.
Vielleicht war auch das der Grund, warum über drei Alben überhaupt nicht gesprochen wurde (gut, bei Never Gone war er noch dabei …). Gerade die zwei Alben, die ich eigentlich am meisten mag (Never Gone und Unbreakable) blieben vollkommen unerwähnt. Der einzige, wirkliche Wehrmutstropfen an dem ganzen Abend.

Aber dafür eine Acoustic-Live-Session am Ende. Live aus dem Dominion Theater in London.

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Die Vorstellung, dass jetzt alle Kinozuschauer in ganz Europa das selbe Bild sehen, war sehr gänsehautig. Und die Jungs im schwarzen Anzug lediglich mit Gitarren als Begleitung war auch ein Traum.
Der tolle Mann bekam zu diesem Zeitpunkt etwas Panik. Ob er sich jetzt eine Stunde die Musik anhören müsse, denn wegen der Musik sei er ja schließlich nicht hier.
Leider waren es nur zwanzig Minuten, gefühlte drei.
Und danach ein Gefühl wie damals. So voller Energie und Glückseligkeit. Besser und viel, viel mehr, als ich es von den letzten Konzerten mitnehmen konnte. Ab jetzt also nur noch so ;).

Den Film gibt es, glaube ich, bereits bei iTunes zu kaufen. Ich würde mir wünschen, dass die Live-Session auch noch irgendwie den Weg dahin findet. Dann würde ich mich definitiv für einen Kauf entscheiden.

Ich schließe mit einem großen Hach und würde am liebsten heute Abend gleich wieder ins Kino gehen. Diesmal vielleicht mit ein paar Gleichgesinnten, die mitklatschen, wenn es angebracht ist und mitgrölen, hüpfen und sich freuen. Nicht nur nach innen.

Und wer sich jetzt zumindest mal den Trailer angucken mag, der bekommt so einen ganz kleinen aber sehr, sehr guten Eindruck, was und wie dieser Film genau ist. Danke für Eure Aufmerksamkeit.