Wer kennt ihn nicht: Den Schmachtfetzen schlechthin. Die Mutter aller Tanzfilme. Den sich alle Mädels Ende der Achtziger und auch noch Jahre danach immer wieder und wieder angesehen haben: Dirty Dancing.
Wir fieberten mit Baby mit. Wir schmachteten Johnny an. Wir lernten Mambo zu tanzen und die Hüften zu schwingen. Und wir konnten jeden Satz auswendig mitsprechen.
Und wenn man ganz genau hinhört, vernimmt man ihn gerade jetzt im Sommer immer wieder – Den legendäre Satz „Ich habe eine Wassermelone getragen.“

Als Mutter von zwei Töchtern ist es mir natürlich ein Anliegen, diesen Teil meiner Mädchenkultur weiterzugeben. Sozusagen ein Initiationsritus zur Vorpubertät (in der das Fräulein Wunder schon voll drinsteckt, aber das nur am Rande). Den kleinen Monstern ein wenig romantische Bildung näherbringen, auf dass sie vielleicht demnächst auch Hüftschwingend und „I’ve had the time of my life“ schmetternd mit mir durchs Wohnzimmer tanzen.

Also erklärte ich Ihnen, dass es da einen gaaaanz tollen Film gäbe, den ich das erste Mal gesehen hätte, als ich jung war und den ich unbedingt mit ihnen anschauen will. Es wäre ein Mädchenfilm. Noch besser, sogar ein Tanzfilm! Immerhin stehen sie auf die Eiskönigin und Trolls. Tanzen und Singen sollte also nicht ganz so verkehrt sein.
Um der berechtigten Skepsis meiner Kinder entgegenzuwirken (denn sind wir mal ehrlich, wenn unsere Mütter heute kämen und würden sagen, sie möchten mit uns unbedingt einen Film aus ihrer Jugend ansehen, der ja sooooo toll sei, wären wir anfangs auch erstmal skeptisch, oder?), schauten wir uns erst einmal den Trailer an.
Erster großer Fehler. Ich hätte mich vorher informieren sollen. Denn leider war dieser Trailer der schlechteste seit Menschengedenken. So schlecht, dass selbst ich mir kurz überlegte, ob ich den Film überhaupt sehen will.

Der vernichtende Satz des Fräulein Wunders war dann auch „Mama, du bist so altmodisch!“
(Kurzer Exkurs: Ich bin tatsächlich lieber altmodisch als uncool, obwohl ich nicht genau weiß, ob dazwischen überhaupt ein Unterschied besteht.)

Ich versuchte also zu retten, was zu retten war. Wie, ihr wollt den Film nicht sehen? Aber daraus stammt doch der legendäre Satz „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Den habt ihr doch bestimmt schon ganz oft irgendwo gehört. Oder? ODER?

Öhm … nun ja … den Gesichtern meiner Kinder konnte man ablesen, dass sie gerade überlegen, in welche Klapse sie mich einweisen sollen. Wassermelone? Schon klar.

Ich erklärte ihnen also, dass so gut wie jede Frau diesen Film schon mal gesehen hat und dass, egal wen sie fragen würden, jede diesen Satz kennt.

Natürlich hielten sie das, wenn nicht gerade für gelogen, dann zumindest für eine riesengroße Übertreibung. Hätte ich an ihrer Stelle womöglich auch.

Als wir also das nächste Mal mit ein paar Müttern und Kindern irgendwo zusammenstanden (das ergibt sich auch heute noch ab und zu, was sehr schön ist), lies ich einfach mal den Satz fallen „Ach übrigens, ich habe vorhin eine Wassermelone getragen.“ Und sofort schallte mir ein einstimmiges, jubelndes „DIRTY DAAAANCING!“ entgegen.

Ich sag mal so … meine Kinder denken nun womöglich, ich könnte übers Wasser gehen. Und ich werde sie natürlich nicht korrigieren.

Ab da löcherten sie mich ständig, was denn nun dieser Satz zu bedeuten hätte. Eine Wassermelone getragen. Das macht man ja schon mal wenn man einkaufen war. Was, die waren nicht einkaufen? Okay. Hm. Ist das dann ein Code für irgendwas? So, wie Spione sich unterhalten? Nein? Auch nicht? Aber warum sagt die das dann Mama?

Spiel, Satz und Sieg. Ha!

Wir einigten uns also darauf, dass wir den Film bis zu dem legendären Melonensatz gucken würden und wenn er ihnen dann immer noch zu altmodisch wäre, könnten wir ihn immer noch aus machen. Was, wie ich mir sicher war, nicht passieren würde, denn bis dahin wären sie schon so tief drin in dieser herzzerreißenden Story, dass sie ihn unbedingt zu Ende sehen wollen würden.

Letztes Wochenende war es dann so weit. Der tolle Mann verbrachte mit Freunden ein Männerwochenende im Odenwald (obwohl er sagte, er würde sich den Film sogar mit angucken) und wir Mädels kuschelten uns mit Brause und Knabberzeug auf die Couch.

Am Anfang wies ich darauf hin, dass der Film in einer Zeit spielt, in der es weder Handys noch Computer gegeben hat. „Aber Kameras hatten die schon, Mama, gell? Denn sonst hätten die den Film ja nicht drehen können.“ Mein Kind. So blitzgescheit.

Den ersten Auftritt von Johnny nahmen die Mädels vollkommen gelassen hin, während ich laut seufzte und ihn anschmachtete. Gott, war der da noch jung!! Dann fiel mir ein, dass Patrick Swayze auch schon seit einer Weile tot ist. Was mich wiederum traurig machte und noch nostalgischer werden ließ.

Dann die besagte Szene, als Billy mit den drei riesigen Wassermelonen auftaucht. Baby überredet ihn, sie mit zu der Party der Hotelangestellten zu nehmen und hilft ihm dafür mit den Melonen. Sie steigen die Treppe hinauf und kommen in diesen riesigen, stickigen Partyraum, in dem bereits wie wild getanzt wird.
„Uaah, das ist ja eklig!“ höre ich es zu meiner Rechten vom Fräulein Wunder. „Ja, voll eklig!“ bestätigt Miss Allerliebst mit gerümpfter Nase zu meiner Linken.
„Aber die tanzen doch total toll,“ sage ich, weiß aber natürlich, was sie meinen. Für die Kinder ist dieser Tanz wie Sex mit Klamotten an. Sie halten sich also die Augen zu oder machen Würgegeräusche, während Baby den Raum durchquert und sich an den Rand der Tanzfläche stellt.

Auftritt von Johnny und Penny.

„Die können aber viel besser tanzen als die anderen,“ kommentiert das Fräulein. „Ja, das sind ja auch die Tanzlehrer,“ nicke ich.

Dann entdeckt Johnny Billy mit Baby in der Ecke und hüpft tanzen zu ihnen rüber.
„Was macht die denn hier?“ fragte Johnny und Baby entgegnet vollkommen unzusammenhängend „Ich habe eine Wassermelone getragen.“

Mit triumphierendem Grinsen schaue ich meine Mädels an. Jetzt müssen sie doch einsehen, wie toll dieser Film ist. Wie herzzerreißend, wie romantisch, wie aufregend, wie …
„Mama, können wir jetzt BITTE was anderes gucken?“

Grummel.

Später, als die Kinder im Bett liegen, kuschele ich mich zurück auf die Couch und gucke den Film alleine weiter.
Im weiteren Verlauf des Abends bin ich dann eigentlich ganz froh, dass ich mit meinen Kindern kein Gespräch über Abtreibung, Sex und Betrug führen muss. Ich kann es genießen. In vollen Zügen.
Es macht auch gar nichts, dass ich schon vorher weiß, was als nächstes passiert. Im Gegenteil. Ich singe leise mit, ich murmle den Text vor mich hin und bekomme wie immer eine Gänsehaut und Pipi in die Augen, wenn die Hebefigur bei der Abschlussfeier endlich gelingt.

Als ich dann ein paar Tage später die Einkäufe in den Kühlschrank räume, kommt das Fräulein Wunder und sagt im Vorbeigehen „Ach Mama, hast du eine Wassermelone getragen?“ grinst breit und verschwindet im Garten.

Erwähnte ich schon, dass ich sie echt lieb hab?

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Immer wieder bin ich erstaunt, wie groß meine Kinder inzwischen geworden sind. Sowohl im körperlichen Sinne, als auch in Ihrer Entwicklung.

Miss Allerliebst kam dieses Jahr in die Schule.
Erste Klasse.
Bye bye Kindergarten.

Der Übergang ist ihr sehr schwer gefallen. Aus der anfänglichen Freude „Juchu, ich komme in die Schule,“ wurde im Laufe des letzten halben Jahres im Kindergarten eine unbestimmte Angst.
„Mama, ich kann gar nicht in die Schule gehen, weil ich doch gar nicht lesen und schreiben kann.“ Oder auch „Mama, kann ich in der Schule auch noch mit L. in der Bauecke spielen?“

Der erste Schultag. Aufregend!

Der erste Schultag war natürlich trotzdem ein riesen Ereignis und so ein bißchen war die Miss natürlich auch neugierig und freute sich, jetzt ein großes Schulkind zu sein.

Die ersten Tage und Wochen vergingen dann auch wie im Flug. Doch wenn man Miss Allerliebst fragte, ob es ihr in der Schule gefalle, kam entweder keine oder eine eher ausweichende Antwort.
Sie vermisste den Kindergarten und ihre Freunde dort sehr. Lediglich ein Mädchen aus ihrer Kindergartengruppe wechselte mit ihr in die erste Klasse (diese ist aber zugleich ihre allerallerbeste Freundin, von daher alles gut), die restlichen blieben zurück und kommen erst im nächsten Schuljahr nach.
Oft holte sie den Erinnerungsordner hervor, den alle Schulanfänger beim Abschied aus dem Kindergarten von den Erziehern überreicht bekamen. Sie blätterte darin, sah sich die alten Fotos an, seufzte oft und anhaltend wie eine alte Frau und stellte immer wieder fest, wieviel schöner es doch damals dort gewesen war.
Das Spielen fehlte ihr. Das „Machen können was man will“. Die festen, ungewohnten Strukturen, das Lernen und alles im Gleichtakt behagte ihr nicht sonderlich. So ist es auch wenig verwunderlich, dass immer noch Sport und Schwimmen ihre Lieblingsfächer sind. Und Religion! Darüber lässt sie nichts kommen. Da unsere Pfarrerin den Unterricht für die ersten beiden Klassen abhält, kann ich das auch gut verstehen.
 
Natürlich waren auch gerade die Hausaufgaben am Anfang ein Problem. Wer hat schon Lust, nach der Schule immer weiter zu lernen und Aufgaben zu lösen?
Wie das Fräulein Wunder macht die Miss ihre Hausaufgaben in der Hortbetreuung nach der Schule. Aber anders als das Fräulein, fällt es der Miss schwer die Notwendigkeit dieser Aufgaben einzusehen oder auch das Ganze so ernst zu nehmen, wie das ihre Schwester tut.
Da die Schulanfänger in den ersten Monaten natürlich noch nicht schreiben können, müssen sie sich bei der Vollständigkeit ihrer Hausaufgaben auf ihr Gedächtnis und ein paar sehr schlecht haftende PostIts verlassen. Und wir Eltern auch.
Ein paar Mal haben wir tatsächlich eine vergessene Hausaufgabe morgens zwischen Toastbrot und Zähneputzen gemacht. 

Auch hat Miss Allerliebst es fertiggebracht, in Mathe aus drei klar erkennbaren Ansammlungen von Fischen, die man zählen und die Ergebnisse unten drunter schreiben sollte, durch spektakuläre Umrandungen über das ganze Blatt, vier Fischgruppen zu machen und vier Ergebnisse aufzuschreiben. So um die Ecke zu denken wäre dem Fräulein Wunder (und mir auch) niemals eingefallen. 

Vor zwei Wochen hatten wir nun mit der Klassenlehrerin das erste Elterngespräch, das in der ersten Klasse auch das Halbjahreszeugnis ersetzt.

Auf die Frage, ob Miss Allerliebst denn gerne in die Schule gehe, konnten der tolle Mann und ich nur antworten, dass es inzwischen besser geworden sei, aber am Anfang schon sehr schwierig für das Kind war. Die Lehrerin nickte. So hatte sie das auch empfunden. Aber das wäre ganz normal. Vielen Kindern gehe das so. Keine Sorge.
Dann legte sie uns ein Blatt vor, in dem sich die Kinder selbst zu ihren Leistungen einschätzen konnten. Lesen, Schreiben, Rechnen aber auch Ordnung halten, Konzentrationsfähigkeit, Arbeiten mit Anderen usw.. Daneben hatte die Lehrerin ihre Einschätzung vorgenommen.
Es war schön zu sehen, dass Miss Allerliebst ein gutes Gefühl für ihre Arbeit hat. Sie hat sich ganz oft im grünen Bereich gesehen, was sich mit der Einschätzung der Lehrerin deckte. Ab und an malte die Miss im Gegensatz zur Lehrerin einen Kreis gelb an. Also zu selbstsicher ist sie dann auch nicht. Das beruhigt.
Das Thema Hausaufgaben war z.B. so ein Kreis. Miss Allerliebst stufte sich da also eher bei „mittel“ ein, Die Lehrerin hatte einen grünen Kreis mit einem kleinen, gelben Rand gemalt.
Sie erklärte uns, dass Miss Allerliebst mit dem Thema Hausaufgaben etwas zu kämpfen habe. Gerade ein paar Wochen vor Weihnachten sei es besonders auffällig gewesen. Da hätte öfter etwas gefehlt.
Ich sah sofort den Stempel „Rabenmutter“ auf meiner Stirn.
Die Lehrerin meinte dazu, dass sie ja wisse, dass wir sehr entspannte Eltern seien (der tolle Mann und ich überlegen immer noch, ob wir das als Kompliment auffassen sollen) und sie habe dieses Thema deshalb mit Miss Allerliebst alleine geklärt.
Und siehe da, mit den Hausaufgaben klappe es besser. Die Lehrerin erzählte, Miss Allerliebst sei vorher immer in gedrückter Stimmung und eingezogenem Kopf in den Unterricht gekommen, quasi das wandelnde, schlechte Gewissen, weil sie wusste, dass wieder etwas an den Hausaufgaben fehlt. Jetzt sei sie aber wieder fröhlich und aufgeweckt. Gott sei Dank!
Inzwischen schreiben die Kinder auch auf, was an Hausaufgaben ansteht. Mit Symbolen für das entsprechende Heft oder den Ordnern, mit Seitenzahlangaben und Symbolen was zu tun ist (schreiben, rechnen, lesen). Das erleichtert es uns allen ungemein zu gucken, ob alle Hausaufgaben gemacht sind und was noch fehlt.

Ganz wichtig sei im Moment, so die Lehrerin, dass kontinuierliche Lesen. Denn Lesen lerne man nur durch Lesen. Zehn Minuten am Tag. Mehr brauche es gar nicht.

Ich meine mich erinnern zu können, dass das Fräulein Wunder, wie bei allen schulischen Dingen, sehr engagiert war und sehr schnell von sich aus sämtliche Schilder und Texte in der näheren Umgebung gelesen hat.
Miss Allerliebst fragte bis letzte Woche immer noch „Mama, lies mir mal vor was da steht, ich kann doch nicht lesen.“ Wir ermutigten sie zwar immer wieder, sie könne doch jetzt selbst schon lesen, aber so richtig konnte sie das wohl nicht glauben oder es war ihr zu anstrengend.
Und die Texte zum Üben, die sie aus der Schule mitbekommen, sind sowas von unspannend und doof, dass ich eigentlich auch keine Lust habe, sie mit Miss Allerliebst zu lesen. Oft bestehen sie auch nur aus diversen Silben, die wenig bis gar keinen Sinnen ergeben.

Letzte Woche erinnerte ich mich dann an die vielen Leselernbücher, die auf dem Bücherregal von Miss Allerliebst stehen. Eines, von Conni und den Tieren, fand sie schon letztes Jahr ganz toll, weil verschiedene Wörter in dem Text als Bilder dargestellt sind, so dass sie mit mir gemeinsam das Buch schon vor der Schule „lesen“ konnte.
Wir kramten es also hervor und einigten uns darauf, dass wir abwechselnd eine Zeile lesen würden. Und siehe da, Miss Allerliebst war total begeistert und wollte gar nicht mehr aufhören. Und seitdem versucht sie alles Mögliche zu lesen. In Zeitungen, auf Schildern, auf Verpackungen. Alles was ihr gerade so unter die Finger kommt. Und sie wird sooooo schnell besser, das ist unglaublich. Mit welcher Leichtigkeit sie lernt ist faszinierend. 

Viele Menschen, wir als Eltern eingeschlossen, waren eigentlich davon überzeugt, dass die Miss ein gesundes Selbstbewusstsein hat und mutig genug ist, die Schule mit ihren vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen gut zu meistern.
Ich glaube, dass wir diese Herausforderung vielleicht etwas unterschätzt haben. Vielleicht weil es beim Fräulein Wunder so geradlinig und ohne größere Probleme klappte, vielleicht, weil die Miss in ihrem Denken und Handeln meist offener und beweglicher ist, als ihre Schwester. 

Eine sensible Seele wohnt in beiden. Manchmal vergesse ich fast, dass sie eigentlich noch (kleine) Kinder sind, die zwar in die Schule gehen, aber trotzdem noch gerne an die Hand genommen werden wollen. Die sich zwar abnabeln und ihr eigenes Ding machen wollen, aber sich dabei manchmal vielleicht doch etwas überschätzen und dann Angst vor der eigenen Courage bekommen. (So wie vor ein paar Wochen, als Miss Allerliebst das erste Mal mit Freunden aus ihrer Klasse alleine auf einen Spielplatz in unserer Nähe gegangen ist und dann den Weg nach Hause nicht mehr wusste, obwohl wir den schon soooo oft zusammen gegangen sind.)

So vieles liegt noch vor uns. So viele Hürden, Erfolgserlebnisse, Rückschläge und Dinge, die gelernt werden müssen. Wahnsinn, was alles dazu gehört um groß, erwachsen und stark zu werden. Und dabei möchte ich manchmal am liebsten mein kleines Mädchen behalten, einfrieren, konservieren für die Ewigkeit. Irgendwann wird sich diese Nähe verlieren. Bin ich nicht mehr die Königin der Welt für sie. 

Okay, genug rumgeheult.

Eigentlich wollte ich hier nur mal wieder schreiben, wie großartig meine Kinder sind. Mir einen weiteren Eintrag in meinen Erinnerungskoffer packen, damit ich auch in 10 Jahren, wenn es dann langsam auf den Schulabschluss zugeht, noch nachlesen kann, wie alles begann. Um dann milde zu lächeln und mir zu denken, was für Pipifatz-Sorgen wir doch damals hatten.

Seit 1. Februar habe ich meine Arbeitszeit neu verteilt. Ich arbeite nun von Montag bis Donnerstag jeweils eine Stunde länger und darf dafür freitags zu Hause bleiben. Ein unglaublicher Luxus!

Heute ist demnach mein vierter Freitag, an dem ich nicht zur Arbeit muss.

Wenn man an einen freien Tag denkt, denkt man automatisch auch an Ausschlafen. Das ist in meinem Fall leider nicht (immer) möglich.
Die Kinder müssen rechtzeitig aus dem Bett und zur Schule und der tolle Mann geht meist früh aus dem Haus, um möglichst früh wieder zu Hause sein und ins gemeinsame Wochenende starten zu können.
Das hat aber den positiven Nebeneffekt, dass ich zum Einen nicht den kostbaren freien Tag im Bett verbringe und zum Anderen ist es morgens mit den Kindern unglaublich entspannt.

Das Fräulein Wunder hat zur ersten Stunde Schule, die muss also – ob sie will oder nicht – wie immer aus dem Haus.
Miss Allerliebst hingegen hat jetzt in der ersten Klasse noch zur zweiten Stunde Schulbeginn, so dass sie in ihrem eigenen Tempo aufstehen und frühstücken kann.
Somit habe ich morgens jeweils eine gute halbe Stunde mit jedem Kind alleine. Alles ist noch ruhig, wir können gemütlich Tee schlürfen und Toastbrot essen, dabei erzählen, was der Tag so bringen wird und schließlich gehen die Kinder ganz entspannt aus dem Haus.
Das sind so die Momente, in denen ich die Mütter beneide, die „nur“ Hausfrau sein dürfen und damit wesentlich entspannter durch die ersten Jahre mit ihren Kindern gehen können.

Versteht mich nicht falsch, ich gehe im Prinzip gerne arbeiten. Am Anfang, als die Kinder noch recht klein waren und doch mehr an mir hingen als jetzt, wo sie schon so groß und selbstständig sind, habe ich es zudem genossen, wieder ganz Ich und nicht nur „die Mama von“ zu sein.

Aber wenn mal wieder einer dieser stressigen Morgen hinter mir liegt, an dem die Mädels und ich uns nur ständig angezickt haben, wenn gebrüllt wird (auf beiden Seiten) und ich dann völlig entnervt die Kinder auf ihren Schulweg schicke, danach ins Auto steige und in die Arbeit fahre, dann fühle ich mich wie die schlimmste Rabenmutter der Welt. Was wenn ihnen jetzt unterwegs irgendetwas passiert und die letzen Worte, die wir gesprochen haben waren Ermahnungen, Streitigkeiten wegen Nichts und Worte, die wir eigentlich gar nicht so meinen?

Und wie schön ist es, wenn ich der Miss sagen kann „Bleib ruhig noch ein paar Minuten liegen. Entscheide selbst, ob du lieber noch ein bißchen in den Hort gehen willst oder von zu Hause direkt in die Schule.“ (Und sie wählt immer den Hort). Wenn das Fräulein Wunder zerknautscht und müde zum Frühstück kommt und ich mich zu ihr setzen kann, ein bißchen mit ihr plaudern (statt mein Bürofrühstück zu richten und mich für die Arbeit fertig zu machen, während ich beide Kinder permanent antreiben muss) und sie dann mit einem „viel Spaß in der Schule“ und einem Kuß verabschieden kann. Wenn Miss Allerliebst mir beim Gehen ein „Ich wünsche dir einen schönen Tag Mama“ entgegen zwitschert. Das fühlt sich gut an.

Noch fühlt sich dieser Freitag an, als hätte ich Urlaub, nicht als eine feststehende Einrichtung. Von daher habe ich auch für diesen Tag noch keinen Rhythmus oder Rituale.
Den ersten Freitag habe ich tatsächlich geputzt, wie ich es mir vorgenommen hatte, den zweiten habe ich schon verbummelt und am dritten hatte der tolle Mann ebenfalls frei und wir sind ein wenig durch die Läden gezogen.

Ich beschäftige mich in letzter Zeit wieder mehr mit dem Gedanken, hier wieder präsenter zu sein. Wieder mehr von den Geschehnissen aufzuschreiben, weil es so schön ist, sich später daran zu erinnern. Vielleicht wird diese Stunde am Freitagmorgen meine Bloggerstunde. Das hätte was.
Man darf gespannt sein.

Unsere kleine Räubertochter ist inzwischen fünf Jahre alt. Letzte Woche hatte sie ihre Vorschuluntersuchung und somit wird sie ab September ein Vorschulkind sein. Noch ein Jahr, bevor auch sie den Schutz des Kindergartens verlässt und in die große weite Welt hinaus zieht.

Ich weiß noch, dass ich mir beim Fräulein Wunder mehr Sorgen darum gemacht habe, wie sie sich sozial in der Schule zurecht finden wird, als darüber, dass sie vielleicht mit dem Schulstoff Probleme haben könnte. Bei ihr war irgendwie klar, dass ihr das Schulische leicht fallen wird.
Bei Miss Allerliebst habe ich kein richtiges Gefühl, in welche Richtung auch immer. Ich glaube, dass sie besser mit der Umstellung Kindergarten/Schule zurechtkommen wird. Ich glaube auch, dass sie ebenfalls wissbegierig, lernwillig und furchtbar schlau ist. Sie schreibt bereits seit einer Weile ihren Namen, fängt jetzt an im Zehnerbereich zu rechnen, Buchstaben zu erkennen und sie liebt Fehlersuchrätsel. Aber ich kann sie mir (noch) nicht in der Schule vorstellen, wo man aufpassen und sitzen bleiben muss und nicht mehr so viel spielen kann wie früher.

Nach wie vor ist sie ein echter Haudrauf und Wirbelwind. Und auch immer noch meine Kleine. Mein Baby. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie die letztgeborene ist, oder daran, dass sie sehr gerne kuschelt und einfach so allerliebst sein kann. Wenn ich in ihr hübsches Gesicht mit den großen, braunen Augen und den (inzwischen wieder) kurzen Haaren blicke, ist das Baby, das sie einmal war, noch nahe unter der Oberfläche. So schutzbedürftig und voller Vertrauen in sich und ihre Umwelt.
Vielleicht wird sie für mich immer mein Baby bleiben, auch wenn die Zeit kommt, in der sie das (und wahrscheinlich auch mich) hassen wird.

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Ich weiß, ich bin spät dran. Eigentlich wollte ich mir die Arbeit auch gar nicht machen, aber dann las ich vor Kurzem den Jahresrückblick 2014, der mich an so viele schöne Dinge erinnert hat, dass ich mich einem Rückblick für 2016 nicht entziehen konnte. Here we go.

Januar

Gleich zu Beginn des Jahres ließ sich das Fräulein Wunder sehr spontan Ohrringe stechen. Den Wunsch danach hatte sie schon länger, aber wir vertrösteten sie immer darauf, dass sie das entscheiden dürfe, wenn sie ein Schulkind sei.
Beim ersten Anlauf im Oktober vergangenen Jahres überlegte sie es sich noch beim Juwelier anders, doch im Januar fasste sie den Entschluss vor dem Schaufenster und wenig später prangten zwei wunderschöne blaue Blümchen an ihrem Ohr. Und sie war sooooo tapfer!

Leider vernahm die Geschichte keinen sehr schönen Verlauf. Am Anfang war alles wunderbar, doch dann entzündete sich das rechte Ohrläppchen. Wir säuberten ab da jeden Tag das Ohr und schmierten es vorsichtig mit Desinfektionsmittel ein. Ganz langsam wurde es besser.
Dann verkündete sie eines Tages, dass sie den Stecker des rechten Ohrrings verloren hätte. Man muss dazu sagen, dass das Fräulein Wunder niemanden mehr an irgendetwas heran lässt, wenn sie dort Schmerzen hat oder irgendwelche befürchtet. Es war mir also nicht so ganz möglich, das Ohr zu kontrollieren. Fest stand, dass der Stecker weg war, sich der Ohrring im Ohr drehen aber nicht herausziehen lies. Nach tagelangem Hin und Her ließ ich das Fräulein Wunder und ihr Ohr schließlich in Ruhe. Es war nicht entzündet, der Ohrring saß fest an Ort und Stelle und war nicht festgewachsen, denn man konnte ihn ja drehen.
Schließlich verlor sie den Ohrring im Dezember im Schwimmbad. Und wenig später stellten wir fest, dass der vermisste Stecker immer noch IN ihrem Ohr steckte. Und auch hier durfte ich nur rudimentär nachsehen und schon gar nicht an dem Ohr herumdoktern um zu sehen, ob ich den Stecker vielleicht so entfernen könnte. Wobei mir dies auch ziemlich unwahrscheinlich erschien. Er hatte sich im Ohrläppchen sozusagen häuslich nieder gelassen. Ich sah mich schon einen Termin beim Chirurgen machen, damit er das Teil herausschneiden kann, als das Fräulein eines Abends triumphierend ins Wohnzimmer gestürmt kam und verkündete „Ich hab’s geschafft!“ und uns stolz den Stecker präsentierte. Große Freude auf allen Seiten.
Inzwischen trägt sie keine Ohrringe mehr und möchte auch keine neuen. Ich bin erleichtert.

Februar

Zu Fastnacht hatte das Fräulein Wunder ihren ersten großen Auftritt mit ihrer Jazztanzgruppe im Turnverein. Sie war mächtig aufgeregt und anschließend total stolz.

Auch ich war dieses Jahr mit meinen Mädels an Fastnacht wieder unterwegs. Diesmal nicht direkt am schmutzigen Donnerstag wie bisher in Bürstadt, sondern diesmal zwei Orte weiter. Unser Thema dieses Jahr war „Froschkönig“. Ich bestellte hoch motiviert einen grasgrünen Petticoat im Internet und stellte leider erst hinterher fest, dass dieser aus China kommt und erst ein paar Tage nach der Faschingsveranstaltung geliefert wird.
Also kaufte ich mir grünen Tüll und begann mit der Hand das Ganze irgendwie zusammen zu nähen. Zwei Tage vor der Veranstaltung kam dann doch noch das Paket aus China. Heureka!

frosch

 

Tatsächlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt wieder einmal einige Kilos zugelegt und ich fühlte mich den ganzen Abend extrem unwohl. Deshalb gibt es auch leider kein besseres Bild als nebenstehendes von mir.

Nach diesem Abend entschloss ich mich dazu, wieder etwas für meine Figur zu tun. Es dauerte zwar erst einmal zwei Wochen, bis ich wieder auf dem richtigen Weg war, aber schlussendlich kam ich dann doch bei meinem altbewährten WeightWatchers an.
Seit dem letzten Mal vor etwa 10 Jahren hat sich das Programm komplett verändert, auch wenn es natürlich im Kern gleich geblieben ist: Lebensmittel werden in Punkte kategorisiert und man darf nur eine bestimmt Punktezahl am Tag essen. 10 Kilo sollten es mindestens werden, 15 wären noch besser.

 

 

 

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Als ich 39 Jahre alt wurde, war ich davon überzeugt, dass mein Leben die nächsten 50 Jahre ohne weitere besondere Vorkommnisse vorüber gehen würde. Eine eher niederschmetternde Erkenntnis.
Ich war seit fast 20 Jahren mit dem selben Mann zusammen, hatte eine Tochter und wir planten kein weiteres Kind, wir lebten in Eigentum, ich hatte seit der Ausbildung den selben Arbeitgeber und seit Jahren den gleichen Freundeskreis. Alles schien in Stein gemeißelt.

Bereits ein Jahr später gesellte sich zum Fräulein Wunder Miss Allerliebst (ursprünglich nicht geplant, denn wer will schon mit 40 noch einmal Eltern werden), zwei Jahre später trennte sich mein Arbeitgeber von mir. Alles war anders. Nichts schien mehr in Stein gemeißelt.

Mit dem Fräulein Wunder erblühte mein neues, soziales Ich. Und im Laufe der Zeit lernte ich, dass es so etwas wie Stillstand nicht gibt, es sei denn, man möchte dies unbedingt. Und manchmal zwingen einen die äußeren Umstände quasi dazu, seinen Horizont zu erweitern.

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Ich habe Urlaub. Ursprünglich habe ich diesen beantragt, weil das Fräulein Wunder Osterferien hat. In ihren letzten Ferien habe ich immer gearbeitet, das bedeutete für sie frühes Aufstehen und Betreuung durch den Hort der Schule oder die Großeltern.
In meiner Kindheit waren Ferien damals Ferien: lange Ausschlafen, in den Tag hinein leben – Ferien eben. Das wollte ich dem Fräulein Wunder diesmal auch ermöglichen.
Doch Pustekuchen. Das Fräulein hat sich entschieden auf eine viertägige Freizeit zu Fahren.

Ich gebe zu, dass ich sehr, sehr stolz war und bin, dass sie sich das mit ihren sechs Jahren schon zutraut. Sie nahm sich eine Freundin zur Verstärkung mit und fuhr am Dienstag mit 25 anderen Kindern in die Ferienfreizeit in ein Keltendorf.

Mit der Verabschiedung hatte ich wenig Probleme. Ich wusste, dass sie jede Menge Spaß haben würde. Sie drückte mich zwar drei Mal öfter als sonst, hüpfte dann aber freudig von dannen, als es hieß es ginge endlich los.
Erst am Abend, als ich gemütlich mit meinen Käfer-Mamas beim Essen in einem netten Lokal saß fragte ich mich, wie es ihr wohl so geht. Was macht sie gerade? Liegt sie schon im Bett? Gab es etwas zu essen, dass sie mag? Hat die Zimmerverteilung zu ihrer Zufriedenheit geklappt? Vermisst sie mich?

Und auf der anderen Seite ist da Miss Allerliebst für die ich jetzt richtig viel Zeit und Muße habe. Wir haben den Dienstag im Schwimmbad verbracht, sind gerutscht und geschwommen, haben viele schöne Momente geteilt.
Für mich ist es beinahe wie eine neue Erfahrung mich nur auf ein Kind konzentrieren zu können. Die Aufmerksamkeit ist intensiver, zielgerichteter. Mit zwei Kinder hat man manchmal das Gefühl, auf Situationen nur reagieren zu können, jedes Kind gar nicht richtig für sich wahrzunehmen. Zudem hat uns der Alltag  immer im Griff. Da sind so viele andere Dinge die nebenher berücksichtigt werden müssen.

Als ich gestern Abend ins Bett ging – am zweiten Tag der Ferienfreizeit – spürte ich dann diese Sehnsucht. Das Vermissen meines Kindes: Ihre Stimme. Ihr Geruch. Ihre Präsenz.
Gott sei Dank nur ein kurzer Moment, aber im Hinterkopf bleibt, dass es noch zwei Tage sind, bis ich mein Mädchen wieder in die Arme schließen kann.

Verstärkt wird diese ganze Gefühlsduselei durch das Buch, das ich gerade lese. Es handelt sich dabei um einen wirklich brutalen, blutigen FBI-Thriller, aber es geht darin auch um Verlust. Den Verlust des Ehemannes und der einzigen Tochter der Ermittlern. Und um den Verlust der Mutter für ein 10jähriges Mädchen.
Der Autor beschreibt so eindringlich diese Dunkelheit, die Verzweiflung, diese monströse Welle des Schmerzes, dass es mir jedes Mal ganz anders wird.

Und dann denke ich an meine Kinder: Das eine weit weg auf großer Entdeckungstour und schmerzlich vermisst, das andere wohlbehütet in seinem Bett, die Decke weggestrampelt wie immer aber mit diesem allerliebsten, friedlichen Gesichtsausdruck, dass mir die Kehle ganz eng wird.

Manchmal vergesse ich im Trubel des Alltags, welch ein Segen meine Kinder für mich sind.  Wie sehr ich sie brauche und wie viel sie mir geben. Wie sehr ich sie liebe und welch großen Teil von mir sie ausmachen.
Es tut wirklich gut, daran erinnert zu werde.