In letzter Zeit befasst sich mein Kopf immer öfter mit dem Thema „Alter“ und „Tod“. Als meine Mutter vor drei Jahren krank wurde, brach dieser Gedanke sehr vehement in meine ansonsten doch recht heile Welt ein: Was ist, wenn sie stirbt?

Mittlerweile lebt sie ganz gut mit der Krankheit, aber auch mit diversen Medikamenten und Schmerzmitteln. Trotzdem ist da diese leise Ahnung, dass der Tod unausweichlich ist.

Ich weiß, jeder Mensch muss irgendwann sterben. Aber so lange man jung (oder vielleicht auch nicht mehr ganz so jung) ist, hat dieser Gedanke noch kein wirkliches Gewicht. Inzwischen ist mir bewusst, dass es jederzeit passieren kann. Nicht nur meiner Mutter, sondern auch meinen Kindern, dem tollen Mann. Mir selbst.

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Wie Sie ganz einfach turmhohe Wäscheberge generieren können.

1. Nehmen Sie ein einjähriges Kleinkind und infiziere Sie es mit einem Magen-Darm-Virus.

2. Wechseln Sie jede Stunde die volle Windel, ergötzen Sie sich dabei an der seltsamen, beigen Farbe und dem unangenehmen Geruch und  tauschen Sie die Kleidung, die jedes Mal in Mitleidenschaft gezogen wurde, komplett aus (hier sei nebenbei erwähnt, dass ein sehr, sehr, sehr großer Vorrat an Babybodys von Vorteil ist).

3. Legen Sie das Kind dann abends ins Bett und warten Sie, bis sie selbst gerade eingeschlafen sind. Sie werden dann von lauten Würgegeräuschen geweckt. Auf dem Weg vom Bett zur Toilette schaffen es geübte Kinder sogar nicht nur Bett, Boden und Toilette in Mitleidenschaft zu ziehen, sondern zielgenau auch sämtliche Badvorleger zu treffen. Dass Sie den Schlafanzug und Schlafsack des Kindes (mehrmals) und Ihre eigene Garderobe (zwei Mal) wechseln müssen ist selbstverständlich.

4. Wiederholen Sie Punkt 3 etwa vier bis fünf Mal die Nacht, wobei zusätzlich das elterliche Bett einige Flecken abbekommt. Und vergessen Sie dazwischen nicht Punkt 2 ebenfalls mehrmals zu wiederholen.

5. Beziehen Sie am nächsten Morgen die elterlichen Betten neu (das des Kindes haben Sie natürlich in der Nacht schon neu bezogen, allerdings hat das Kind darin ja nicht geschlafen)

6. Verbringen Sie mit Ihren relativ fiten Kindern einen wundervollen Tag auf dem Spielplatz, bei dem Sie sich von Kopf bis Fuß ordentlich einsauen.

7. Lassen Sie sich in der nächsten Nacht von ihrem vierjährigen Kind durch lautes Weinen und Würgen wecken.

8. Vorsicht: Vergessen Sie nicht, nachdem Sie es zur Toilette getragen haben, dass Sie die Haare aus dem Gesicht des Kindes hätten halten sollen.

9. Verstärken Sie Ihre Anspannung durch das Aufwachen Ihres Kleinkindes und dessen anhaltendem, lauten Weinen.

10. Säubern Sie sich, das vierjährige und das einjährige Kind. Ziehen Sie das Bett ihrer großen Tochter inklusive Matratzenschoner ab und stecken Sie es in die Waschmaschine, die hoffentlich gerade mit den Sachen vom Vortag fertig ist.

11. Verfrachten Sie ihr vierjähriges Kind zu Ihnen ins Bett und versuchen Sie ihr Kleinkind in seinem eigenen Bett zum Schlafen zu bringen, bevor das große Kind erneut würgen muss.

12. Schleppen Sie sich und ihr Kindergartenkind etwa jede halbe Stunde zur Toilette, halten Sie die Haare ihres Kindes aus dem Gesicht und sprechen Sie beruhigend auf es ein.

13. Schicken Sie irgendwann ihren schlaflosen Partner hinunter ins Wohnzimmer, damit wenigstens einer ein paar Stunden Schlaf bekommt.

14. Richten Sie vor der Toilette eine Schlafstatt aus Matratze und Bettzeug von ihnen und ihrem Kind, beides frisch bezogen (natürlich).

15. Verpassen Sie am Morgen den Moment, in dem ihr Kindergartenkind sich wieder übergeben muss, weil Sie gerade dabei sind Ihrem Kleinkind erneut die volle Windel zu wechseln.

15. Beziehen Sie alle Betten noch einmal neu.

Und so könnte es weitergehen …

Beim Kinderarzt schlafen Sie im Wartezimmer ein, da Sie gefühlte drei Nächte kein Auge zugetan haben. Drei Tage später, der Tag ihrer großen Geburtstagsfeier mit über 60 Gästen, hängen Sie selbst auf der Toilette fest, während der Rest der Familie vergnügt feiert.

Willkommen in der Hölle im Lazarett. Letzte Woche Mittwoch fühlte ich mich bereits nicht besonders. Der Hals tat weh und ich musste für meine Verhältnisse recht viel husten. Aber sch*** drauf! Ich werde nie krank und die Kinder waren an dem Tag so anstrengend gewesen, dass ich mir meine Stunde Sport am Abend nicht nehmen lassen wollte.
Tja. Am nächsten Morgen war mein Kopf so groß wie ein Haus, mein Hals schmerzte gotterbärmlich und ich hustete mir die Seele aus dem Laib. Also Fräulein Wunder in den Kindergarten gebracht und Miss Allerliebst bei der Oma geparkt. Danach zum Arzt und dann ab nach Hause auf die Couch. Nebenher ging der Heizungsmensch noch ein und aus, während ich so dahinsiechte. Bis Sonntag lag ich mehr oder weniger flach mit allem was dazu gehört. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so krank gewesen bin.
Der tolle Mann weilte währenddessen auf einer Motorradmesse seines Verlages. Das heißt, er ging morgens früh aus dem Haus und kam abends spät zurück. Also war hier keinerlei Unterstützung möglich.
Ich habe keine Ahnung wie Menschen ohne Familienanschluss so etwas hinkriegen aber ich bin mehr als dankbar, dass meine Eltern jederzeit da sind und sich kümmern. Danke! Danke! Danke!

Die Nasen der beiden Kinder liefen ja schon eine ganze Weile. Aber sonntags raffte es dann das Fräulein Wunder mit Fieber und Husten dahin. Miss Allerliebst hatte ich am Nachmittag wieder mit nach Hause genommen, da sie auch ein wenig kränklich wirkte und da ist Mama einfach die beste Medizin. Das Fräulein verschlief währenddessen drei Stunden des Nachmittags auf Omas Couch um dann von Opa in Decken gewickelt am Abend gebracht zu werden. Mit Fiebersaft brachte ich sie dann zur Ruhe und früh ins Bett, Miss Allerliebst war da eigentlich noch guter Dinge.

Dienstag war das Fräulein Wunder zwar leidlich erholt, nun stieg aber bei Miss Allerliebst das Fieber. Bei mir schwoll mittlerweile die Nase zu und mein Kopfweh wollte auch nicht weggehen. Keine gute Voraussetzungen um heiter und gelassen zwei kranke Kinder zu betreuen. Miss Allerliebst dämmerte eigentlich den ganzen Tag auf meinem Arm vor sich hin, das Fräulein Wunder war Gott sie Dank gesundheitsmäßig wieder relativ fit, allerdings psychisch recht angegriffen. Jede Kleinigkeit führte zu größeren Diskussionen.
Mittwoch fuhr ich dann mit beiden Kindern zum Kinderarzt. Diagnose bei beiden: Erkältung. Außer ab und an einem fiebersenkenden Mittel und Nasentropfen wurde nichts verschrieben. Da hatte ich mir ein bißchen mehr erhofft.

Ab Donnerstag hatte der tolle Mann Urlaub, was das ganze ein wenig erleichterte. Sein Standardspruch lautet das ganze Wochenende schon: „Das nächste Mal gehe ich lieber arbeiten.“ Das Fräulein Wunder ist eine tickende Zeitbombe und flippt wegen jeder Kleinigkeit vollkommen aus. Freitag (also gestern) war ich mit ihr noch einmal beim Kinderarzt (nachdem ich am morgen noch einmal bei meinem Hausarzt wegen dem doofen Schnupfen vorsprach), da sie über schlimme Ohrenschmerzen klagte. Klar dass unser Kinderarzt bereits im Osterurlaub weilte und wir zur Vertretung mussten, was zusätzliche Wartezeiten bedeutete. Gott sei Dank hatte ich noch diesen Artikel von Mama-Miez im Kopf, so dass ich dem Fräulein die Zeit bis dahin mit ein wenig Paracetamol-Saft erträglicher machen konnte. Ergebnis: Das Ohr ist etwas rot, aber noch nicht richtig schlimm. Paracetamol und Nasentropfen sollten es die nächsten Tage richten.

Miss Allerliebst hat unterdessen mal Fieber und mal keins, ist aber die ganze Zeit wahnsinnig anhänglich und piensig. Das bedeutet, dass ich kaum einen Schritt ohne Kind auf dem Arm machen kann. Abends kann sie nicht schlafen und weint viel und lange und wenn sie dann schläft, dann nur in meinem Arm und auch dann nur sehr, sehr unruhig, so dass mein bißchen Schlaf nicht wirklich zählt. Außerdem hat sie seit gestern Abend am ganzen Oberkörper und im Windelbereich so kleine, rote Punkte, von denen ich keine Ahnung habe, was das sein soll. Nicht, dass ich mir schon genug Sorgen mache. Ich ringe heute eigentlich schon den ganzen Tag mit mir, ob ich nicht doch lieber zum Notdienst fahren soll oder bis Montag warte. Aber eigentlich verhält sie sich auch nicht anders als die letzten Tag. Hauptsache auf meinem Arm. Hach.

Tagsüber also weint, schreit oder keift entweder die Eine oder die Andere oder gleich Beide und der Gedanke an Flucht ist dem tollen Mann und mir des öfteren bereits durch den Kopf geschossen.

Es sind einfach so Tage, an denen man sich wirklich fragt, warum man nochmal Kinder haben wollte und wie schön man es doch noch frei und kinderlos hatte.
Und dann schmiegt sich Miss Allerliebst mit ihren Fusselhaaren an mich und plappert leise vor sich hin oder das Fräulein Wunder kuschelt sich an mich und erklärt mir, dass ich die beste Mama der Welt sei und schon weiß ich es wieder. Fünf Minuten Seligkeit, bevor alles wieder von vorne losgeht.

Und deshalb sollte ich mir dieses Foto wirklich ganz groß irgendwo aufhängen, damit ich das Wichtigste nicht in dem ganzen Tohuwabohu vergesse:

Buaeh

Als ich neun Jahre alt war, zogen meine Eltern in das Dorf, in dem ich heute noch wohne. Sie bauten ihr Eigenheim mitten auf ein Feld, das nach und nach mit anderen Häusern aufgefüllt wurde. Noch heute, dreißig Jahre später, nennt sich dieser Teil des Dorfes „Neubaugebiet“.

Ich besuchte daraufhin die vierte Klasse der hiesigen Grundschule. Vollkommen neue Klassenkameraden in einem fremden Ort. Ein Klassenverband, der bereits seit drei Jahren bestand und Freundschaften, die sich teilweise schon im Kindergarten geschlossen hatten. Und dann ich mittendrin. Erstaunlich schüchtern und gehemmt. Es stellte sich heraus, dass ich nicht wirklich gut im Freundschaftenschließen war. Zu meiner Faschingsparty, etwa ein halbes Jahr nach meinem Eintreten in die Klasse, kam keines der etwa zehn eingeladenen Kinder.

Nach der vierten Klasse wurde alles neu in Haupt-, Realschule und Gymnasium gemischt. Ich weiß nicht wieso, aber ich bekam erst einmal nur eine Empfehlung für die Hauptschule, was bedeutete, dass ich weiterhin auf der Schule blieb, die ich bis dahin besucht hatte. Wieder kam ich in eine Klasse mit haufenweise neuer Schüler. Immerhin: Einen wirklich guten Freund habe ich dort gefunden. Mit Nachmittagen am Computer (der erste C64, ich weiß es noch wie heute), Playbacksingen zu Roland Kaiser und Reinigen des riesigen Aquariums. Diese Freundschaft hielt ein paar Jahre, bevor wir uns aus den Augen verloren.

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Früher hatte ich nie Angst vor dem Tod. Ich sah das Ganze relativ pragmatisch: Entweder diese ganze Geschichte von wegen Himmel und Hölle ist wahr, dann geht es mir danach blendend, oder mein Leben endet einfach, ohne dass ich es mitbekomme. Es wird sein wie zu schlafen. Das Ende des Bewusstseins. Prima.
Ich verlor drei meiner vier Großeltern und war durchaus traurig über diesen Verlust, aber das gehörte nunmal zum Leben dazu. Man lebt sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen und irgendwann verlässt man eben diese Welt. Manchmal ist dies sogar eine Erlösung.

Dann wurde das Fräulein Wunder geboren und irgendwo in mir regte sich etwas. Eine leise Stimme, die eine lange Zeit nur unverständliches wisperte. Ich bin nämlich ziemlich gut im Verdrängen, Nichtsehen und Ignorieren von inneren Stimmen. Doch so ganz egal, was mit mir und meinem Leben passierte, war es mir trotzdem nicht mehr.

Doch spätestens als Miss Allerliebst geboren wurde, musste ich mich der Stimme stellen. Denn mittlerweile war sie so laut, dass ich sie nicht mehr überhören konnte. Erst starb meine Lieblingsoma, dann ein guter Freund. Und dann sehe ich meine Eltern an. Mein Papa wird nächstes Jahr 70, meine Mama feierte letzten Sommer ihren 60. Plötzlich verspüre ich so etwas wie Panik. Eine Angst, die ganz tief in mir sitzt und mich nicht so recht loslassen will.
Wie könnte ich weiterleben, wenn der tolle Mann nicht mehr bei mir wäre? Meine Stütze, mein Halt, mein Fels in der Brandung. Meine Welt würde jegliche Farbe verlieren. Ich wäre so allein, wie ein Mensch nur sein kann.
Und ich sehe meine Töchter, wie sie jeden Tag ein Stückchen wachsen. Und wie sehr sie mich dabei brauchen. Was würde mit ihren passieren, wenn ich plötzlich nicht mehr da wäre? Die Vorstellung, sie alleine lassen zu müssen, ist für mich kaum auszuhalten. Alles was die Zukunft für sie bereit hält, könnte ich nicht begleiten. Schulbeginn, der erste Freund, Hochzeit, Kinder. Ich wäre nicht da um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sie tröstend zu umarmen, sie liebevoll an mich zu drücken oder ihnen einfach mal einen dicken Kuss auf die Wange zu drücken, weil ich sie so sehr liebe.
Daran, dass meinen Kindern etwas passieren könnte, kann ich gar nicht denken. Zumindest nicht bis zur letzten Konsequenz. Bereits im Ansatz schnürt sich mir die Kehle zu und fühle ich die Tränen, die hinter meinen Augen brennen.
Ich ertappe mich in letzter Zeit häufiger dabei, wie ich mal schnell ins Kinderzimmer husche um zu sehen, ob meine Kinder noch atmen. Ich bin manchmal übervorsichtig, wenn es um das Fräulein Wunder geht. Mein Kopfkino springt immer häufiger an.

Ich weiß noch nicht genau, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen soll. Wenn das Fräulein Wunder wie aus dem Nichts morgens beim Schuheanziehen sagt „Mama? Wenn Du tot bist, bin ich ganz allein.“ habe ich das Gefühl, dass meine Ängste plötzlich ganz greifbar vor mir stehen. Ich schlucke und stammle und kann doch nicht so ganz verbergen, wie sehr ich ihre Furcht teile.
Ich suche also noch nach Gleichgewicht. Der Zuversicht, dass alles gut werden wird, selbst wenn etwas schlimmes passieren sollte. Genau aus diesem Grund (und natürlich noch einigen anderen) sollte das Fräulein Wunder nicht alleine aufwachsen und so wurden sie und wir mit Miss Allerliebst beschenkt.

Manchmal ist der Schmerz der Liebe kaum auszuhalten. Und trotzdem nehme ich ihn gerne in Kauf.

Bevor wir das Fräulein Wunder bekamen hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Stillen. Die perfekte Symbiose zwischen Kind und Mutter, ganz natürlich, ganz einfach. Dachte ich.
Doch bereits im Krankenhaus begann ich zu ahnen, dass es vielleicht nicht ganz so einfach werden würde. Überall liest man oder hört man, dass Babys den Weg zur Brust von ganz alleine finden. Nun ja … da scheint das Fräulein eine große Ausnahme zu bilden (und Miss Allerliebst auch, aber dazu später). Es war jedenfalls nicht einfach ihr den Weg zur Brust zu zeigen. Hinzu kommt in meinem Fall auch noch die überwältigende Größe von Körbchen*größe G, so dass ich zum einen erst einmal sehen musste, wie das Fräulein das adäquat in ihren winzigen Mund bekommt und zum anderen dabei nicht erstickt.

Als wir dies ohne fremde Hilfe geschafft hatten (ein denkwürdiger Augenblick nachts um drei im Stillzimmer der Wochenbettstation an Tag 3), dachte ich wieder „Jetzt wird es ganz natürlich und einfach.“
Aber auch hier irrte ich. Denn saugende Lippen und Kiefer eines Babys hinterlassen Spuren an der Brust, davon machen sich nicht-stillende Frauen keinen Begriff. Als wäre man mit einer Stahlbürste darüber gefahren. Ehrlich. Da war Blut und selbst als noch kein Blut da war, tat es höllisch weh.
Aber das sind ja nur Schmerzen. Die kann man irgendwie aushalten. Zumal die Babys irgendetwas in ihrem Speichel haben müssen, das recht schnell betäubt. Die ersten Trinkzüge tun noch abartig weh, danach hört der Schmerz aber relativ schnell ganz auf.

Das Fräulein und ich fanden in den nächsten sechs Wochen relativ schnell einen guten Rhythmus. Vier Stunden am Tag, sechs Stunden in der Nacht. Das Fräulein schien augenscheinlich gut satt zu werden und gedeihte prächtig.
Leider war im Gegensatz dazu meine Technik immer noch nicht wirklich ausgereift. Ich habe keine Ahnung, wie Frauen das machen, die in Cafés oder irgendwelchen anderen öffentlichen Plätzen einfach mal so ihre Kinder stillen. Ich benötigte dazu meine Couch, das Stillkissen und jede Menge Konzentration. Von wegen einfach und natürlich. Pah!
Aber ich arrangierte mich damit. Immerhin ist Muttermilch das beste fürs Kind und ach so praktisch und überhaupt.

Nach acht Wochen dann die Brustentzündung. Von jetzt auf nachher hatte ich 40 Fieber und Schüttelfrost. Und die beste Hebamme von allen war im Urlaub.
Also sind wir ins Klinikum gefahren, wo sie mich dann auch gleich ganze fünf Tage da behalten haben. Alle drei Stunden musste ich abpumpen und das auch in der Nacht, ich bekam Quarkumschläge und Antibiotika und das Fräulein nächtigte neben mir in einem dieser Neugeborenen Bettchen. Eine ausgebildete Stillberaterin nahm sich meiner, immer noch vom Stillen malträtierten Brust*warzen an, attestierte mir, dass ich das Fräulein richtig anlege und verordnete eine Lasertherapie, die zwar die Warzen relativ schnell wieder gut aussehen lies, aber die Schmerzen nicht wirklich nehmen konnte.
Die Milch ging dabei auf die Hälfte zurück, so dass das Fräulein mit Milchpulver zugefüttert werden musste. Ich wurde schließlich als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen, wie ich meine Milchproduktion allerdings wieder anregen sollte, konnte mir irgendwie niemand sagen. Oft anlegen, viel Silltee trinken, Milchreis und Hühnerbrühe essen und auf das beste hoffen.

Ich quälte mich damit noch ganze zwei Wochen rum. Unglaublich, wenn ich mir das heute so überlege. Fräulein stillen und dann noch eine Flasche hinterher geben. Was wir so alles mitgemacht haben. Und wie viel Zeit wir damals für so einen Schnickschnack hatten!

Und das Ende vom Lied: Ich habe dann doch abgestillt, wenn ich mir die Entscheidung damals auch nicht leicht gemacht habe. Noch drei, vier Wochen danach vermisste ich den kleinen Kinderkörper an meiner Brust und habe deshalb so manche Träne vergossen und das, obwohl die Flasche rein vernunftmäßig das einzig Richtige war. Körperlich war alles eine schnelle und klare Angelegenheit: Tablette schlucken, Flasche geben. Emotional hatte ich lange daran zu knabbern. Und manchmal glaube ich, ich tue das heute noch.

Dann war ich mit Miss Allerliebst schwanger und natürlich stellte sich hier wieder die Fragen aller Fragen „Stillen oder nicht stillen?“

Mein erster Impuls war eindeutig „Nicht stillen“. Doch der tolle Mann widersprach und meinte, dass wir es doch wenigstens probieren sollten. Schließlich wäre Muttermilch das beste für das Baby, ganz natürlich und vielleicht wäre diesmal ja alles ganz einfach.
Ich suchte also das Gespräch mit der besten Hebamme von allen. Nach einer Stunde hatte ich die Vorfreude auf das Stillen tief in mir wiedergefunden und war fest entschlossen, es einfach wieder zu versuchen. Mehr als schiefgehen konnte es doch nicht und wer sagte denn, dass bei Miss Allerliebst alles genau so laufen würde?

Miss Allerliebst wurde geboren und siehe da, das Anlegen klappte nach kurzer Zeit ganz unproblematisch. Vielleicht war ja doch alles ganz einfach.
Ich verließ die Klinik nach drei Tagen mit dem guten Gefühl, das mit dem Stillen schon irgendwie hin zu bekommen. Weh tat es natürlich auch diesmal, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es diesmal gar nicht so schlimm war. Auch fand ich das Anlagen gar nicht mehr so kompliziert und ich traute mir nun durchaus zu, auch außer Haus Miss Allerliebst an die Brust zu legen (wenn eine entsprechende Sitzgelegenheit und ein Kissen in Reichweite war. Aber immerhin …). So weit so gut.

Was nicht ganz so funktionierte war das Durchhalten von Miss Allerliebst. Nach fünf bis sieben Schlucken schlief sie regelmäßig ein. Diesmal ist scheinbar ein Betäubungsmittel in der Milch. Ich stillte, weckte, stillte, wickelte um zu wecken, stillte und hoffte auf das beste. Dass ich für das alles meist gute eineinhalb Stunden benötigte war erst einmal kein Thema. Der tolle Mann hatte Urlaub und ich nahm mir einfach die Zeit. Anfangsschwierigkeiten hatte ich ja schließlich erwartet und das würde schon werden.

Nachdem Miss Allerliebst aber auch nach zwei Wochen weiterhin ab- statt zunahm, mussten wir etwas unternehmen. Die tollste Hebamme von allen machte sich bereits Sorgen, kam täglich zum Wiegen und schüttelte dann immer wieder den Kopf und seufzte vielsagend.
Maßnahme eins bedeutete wieder abpumpen. Einfach um zu sehen, wie viel Milch zur Verfügung stand und es der Miss etwas leichter beim Trinken zu machen. Aber dieses Pumpen machte mich schon bereits beim Gedanken daran ganz depressiv. Da kam es mir ganz recht, dass die Pumpe mehr schlecht als recht funktionierte und ich mich damit nur einen halben Tag befassen musste. Immerhin. Drei Mal habe ich jeweils eine gute Stunde für sage und schreibe 70 ml gepumpt. 90 hätten es sein sollen.
Also verabschiedeten wir uns von der Pumpe und fingen mit dem Zufüttern wieder an. Die Theorie: Wenn Miss Allerliebst wieder ihr Geburtsgewicht hat, ist sie auch kräftiger und trinkt besser und länger.

Innerhalb von fünf Tagen hat Miss Allerliebst nun die fehlenden 300 Gramm zugenommen und so beschlossen die tollste Hebamme und ich vorgestern, auf die Flasche wieder zu verzichten.

In mir hatte aber bereits ein Prozess eingesetzt, der nach dem gestrigen katastrophalen Stillabend, heute morgen abgeschlossen wurde.
Ich hatte keinen Spaß mehr am Stillen. Ich empfand das ganze Hin und Her, den großen Zeitaufwand und die immer wieder kehrenden Rückschläge als Belastung. Ich hielt mich zwar mit dem Gedanken bei der Stange, dass alles besser werden würde, wenn Miss Allerliebst wieder ganz auf der Höhe war, aber so recht glaubte ich irgendwie nicht daran.

Ich muss zugeben, dass es zwischendurch wirklich gut klappte. Die Miss trank brav und zügig, auch wenn ich trotzdem noch eine gute Stunde für eine Fütterung und mindestens einen Weckruf benötigte. Doch ich hatte das Gefühl, dass sie richtig satt wurde. Allerdings dies auch nur bei durchschnittlich jedem zweiten Mal, an dem sie trank.
Die anderen Male wollte sie partout die Brust nicht nehmen, brüllte wie am Spieß vor Hunger und Frustration und konnte kaum bis gar nicht beruhigt werden. So haben wir gestern Abend vier Stunden von halb sieben bis halb elf verbracht. Mit Schreien, gelegentlichem Trinken von maximal fünf Schlucken, bevor das Schreien wieder los ging. Dazwischen beruhigen durch Saugen an Mamas kleinem Finger und kurzzeitiges Einschlafen, während dem ich es irgendwie fertig brachte, in Etappen den Kuchen für den heutigen Kuchenverkauf in des Fräulein Wunder Kindergartens zu glasieren und mit Zuckerstreusel zu versehen.
Um halb elf habe ich dann aufgegeben und eine Flasche gemacht. Die wurde von Miss Allerliebst in einem Zug förmlich inhaliert und danach war so wohltuende Ruhe, dass ich vor Erleichterung hätte heulen können. Stattdessen sind wir ins Bett gegangen.

Heute morgen weckte mich dann die Miss um 6.30 Uhr mit mittellautem Quaken. Klar, sie hatte bestimmt Hunger (und ja, sie schläft wirklich durch und das trotz Stilldesaster. So ein braves, liebes Kind!). Also rausgequält, angelegt und nach sieben Schlucke wieder ins Bett getaumelt, weil das Kind sich einfach nicht mehr wecken lies. Um acht waren wir dann alle endgültig wach, da das Fräulein ja auch in den Kindergarten muss (wo sie Gott sei Dank der tolle Mann hinbringt).
Die Miss brüllte bereits wieder vor Hunger (kann ich verstehen, hätte ich auch), doch das Theater vom gestrigen Abend setzte sich einfach fort. Da wird geschrieen wie am Spieß, aber die Brust, von der die Milch bereits in den geöffneten Mund tropft, wird ignoriert.

So. Und nun? Ich habe keine Ahnung, ob es da draußen so viele standfestere Mütter gibt oder ob bei denen wirklich alles ganz natürlich und einfach ist. Fest steht jedenfalls, dass die ganze Stillerei uns alle fertig macht. Mich sowieso, Miss Allerliebst auch und nicht zu letzt muss das Fräulein Wunder darunter ebenfalls leiden, weil ihre Mutter zum einen Ewigkeiten mit Stillen beschäftigt ist und zudem so angespannt und genervt ist, dass sie ihr im Moment nichts recht machen kann.

So habe ich mir das einfach nicht vorgestellt und anders als beim Fräulein ziehe ich schneller meine Konsequenzen. Ich werde die tollste Hebamme von allen also heute Mittag darum bitten, mir diese Tabletten zum Abstillen zu geben. Diese Entscheidung erfüllt mich mit grenzenloser Erleichterung und gleichzeitig heule ich schon den ganzen Morgen vor mich hin.
Weil es sich eben doch nach Versagen anfühlt. Als würde ich meinem Kind etwas schlimmes antun, wenn ich ihm jetzt die Flasche gebe. Als würde ich egoistisch handeln, denn die Flasche hat unbestreitbar hauptsächlich für mich Vorteile.

Und dann versuche ich daran zu denken, wie das heute Morgen war, als ich Miss Allerliebst die Flasche gegeben habe. Sie wirkte auf einmal so entspannt, ließ sich ohne Geschrei wickeln, schaute interessiert in der Gegend herum und machte einfach einen sehr zufriedenen Eindruck. Und wenn ich dann noch bedenke, dass ich normaler Weise eine bis eineinhalb Stunden mit Stillen beschäftigt gewesen wäre und ich in dieser Zeit heute, nach der Flasche, bereits geduscht und die Küche auf Vordermann gebracht habe, dann motiviert mich dies natürlich zusätzlich, auch wenn dies eigentlich einer der oben erwähnten egoistischen Gründe ist. Immerhin kann ich mir hier sagen, dass ich heute Nachmittag die durch die Flasche gesparte Zeit für das Fräulein Wunder nutzen kann. Ich kann endlich richtig mit ihr spielen oder etwas vorlesen, ohne dass dabei ein anderes Kind an meiner Brust hängt und eigentlich meine Aufmerksamkeit bräuchte.

Wahrscheinlich werde ich mich für den Rest meines Lebens für das vorzeitige Abstillen beider Kindern vor anderen rechtfertigen, aber das muss ich wohl in Kauf nehmen. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Der tolle Mann sieht das übrigens und Gott sei Dank genau so. Er meinte, dass er und ich und auch das Fräulein Wunder mit der Flasche groß geworden sind (O-Ton „Na ja, Du vielleicht nicht, aber du weißt, was ich meine, oder?“ Ha, ha.). Und die tollste Hebamme von allen hat sowieso von Anfang an gesagt, sie tut, was immer ich für richtig halte und redet mir nicht rein.

Jetzt brauche ich also nur noch diese kleinen Tabletten und dann bin ich frei. Und wahrscheinlich untröstlich. Aber das gehört wohl dazu.