Gestern weilten wir zum wöchentlichen Käfertreffen bei Ramona zu Hause. Das ist auch der Ort, an dem uns die letzten Jahre der Nikolaus besucht hat.

Nun ist das Fräulein Wunder ja sehr ordnungsliebend. Nicht unbedingt beim Aufräumen, aber bei Abläufen und Regeln schaut sie immer ganz genau hin. Und so bemerkte sie während des Treffens irgendwann, dass jemand einige Jacken auf das Geländer, das zum Keller hinunter führt, gelegt hatte. Das ging ja nun wirklich nicht!

„Mama,“ meinte das Fräulein Wunder also „die dürfen ihre Jacken da gar nicht hinlegen, oder? Ich meine … die können doch da runter in den Keller fallen.“
„Da hast du schon recht,“ antwortete ich ihr „aber selbst wenn sie runter fallen würden, könnte man ja die Treppe runter gehen und sie wieder rauf holen.“ Ich dachte, damit würde ich sie vielleicht etwas beruhigen. Stattdessen entgegnete sie total entrüstet „Aber da wohnt doch der Nikolaus! Das geht nicht.“

Tatsächlich zieht sich der Nikolaus unten im Keller immer um und muss dann seinen schweren Geschenkesack die recht enge Wendeltreppe herauf schleppen.

Die Welt durch die Augen eines Kindes. Immer wieder faszinierend.

Der tolle Mann und das kranke Fräulein liegen auf der Couch und schauen sich eine Dokumentation über den Orient-Express an.

TM: Siehst Du, das sind Reisfelder.
FW: Reisfelder?
TM: Ja. Da wächst Reis. Unter Wasser sozusagen. Die weißen Körner, die Du so gerne isst.

Das Fräulein Wunder überlegt kurz.

FW: Und wo wachsen Spätzele?

Heute morgen habe ich wie immer das Fräulein Wunder in den Kindergarten gebracht. Miss Allerliebst saß dabei auf meinem Arm und freute sich ihres Lebens. Wie immer verabschiedete ich mich vom Fräulein, während diese bereits mit ihrer Freundin auf die Stühle vor der Fensterbank kletterte, damit sie mir bzw. ich ihr zum Abschied winken und gefühlte 5 Millionen Kusshände zuwerfen kann.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich andere Mamas. Quatsche hier ein bißchen, während ich Miss Allerliebst in ihren Kinderwagen packe, grüße da hinüber, während ich langsam um das Gebäude herum gehe, plane nebenbei im Kopf meinen Tag und unterhalte mich dabei mit einer weiteren Mama, die einen kleinen Knirps von etwa zwei Monaten in der Trage vor dem Bauch hängen hat. Auf dem Weg nach draußen kommt mir auch noch ein frisch gebackener Zweitpapa entgegen (was ich vor etwa zehn Minuten erst erfahren hatte), dem musste ich natürlich auch noch gratulieren.

Dann zu Hause der Schock. Ich habe nicht gewunken!! Ahhhhhhh!! Ich habe vor lauter lauter … und weil ich gedanklich bereits mit anderen Dingen beschäftigt war … und überhaupt … Ich hab’s einfach vergessen!! Ich RABENMUTTER!!

Den ganzen Tag fühle ich mich sowas von schlecht, mein schlechtes Gewissen ist groß wie ein Hochhaus, mein Herz schmerzt bei dem Gedanken an das Fräulein Wunder, das über mir, beinahe zum Greifen nahe hockte und sich wahrscheinlich den Wolf gewunken hat, während ich sie links liegen ließ und einfach nach Hause marschierte.

Als ich sie gegen ein Uhr abhole, ist von dem Desaster am Morgen nur in meinem Kopf etwas zu spüren. Das Kind freut sich wie immer mich zu sehen, zeigt mir dies und das von dem, was sie heute gemacht hat, holt ihren Rucksack, zieht ihre Schuhe gewohnt laaaaangsam an und trottet dann hinter mir her die Stufen hinunter und hinaus in den sommerlichen Tag. Dort kann ich dann nicht mehr an mich halten. „Beim Winken heute, war das schon ein bißchen komisch, oder?“ fange ich vorsichtig an. „Hm,“ nickt das Fräulein, äußerlich weiterhin ziemlich unbeeindruckt. „Ich habe vergessen zu winken, gell?“ werde ich also etwas konkreter. „Ja,“ stimmt das Fräulein mir zu. Wir befinden uns mittlerweile unter besagtem Fenster, also sozusagen am Ort des Geschehens, so dass ich anhalte, mich zu ihr hinunter in die Hocke begebe und sie direkt anschaue.“ Ich habe ein bißchen geweint,“ erklärt das Fräulein kläglich und mir bricht endgültig das Herz. „Es tut mir ganz schrecklich leid,“ sage ich ihr und nehme sie in den Arm. „Ich verspreche, es kommt nie, nie wieder vor, okay?“ füge ich hinzu und fühle mich absolut schrecklich. „Schon gut Mama,“ verkündet das Fräulein daraufhin großspurig und der Großmütigkeit nicht genug, tätschelt sie mir dann auch noch aufmunternd den Rücken, während sie nun mich ganz fest drückt. Schließlich fängt sie an, auf mir herumzuklettern und lacht sich dabei nen Ast.

Mein Kind! Hach!

Gestern durften wir das erste, richtige Lachen (also Grinsen mit Ton) von Miss Allerliebst erleben, während sie auf des tollen Mannes Knie auf und ab hüpfte. So eine kindliche, unverdorbene Freude. Hach!
Heute Nacht dann das erste Mal durchgeschlafen. Ich kann es kaum fassen. Nach den letzten ein, zwei Wochen, in denen Miss Allerliebst ziemlich angespannt war, viel geweint hat und eigentlich nur auf dem Arm sein wollte, hoffe ich mal, dass wir jetzt das Schlimmste fürs erste hinter uns haben.

Heute dann die U5 mit Impfen. Das bremst natürlich den Aufschwung ein wenig. Im Moment schläft Miss Allerliebst erst einmal den Schlaf der Gerechten, nachdem sie sich beim Kinderarzt lautstark und mit hochrotem Kopf beschwert hat, dass sie gleich zwei Mal gepikst wurde.
Ansonsten entwickelt sie sich prächtig, hat in den letzten vier Wochen knapp 2 Kilo zugenommen (6200 gr.) und ist 10 Zentimeter gewachsen (60 cm). Das muss man erstmal in so kurzer Zeit hinkriegen.

Und dann war da noch das Fräulein Wunder, das beim Mittagessen erklärte, während sie ihren Fleischkäse in sich hinein mampfte: „Mama guck mal, ich hab einen gaaaanz dicken Bauch.“ Zur Demonstration wurde das T-Shirt angehoben und der Bauch so weit wie möglich rausgestreckt. „Ich bekomme nämlich ein Baby,“ erklärte sie weiter. „Ein Fleischkäse-Baby.“

Im Gegensatz zu dem, was uns Heidi Klum und Konsorten glauben machen möchten, ist fünf Wochen nach einer Geburt der Körper immer noch total aus den Fugen – deformiert möchte man beinahe sagen. Auch nach nunmehr über drei Monaten ist da noch zu viel von allem an mir dran.
Mal ganz abgesehen von den angefutterten Kilos der letzten neun Monate, ist die Haut einfach gedehnt und spätestens in meinem fortgeschrittenen Alter springt sie nicht sofort in ihre alte Form zurück wenn das Baby draußen ist.

Demnach bin ich also wieder fleißig am Punkte zählen und versuche mich in bescheidenem Rahmen an sportlichen Aktivitäten. Ich gehe morgens mit Miss Allerliebst im Kinderwagen laufen (= Walken auf neudeutsch). Bisher schaffe ich es zwei Mal die Woche eine Stunde. Das hilft ungemein.

Zusätzlich ist einmal die Woche Rückbildungsgymnastik bei der besten Hebamme von allen angesagt. Rückbildungsgymnastik, das mag den ein oder anderen unter euch überraschen, ist tatsächlich Sport. Am ehesten kann man es wohl mit einem ordentlichen Bauch-Beine-Po-Training vergleichen. Wir schließen nur zusätzlich die „Beckenbodenblüte“ und ziehen den Bauchnabel ganz fest ein. Auf jeden Fall kommen wir bei der ganzen Sache schwer ins Schwitzen, so dass ich den Kurs am Dienstag Abend durchaus als sportliche Betätigung sehe.

Nun ist das Fräulein Wunder in letzter Zeit sehr, sehr anhänglich und wenn ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg mache noch wach und munter. Dementsprechend gibt es jede Woche eine herzerweichende Abschiedsszene mit viel Geschrei und Tränen.
Ich versuche sie deshalb bereits am Nachmittag darauf vorzubereiten, dass Mama am Abend mal wieder Turnen geht und das Fräulein von ihrem Papa ins Bett gebracht wird.
Ich erkläre ihr also „Mein Schatz, heute Abend werde ich mal wieder Turnen gehen.“
Die Standardantwort des Fräuleins ist darauf „Warum?“.
„Nun Hase, damit Mamas dicker Bauch weg geht.“
Das Fräulein Wunder mustert mich mit gerunzelter Stirn von oben bis unten, sieht sich den Bauch von allen Seiten ganz genau an und nickt. Dann sagt sie „aber wenn der Bauch wieder ganz dünn ist, dann gehst du nicht mehr turnen, gell?“
Eine bestechende Logik, dich ich einfach mal bejahe. Ich brauche ihr ja wohl kaum erklären, dass dieser Bauch nie wieder „ganz dünn“ werden wird, das würde sie sicherlich nur in Verzweiflung stürzen. Und mich wahrscheinlich auch.

Wir sitzen gemütlich bei den letzten Ausläufern des Grillabends, während die ersten Tropfen auf das Plexiglas der Terrassenüberdachung plätschern. Nach guten zehn Minuten fängt das Fräulein Wunder gedankenverloren an zu singen: „Es regnet, es regnet, die Wäsche wird nass.“ Argh.

Wir haben heute einiges geschafft und die Panik, die mich zeitweise überkommen hat, wurde damit etwas gesenkt.

Die Baby-Klamotten sind bei meiner Mama, unser Kleiderschrank ist endlich eingeräumt und somit das Badezimmer wieder benutzbar und es sind sogar alle Fenster in der oberen Etage geputzt. Wie das passiert ist dürft ihr mich allerdings nicht fragen.
Ich habe die zu kleinen Sachen des Fräulein Wunders aussortiert, was doch tatsächlich ganzen drei Pampers-Jumbo-Kartons entsprach. Somit ist ihr Schrank jetzt auch so weit leergeräumt, dass die Sachen von Miss Allerliebst noch hinein passen (und ich demnächst einen größeren Einkauf an Fräulein-Klamotten tätigen kann. Hi, hi.).

Das Fräulein war beim Vorbeibringen der Baby-Klamotten bei den Großeltern so ins Puzzeln vertieft, dass sie gleich da bleiben wollte. Also konnten wir den Nachmittag ganz in Ruhe vor uns hinwerkeln (was sicherlich auch zu dem, für mich, beeindruckenden Resultat geführt hat).

Und nun das Sahnehäubchen: Da klingelte doch soeben das Telefon und meine Mama war dran.

Oma: Das Fräulein möchte dir etwas sagen.
Fräulein: Mama, darf ich bei der Oma baden?
Ich: Öhm … klar …
Oma im Hintergrund: Und was noch?
Fräulein: Und dann hier schlafen?
Ich: Ja, klaaar. Wenn du das gerne möchtest.
Fräulein ganz glücklich zu Oma: Sie hat Ja gesagt!

Mal ganz abgesehen davon, dass das Fräulein Wunder zum ersten Mal diesen Wunsch freiwillig geäußert hat (behauptet zumindest meine Mutter), was irgendwie wieder ein weiterer Schritt hin zu ihrem Großwerden ist, bedeutet das auch, dass ich heute Abend nicht mehr kochen brauche, da der tolle Mann mich zum Essen ausführt, und wir beide eine wundervolle lange Nacht durchschlafen können.
So möchte ich bitte für jeden Arbeitseinsatz belohnt werden!