Als Kind war es bei uns zu Hause üblich, am Vorabend des 6. Dezember die Stiefel ordentlich zu putzen und sie blitzend und blinkend vor die Zimmertür zu stellen. Gerne auch sämtliche Paare, die der Schuhschrank hergab. Am nächsten Morgen waren diese dann wie durch ein Wunder gefüllt. Viele Süßigkeiten und auch kleine Geschenke befanden sich darin. Mal ein Buch, etwas zum Spielen und später, im Teenageralter, dann Duschgel oder Bodylotion.
Selbst als ich erwachsen und ausgezogen war, hing morgens an der Haustür ein Beutel vom Nikolaus. Für mich und den tollen Mann.

Dieser von mir hochgeschätzte Brauch endete erst, als wir eigene Kinder hatten. Da gingen sozusagen meine Geschenke direkt an eine andere Adresse.

Natürlich fragt man sich dann irgendwann auch, wie man den Nikolaus mit seinen eigenen Kindern begehen möchte. Stiefel vor die Tür? Oder einen richtigen Nikolaus engagieren, der die Geschenke in einem großen Sack vorbei bringt?
Wie schon so oft ergab sich dies von ganz alleine. Der erste Nikolaus im Leben des Fräulein Wunders wurde im Grunde nicht gefeiert, denn das Kind wusste mit 8 Monaten ja noch nicht, was da eigentlich mit ihm passierte. An das Jahr darauf (2010) kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich lebte der Stiefel-Brauch aus meiner Kindheit wieder auf.
Aber das Jahr darauf erklärte sich eine meiner Käfermamas überraschend bereit, ihr Haus inklusive Nikolaus am 6. Dezember für uns alle zur Verfügung zu stellen. Ein Traum!

Und so begingen wir dieses Jahr zum dritten Mal die große Käfer-Nikolausfeier bei Ramona zu Hause. Jeder brachte etwas mit, wir labten uns an Glühwein, Kinderpunsch, heißen Würstchen und Nudelsalat und die Kinder spielten in mehr oder weniger freudiger Erwartung zusammen.

Wie jedes Jahr übernahm der Großvater des Hauses die Rolle des Nikolaus. Im Vorfeld entbrannten natürlich die Diskussionen, ob Finn (der Enkel) und sein bester Kumpel Jascha (im selben Kindergarten und alleine deshalb gut mit dem Opa vertraut) dieses Jahr wohl dahinter kommen würden, wer ihnen da im Nikolauskostüm gegenüber sitzt.
Selbst das Fräulein Wunder bemerkte am letzten Wochenende auf einem hiesigen Weihnachtsmarkt: „Das war gar nicht der richtige Nikolaus. Der hatte gar keine Stiefel an!“

Das Fräulein Wunder war reichlich nervös. Und ängstlich. Immer wieder suchte sie meine Nähe. Jedes Mal wenn es an der Tür klingelte hüpfte sie zitternd auf meinen Schoß und dies, obwohl der Nikolaus die vergangenen Jahre immer sehr lieb und großzügig gewesen war. 

Schließlich ertönte das von Kindern und Eltern heiß ersehnte Glockengeläut. Der Nikolaus war im Anmarsch. In rotem Gewandt, mit Bart, Mütze, einem großen Sack und dem heiligen, goldenen Buch betrat er den Raum und sofort hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Alle Kinder hatten sich in Null Komma Nix bei ihren Eltern eingefunden und betrachteten mit angebrachter Skepsis den Besucher in ihrer Mitte.

Wie es der Zufall so wollte, war das Fräulein Wunder dieses Jahr die erste, die der Nikolaus auswählte. Tapfer trat sie vor, auch wenn sie dabei meine Hand nicht losließ und sich nicht wirklich traute, den Nikolaus anzusehen. Dieser lobte sie sogleich dafür, dass sie schon so toll Fahrradfahren könne und wie lieb sie zu ihrer Schwester sei. Das Fräulein strahlte.
Dass sie hingegen ihre Schwester auch gerne mal schubste, fand beim Nikolaus nicht den rechten Anklang und auch dass das Fräulein in ihrer Wut gerne mal um sich schlägt und tritt wurde von ihm schärfstens verurteilt. Und zum Schluss verlangte er sogar noch, dass das Fräulein Wunder bis zu ihrem nächsten Geburtstag ihren Schnuller abgeben solle! Auf die wiederholte Frage des Nikolaus, ob sie ihm dies denn versprechen wolle, antwortete sie einfach nicht. Kluges Kind: Nichts versprechen, was man nicht halten möchte.
Trotzdem gab es ein Geschenk und ein strahlendes Kindergesicht, das sich leider soooo lange mit Auspacken gedulden  musste. Schließlich waren noch sechs weitere Kinder an der Reihe.

Mit Miss Allerliebst wurde gleich weiter gemacht. Diese hatte sich, vollkommen unbeeindruckt von dem Mann mit dem Rauschebart, auf den Spielteppich zur Holzeisenbahn verzogen und musste von mir erst einmal eingefangen werden.
Auch direkt vor dem Nikolaus stehend zeigte sie wenig Interesse. Hatte der Typ hier irgendetwas zu sagen? Wohl kaum. Und so nahm sie sein Lob ob ihre Puzzlekünste und den liebevollen Umgang mit ihrer Schwester, sowie seine Ermahnung, beim Essen still sitzen zu bleiben, gar nicht wirklich wahr. Hätte ich sie nicht festgehalten, wäre sie postwendend wieder in ihrer Spielecke verschwunden. Das Geschenk hat sie aber dann doch noch entgegen genommen, um danach sofort wieder zu verschwinden als sie feststellte, dass man das ja noch gar nicht auspacken darf. Den Umgang mit Autoritäten üben wir also nochmal im nächsten Jahr.

Zum Abschluss wurde gemeinsam gesungen und dem Nikolaus artig gedankt. Und dann flogen die Geschenkpapierfetzen. Begleitet von den lauten Ausrufen des Fräuleins. „Mama guck mal, eine Räuber Hotzenplotz CDeeeeee!! Mama, Maaaaaaaaalstifte!! Und Mama guck mal hier. Ein Pferdebuuuuuuuch!!“ Theatralik liegt ihr einfach im Blut.

Miss Allerliebste packte ihr Badewannen-Boot aus, drückte kurz auf sämtliche Knöpfe und rauschte dann auf Finns schwarzem Boby-Car davon.

Als sich der inzwischen demaskierte Nikolaus zu uns gesellte, setzte er sich neben seinen Enkel. Finn legte auch gleich los. „Opa, der Nikolaus hat wie du geredet.“ „Ach echt?“ entgegnete der Großvater mit gespielter Überraschung. „Ja weißt du,“ fügte er dann hinzu. „Auf der Welt gibt es für jeden Menschen einen Doppelgänger. Da gibt es Leute, die sehen wie der Opa aus und manche, die wie der Finn aussehen.“ Finn beeindruckte dies wenig. „Und, hat der Nikolaus denn ausgesehen wie der Opa?“ fragte dann der Großvater sehr subtil weiter. „Nee, der Nikolaus war größer als du,“ verkündete der Enkel. „Und die Brille sah ganz anders aus.“
Puh! Also nochmal Glück gehabt. Aber vielleicht lassen wir uns für nächstes Jahr dann doch jemand anderen einfallen. Jemand Interesse?

Nikolaus