Wenn das Kind den ganzen Morgen schon mehr als unausgeglichen ist, bereits vor dem Anziehen Theater wegen einer neuen Windel macht, sich nicht die Zähne putzen lässt, Schuheanziehen auch doof findet und den halben Weg zum Kindergarten weint, weil ihr kalt ist, dann sollte man sich nicht an ihre großspurige Ansage vom Vortag und Morgen halten, dass sie alleine im Kindergarten frühstücken möchte und Mama bitte schön zu gehen hätte.
Denn dann gibt es Tränen. Und Geschrei. Und noch mehr Tränen bei der unfähigen Mutter, die ihr Kind einfach mal so abgeschoben hat, ohne darüber nachzudenken.

Immerhin. Das Telefon bleibt seit einer Stunde still. Ich werte das mal als einigermaßen gutes Zeichen, schiebe mir aber trotzdem noch so ein Beruhigungs-Kaubonbon rein und mache mich mal langsam auf den Weg um mein Fräulein Wunder wieder abzuholen.
Mein schlechtes Gewissen ist jedenfalls so groß wie ein Hochhaus und ich hoffe, ich habe damit jetzt nicht alles für immer und ewig vermurkst. Hach, ich Rabenmutter.

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Als Mutter hört man zwangsläufig immer wieder Geschichten von anderen Müttern, die vom ersten Kindergartentag ihres Sprösslings berichten. Von „Drama-Drama-Baby“ bis „Mama-geh-jetzt-endlich“ ist alles dabei.

So lange man selbst nicht in der Situation ist, sein Kind an einen fremden Menschen zur Betreuung abgeben zu müssen, hört man sich die Erzählungen an, nickt verständnisvoll, hat aber im Grunde keine wirkliche Ahnung, was das eigentlich bedeutet.
Loslassen.
Sein Kind alleine lassen.
Quasi ungeschützt und vollkommen auf sich allein gestellt.

Eine gute Woche habe ich nun mit dem Fräulein jeden Morgen den Kindergarten besucht. Wir haben gemeinsam dort im Pausenraum gefrühstückt und danach zusammen den Gruppenraum und die Spiele erkundet (am Anfang), oder ich habe das Fräulein Wunder beim Spielen beobachtet (die letzten zwei, drei Tage). Man konnte förmlich dabei zusehen, wie sie langsam aufgetaut ist. Von einem kleinen Mäuschen, das nicht rechts und links geschaut hat und ohne deren Mama erstmal gar nichts ging, bis hin zu einem Mädchen, das zwar immer noch vollkommen erschlagen von den vielen Eindrücken, Kindern und dem Lärm ist, das sich aber immerhin auch schonmal mit ihrer Erzieherin unterhält und mit ihr die Mähnen der Spielzeugpferde kämmt.

Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sie sich 80% der Zeit bewusst ist, dass Mama da ist. Ab und an kam sie zum kurzen Kuscheln vorbei oder forderte mich auf, mit ihr ein Puzzle zu machen. Den Stuhlkreis findet sie irgendwie immer noch unheimlich, so dass sie den am liebsten entweder auf meinem Schoß, oder wenn es gut lief mit mir auf einem winzigen Stuhl in ihrem Rücken absolvierte.

Und heute … tja … heute kam dann dieser große Tag, von dem die vielen Mütter immer erzählen. Es lässt sich nicht länger aufschieben. Man muss sich von seinem geliebten Kind trennen und es damit eine Weile zwei Erzieherinnen (die zumindest einen kompetenten Eindruck machen) und einer Horde mehr oder weniger netter Kinder überlassen.

Da das Fräulein im Moment gerade eine Phase von extremer Mama-Anhänglichkeit an den Tag legt (nur Mama darf dies oder das, bitte nur in Mamas-Bett schlafen, Mama bitte immer neben mir sitzen usw.), war ich darauf eingestellt, dass es viele Abschiedstränen geben wird. Und das so wohl beim Fräulein als auch bei mir.
Gestern versuchte ich bereits, sie behutsam darauf vorzubereiten, dass sie eine Weile alleine im Kindergarten verbringen müsse. Ich erzählte ihr, dass wir am kommenden Tag gemeinsam in den Kindergarten gehen und dort wie immer zusammen frühstücken würden, ich aber dann „mal schnell“ ein bißchen einkaufen ginge und sie dann eben alleine bei ihren neuen Freunden bleiben solle.
Die erwartete, tränenreiche Reaktion blieb aus. Das Fräulein Wunder nahm dies zur Kenntnis, nickte lediglich und ging dann zum nächsten Tagesordnungspunkt über. Als sei das überhaupt keine große Sache.
Nun gut, dachte ich mir, das hat sie jetzt vielleicht noch nicht so ganz verstanden. Dass sie da wirklich alleine bleiben soll und Mama dann nicht da ist. Das ist bestimmt noch nicht ganz zu ihr durchgedrungen.

Heute morgen also beim Kuscheln im Bett haben der tolle Mann und ich noch einmal den heutigen Tagesablauf mit ihr besprochen. Und wieder nickt sie nur und sagte so etwas wie „Ja, weiß ich. Mama geht dann einkaufen.“ Ich wunderte mich, wagte aber noch nicht so ganz zu hoffen, denn Dinge sagen und sie vielleicht auch verstehen, und die Realität, sind dann doch noch mal zwei verschiedene Dinge.

Während es heutigen Frühstücks im Kindergarten war ich dann entsprechend angespannt, versuchte mir aber nichts anmerken zu lassen. Seit gestern ist auch des Fräuleins langjährige Krabbelgruppen- und Turnfreundin Lara in ihrer Gruppe zum Eingewöhnen und die  zwei verstehen sich bestens.
Ich schiebe es also diesem Umstand zu, dass das Fräulein Wunder, als ich auf sie zuging und mich verabschiedete, mir lediglich ihren spitzen Mund zum Küssen hinhielt und dann mit Lara in der Puppenecke verschwand.
Ohne Tränen. Ohne Jammern. Ohne Versuch mich aufzuhalten. Satansbraten!!

Beim Winken, dachte ich, beim Winken wird doch wohl eine Träne kommen. Ich ging also aus dem Haus und um das Gebäude herum zum Ausgang des Geländes. Oben am Fenster des Pausenraums steht das Fräulein Wunder, breit grinsend mit ihrer Freundin Lara und drei weiteren Kindern ihrer Gruppe, die zur Unterstützung mit ans Fenster geeilt sind. Sie winken alle gemeinsam und sehen dabei sowas von glücklich aus, dass ich mich gleichzeitig riesig freue aber auch tottraurig bin.

Nicht dass ich gehofft hätte, dass das Fräulein Wunder größeren Abschiedsschmerz ertragen muss. Ich bin natürlich überglücklich, dass sie es scheinbar so gut wegsteckt. Glücklich und auch ziemlich stolz auf mein kleines, großes Mädchen, wenn ich ehrlich bin.
Aber wenn ich schon loslassen muss, kann ich doch wenigstens ein bißchen Wehmut von meinem Gegenüber erwarten, oder?