5 Jahre, 9 Monate, 18 Tage

Mein Wille bröckelt. Immer schneller und wie es mir vorkommt unaufhaltsam.

Angefangen hat es eigentlich schon vor zwei, drei Jahren. Ich erinnere mich sogar noch sehr genau an den Abend. Den Moment auf einer Party, die Frage „Darf ich mir eine bei Dir schnorren?“ und die Feststellung, dass diese Zigarette noch genau so gut schmeckt wie damals. Mir wurde schwindelig, aber ich habe sie genossen. Die dritte geschnorrte Zigarette schmeckte aber schon nicht mehr und ich war damals froh, dass es so war.

Ganz langsam schlich sich dann das Rauchen wieder ein. In der Schwangerschaft mit Miss Allerliebst rauchte ich natürlich gar nicht und auch in der Anfangszeit gab es, wahrscheinlich eher aus Mangel an Gelegenheit als echtem Willen, auch ganz wenige Rückfälle.
Aber seit dem letzten Jahr nimmt mein Zigarettenkonsum rapide zu. Waren es vorher vielleicht fünf Zigaretten im Jahr, sind es jetzt eher fünf im Monat.

Ich bin wieder in das Muster von Ritualen und Abhängigkeiten verfallen. Immer dann, wenn ich in Gesellschaft Alkohol trinke, überkommt mich das Verlangen sehr stark. So als würde das Rauchen diesen Abend/Feier/Moment noch etwas mehr besonders machen.
Im letzten Jahr feierten wir extrem viel Hochzeiten und runde Geburtstage. Das sind Gelegenheiten, wo viele Menschen zusammen kommen unter denen auch Raucher sind. In meiner momentanen kleinen Welt überwiegen nämlich eigentlich die Nichtraucher und wenn ich mit Nichtrauchern zusammen bin, habe ich auch nicht oder (noch) nur ganz selten dieses Verlagen.
Aber sobald ein Raucher mit mir feiert, ist es um mich geschehen.

Ich habe mich das ganze letzte Jahr durch fremde Zigarettenschachteln geschnorrt (und diese natürlich den Rauchern wieder aufgefüllt). Das Gefühl, nach drei Zigaretten aufhören zu wollen, hat sich verflüchtigt. Eigentlich ist es wie früher, als ich noch geraucht habe: Die Zigarette bestimmt wieder meinen Abend. Ich gehe bei jeder sich bietenden Gelegenheit (mit) rauchen und halte mich an diesen Abenden auch in keiner Weise zurück. Ich bringe es damit gut und gerne auf eine halbe Schachtel am Abend.
Und nicht nur das, sondern ich denke bereits Tage vor der Feier daran, dass ich bald wieder die Möglichkeit bekommen werden, eine Zigarette zu rauchen. Wie erbärmlich ist das eigentlich?

Ende Dezember fand dann die Abschlussfeier meiner Arbeitsstelle statt. Ich wusste (oder war der Meinung), dass es nur noch ganz wenige Raucher dort gibt, wollte aber an diesem besonderen Abend unbedingt eine Zigarette (oder mehrere) rauchen.
Ich drückte mich lange herum, versuchte mich selbst irgendwie runter zu holen, aber ohne Erfolg. Ich kaufte mir an diesem Nachmittag die erste, eigene Schachtel Zigaretten nach über fünf Jahren.
Entgegen meiner Annahme befanden sich doch noch einige Raucher unter meinen ehemaligen Kollegen und somit rauchte ich auch an diesem Abend mehr, als gut war. Die halbe Schachtel war am Ende weg. Einfach mal so Rauch in die Luft geblasen für einen kurzen Kick, der am Ende noch nicht einmal mehr geschmeckt hat oder besonders großartig war.

Als ich zu Hause war, nahm ich mir noch zwei Zigaretten aus der Schachtel und bat den tollen Mann, den Rest für mich zu verwahren. Ich wollte nicht, dass die Schachtel offen irgendwo liegt, wo ich jederzeit dran komme, denn dann wäre sie ganz schnell geleert gewesen, dessen war ich mir sicher.

Um es kurz zu machen: Den Rest der Schachtel rauchte ich über Weihnachten mit meinem Bruder zusammen (nicht, dass er davon was abbekommen hätte, wir standen nur gemeinsam draußen und froren, während wir den blauen Dunst in die Luft bliesen), zu Silvester kaufte ich mir bereits eine neue Schachtel.
Dann war wieder 10 Tage Ruhe, bis ich Freitag mit meinem Papa von einem netten, lustigen Theaterabend kam, ein paar Gläser Wein dabei getrunken und extreme Lust auf eine Zigarette hatte.
Ich habe diese alleine auf der Terrasse geraucht, aber eigentlich, wenn ich ganz, ganz ehrlich zu mir selber bin, sie weder genossen, noch hat sie besonders gut geschmeckt. Ich tippte nebenher sogar auf dem Handy rum, sodass das Rauchen wieder zu etwas verkommt, das man eher unbewusst nebenher macht. Total unnötig eigentlich. Eigentlich.

Immer wenn ein Raucher sich mit mir im gleichen Raum aufhält werde ich nervös, ich denke schon Tage vor einer Feier nur ans Rauchen (und, sind wir mal ehrlich, dazwischen auch des öfteren) und inzwischen habe ich sogar die Zigaretten ständig verfügbar im Haus.
Nach einem Abend mit Zigaretten bin ich am nächsten Tag total unausgeglichen und motzig, ich huste dann wieder vor mich hin, habe das Gefühl, jemand hätte meine Lunge zugekleistert und der Geschmack im Mund ist nun auch nicht gerade lecker.

Warum also das Ganze?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass da dieses Verlagen ist, der Gedanke, dass es jetzt absolut großartig wäre, eine Zigarette rauchen zu können. Und das geht auch nicht aus meinem Kopf, so lange es immer noch Zigaretten gibt, die sich auch genau so anfühlen. Aber die sind rar gesät. Von den zwei Schachteln  in den letzten drei Wochen, haben vielleicht drei Zigaretten wirklich gut getan und geschmeckt.
Wahrscheinlich bin ich deshalb so dabei. Immer auf der Suche nach dieser einen, leckeren, tollen, angenehmen Zigarette.
Und dann kann ich mir ja dazwischen einreden, dass ich ja gar nicht wirklich rauche, weil ich dann wieder eine ganze Woche keine Kippe anrühre und doch eigentlich Nichtraucher bin. Gelegenheitsraucher, das bin ich. Rede ich mir ein. Aber Gelegenheiten gibt es eben immer und unzählig viele.

Wenn ich das hier so in geballter Form vor mir sehe, wird mir richtig übel. Denn ich sehe den Weg, der vorgezeichnet ist. Den Moment, in dem ich mir denke „Oh sch*** doch drauf. Dann rauche ich eben wieder. Was soll’s?“. Das möchte ich auf keinen Fall. Ich finde es schon schlimm, dass das Fräulein mich einige Male beim Rauchen gesehen hat und diesen Vorgang jetzt durchaus mit mir in Verbindung bringt.
Und trotzdem ist der Gedanke, keine Zigarette mehr anzufassen, schmerzhaft. So, als würde man sich vornehmen, nie wieder Schokolade zu essen oder Kaffee zu trinken.

Ich finde gerade keinen rechten Abschluss für diesen Eintrag. Also soll es dies an dieser Stelle erste einmal gewesen sein.

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1 Jahr, 7 Monate und 6 Tage

Wenn mir jemand vor zwei Jahren erzählt hätte, dass ich irgendwann aufhören würde zu rauchen, hätte ich lächelnd den Kopf geschüttelt und so etwas wie „träum weiter“ geantwortet. Wenn dieser Jemand aber auch noch hinzugefügt hätte, dass es tatsächlich Tage geben könnte, an denen ich nicht einmal an eine Zigarette denke, hätte ich ihm zusätzlich den Vogel gezeigt und so etwas wie „schon klar“ geschnaubt.

Wenn ich heute an die ersten Tage meines Nichtraucherdaseins zurück denke kommt es mir so vor, als wäre es relativ leicht gewesen. Wie sagt der tolle Mann immer so schön? „Du musst einfach nur nichts tun. Das kannst du doch gut.“

Aber natürlich war es das nicht.

Mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach einer Zigarette immer seltener. Man liest und hört ja sehr oft, dass es bei der Raucherentwöhnung viel um Gewohnheiten und Rituale geht. Genau da liegt in der Anfangszeit auch die größte Gefahr. Feiern, Schreiben, Autofahren, Telefonieren – gar nicht so einfach, das ohne eine Zigarette durchzustehen.

Je mehr Zeit vergeht, desto leichter wird es allerdings auch, den inneren Schweinehund zum Schweigen zu bringen. Wenn man ihn überhaupt hört.

Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass ich mehrere Tage hintereinander nicht einen einzigen Gedanken an das Rauchen verschwende. Es kommt mir – genau wie bei einem lebenslangen Nichtraucher – überhaupt nicht in den Sinn, jetzt eine Zigarette rauchen zu wollen.

Tatsächlich gibt es inzwischen auch Situationen, in denen ich froh bin, nicht mehr zu rauchen. Wenn ich die frierenden Restaurantgäste vor der Tür stehen sehe zum Beispiel, oder wenn ich dann später rieche wie sie stinken, wenn sie an mir vorbei zurück zu ihrem Tisch gehen, oder wenn sich Raucher bei einer Veranstaltung überlegen, wann, wie und wo sie wohl eine Pause haben um eine Zigarette rauchen zu können. Dann bin ich wirklich froh, dieser Geißel entkommen zu sein.

Doch auch das Klischee „Einmal Raucher, immer Raucher“ hat sich leider Bewahrheitet. Immer wieder gibt es Momente, in denen ich wirklich inbrünstig denke „Jetzt eine rauchen“. Und das sind noch nicht einmal Gelegenheit, bei denen ich es erwartet hätte. Das Bedürfnis kommt aus heiterem Himmel, meist allerdings gepaart mit dem Auftauchen eines Rauchers. Und dabei ist es egal, ob mir dieser Raucher auf der Straße begegnet oder über die Mattscheibe flimmert.

Ich sehe, wie sich dieser Jemand eine Zigarette anzündet oder gerade einen genüsslichen Zug nimmt und schon läuft mir sozusagen das Wasser im Munde zusammen.

Der tolle Mann ist mir auch hier immer wieder eine Stütze. Zum Einen natürlich alleine schon deshalb, weil ich mir vor ihm nicht die Blöße geben will, zum Anderen aber auch, weil er mir immer noch sämtliche Argumente gegen einen Glimmstengel wie aus der Pistole geschossen aufzählen kann.

Meist verschwinden diese Gelüste auch sehr schnell wieder, manchmal bleiben sie aber auch den halben Abend und ich versuche sie dann mit etwas anderem ersatzubefriedigen.

Ich halte mich weiterhin für gefährdet und ich kann nicht für meine Willensstärke garantieren. Immer noch denke ich manchmal, dass eine einzige Zigarette ja wohl nicht schaden kann. Aber wie wir alle wissen, ist genau diese Zigarette dann der Anfang vom Ende.

Nach wie vor ist der Gedanke seltsam, dass mich etwas so ungesundes, etwas, das noch nicht einmal gut schmeckt oder riecht, etwas, das total unsinnig und albern und zudem inzwischen durchaus uncool ist, immer noch so in seinen Bann ziehen kann. Wie viel Nervengift muss wohl in so einem Glimmstengel sein, um diese Wirkung nach so langen Zeit auf mich zu haben?

Und trotzdem würde ich alles dafür geben, wenn ich nur noch einmal … eine einzige … nur so zum Genuss.

Wie krank kann man eigentlich sein? Was wiederum beweist, dass die Sucht eine nicht zu unterschätzende Krankheit ist, von der man wahrscheinlich niemals ganz genesen kann.

Aber ich bleibe stark. Für den tollen Mann, das Fräulein und für mich. Nur jammern werde ich ab und zu noch. Das muss sein.

Tag 94

Es gab schon immer mehrere Situationen, in denen Rauchen für mich wichtiger war als üblich.

Zum einen waren das die Momente, in denen ich besonders nervös war. Da half das Festhalten an einem Glimmstengel immer sehr. Angeblich soll ja dieses Nervengift im Tabak auch beruhigend wirken, was ich zumindest subjektiv bestätigen kann.

Dann waren da die Situationen, in denen sich Alkohol mit Musik mischte. Partys ohne Rauchen waren nur halb so schön, im Grunde gab es diese gar nicht. Selbst die Nichtraucher in unserer Clique haben uns Rauchern ein kleines Eckchen reserviert, sei es nun am geöffneten Küchenfenster, auf dem Balkon, im extra Raucherzimmer oder vor der Tür … ein Aschenbecher stand immer bereit.
Und seltsamer Weise (dies auch wieder sehr subjektiv), war es an diesen Orten immer am lustigsten, haben sich die intensivsten Gespräche entwickelt und hatte man am meisten Spaß, so dass sich meist die Nichtraucher ebenfalls zu uns gesellten.

Und dann war da noch die Sache mit den Computern. Auf Arbeit war Rauchen am Arbeitsplatz Gott sei Dank schon seit langem nicht erlaubt, so dass ich jede Stunde (wenn ich keine Lust hatte auch öfter) ins Raucherzimmer verschwunden bin, um meinen Nikotinspiegel wieder auf ein erträgliches Maß anzuheben.
Wenn ich dann zu Hause an meinem Laptop saß, verkürzten sich die Raucherpausen auf teilweise alle 15 Minuten. Im Sommer war es noch schlimmer, da ich dann draußen auf der Terrasse sitzen konnte und eine nach der anderen weg qualmte. Mir war das gar nicht so bewusst, aber wenn ich dann ein Kapitel fertig oder das Forum durchgesurft hatte, quoll der vormals leere Aschenbecher teilweise richtig über.
Göga bezeichnete dies zu Recht als „ekelhaft“ und ich fühlte mich nach solchen Rauchmarathons auch nicht wirklich besser.

So kam es also, dass ich gleichzeitig mit dem Beginn meines Nichtraucherdaseins Probleme mit Computern bekam.
Auf Arbeit hat sich das relativ schnell – nach etwa drei bis vier Wochen – eingespielt. Zu Hause klappte dies nur leidlich.
Ich schaffte es zwar, ein wenig zu surfen oder mal in iTunes nach neuer Musik zu suchen, aber dafür benötigte ich in etwa fünf Karotten und eine halbe Gurke.
An so etwas wie ein Kapitel zu schreiben war demnach leider nicht zu denken. Es ging einfach nicht. Kaum legte ich die Finger auf die Tasten, wurde die Sehnsucht nach einer Kippe riesengroß und ich musste meinen Laptop unverrichteter Dinge wieder ausschalten.

Ich muss gestehen, dass ich mir niemals hätte vorstellen können, dass es mal so etwas wie eine „Sommerpause“ geben könnte, die länger als vier Wochen dauert. Inzwischen dürften es fast vier Monate sein, in denen ich kein Wort mehr geschrieben habe. Unheimlich, oder? Und ich vermisse nicht wirklich etwas. Stattdessen bin ich fast jeden Tag mit Göga unterwegs (hierzu demnächst auch ein Beitrag über das Fahrradfahren).

Gestern war dann der große Tag gekommen. Schon morgens war ich mir bewusst, dass ich mich erstaunlich fit fühle und die heruntergekühlten Außentemperaturen liegen mir sowieso wesentlich besser.
Also fasste ich den Entschluss, es mal wieder zu probieren. Um acht (nach Abendessen und BigBrother) packte ich den Laptop auf die Terrasse, stapelte einen riesigen Haufen Werthers Echte Bonbons ohne Zucker daneben und setzte mir die Kopfhörer auf die Ohren, um ungestört werkeln zu können.
Während Göga neben mir an seinem Fahrrad herum schraubte, las ich also die letzten zwei Kapitel, legte meine Finger auf die Tastatur und betete.

Der Anfang war grauslig. Ich schätze, dass sich Menschen so fühlen, die einmal Leistungssport betrieben haben und dann monatelang gar nichts machen. Bis die alten Knochen, Muskeln und Sehnen wieder auf Tour kommen, dauert es eine Weile. Natürlich gilt das für mich im übertragenen Sinne. Die Finger tippen noch genau so schnell wie früher, aber der Kopf und die Fantasie scheinen ziemlich eingerostet zu sein.
Zudem war das Kapitel, das nun anstand, kein wirklich interessantes. Füllkapitel, ihr wisst ja, wie das für mich ist. Nach einer Stunde wollte ich aufgeben, weil mein Rücken schmerzte, der Bonbon-Vorrat extrem geschmolzen war und ich keine Lust mehr hatte noch mehr seltsame, unlesbare Sätze zusammen zu schustern.
Aber dann …
Plötzlich war es wieder da. Dieses Verlieren in einer Szene, das Schreiben ohne es zu merken, das Kreieren einer Welt und ihrer Charaktere.
Die nächste Stunde habe ich lediglich ein Bonbon gelutscht, kein einziges Mal an eine Zigarette gedacht und getippt wie früher (nur ohne die Zigarette-Anzünd-Pausen).

Abgesehen davon, dass ich froh bin, die Story endlich weiter zu führen, fühlt es sich auch unglaublich gut an, meine Kreativität wieder einzusetzen.
Ich hatte zwischendurch wirklich ein wenig Panik, dass ich eventuell nie wieder einen Satz schreiben könnte. Und – was das Schlimmste an dem Ganzen war – mir dies noch nicht einmal fehlen würde.

Gott sei Dank ist es anders. Wobei ich in den letzten Monaten durchaus festgestellt habe, dass mein Leben auch ohne das Schreiben prima funktioniert (was davor einfach unvorstellbar für mich war).
Doch mit ist eindeutig schöner.

Tag 61

Unglaublich aber wahr: Ich habe gestern tatsächlich mein zweimonatiges Nichtraucherdasein gefeiert. Wie doch die Zeit vergeht.

Und wie sich das für ein richtiges Jubiläum gehört, wurde ordentlich gefeiert. Der eigens angereiste Superstar legte eine kesse Sohle auf das Kölner Parkett und das Mineralwasser floss in Strömen.
Eigentlich hätte es also ein wunderschöner Tag werden können. Wenn da nicht die Tücken der Technik wären.

Bis zum Rasthof Medenbach Ost lief alles bestens. Meine Mitreisende und ich sangen mit der eigens für die Fahrt angelegten Playliste um die Wette, wir freuten uns wie zwei Schnitzel auf die Wiederholung des Programms vom vorangegangenen Abend und alles war prima.
Dann wurde mir die gemeine Wimper in meinem Auge doch zu viel und ich beschloss „Mal eben schnell“ auf den Parkplatz zu fahren, um das lästige Ding zu entfernen.

Schlechte Idee. Gaaaaanz schlechte Idee.

Mein liebstes Auto (auch AJ genannt), beschloss anschließend nämlich zu bocken und einfach keinen Mucks mehr von sich zu geben.
Tot.
Aber sowas von.

Als ich mit dem Kommentar „Ich brauch‘ jetzt erst mal ne Kippe!“ heftig amtend aus dem Wagen ausstieg, überlegte meine Begleitung bereits, ob sie sich auf mich werfen sollte, um den von mir angekündigten Zigarettenkonsum zu unterbinden.

In diesem Moment wurde mir dann zum ersten Mal klar, wie oft ich diesen Spruch eigentlich gebrauche und auch warum.

Inzwischen ist es tatsächlich so, dass ich zwar noch recht häufig am Tag an eine Zigarette denke, ich aber nicht wirklich ein Verlangen danach verspüre. Ein Bonbon reicht in solch harmlosen Situationen schon aus um mein Verlangen nach oraler Beschäftigung zu stillen.
Übrig geblieben sind lediglich die Ausnahmesituationen, die zwar nicht immer so offensichtlich zu erkennen sind wie die gestrige, aber immerhin noch mindestens ein Mal pro Tag vorkommen.
Doch genau dann scheint es mir sehr wichtig zu sein, meine Umwelt darauf hinzuweisen, dass ich jetzt wirklich gerne eine rauchen würde. Scheinbar versuche ich durch diesen Code meinen Mitmenschen mitzuteilen, dass sie die nächsten fünf Minunte ganz besonders gut auf mich acht geben müssen, da ich mich in einer recht angespannten Situation befinde. Und da ist es eher unerheblich, ob ich gerade über der Wahl meines Nachtisches im Restaurant brüte, mich über eine Mail ärgere oder wie gestern mein Auto den Geist aufgibt.

Diese heftigen Momente sind Gott sei Dank sehr, sehr selten geworden und im Nachhinein bin ich immer sehr froh, der Versuchung widerstanden zu haben.
Und so haben wir uns gestern mit einer heißen Schokolade (die leider weder süß, gut, heiß noch billig war) getröstet und auf den netten Mann vom Abschleppdienst gewartet.
Am Telefon versicherte mir der junge Mann noch sehr überzeugend, dass unserem Konzerterlebnis in Köln (O-Ton: „AJ McLean? Hab ich noch nie gehört.“) nichts im Wege stünde. So oder so seien wir rechtzeitig zum Konzertbeginn anwesend.

Nun gut. Der Mann kam, sah und überbrückte. Mit dem Hinweis, dass wir das wohl auch heute Abend nach dem Konzert noch einmal bräuchten, sollte sich die Batterie nicht doch noch auf dem Weg nach Köln aufladen, verabschiedete er sich und fuhr der strahlenden Sonne entgegen.

Tja … die Batterie hat wohl nicht geladen, zumindest würde das den Umstand erklären, dass wir mein liebes Auto im Parkhaus die letzten Meter in die Parklücke schieben mussten.

Auch nach diesem Moment hätte ich gerne eine Zigarette geraucht, diesmal allerdings nicht so dringend wie noch am Mittag. Alleine der Umstand, dass wir tatsächlich noch relativ rechtzeitig in Köln angekommen waren, wäre es mir früher wert gewesen.

Wenigstens fiel diesmal die Ich-warte-Zigarette aus. Es war einfach nicht genügend Zeit dafür.

Wirklich gebraucht hätte ich so einen Glimmstengel dann nach dem Konzert, nachdem wir zum einen schon wieder ohne Marnie-CD gehen mussten und zum anderen mein Saxolein immer noch keinen Mucks von sich gab.
In diesem Moment, das gebe ich freimütig zu, stand mir das Wasser durchaus in den Augen. Ich dachte mit sehr viel Inbrunst an eine Zigarette und dass diese meine Lage auch nicht besser machen würde und wählte dann die Nummer meines überaus netten, hilfsbereiten Automobilclubs.
Auch der Werkstattmensch, der unglaublich schnell zur Stelle war (nachdem ich eine Touristin fragen musste wo die Glockengasse ist und ich wie ne Blöde um den Block zum 4711 Haus gerannt bin), war unglaublich nett und klang so, als sei er den Umgang mit verzweifelten Nichtraucherhaltern eines geliebten, funktionsuntüchtigen Kleinwagens gewohnt.

Erst nachdem der nette Mann uns erneut überbrückt (O-Ton nach einem halbe-Sekunde-Blick auf die Batterie: „Ja, die ist hin.“), bis zur Tankstelle begleitet, nach dem Tanken nochmal überbrückt und dann bis zur Autobahnauffahrt gelotst hat, ging es mir besser. Auch die Gedanken an eine Zigarette tauchten an diesem Abend nicht mehr wirklich in meinem Kopf auf.

An dieser Stelle also ein riesengroßes Dankeschön an meine beiden namenlosen Helden des Tages. Sie haben nicht nur meine Begleitung, mich selbst und mein Auto nach Köln und wieder zurück gebracht, sondern auch einen weiteren Tag in meinem Nichtraucherdasein unterstützend begleitet.

Und falls sich jemand mit dem Gedanken tragen sollte den ADAC zu verlassen (wofür es sicherlich Millionen von Gründen gibt), bietet sich mit dem ACV eine tolle, schnelle, freundliche und kompetente Alternative. Toll! Toll! Toll!

Tagebuch eines Nichtrauchers (3)

Tag 36

Nach wie vor ist jeder Tag ein bißchen schwierig. Immernoch schaue ich mit traurigen Augen zu den Leuten hinüber, die noch rauchen. Allerdings nicht mehr bei jedem Raucher und auch nicht jede Stunde.

Gestern das beste Beispiel. Göga und ich sitzen beim Italiener, schlürfen leckeren Wein und plappern so vor uns hin, als zwei Männer an uns vorbei gehen, sich einmal verstohlen umsehen und dann durch eine Tür in den Nebenraum verschwinden.
Dummerweise hatte die Tür ein getöntes Glasfenster, so dass man ziemlich gut die brennende Kerze in dem Raum und die Glut der Kippen sehen konnte.
In diesem Moment war ich irgendwie sehr froh, dass ich nicht mehr rauche, dass ich mit Göga einfach da sitzen kann und nur noch ab und zu ein Ricola Bonbon benötige.

Auch am Samstag, als ich das erste Mal bei einer größeren Feier weilte, fiel es mir erstaunlich leicht nicht zu rauchen. Und der entschuldigende Blick von unserer Sitznachbarin, als sie sich alle Stunde vom festlich gedeckten Hochzeitstisch verabschiedete um im Burghof ihrer Sucht zu frönen, hat mich zusätzlich bestätigt.

Um weitere Motivation zu tanken, habe ich gestern den Inhalt meiner Geldvase gezählt. Immerhin 162,- Euro, und dabei habe ich ganz bestimmt nicht jeden Tag bezahlt (ich Siebhirn ich). Also auch was Schönes.

Immerhin gibt es inzwischen durchaus auch mal zwei Stunden am Stück, in denen ich keine Sekunde an das Rauchen oder eine Kippe denke. Wenn sich dann der Gedanke wieder einschleicht, bin ich immer ganz verblüfft, dass es diese Nicht-daran-denken-Phasen tatsächlich bereits gibt.

Alles in allem fühle ich mich also nach 5 Wochen so, als hätte ich den größten Berg hinter mich gebracht und blicke nun über eine Anzahl von mehr oder weniger hohen Hügeln.
Es ist immer noch nicht gerade leicht, aber auch nicht mehr wirklich schwer.

Alles wird demnach gut.

Tagebuch eines Nichtrauchers (2)

Tag 22

So wirklich leichter wird es nicht. Obwohl ich da fest mit gerechnet hatte. Göga sagt, das braucht mindestens drei Monate bis ich zum einen entspannt damit umgehen kann und zum anderen ab und zu behaupten darf, ich wäre Nichtraucher. Und ich habe noch nicht einmal einen Monat geschafft …

Grundsätzlich fällt es mir zu Hause leichter nicht zu rauchen, als auf Arbeit. Ob das daran liegt, dass ich meine rauchfreie Zeit bisher mehr zu Hause, im Urlaub oder in München verbracht habe, anstatt im Geschäft, kann ich nicht sagen.
Ich glaube es liegt daran, weil mir nun die Pausen fehlen. Wenn mir langweilig war oder ich keine Lust auf ätzende Vorgänge hatte, bin ich einfach mit dem Kommentar „Ich bin mal eine rauchen“ entschwunden.

Oder auch dieses Einteilen in Zigarettenabschnitte. In etwa jede Stunde eine Kippe. Dazwischen oder währenddessen gibt es dann die „Ich bin gerade mit einer Art von Arbeit fertig“ Zigarette oder den „Ich fange jetzt gleich was neues an“ Glimmstengel oder den „Noch eine Zigarette, dann … “ Moment. Die häufen sich auf Arbeit einfach viel mehr.
Ich überbrücke diese Momente mit Rohkost und zuckerfreien Bonbons. Irgendwann sehe ich noch aus wie eine Karotte und lasse mir die Schweizer Fahne auf meinen Allerwertesten tättowieren, das kann ich euch sagen.

Heute dann das, was eigentlich unausweichlich hat kommen müssen:
Meine Chefin sitzt bei mir, wir unterhalten uns ganz zwanglos, sie steht dann auf um sich wieder ihrer Arbeit zu widmen und ich dackele in meinem Tran einfach hinter ihr her, um erst einmal eine rauchen zu gehen.
Im Gang ist mir dann aufgefallen, dass irgendetwas nicht stimmt. Was haben wir gelacht!

Einige positive Aspekte an der Sache habe ich allerdings auch schon gefunden:

– Die Vase mit dem nicht-verrauchten-Geld wird immer voller
– Beim Fahrradfahren am Samstag ist mir nicht wie sonst die Lunge aus dem Hals gefallen
– Meine Finger sind nicht mehr so ekelhaft gelb und ich rieche besser (hoffe ich)
– Göga verzieht nicht mehr das Gesicht wenn er mich küssen muss
– Man hat viiiiiel mehr Zeit für andere Dinge, allerdings muss ich mir die noch suchen

Tagebuch eines Nichtrauchers (1)

Tag 6

Nicht zu rauchen ist im Grunde ganz leicht. Man muss sich das ein bißchen wie bei der Kindererziehung vorstellen. Das Kind (in diesem Fall meine Nikotinsucht) sagt „Ich möchte eine Rauchen“, während die Mutter (hier mein Verstand) klar und deutlich „Nein“ sagt.
Das Kind wird noch etwas quängeln, aber wenn man ihm den Rücken zukehrt und es einfach nicht weiter beachtet, vergisst es den Wunsch ziemlich schnell und wendet sich etwas anderem zu.
Hier sollte man sich allerdings vergewissern, dass das Kind nicht plötzlich Lust auf Schokolade bekommt und falls doch, diesen Wunsch nach oraler Befriedigung vorzugsweise mit Gemüse, Ricola LemonMint (zuckerfrei), JuicyFruit Kaugumi oder einem Strohhalm, der in einem Lumumba steckt, ersetzen.

Was tatsächlich richtig schwer ist, ist ein Nichtraucher zu sein/werden. Ein Nichtraucher wird nämlich nie wieder eine Zigarette rauchen. Im Moment befinde ich mich noch in dieser „mal sehen wie lange ich es ohne aushalte“ Phase und der Gedanke, dass die Antwort darauf eigentlich „für immer“ lauten muss, versetzt mich noch in leichte Panik.

Göga ist mir hier wie immer eine riesengroße Hilfe. Er hat letztes Jahr, nach 25 Jahren kontinuierlichem Nikotingenusses von jetzt auf nachher aufgehört. Ich bewundere ihn dafür heute noch und werfe mir inzwischen vor, ihn vielleicht nicht angemessen unterstützt zu haben.
Er hingegen weiß genau, was ich brauche. Jeden Morgen, wenn ich blinzelnd und verschlafen die Augen öffnete und meine Gedanken unweigerlich zu der ersten nicht zu rauchenden Kippe des Tages wanderten, reckte sich neben mir eine Hand in die Höhe, die mit den Fingern die bereits rauchfrei verbrachten Tage anzeigte.
Desweiteren wurde noch am ersten Tag meines kalten Entzugs eine Glasvase zweckentfremdet. Die ersten, gesparten fünf Euro hat Göga gespendet. Pro Tag rechne ich 4 Euro, die ich nicht sinnlos in die Luft blase und genau diese Summe wird in die Vase befördert. So befinden sich inzwischen immerhin 25 Euro darin (nur Scheine versteht sich, Kleingeld sieht so mickrig aus).
Außerdem werde ich regelmäßig nach meinem Befinden gefragt und sämtliche Argumente, warum ich ausgerechnet jetzt und hier eine Zigarette rauchen könnte, werden in der Luft zerrissen, mit passenden Worten zerschmettert und zum Schluss mit der Frage „noch ’n Schnaps?“ endgültig weg gewischt.

Die Entscheidung während unseres Urlaubs aufzuhören, war auf jeden Fall eine gute. Eigentlich habe ich ja noch zu Hause aufgehört. Die letzte Zigarette habe ich nachts um 0.15 Uhr auf der kalten Terrasse im Dunkeln geraucht. Ganz bewusst habe ich jeden Zug genossen und innerlich geweint bei dem Gedanken, das nie wieder tun zu können. Danach habe ich die letzten beiden verbliebenen Kippen in mehrere kleine Stücke gerissen und weggeschmissen. Danach direkt ins Bett und somit die ersten acht Stunden Entzug schlafend hinter mich gebracht.
Am nächsten Tag schloss sich direkt Gögas Geburtstag an, den wir zur Hälfte in der Stadt und zur Hälfte zu Hause verbrachten. Da war natürlich die Motivation noch relativ hoch und ich war, wie oben bereits erwähnt, wirklich überrascht, wie leicht das alles ging.
Am zweiten Tag dann ein wunderschönes Beispiel für Automatismen und Gewohnheiten, die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen haben, ohne dass man es wirklich merkt.
Das Telefon klingelt, ich nehme ab, melde mich wie gehabt und marschiere dann geradewegs raus auf die Terrasse um mir wie üblich eine Zigarette anzuzünden. Ich stand schon in der Kälte, als mir aufging, dass das ja seit dem vorherigen Tag vorbei ist. Göga hat sich kaputt gelacht.
An Tag 3 und 4 hatte ich dann jeweils eine richtig ätzende halbe Stunde. Das waren diese Momente, vor denen ich am meisten Angst habe. Ich werde aggressiv. Aber sowas von! Und das ohne jeglichen Grund. Ich hätte wahlweise irgendwas kurz und klein schlagen, Göga anschreien oder während der Fahrt aus dem Auto springen können. Wirklich gruselig.
Aber auch das ging vorbei. Wir genossen unseren Urlaub in Thüringen und ich stellte fest, wie gut es tut, wenn man gar nicht erst in althergebrachte Muster verfallen kann.
Klar – kaum hatte ich irgendetwas gegessen, war der Drang nach der „Zigarette nach dem Essen“ da. Oder wenn wir eine Weile mit dem Auto herumgekurvt sind und ich ausstieg, war normaler Weise der Griff zur Schachtel obligatorisch. Ich denke dann also „hach, jetzt eine Rauchen“, schüttle innerlich den Kopf und keine zehn Sekunden später ist der Drang verschwunden. Meistens.

Als wir gestern zurück nach Hause kamen, war es allerdings schon etwas schwieriger. Zum einen gibt es hier viel mehr Rituale und Gewohnheiten, zum anderen sind die Möglichkeiten merklich erhöht. Während man in einem Museum ist oder in einem Restaurant an einem Tisch sitzt, darf man ja nicht, ist man aber zu Hause, ist der Weg auf die Terrasse jederzeit frei.
Außerdem muss ich echt aufpassen, dass ich nicht nur diese leckeren, belgischen Pralinen in mich reinstopfe, die wir von der Taufe mitgebracht haben. Die Ausrede ist einfach zu verlockend. „Ich höre ja schließlich auf mit dem Rauchen, da darf ich die verbotene Schokolade essen.“
Aber eigentlich ist das gar nicht so. Es geht auch mit Karotten, Orangen, Gurken oder zuckerfreien Bonbons.
Immerhin hat mich mein Schlechtes-Belgisches-Pralinen-Gewissen heute, am geheiligen Sonntag, zum Sport getrieben. Das ist doch auch schonmal was.
Vor der Abfahrt habe ich eine halb volle Schachtel Zigaretten aus meinem Auto weggeworfen und den Aschenbecher entleert. Zum letzten Mal.
Gott, ich bin so willensstark.
Zumindest tue ich so als ob.