In letzter Zeit befasst sich mein Kopf immer öfter mit dem Thema „Alter“ und „Tod“. Als meine Mutter vor drei Jahren krank wurde, brach dieser Gedanke sehr vehement in meine ansonsten doch recht heile Welt ein: Was ist, wenn sie stirbt?

Mittlerweile lebt sie ganz gut mit der Krankheit, aber auch mit diversen Medikamenten und Schmerzmitteln. Trotzdem ist da diese leise Ahnung, dass der Tod unausweichlich ist.

Ich weiß, jeder Mensch muss irgendwann sterben. Aber so lange man jung (oder vielleicht auch nicht mehr ganz so jung) ist, hat dieser Gedanke noch kein wirkliches Gewicht. Inzwischen ist mir bewusst, dass es jederzeit passieren kann. Nicht nur meiner Mutter, sondern auch meinen Kindern, dem tollen Mann. Mir selbst.

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Weihnachten, das war für mich als Kind der schönste Tag im Jahr. Noch besser als Geburtstag und das will schon etwas heißen. Alles war so festlich, es gab jede Menge Geschenke, wir durften ewig lange aufbleiben und dabei die neu erworbenen Spielsachen ausgiebig ausprobieren. Es herrschte eine fröhliche, festliche Stimmung und überall brannten kleine Lichter und Kerzen.
Weihnachten, das ist ein Fest im Kreise der Familie. Damals war meine Lieblingsoma immer mit dabei, mein Bruder und ich waren ein Herz und eine Seele und meine Eltern waren entspannt wie sonst selten.

Der tolle Mann und ich verbrachten lange Jahre den Heiligabend getrennt voneinander. Jeder bei seiner Familie, weil wir nach kurzem Ausprobieren schnell merkten, dass die Gepflogenheiten in den Familien nicht so recht zum jeweiligen anderen Partner passten. Beim tollen Mann war es laut und wuselig, es gab Würstchen und Kartoffelsalat und es brannten nicht ganz so viele Lichter. Bei uns war alles eher etwas gediegener und ruhiger. Da lief die Weihnachtsplatte mit Glocken und Orchester, da wurde mit Sekt angestoßen und Fondue gegessen.

Als dann das Fräulein Wunder geboren wurde mussten wir dieses Konzept neu überdenken. Jeder wollte natürlich das erste und einzige Enkel-, Paten- und Nichtenkind am Heiligabend beschenken,
Also fand ab da die große Feier bei uns zu Hause statt. Mit vielen Lichtern, Glockengeläut und Orchester von CD und Würstchen mit Kartoffelsalat nach der Bescherung.

Weihnachten ist immer noch ein Fest im Kreise der Familie. Inzwischen in einer (für unsere Verhältnisse) sogar recht großen Familie. Und ich liebe diesen Abend immer noch, wenn es auch wesentlich mehr Aufwand, Planung und Arbeitseinsatz bedeutet.

Heute bin ich zwar einerseits kein kleines Kinder mehr, sondern stehe sozusagen auf der anderen Seite des Gabentisches. Was nicht wirklich etwas schlechtes ist, auch wenn ich mir innerlich manchmal diese Zeit zurückwünsche, als ich tagelang dem Augenblick entgegen gefiebert habe als das Glöckchen läutete und wir damit zur Bescherung gerufen wurden.
Andererseits bin ich trotzdem irgendwo in mir noch ein Kind, das von seinen Eltern beschenk wird, die mit Mama in der Küche steht und Würstchen brät und mit Papa beim Schnaps nach dem Essen philosophiert.

Heute, am 41. Weihnachtsfest meines Lebens, war ich das erste Mal gezwungen, ohne meine Mama zu feiern. Sie fehlte in der Kirche neben mir, mir fehlte ihr Lächeln, wenn sie die Kinder beim hektischen Geschenkeaufreißen beobachtete, sie fehlte beim Würstchenbraten und lästern über Gott und die Welt.
Heute war ich gezwungen, die „Frau in der Familie“ zu sein und es fühlte sich nicht wirklich richtig an. Etwas verloren und ohne den Rückhalt den ich sonst ganz selbstverständlich habe, dessen ich mir aber meist gar nicht so bewusst bin.

Der 23. war ein ganz furchtbarer Tag. Nicht nur, weil die Kinder einfach unausstehlich waren, nicht nur, weil mein Nervenkostüm in letzter Zeit nicht das beste ist und auch nicht nur, weil das Fräulein und ich uns eigentlich den ganzen Tag angebrüllt haben.
Das alles verblasste vor dem Hintergrund von schlechten Blutwerten, dem Wort „Leukämie“, das da plötzlich riesig und furchtbar bedrohlich im Raum stand. Mein Kopfkino, das sofort ansprang. Meine Mama, die so ungewohnt schwach am Telefon klang. Die Besorgnis in den Augen meines Papas.

Vor diesem Hintergrund war das Planen und Ausrichten des Weihnachtsfestes eher eine beklemmende Aufgabe. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich meine Kinder habe, auf die ich mich konzentrieren konnte. Die am Morgen des 24. wie ausgewechselt und reine Engelchen mit Heiligenschein waren. Ich hatte den ganzen Tag zu tun: Einkaufen, Aufräumen, Tisch richten und festlich eindecken, Kinder für die Kirche fertig machen und dann mit Unterstützung von Tante Anneliese und Papa den Gottesdienst besuchen (Miss Allerliebst hat das Krippenspiel einen Pups interessiert, dies hier nur am Rande).

Und dann sind wir da alle zusammen, betrachten lächelnd die Kinder, die vor lauter Aufregung und Freude wild herumschreien, Geschenkpapier aufreißen und durch die Gegend schmeißen und immer wieder in Verzückung ausbrechen, und mir wird schmerzlich die Lücke bewusst, die da auf der Couch ist, der Teller, der weniger auf dem Tisch steht und wie ich da so alleine in der Küche stehe und Würstchen brate.

Dann, als alle mit dem Essen beginnen und ich noch die letzten Würstchen in die Wärmebehälter packe, höre ich meinen Papa im Flur telefonieren. „Ach, das ist doch mal eine positive Nachricht … „. Nur diese Worte und ich beginne zu hoffen.
Wenig später erklärt Papa mir und meinem Bruder (der noch fertiger aussieht als ich), dass der Doktor selbst die Knochenprobe analysiert hat und zu 99% davon ausgeht, dass es nicht ganz so schlimm und die Krankheit heilbar ist. Es wird seine Zeit brauchen und was mit den Metastasen in der Leber ist, weiß auch noch keiner, aber erst einmal ist es ein Gefühl wie Weihnachten. Weihnachten für Kinder.

Man hört wohl auch mit 41 nicht auf Kind zu sein. Wahrscheinlich ist man dies sogar so lange, wie die Eltern noch da sind. Vielleicht sogar darüber hinaus, das kann ich nicht so wirklich beurteilen. So lange man einen Rettungsanker hat, mag er auch noch so entfernt oder emotional schwierig sein. Vielleicht hat man nicht mehr die leuchtenden Augen an Weihnachten wie früher, aber das Gefühl, gut aufgehoben und beschützt zu sein, verlässt einen nicht.

In diesem Sinne wünschen ich allen Lesern, die es bis hierher geschafft haben, ein frohes und geruhsames Weihnachtsfest, ohne viel Aufregung, mit viel Zeit für die Familie und den neuen Spielsachen. Haltet einen Moment inne und drückt eure Eltern ganz fest, so, wie ihr es damals getan habt. Manche Momente kommen vielleicht nie wieder.