Als ich 39 Jahre alt wurde, war ich davon überzeugt, dass mein Leben die nächsten 50 Jahre ohne weitere besondere Vorkommnisse vorüber gehen würde. Eine eher niederschmetternde Erkenntnis.
Ich war seit fast 20 Jahren mit dem selben Mann zusammen, hatte eine Tochter und wir planten kein weiteres Kind, wir lebten in Eigentum, ich hatte seit der Ausbildung den selben Arbeitgeber und seit Jahren den gleichen Freundeskreis. Alles schien in Stein gemeißelt.

Bereits ein Jahr später gesellte sich zum Fräulein Wunder Miss Allerliebst (ursprünglich nicht geplant, denn wer will schon mit 40 noch einmal Eltern werden), zwei Jahre später trennte sich mein Arbeitgeber von mir. Alles war anders. Nichts schien mehr in Stein gemeißelt.

Mit dem Fräulein Wunder erblühte mein neues, soziales Ich. Und im Laufe der Zeit lernte ich, dass es so etwas wie Stillstand nicht gibt, es sei denn, man möchte dies unbedingt. Und manchmal zwingen einen die äußeren Umstände quasi dazu, seinen Horizont zu erweitern.

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Ich habe Urlaub. Ursprünglich habe ich diesen beantragt, weil das Fräulein Wunder Osterferien hat. In ihren letzten Ferien habe ich immer gearbeitet, das bedeutete für sie frühes Aufstehen und Betreuung durch den Hort der Schule oder die Großeltern.
In meiner Kindheit waren Ferien damals Ferien: lange Ausschlafen, in den Tag hinein leben – Ferien eben. Das wollte ich dem Fräulein Wunder diesmal auch ermöglichen.
Doch Pustekuchen. Das Fräulein hat sich entschieden auf eine viertägige Freizeit zu Fahren.

Ich gebe zu, dass ich sehr, sehr stolz war und bin, dass sie sich das mit ihren sechs Jahren schon zutraut. Sie nahm sich eine Freundin zur Verstärkung mit und fuhr am Dienstag mit 25 anderen Kindern in die Ferienfreizeit in ein Keltendorf.

Mit der Verabschiedung hatte ich wenig Probleme. Ich wusste, dass sie jede Menge Spaß haben würde. Sie drückte mich zwar drei Mal öfter als sonst, hüpfte dann aber freudig von dannen, als es hieß es ginge endlich los.
Erst am Abend, als ich gemütlich mit meinen Käfer-Mamas beim Essen in einem netten Lokal saß fragte ich mich, wie es ihr wohl so geht. Was macht sie gerade? Liegt sie schon im Bett? Gab es etwas zu essen, dass sie mag? Hat die Zimmerverteilung zu ihrer Zufriedenheit geklappt? Vermisst sie mich?

Und auf der anderen Seite ist da Miss Allerliebst für die ich jetzt richtig viel Zeit und Muße habe. Wir haben den Dienstag im Schwimmbad verbracht, sind gerutscht und geschwommen, haben viele schöne Momente geteilt.
Für mich ist es beinahe wie eine neue Erfahrung mich nur auf ein Kind konzentrieren zu können. Die Aufmerksamkeit ist intensiver, zielgerichteter. Mit zwei Kinder hat man manchmal das Gefühl, auf Situationen nur reagieren zu können, jedes Kind gar nicht richtig für sich wahrzunehmen. Zudem hat uns der Alltag  immer im Griff. Da sind so viele andere Dinge die nebenher berücksichtigt werden müssen.

Als ich gestern Abend ins Bett ging – am zweiten Tag der Ferienfreizeit – spürte ich dann diese Sehnsucht. Das Vermissen meines Kindes: Ihre Stimme. Ihr Geruch. Ihre Präsenz.
Gott sei Dank nur ein kurzer Moment, aber im Hinterkopf bleibt, dass es noch zwei Tage sind, bis ich mein Mädchen wieder in die Arme schließen kann.

Verstärkt wird diese ganze Gefühlsduselei durch das Buch, das ich gerade lese. Es handelt sich dabei um einen wirklich brutalen, blutigen FBI-Thriller, aber es geht darin auch um Verlust. Den Verlust des Ehemannes und der einzigen Tochter der Ermittlern. Und um den Verlust der Mutter für ein 10jähriges Mädchen.
Der Autor beschreibt so eindringlich diese Dunkelheit, die Verzweiflung, diese monströse Welle des Schmerzes, dass es mir jedes Mal ganz anders wird.

Und dann denke ich an meine Kinder: Das eine weit weg auf großer Entdeckungstour und schmerzlich vermisst, das andere wohlbehütet in seinem Bett, die Decke weggestrampelt wie immer aber mit diesem allerliebsten, friedlichen Gesichtsausdruck, dass mir die Kehle ganz eng wird.

Manchmal vergesse ich im Trubel des Alltags, welch ein Segen meine Kinder für mich sind.  Wie sehr ich sie brauche und wie viel sie mir geben. Wie sehr ich sie liebe und welch großen Teil von mir sie ausmachen.
Es tut wirklich gut, daran erinnert zu werde.

Der Ein oder Andere weiß, dass ich bekennender Backstreet Boys Fan bin. Heutzutage beschränkt sich das eher auf das gelegentliche Hören ihrer Musik und das Verfolgen ihrer Posts auf Facebook und Instagram.
Vor einigen Jahren sah das allerdings noch anders aus. Da hat sich mein kompletter Alltag mehr oder weniger um die Jungs gedreht. Hauptsächlich in Form von Internetforen, Mails und Chats mit anderen Fans und natürlich das Schreiben und Lesen von Fanfictions.

Als dann über Facebook die Ankündigung kam, dass der Dokumentarfilm von und über die amerikanischen Jungs in die Kinos auch in Europa kommt, war klar, dass ich ihn sehen muss.

Erst schien es so, als müsse ich nach Heilbronn fahren, da der Film nicht überall gezeigt wurde und auch nur an einem bestimmten Tag (gestern) lief, dann aber war das CinemaxX in Mannheim mit in der Liste und ich war glücklich. Kurzentschlossen bekundete der tolle Mann, dass er mich begleiten würde und schon waren zwei Karten geordert.

Gestern also dann das Ereignis. Ich hatte totales Magenkribbeln. Irgendwie war das aufregender als zu einem Konzert zu gehen.

Das Publikum entsprach dann auch nicht so wirklich den sonstigen Konzertbesuchern. Tatsächlich waren viele Pärchen da und viele hippe Mädels mittleren Alters (so wie ich, ha, ha). Ich summte bereits vor Filmbeginn die BsB-Melodien mit, es wurden Fotos der Jungs mit Fans gezeigt (einen Teil kannte ich schon von Facebook) und niemand schien so wirklich in Vorfreude zu schwelgen wie ich.
Auch während und nach dem Film kam nirgendwo so wirklich Stimmung auf.

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(Übrigens ist der Filmtitel gleichzeitig ein Song aus dem neuen Album. Von AJ und Kevin für ihre Kinder geschrieben.)

Der Film war dann einfach grandios. Und das sage nicht nur ich als „Hardcore-Fan“, sondern auch der tolle Mann, der bekanntermaßen mit der Gruppe gar nix anfangen kann, der aber der Meinung ist, dass er einen gutgemachten Film über eine Band gesehen hat. Informativ, interessant und niemals langweilig.

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Es ist so schwer zu beschreiben wie es sich anfühlt, das alles zu sehen. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit. Plötzlich ist da dieses „Fan-Gefühl“ wieder da. Das Gefühl mehr zu sehen oder zu erleben als einen gutgemachten Dokumentarfilm, sondern in diese Welt einzutauchen.
Ich habe im Laufe meines Fan-Daseins diese fünf Kerle ganz gut kennengelernt. Ich habe eine Zeit lang sicherlich jeden Artikel gelesen, jedes Foto gesehen und jeden Fitzel verschlungen, den es irgendwo im Internet zu finden gab. Und das war wohlgemerkt vor der Zeit von Twitter, Facebook und Co., die heute sämtliche Neuigkeiten schön verpackt mit Schleifchen konsumfähig servieren. Damals hatten Foren und eigene Websides Hochkonjunktur. Und damit war eine Community geschaffen, die alles aus dem, für heutige Verhältnisse fast schon begrenzten Internet heraussaugten und wo jedes Gerücht und jeder Erfahrungsbericht von anderen Fans auf Herz und Nieren geprüft und durchdiskutiert wurde.
Wie gesagt, ich kannte die Geschichten der Jungs, wusste wie sie reden, sich bewegen, wer witzig, wer nachdenklich ist, welcher etwas langsamer spricht, wer wann seine Eltern verloren hat, welches Kindheitstrauma wer mit sich herum trägt und, und, und.
Und trotzdem war dieser Film überraschend und interessant und natürlich auch eine wundervolle Reise in die Vergangenheit (und ich fragte mich des öfteren, wie ich AJ mit dieser Frisur wirklich toll finden konnte).

Trotzdem dass sie schon so lange in diesem Business sind, ließen sie den Zuschauer sehr nahe an sich herankommen. Gleich zu beginn Kevins Tränen als er vor dem Haus seiner Eltern darüber sprach, wie er die Auffahrt herauf kam und sein krebskranker Vater die Tür öffnete, Brians Angst um seine Stimme, die manchmal einfach wegbleibt und die doch das einzige ist, was ihn ausmacht. Howies Bekenntnis, wie sehr er darunter gelitten hat, immer im Hintergrund zu stehen, AJs Trick, wie er die Frauen herumgekriegt hat und die Anekdote mit seinem Kumpel auf der Bowlingbahn („Und dann habe ich ein bißchen in das Glas gekotzt und es dann getrunken.“ „Nein, ich habe in das Glas gekotzt und du hast es dann getrunken.“ „Ach echt?“ Ha, ha). Seine Drogenabhängigkeit wurde nur gestreift, was ich gut und passend fand. Und dann Nick, der beim Besuch seiner alten Schule in Tränen ausbricht und darüber spricht, wie schlimm seine Kindheit war und wie sehr er die Momente genossen hat, wenn er auf einer Bühne stand, weil dort alles gut war und er endlich gesehen wurde. Die ganze Geschichte mit Lou Perlman, der Besuch in seiner alten Villa und der Schmerz über den Verrat, der bei allen fünfen nach so vielen Jahren noch so tief sitzt. Und, und, und. So viele Begebenheiten und Ereignisse verpackt in einem sehr unkitschigen, erwachsenen Gewand. Einfach toll.

Und dann war da natürlich noch die Musik. Jede Phase, jedes Album, jedes Konzert wurde mit, teilweise uralten Liveaufnahmen unterlegt, man sah die fünf bei der Aufnahme des aktuellen Albums, dem ersten, dass sie ganz alleine federführend herausgebracht haben. Das erste Mal (nach 20 Jahren!), dass ihnen keiner hineinredete. Und sie jammten und sangen und spielten und waren einfach großartig (gut, hier spricht sicherlich ein wenig die Fanbegeisterung aus mir).
Und dann wieder dieser private Mäuscheneinblick hinter die Kulissen und Fassaden, den ich mir früher so oft gewünscht hatte. Nick und Brian, die sich über einen Konferenztisch hinweg anschreien, dabei aber brutal ehrlich sind und Kevin, der so wahnsinnig ruhig geschlichtet und versucht hat, die Parteien herunter zu holen. Und das erste Mal in mir die Frage, wie die Jungs eigentlich die Jahre ohne ihn ausgekommen sind.
Vielleicht war auch das der Grund, warum über drei Alben überhaupt nicht gesprochen wurde (gut, bei Never Gone war er noch dabei …). Gerade die zwei Alben, die ich eigentlich am meisten mag (Never Gone und Unbreakable) blieben vollkommen unerwähnt. Der einzige, wirkliche Wehrmutstropfen an dem ganzen Abend.

Aber dafür eine Acoustic-Live-Session am Ende. Live aus dem Dominion Theater in London.

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Die Vorstellung, dass jetzt alle Kinozuschauer in ganz Europa das selbe Bild sehen, war sehr gänsehautig. Und die Jungs im schwarzen Anzug lediglich mit Gitarren als Begleitung war auch ein Traum.
Der tolle Mann bekam zu diesem Zeitpunkt etwas Panik. Ob er sich jetzt eine Stunde die Musik anhören müsse, denn wegen der Musik sei er ja schließlich nicht hier.
Leider waren es nur zwanzig Minuten, gefühlte drei.
Und danach ein Gefühl wie damals. So voller Energie und Glückseligkeit. Besser und viel, viel mehr, als ich es von den letzten Konzerten mitnehmen konnte. Ab jetzt also nur noch so ;).

Den Film gibt es, glaube ich, bereits bei iTunes zu kaufen. Ich würde mir wünschen, dass die Live-Session auch noch irgendwie den Weg dahin findet. Dann würde ich mich definitiv für einen Kauf entscheiden.

Ich schließe mit einem großen Hach und würde am liebsten heute Abend gleich wieder ins Kino gehen. Diesmal vielleicht mit ein paar Gleichgesinnten, die mitklatschen, wenn es angebracht ist und mitgrölen, hüpfen und sich freuen. Nicht nur nach innen.

Und wer sich jetzt zumindest mal den Trailer angucken mag, der bekommt so einen ganz kleinen aber sehr, sehr guten Eindruck, was und wie dieser Film genau ist. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Ich mache mir immer Sorgen, dass ich meinen Kindern mehr zutraue, als sie womöglich können. Je älter die Mädels werden, desto mehr fällt mir das auf. Meist mache ich mir erst hinterher Gedanken, oder auch währenddessen, wenn mir zum Beispiel einfällt, dass es für Miss Allerliebst vielleicht schon noch recht viel ist im großen, zweistöckigen Indoorspielplatz alleine herum zu streifen. Beim Fräulein Wunder wäre mir das in diesem Alter im Traum nicht eingefallen. Andererseits ist die Miss eben ein ganz anderer Charakter und auch als Mutter wächst man ja mit seinen Aufgaben. Und trotzdem … da frage ich mich dann, ob ich nur zu bequem bin, meinem Kind hinterher zu rennen.

Und wenn gute Freundinnen davon erzählen, wie ihr Kind das erste Mal alleine vom Kindergarten oder der Schule nach Hause gelaufen ist, stelle ich fest, dass ich mir da wesentlich weniger Gedanken mache. Während andere außer Sicht des Kindes die ersten paar Mal hinterher gehen (oder auch mit dem Auto fahren) um zu gucken, ob auch alles gut klappt, lasse ich das Fräulein einfach laufen ohne darüber nachzudenken. Und hinterher denke ich „Hätte ich vielleicht auch etwas besser auf mein Kind acht geben sollen? Bin ich verantwortungslos?“

Auf der einen Seite sage ich mir, dass ich meine Kinder doch gute kenne und ich weiß, dass das Fräulein Wunder so umsichtig und aufmerksam ist, dass sie einen Weg selbst mit Straßenüberquerung gut alleine schafft. Oder das Miss Allerliebst so ein Wirbelwind und clever ist, dass sie sich in unbekanntem Gelände zurechtfindet.
Andererseits kann man sich ja nie wirklich sicher sein und so mancher Erwachsener überschätzt sich ja auch mal ganz gerne. Kann ich dem Fräulein also glauben wenn sie sagt, sie schafft das alleine?

Gestern ist sie jedenfalls das erste Mal vom Kindernachmittag ganz alleine nach Hause gelaufen. Irgendwie kam das Gespräch darauf, weil der tolle Mann und ich es von Abholzeiten und wie das dann für Miss Allerliebst ist, hatten. Und das Fräulein fing direkt an vor Stolz und Vorfreude zu strahlen als ihr aufging, dass sie ja eigentlich schon alleine nach Hause laufen kann.
Mein erster Gedanke war dabei Erleichterung. Weil es den Alltag bzw. das Zeitmanagement (zumindest für den tollen Mann, denn ich bin mittwochs ja arbeiten) immens erleichtert. Aber um fünf, als ich wusste, dass sie jetzt losläuft, kamen mir dann doch so ein paar Bedenken. Wenn sie es sich jetzt zum Beispiel anders überlegt hätte, könnte uns niemand bescheid geben, weil dort keiner unsere Telefonnummer hat und wahrscheinlich auch nicht unsere Adresse kennt (das Fräulein hat diesen Kindernachmittag erst das zweite Mal besucht). Und wenn sie unterwegs doch nicht guckt, wenn sie über die Straße muss? Oder plötzlich Angst bekommt? Oder, oder, oder?
Ich war jedenfalls erleichtert, als ich nach Hause kam und das Fräulein war wohlbehalten zu Hause angekommen. Auf meine Frage, wie es war, kam ein etwas genervt wirkendes „Alles gut Mama“, so als hätten schon fünf Leute wissen wollen, wie sie nach Hause gekommen ist.
Damit war das Thema dann im Grunde abgeschlossen.

Beim ins Bett gehen hatten wir dafür nach langer Zeit mal wieder richtig großes Theater. Weder der tolle Mann noch ich wissen so genau, was eigentlich los war, aber sie weinte, heulte und tobte eine gute Stunde am Stück. Auslöser war natürlich irgendetwas, das ihr nicht gepasst hat. Entweder, dass sie heute nicht huckepack nach oben getragen wurde oder ähnliches. Aber sie wollte sich gar nicht beruhigen. Irgendwann zwischendurch erzählte sie mir unter Tränen, dass alle im Kindernachmittag verkleidet gewesen wären und sie als einzige nicht. Ich kann das ganz extrem gut nachempfingen, wie doof sich das anfühlt. Aber selbst mit dieser Empathie konnte ich sie nicht einfangen. Schließlich weinte sie sich in den Schlaf, während ich ihr den Rücken kraulte.

Jetzt frage ich mich natürlich (der tolle Mann wird wahrscheinlich über mein paranoides Hirn den Kopf schütteln), ob das irgendetwas damit zu tun hat, dass sie alleine bei diesem Nachmittag war (alles neu) und dann auch noch alleine nach Hause gelaufen ist (unbedingt von ihr selbst gewollt aber vielleicht doch überschätzt?). Zwischendurch, während sie da so weinend im Sessel hockte, hab ich mich sogar gefragt, ob auf dem Heimweg irgendetwas passiert ist. Vielleicht von jemandem angesprochen oder blöd angemacht worden? Keine Ahnung. Ich neige ja dann dazu, mir die grässlichsten Dinge auszumalen. Kopfkino deluxe. Aber aus ihr bekommt man in dem Moment ja nichts vernünftiges (wenn überhaupt) heraus.

Und so bleibt diese neue Selbstständigkeit schwierig. Ich versuche, meinem Kind zu vertrauen und ihr dies alles zuzutrauen. Und ich versuche mir und meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Aber das ist leider nicht immer so leicht.

Wir freuen uns auf ein verlängertes Wochenende in Weltenburg von Freitag bis Montag, nachdem unser letzter Urlaub Mitte Mai schon viel zu lange her ist und zudem total verregnet war.
Is‘ klar, dass ausgerechnet am Freitag das neue Fenster in die Wand gekloppt werden soll und am Montag die neuen Fenster für den Anbau geliefert und eingebaut werden. Außerdem soll Dienstag die Wand in der Küche abgerissen werden, wofür wir noch diverse Umbauarbeiten in der Küche vornehmen müssen.

Mittwoch

Die Planungsfirma ruft an und erklärt, dass der Fensterdurchbruch nun doch Donnerstag gemacht wird. Kann ja nicht sein, dass wir auf gepackten Koffern sitzen und warten müssen, bis die Handwerker fertig sind.
Außerdem wird die Wand in der Küche erst am nächsten Mittwoch entfernt. Auch hier haben wir also ein wenig Luft.

Donnerstag

Um halb acht stehen die Herren Handwerker bereits parat und stürmen die Wohnung. Das Fräulein wird von Opa in den Kindergarten gebracht, während Miss Allerliebst und ich dem Hämmern und Klopfen lauschen dürfen.
Irgendwann am frühen Nachmittag wird es etwas leiser. Das alte Fenster ist entfernt und zugemauert, die neue Fensteröffnung ist bis zur Außendämmung entfernt. Der Dreck hält sich außerhalb vom Bad in Grenzen.

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Netterweise nehmen die Herren Handwerker auch gleich noch die Sprießen in der Küche mit.

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Freitag

Morgens werden Koffer gepackt. Irgendwie blieb vorher dafür nicht die rechte Zeit. Um zwölf kommen wir schließlich los und fahren zügig und mit tiefenentspannten Kindern gute vier Stunden über die Autobahn.
Am Feriendomizil angekommen räume ich die Koffer aus, während der tolle Mann mit den Kindern in den Hof spielen geht. Irgendwann höre ich beide Kinder weinen und brüllen. Da ich sowieso gerade mit dem Auspacken fertig bin beschließe ich, dem tollen Mann zur Hilfe zu eilen.
Bereits als ich im Hof ankomme, bemerke ich den angespannten Gesichtsausdruck des tollen Mannes. Irgendetwas stimmt beim Fräulein Wunder ganz und gar nicht.

Es stellt sich heraus, dass sie aus dem Trampolin gestürzt ist und so wie es aussieht und sich anfühlt ist der linke Arm gebrochen. Herzschlag-Moment.

Nach kurzer Info von unseren Freunden fahren wir in das 7 Kilometer entfernte Krankenhaus in Kehlheim, wohl wissend, dass es dort keine Kinderstation gibt. Wir hoffen einfach, dass der Arm dort geröntgt und eingegipst wird. Schnell rein und wieder raus. (Im Nachhinein ein großes „Ha, ha“ und „Schon klar.“)

Das Fräulein Wunder ist monstermäßig tapfer. Nach dem ersten Schock und Schmerz wird sie ganz ruhig, lässt den lädierten Arm einfach hängen und bewegt sich nur noch in Zeitlupe. Sie hat das wirklich ganz toll gemacht.

Natürlich schickt man uns von Kehlheim weiter in das weitere 30 Kilometer entfernte Regensburg. Immerhin, der Arm wurde geröntgt und ein Bruch von Elle und Speiche nahe am Handgelenk festgestellt. Das erste Mal wird das Wort „Operation“ erwähnt und mir wird ganz schlecht.

In Regensburg angekommen werden wir gleich zum nächsten Kinderarzt vorgelassen, der uns erklärt, bei dieser Art von Bruch müsse man die Knochen mit einem sogenannten Kirschnerdraht fixieren, was in einer etwa 20 minütigen OP (wenn alles gut läuft) passiert. Entlassung frühestens Sonntag.
Es ist mittlerweile 19.30 Uhr. Wenn keiner der zahlreichen Kaiserschnitte dazwischen kommt, könnte das Fräulein Wunder noch heute so gegen 21.30 Uhr in den OP geschoben werden.
Der Arzt bietet dem Fräulein ein Schmerzmittel an, doch sie lehnt dieses ab. Es tue ja gar nicht mehr so weh.

Wir beziehen ein Bett auf der Chirurgischen Kinderstation. Tobias, 9 Jahre, freut sich wie ein Schnitzel endlich Gesellschaft zu bekommen. Das Fräulein Wunder braucht noch etwas zum Auftauen. Wir erklären dem Fräulein Wunder alles noch einmal ganz genau und ich verspreche wiederholt, dass ich die ganze Zeit bei ihr bleibe. Alles andere scheint für sie nebensächlich.
Der tolle Mann und ich beschließen, dass er mit Miss Allerliebst zur Ferienwohnung zurück fährt und dem Fräulein und mir ein paar Sachen holt.

Tatsächlich werden wir um kurz vor halb zehn zur Operation abgeholt. In dem Moment bin ich gerade dabei mit der Vermieterin unserer Ferienwohnung zu telefonieren, weil der Schlüssel zu dieser in meiner Handtasche steckt und der tolle Mann schon auf halben Weg zur Wohnung ist. Kurzzeitig Panik und Chaos.

Als wir den Vorraum des OPs betreten, ist zumindest die Sache mit dem Schlüssel geklärt. Das Fräulein ist sehr bleich, aber weiterhin heldenhaft tapfer. Ihr kommen nur dann die Tränen, wenn sie feststellt, dass der Urlaub ja jetzt wohl leider ins Wasser fällt. Aber den können wir nachholen, erkläre ich ihr. Wichtig ist jetzt erstmal, dass der Arm wieder heil gemacht wird. Das versteht sie, findet es aber trotzdem doof.  Dann stellt sie noch fest, dass das hier aber kein schöner Ort wäre und ich stimme ihr zu. Klinisch kalt und steril, wie so ein OP eben ist.

Der schlimmste Moment für das Fräulein Wunder ist das Legen des Zugangs, der Gott sei Dank mit viel Ablenkung schnell passiert ist. Der schlimmste Moment für mich ist, als sie mein Kind, mein süßes, kleines Fräulein Wunder auf den OP-Tisch legen und mit ihr davon fahren. Ich bleibe nutzlos zurück und erst nach einigen Sekunden gehe ich zurück in den Vorraum. Mein Herz klopft wild vor Angst. Eigentlich das erste Mal seit das alles passiert ist.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind die längsten meines Lebens. Ich laufe Runde um Runde vor dem OP, kann mich keine Minute hinsetzen (obwohl ich es tatsächlich probiere), während nebenan die Hochschwangeren in die Entbindungsstation strömen.
Die ganze Zeit denke ich an das Fräulein und was jetzt da wohl mit ihr passiert und wann sie endlich wieder bei mir ist. Daran, was alles schief gehen könnte, versuche ich nicht zu denken, auch wenn ich es nicht ganz vermeiden kann.
Ich sehe den operierenden Arzt in Zivilkleidung kommen und gehen. Eine Schwester flitzt irgendwann dazwischen durch die Tür und ich bekomme Herzflattern. Ist das vielleicht ein schlechtes Zeichen?

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Irgendwann kommt dann der tolle Mann mit Miss Allerliebst und einer riesigen, schweren Tasche zurück. Die Miss ist noch putzmunter und verkündet immer wieder „Maja armbroche“.
Gleich darauf wird das Fräulein auch schon aus dem OP geschoben. Alles gut verlaufen, ihr geht es gut, sie kommt zum Aufwachen auf die Intensivstation, weil die Aufwachstation um diese Uhrzeit (23.30 Uhr) nicht mehr besetzt ist.

Samstag

1.15 Uhr. Ich sitze an des Fräuleins Bett auf der Intensivstation und bin hundemüde und gleichzeitig hellwach. Ich kann meinen Blick kaum von ihrem Gesicht lösen. Eine Schwester kommt inzwischen alle viertel Stunde um sie irgendwie zum Aufwachen zu bewegen. Doch das Fräulein scheint so erschöpft zu sein, dass sie direkt von der Narkose in den Tiefschlaf übergegangen ist. Schließlich spuckt sie das kleine Mundstück vom Beatmungsschlauch doch noch aus und wir dürfen auf die Station wechseln.
Dort wartet ein wacher Tobias und mein Klappbett auf mich. Ich komme nicht so wirklich zur Ruhe, doch irgendwann fallen mir dann doch die Augen zu.

Um 4.00 Uhr wacht das Fräulein Wunder das erste Mal auf. Bis etwa halb sechs dämmern wir immer wieder weg, doch dann kommen die Schmerzen und wir sind beide wach.
Die Schmerzmittel-Infusion braucht leider fast eine Stunde bis sie wirkt. Bis dahin versuche ich das Fräulein mit Lesen, Singen und Erzählen abzulenken.

Inzwischen ist heller morgen und die Klinikmaschinerie kommt in Gang. Waschen, Frühstück, Bettenmachen. Irgendwie sorgen diese alltäglichen Dinge dafür, dass wir so langsam ankommen.

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Der restliche Samstag vergeht mit Fernsehengucken, iPad-Spielen und Vorlesen. Dazwischen nicke ich immer mal wieder auf des Fräuleins Bett weg. Am frühen Nachmittag kommt der tolle Mann mit Miss Allerliebst und das Fräulein Wunder verlässt freiwillig das Bett. Wir drehen eine Runde auf dem Krankenhausflur und landen in der Spielecke. Kaum zu glauben, dass sie gestern erst operiert wurde!

Am Abend besuchen der tolle Mann und Miss Allerliebst die Geburtstagsfeier ohne uns. Ich warte eigentlich nur darauf, dass Asterix um kurz nach zehn fertig ist und ich endlich, endlich schlafen kann.

Sonntag

Der Arzt erklärt uns während der Visite, dass das Fräulein noch einmal geröntgt wird und danach nach Hause kann. Tatsächlich läuft alles wie am Schnürchen und wir verlassen kurz nach dem Mittagessen das Krankenhaus.
Alle waren wirklich total lieb und nett und bemüht und wir haben uns dort wirklich gut aufgehoben gefühlt. Also wenn ihr mal in der Nähe von Regensburg eine Kinderklinik benötigt, ist die St. Hedwig-Klinik nur zu empfehlen.

Der Abend klingt bei unseren Freunden mit Pizza aus.

Montag

Wir packen unsere Koffer. So richtig freue ich mich nicht auf zu Hause. Der Urlaub war keiner, obwohl ich mich so darauf gefreut hatte und zu Hause wartet irgendwie auch nur Dreck und Arbeit auf uns. Aber nützt ja nix.

Um elf ruft mein Papa an um uns den Zwischenstand beim Fenstereinbau mitzuteilen. Ein Rolladenkasten fehlt, außerdem ist der Rahmen für die Schiebetür nicht da. Des Weiteren konnten die Fenster im oberen Schlafzimmer nicht eingebaut werden, weil die Fensterbauer nicht über das Gerüst klettern und immer wieder durch die Fensteröffnung rein und raus wollten. Kotz!

Um kurz nach drei sind wir zu Hause. Der erste Anruf gilt dem Planungsbüro. Diese erklären, dass die Fenster oben inzwischen eingebaut sein sollten. Die haben die Fensterbauer nämlich postwendend wieder zurück beordert. Der Rest wird in den nächsten Tagen geklärt. Und tatsächlich. Einmal ums Haus drumrum und hochgeguckt und da prangen tatsächlich drei neue Fenster in unserem Anbau. Cool!

Das Fräulein Wunder bleibt diese Woche vom Kindergarten zu Hause. Wohl mehr um mich zu beruhigen, denn eigentlich ist sie fit, hat keine Schmerzen und hüpft rum, als wäre nix passiert. Beim heutigen Duschen habe ich den Gips mal gepflegt unter Wasser gesetzt (trotz kunstvoll verklebter Plastiktüte über dem Gips), ich telefoniere mit dem Krankenhaus und unserem Kinderarzt (weil der Patientenbrief nicht beikommt), kümmere mich um Termine für den Statiker, Fenstereinbau, Wanddurchbruch und, und, und und versuche dazwischen irgendwie meine Kinder, die deutlich unter Bewegungsmangel leiden, zu beaufsichtigen. Und trotzdem bin ich relativ entspannt und so, so dankbar. Dass das alles gut ausgegangen ist, dass das Fräulein relativ wenig Schmerzen hatte und alles so tapfer ertragen hat. Dass ich für sie da sein konnte und ihr damit die Stärke geben konnte, die sie in dem Moment brauchte.

Alles wird gut.

Glück ist Musik.
Laute, mitreißende, gute Live-Musik. Die Hitze in einer Halle, der Bass, der in deinem Magen wummert, die vielen Stimmen, die sich zu einer vereinen. Die ersten Gitarrenakkorde, die den Song bereits erahnen lassen. Die ersten gesungenen Worte meines Lieblingsliedes. Lang vermisste Melodien und Worte, Gitarren- und Schlagzeugsolos. Dieses besondere Vibrieren der Luft, das Gefühl von Gemeinschaft und des Eins-Seins. Die Texte, die sich in meiner Kehle ohne mein Zutun formen. Mein Mund bewegt sich von alleine, singt lauthals den Text mit, den er schon davor unzählige Male, mal laut und mal leise, mitgesungen hat. Die unbändige Freude über genau den Song zu richtigen Zeit am richtigen Ort.

Glück sind die Menschen, mit denen ich es teile.
Verschwitze Körper, die sich aneinander drücken. Arme, die sich um meine Schulter legen. Blicke, die mir genau im richtigen Moment begegnen. Das gemeinsame Erleben von Musik, von Gemeinschaft, von Leben. Nähe, Verständnis, Miteinander.
Und das auch mit Menschen, die gar nicht anwesend sind. Die in diesem Moment nur durch eine unsichtbare Leitung mit mir verbunden sind. Denen ich mich nahe fühle, obwohl ich mit ihnen an diesem Abend nicht viel mehr als ein paar Bilder und Smilies austausche.

Glück ist meine Familie.
Das Gefühl von Nach-Hause-Kommen. Das ruhige Atmen meines Mannes und meiner Kinder in der Dunkelheit. Der Vorfreude, am nächsten Tag alles mit ihnen teilen zu können. In Wort UND Bild. Die Geborgenheit und Sicherheit, die ich hier erfahre und der Gewissheit, immer einen Platz zu haben. Meinen Platz. Der Ort, an den ich gehöre.

Gerade bin ich glücklich. Sehr glücklich. Und müde. Und es war sooooo toll. Erneut! Danke.

5 Jahre, 9 Monate, 18 Tage

Mein Wille bröckelt. Immer schneller und wie es mir vorkommt unaufhaltsam.

Angefangen hat es eigentlich schon vor zwei, drei Jahren. Ich erinnere mich sogar noch sehr genau an den Abend. Den Moment auf einer Party, die Frage „Darf ich mir eine bei Dir schnorren?“ und die Feststellung, dass diese Zigarette noch genau so gut schmeckt wie damals. Mir wurde schwindelig, aber ich habe sie genossen. Die dritte geschnorrte Zigarette schmeckte aber schon nicht mehr und ich war damals froh, dass es so war.

Ganz langsam schlich sich dann das Rauchen wieder ein. In der Schwangerschaft mit Miss Allerliebst rauchte ich natürlich gar nicht und auch in der Anfangszeit gab es, wahrscheinlich eher aus Mangel an Gelegenheit als echtem Willen, auch ganz wenige Rückfälle.
Aber seit dem letzten Jahr nimmt mein Zigarettenkonsum rapide zu. Waren es vorher vielleicht fünf Zigaretten im Jahr, sind es jetzt eher fünf im Monat.

Ich bin wieder in das Muster von Ritualen und Abhängigkeiten verfallen. Immer dann, wenn ich in Gesellschaft Alkohol trinke, überkommt mich das Verlangen sehr stark. So als würde das Rauchen diesen Abend/Feier/Moment noch etwas mehr besonders machen.
Im letzten Jahr feierten wir extrem viel Hochzeiten und runde Geburtstage. Das sind Gelegenheiten, wo viele Menschen zusammen kommen unter denen auch Raucher sind. In meiner momentanen kleinen Welt überwiegen nämlich eigentlich die Nichtraucher und wenn ich mit Nichtrauchern zusammen bin, habe ich auch nicht oder (noch) nur ganz selten dieses Verlagen.
Aber sobald ein Raucher mit mir feiert, ist es um mich geschehen.

Ich habe mich das ganze letzte Jahr durch fremde Zigarettenschachteln geschnorrt (und diese natürlich den Rauchern wieder aufgefüllt). Das Gefühl, nach drei Zigaretten aufhören zu wollen, hat sich verflüchtigt. Eigentlich ist es wie früher, als ich noch geraucht habe: Die Zigarette bestimmt wieder meinen Abend. Ich gehe bei jeder sich bietenden Gelegenheit (mit) rauchen und halte mich an diesen Abenden auch in keiner Weise zurück. Ich bringe es damit gut und gerne auf eine halbe Schachtel am Abend.
Und nicht nur das, sondern ich denke bereits Tage vor der Feier daran, dass ich bald wieder die Möglichkeit bekommen werden, eine Zigarette zu rauchen. Wie erbärmlich ist das eigentlich?

Ende Dezember fand dann die Abschlussfeier meiner Arbeitsstelle statt. Ich wusste (oder war der Meinung), dass es nur noch ganz wenige Raucher dort gibt, wollte aber an diesem besonderen Abend unbedingt eine Zigarette (oder mehrere) rauchen.
Ich drückte mich lange herum, versuchte mich selbst irgendwie runter zu holen, aber ohne Erfolg. Ich kaufte mir an diesem Nachmittag die erste, eigene Schachtel Zigaretten nach über fünf Jahren.
Entgegen meiner Annahme befanden sich doch noch einige Raucher unter meinen ehemaligen Kollegen und somit rauchte ich auch an diesem Abend mehr, als gut war. Die halbe Schachtel war am Ende weg. Einfach mal so Rauch in die Luft geblasen für einen kurzen Kick, der am Ende noch nicht einmal mehr geschmeckt hat oder besonders großartig war.

Als ich zu Hause war, nahm ich mir noch zwei Zigaretten aus der Schachtel und bat den tollen Mann, den Rest für mich zu verwahren. Ich wollte nicht, dass die Schachtel offen irgendwo liegt, wo ich jederzeit dran komme, denn dann wäre sie ganz schnell geleert gewesen, dessen war ich mir sicher.

Um es kurz zu machen: Den Rest der Schachtel rauchte ich über Weihnachten mit meinem Bruder zusammen (nicht, dass er davon was abbekommen hätte, wir standen nur gemeinsam draußen und froren, während wir den blauen Dunst in die Luft bliesen), zu Silvester kaufte ich mir bereits eine neue Schachtel.
Dann war wieder 10 Tage Ruhe, bis ich Freitag mit meinem Papa von einem netten, lustigen Theaterabend kam, ein paar Gläser Wein dabei getrunken und extreme Lust auf eine Zigarette hatte.
Ich habe diese alleine auf der Terrasse geraucht, aber eigentlich, wenn ich ganz, ganz ehrlich zu mir selber bin, sie weder genossen, noch hat sie besonders gut geschmeckt. Ich tippte nebenher sogar auf dem Handy rum, sodass das Rauchen wieder zu etwas verkommt, das man eher unbewusst nebenher macht. Total unnötig eigentlich. Eigentlich.

Immer wenn ein Raucher sich mit mir im gleichen Raum aufhält werde ich nervös, ich denke schon Tage vor einer Feier nur ans Rauchen (und, sind wir mal ehrlich, dazwischen auch des öfteren) und inzwischen habe ich sogar die Zigaretten ständig verfügbar im Haus.
Nach einem Abend mit Zigaretten bin ich am nächsten Tag total unausgeglichen und motzig, ich huste dann wieder vor mich hin, habe das Gefühl, jemand hätte meine Lunge zugekleistert und der Geschmack im Mund ist nun auch nicht gerade lecker.

Warum also das Ganze?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass da dieses Verlagen ist, der Gedanke, dass es jetzt absolut großartig wäre, eine Zigarette rauchen zu können. Und das geht auch nicht aus meinem Kopf, so lange es immer noch Zigaretten gibt, die sich auch genau so anfühlen. Aber die sind rar gesät. Von den zwei Schachteln  in den letzten drei Wochen, haben vielleicht drei Zigaretten wirklich gut getan und geschmeckt.
Wahrscheinlich bin ich deshalb so dabei. Immer auf der Suche nach dieser einen, leckeren, tollen, angenehmen Zigarette.
Und dann kann ich mir ja dazwischen einreden, dass ich ja gar nicht wirklich rauche, weil ich dann wieder eine ganze Woche keine Kippe anrühre und doch eigentlich Nichtraucher bin. Gelegenheitsraucher, das bin ich. Rede ich mir ein. Aber Gelegenheiten gibt es eben immer und unzählig viele.

Wenn ich das hier so in geballter Form vor mir sehe, wird mir richtig übel. Denn ich sehe den Weg, der vorgezeichnet ist. Den Moment, in dem ich mir denke „Oh sch*** doch drauf. Dann rauche ich eben wieder. Was soll’s?“. Das möchte ich auf keinen Fall. Ich finde es schon schlimm, dass das Fräulein mich einige Male beim Rauchen gesehen hat und diesen Vorgang jetzt durchaus mit mir in Verbindung bringt.
Und trotzdem ist der Gedanke, keine Zigarette mehr anzufassen, schmerzhaft. So, als würde man sich vornehmen, nie wieder Schokolade zu essen oder Kaffee zu trinken.

Ich finde gerade keinen rechten Abschluss für diesen Eintrag. Also soll es dies an dieser Stelle erste einmal gewesen sein.