Der Ein oder Andere wird auf Facebook bereits bemerkt haben, dass ich dort regelmäßige seltsame Kartenausschnitte und Daten poste. Ich habe nämlich das Laufen (oder auch „Joggen“) für mich entdeckt. Was das nun mit den Posts auf Facebook zu tun hat, dazu komme ich gleich.

Schon als Kind habe ich schnelles Laufen und Rennen gehasst. Im Schulsport bin ich mehr geschlendert als gerannt und beim Fangenspielen war ich die Erste, die gefangen wurde, weil ich einfach nicht ausdauernd rennen konnte oder wollte.
Mit Anfang 20 hat mich eine Freundin dann mal zum Joggen mitgenommen. Sie war sportlich, spielte Tischtennis und ging regelmäßig laufen. Sie war der Meinung, es dürfte doch kein Problem für mich sein, wenigstens einen Kilometer zusammen zu bekommen.
Ich befand mich damals in einer Hochphase was mein Gewicht und meinen Zigaretten Konsum betraf, so dass ich tatsächlich nicht mehr als 200, 30o Meter zusammen bekam, bevor ich keuchend nach Luft ringend zusammenbrach anhalten musste. Und da hatte ich mir schon Mühe gegeben und seit etwa 150 Meter darüber nachgedacht, ob ich nicht jetzt schon stehen bleiben sollte. Meine Freundin war ziemlich konsterniert. Mir hatte es endgültig die Lust am Laufen genommen.

Ich entdeckte dann viel später das Gehen (oder auch „Walken“) für mich. Nachdem ich 25 Kilo abgespeckt und mit dem Rauchen aufgehört hatte, begab ich mich zwei bis drei Mal die Woche in ein Fitnessstudio um noch die restlichen Kilos loszuwerden. Damals mochte ich das Laufband am Schluss am liebsten. Mit 6 km/h ging ich, ohne vom Fleck zu kommen, hörte dabei fetzige Musik und schaute der Anzeige dabei zu, wie sie meine verbrauchten Kalorien zählte. Das war cool.

Fünf Jahre später wurde dann Miss Allerliebst geboren und ein ordentlicher Teil der abgenommen Kilos befand sich wieder auf meinen Hüften. Die tollste Hebamme von allen ging damals mit uns in der Rückbildungsstunde walken. Ich bin ihr heute noch zutiefst dankbar dafür, denn sie hat mich dazu gebracht, mir ordentliche Walking-Schuhe zu kaufen und damit auch in meiner Freizeit mit dem Kinderwagen morgens meine Runden zu drehen. Gehen finde ich super. Und schnell gehen konnte ich schon immer. Sogar so schnell, dass sich meine Freundinnen, die durch die Bank weg mindestens ein bis zwei Köpfe größer sind als ich, darüber beschwerten. Ich kann nun mal nicht wirklich schlendern. Da kommt man ja nicht vom Fleck.

Und dann postete Daniela das erste Mal einen ihrer Spaziergänge auf Facebook mit Runtastic. Womit wir bei den komischen Karten und Daten angekommen wären. Es gibt nämlich, wie für so vieles im Leben, auch für das Laufen eine App fürs Handy. Diese auch noch kostenlos. Ich finde es spannend zu sehen wie weit ich laufe, wie schnell ich dabei bin und wie viele Kalorien ich dabei verbrauche. Ich fühlte mich damit so ein bißchen in meine Fitnessstudiozeit zurückversetzt.
Und so beginnen meine Runtastic-Aufzeichnungen am 12. März 2014 mit 4,7 km und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 5,91 km/h.
Zwei Tage später war ich morgens ohne Kinderwagen unterwegs. Der tolle Mann lag mit beiden Kindern noch im Bett. Und ich merkte, dass mich das Gehen ohne Wagen nicht wirklich anstrengte. Ich konnte so schnell gehen wie ich wollte, meine Atemfrequenz erhöhte sich nicht wirklich. Und so lief ich einfach los. Ohne groß darüber nachzudenken. Und ich lief. Und lief. Und lief. Es war irgendwie wie eine Offenbarung. Ich schaffte sage und schreibe 2,5 km laufend. Und dann bremsten mich eher die fehlenden Muskeln als die fehlende Luft aus. Ich konnte es überhaupt nicht fassen. Nie hätte ich geglaubt, dass mein Körper dazu fähig wäre, da ich immer noch die missglückten 300 Meter von vor fast 20 Jahren im Kopf hatte.
Spätestens ab hier packte mich mein Ehrgeiz und auch die Neugier. Wie weit würde ich es schaffen? Wie schnell kann sowas gehen? Ich laufe nun drei Mal die Woche. Inzwischen schon fast drei Monate.

Morgens mit Kinderwagen schaffe ich die gesamte Strecke heute noch nicht joggend. Es ist einfach sauanstrengend, gute 20 Kilo vor sich her zu schieben. Zumal Miss Allerliebst auch nicht die ruhigste Mitfahrerin ist, sondern abwechselnd nach etwas zu Essen, zu Trinken, einem Buch oder dem Schnuller verlangt. Das bringt mich aus dem Rhythmus. Und Rhythmus ist alles.

Feld

Es dauert immer ein bißchen, bis ich meinen perfekten Lauf-Rhythmus finde. Dann sind Beine und Atmung im Gleichklang und ich habe das Gefühl, ich könnte ewig so weiterreden. Wobei ich da trotzdem schon ziemlich keuche. Das war auch eine neue Erfahrung. Ich kann mich zwar anhören, als breche ich gleich zusammen, doch in Wirklichkeit bin ich (buchstäblich) meilenweit davon entfernt.
Am besten finde ich meinen Rhythmus, wenn ich entweder „Now one knows“ von den Queens of the Stoneage höre, da das e-x-a-k-t mein Laufrhythmus ist, oder ich meine Gedanken schweife lasse. Wenn das richtig funktioniert bin ich so weit weg, dass ich gar nicht mitbekomme, wie ich laufe. Dann handelt mein Körper ganz automatisch. So wie atmen. Man tut es, ist sich dessen aber selten bewusst. Das sind im Grunde die besten Momente.

 

Auf tranceähnliche Zustände oder Ausschüttung von Glückshormonen warte ich übrigens noch vergeblich. Während des Laufens ist überwiegend das Gefühl von Anstrengung da. Wenn diese zu groß wird, nehme ich mir immer kurze Abschnitte vor. „Komm, bis da und da hin schaffst du es noch, dann kannst du aufhören.“ Und wenn ich den Punkt dann erreicht habe denke ich mir, „Komm, die nächsten 100 Meter schaffst du auch noch“. Und am allerbesten funktioniert das, wenn mir unterwegs Leute begegnen. Niemals würde ich mir die Blöße geben wollen und vor deren Augen anfangen zu gehen. Und so dauerte es etwa drei Wochen, bis ich das erste Mal die gesamte Strecke von Haustür zu Haustür gejoggt bin. 5,63 km mit einer Geschwindigkeit von 7,2 km/h in 46 Minuten.
Wenn ich es geschafft habe bin ich meist hellwach und einfach stolz und glücklich, wieder ein Stück weiter gelaufen zu sein, oder überhaupt losgelaufen zu sein, obwohl ich gar keine Lust hatte, oder mal eine andere Strecke gelaufen zu sein also sonst, zwei Brücken laufend geschafft oder die 6 Kilometer Marke geknackt zu haben. Keine Ahnung ob diese Freude etwas mit Hormonen zu tun hat.

Gestern habe ich mir nun die ersten Joggingschuhe meines Lebens gekauft. Ein Erlebnis! Ich durfte die Schuhe nicht nur anprobieren, sondern auch auf einer eigens eingerichteten Bahn damit laufen. Dabei wurde ich gefilmt. Von hinten. Hat irgendjemand auch nur die leiseste Vorstellung, wie unvorteilhaft das aussieht? Das Ergebnis wurde an einen Computer übertragen und ich konnte mir dann live, in Farbe und in Zeitlupe meinen wabbelnden, dicken Hintern ansehen, während mir die Verkäuferin erklärte, warum nun ausgerechnet diese Schuhe gut für meine Knochen sind. Da bleibt also noch einiges zu tun.
Außerdem wanderten noch ein Laufgurt mit kleiner Trinkflasche und ein ordentlichen Sport-B*H in meinen Einkaufskorb. Fühlte mich heute beim Laufen wie ein junger Gott und bin tatsächlich 6,5 Kilometer gerannt. Motivation ist alles.

Laufschuhe

Mein Bruder meinte kürzlich, wie armselig es doch wäre, für eine Handy-App bzw. für Facebook zu laufen. Womöglich hat er da ein kleines bisschen recht. Es motiviert mich durchaus, dass durch diese App irgendwelche Menschen im Netz meine Erfolge unter die Nase gerieben bekommen. Natürlich mache ich es nicht nur dafür, sondern in erster Linie für mich. Für meine Auszeit im Alltag, für meinen Körper (der hoffentlich in der nächsten Zeit auch mal etwas schrumpft, statt nur Muskeln zuzulegen) und mein ungestörtes Musikhören unterwegs. Und für eine gute Verdauung. Wer damit Probleme hat, sollte uuuuunbedingt anfangen regelmäßig zu laufen.
Aber auch, für ein paar Likes, die mich doch irgendwie noch ein bißchen mehr stolz machen.

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