Wie den meisten bekannt sein dürfte, hat sich das Fräulein Wunder Ende November den Arm gebrochen. Da Elle und Speiche gebrochen waren und diese schief zu einander standen, mussten die Knochen mit Drähten fixiert werden. Dies geschah in einer einstündigen OP und zog einen zweitägigen Krankenhausaufenthalt nach sich.

Diese Drähte mussten nun wieder entfernt werden. Eigentlich, so stand es im Patientenbrief der Klinik in Regensburg, nach drei bis vier Monaten. Ich dachte mir also, es kann nicht schaden frühzeitig einen Termin bei einem hiesigen Chirurgen zu vereinbaren. Den bekamen wir auch prompt innerhalb einer Woche. Erst einmal zur Vorbesprechung. Ich berichtete. Und nachdem die Röntgenaufnahmen in Ordnung waren, stand einer früheren Entfernung der Drähte nichts mehr im Weg.

Am Donnerstag war dann also der Tag gekommen, an dem die OP statt finden sollte. Wir hatten dienstags davor einen Termin beim Kinderarzt, der versicherte, dass das Fräulein gesund und narkosefähig sei.

So wirklich Lust hatte das Fräulein Wunder natürlich nicht und dieser Termin beschäftigte sie auch die ganze Woche über. Sie erzählte ihrer Erzieherin wohl immer mal wieder davon. Zu Hause ließ sie sich eher weniger anmerken. Wenn wir sie fragten, wie sie sich denn fühle und was sie über die OP denke, erklärte sie zwar wahrheitsgemäß, dass sie schon Angst hätte und warum denn das überhaupt nötig sei, aber von sich aus ignorierte sie dieses Thema zu Hause lieber. Etwas, was mich immer mal wieder gedanklich beschäftigt. Warum erzählt sie davon im Kindergarten und nicht zu Hause? Aber dies nur am Rande.

Ursprünglich sollte die OP nachmittags um 15.00 Uhr stattfinden. Sechs Stunden davor durfte das Fräulein nichts mehr essen, zwei Stunden vorher nichts mehr trinken. Da hätte sie also morgens um neun das letzte essen dürfen und dann erst wieder nach der OP, was ja durchaus auch fünf oder sechs Uhr hätte sei können. Ich vereinbarte mit der Erzieherin, dass ich sie bis halb zwölf im Kindergarten lassen würde (die Zeit, wo die Kinder gemeinsam einen Mittagssnack zu sich nehmen), damit sie ein bißchen abgelenkt ist.
Gott sei Dank erfuhr ich dann aber einen Tag vor der OP, dass diese auf 10.30 Uhr vorverlegt worden war. Das bedeutete zwar kein Frühstück und um kurz nach Acht die letzten Schlucke Wasser, aber da das Fräulein sowieso kein Frühstücksmensch ist, war das für sie gar kein Problem.

Um zehn erreichten wir die chirurgische Praxis. Es folgte ein Gespräch mit dem Narkosearzt, in dem wir über die üblichen Risiken aufgeklärt wurden und kurz darauf kam eine Schwester und brachte einen Saft, den das Fräulein Wunder trinken sollte. Der würde sie schläfrig machen und nach der OP dafür sorgen, dass sie weniger Schmerzen hat.
Leider war dieser Saft weiß, genau so wie die Schmerzmittel, die sie in der Klinik in Regensburg bekommen hatte. Und das hatte schon damals überhaupt nicht geschmeckt. Sie weigerte sich also strikt, den Saft zu nehmen.
Es ist schon ein komisch Gefühl, wenn man sein Kind zu etwas überreden muss, das es so gar nicht will, weil man genau weiß (und die Schwester es angedeutet hat), dass das Kind sonst festgehalten und das Zeug gegen seinen Willen eingeflößt bekommt. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich habe gefleht und gebettelt, erklärt und geredet und es nützte Null Komma Null. Am Ende drückte ich ihr mein Handy in die Hand und ließ sie eine Runde von irgendeinem Spiel spielen, damit sie den ekligen Geschmack nicht so mitkriegt. Gott sei Dank funktionierte das, auch wenn es ihr sichtlich schwer viel, das Zeug auch zu schlucken, nachdem es in ihrem Mund war. Ich hätte ihr durchaus zugetraut, alles wieder auszuspucken, aber das passierte zum Glück nicht.

Von diesem Saft wurde das Fräulein Wunder extrem lustig. Sie lallte nur noch, grinste die ganze Zeit vor sich hin und wurde auf meinem Schoß extrem schwer. Ich hätte durchaus auch nen kräftigen Schluck von dem Zeug vertragen können. Sie konnte dann auch gar nicht selbst in den OP laufen, so dass ich sie getragen habe. 22 Kilo, weißte Bescheid.
Nachdem ich mir dann einen weißen Papierkittel und ne Haube angezogen habe, über die sich das Fräulein in ihrem Rausch köstlich amüsiert hat, konnte ich sie auf den OP-Tisch legen und sie bekam einen Zugang gelegt. Sie war durchaus noch wach, aber besah sich die ganze Prozedur eher distanziert und interessiert. Angst hatte sie keine mehr. Ich hatte nicht einmal mehr so wirklich die Gelegenheit ihr eine gute Nacht zu wünschen, da schlief sie bereits.
Diesmal fiel es mir etwas leichter, das Fräulein Wunder zu verlassen. Vielleicht, weil ich nicht wirklich weit weg von ihr saß, vielleicht auch, weil diese Praxis und damit auch der OP-Raum nicht ganz so furchteinflößend war, wie ein großes Krankenhaus. So ein bißchen war mir natürlich schon das Herz schwer, aber ich wusste sie immerhin in guten Händen.
Ich saß dann etwa eineinhalb Stunden vor dem OP-Raum und habe versucht zu lesen. Die Praxis leerte sich merklich und als ich dann endlich zu ihr durfte, war nur noch eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn im Aufwachraum übrig.

Das Fräulein Wunder schnarchte noch selig, als ich zu ihr kam. Der Arzt erklärte mir, sie hätte wohl recht viel gehustet und danach so etwas wie kleine Atemaussetzer gehabt, deshalb hätte man sie jetzt etwas länger beobachtet. Jetzt scheine sie aber okay zu sein. Sie bekomme zur Vorsicht aber etwas Sauerstoff und sie war durch einen Klipp am Finger mit einem Herzmonitor verbunden.
Wir stellten gemeinsam fest, dass ihre Bronchien sehr sensibel reagieren und der Arzt meinte, da sei wohl ein Infekt im Anmarsch. Ich solle sie jetzt auf jeden Fall erst einmal schlafen lassen. Und das tat sie dann auch. Zwei Stunden lang. Dann hustete sie ganz komisch, röchelte und machte dann gar nix mehr. Panik!
Ich rieb ihr etwas über den Rücken, versuchte sie zu wecken, damit sie weiter atmet. Was sie dann auch irgendwann tat. Aber mir war das trotzdem extrem unheimlich. Also ging ich raus in die Praxis und rief in einen leeren Flur zu einer unbesetzten Anmeldung „Hallo?“. Es kamen dann auch gleich drei Schwestern angerannt, kontrollierten die Sauerstoffsättigungen und beruhigten mich, dass alles in Ordnung sei. Das Fräulein wache jetzt so langsam auf und da sei das in ihrem Fall ganz normal.

Es dauerte noch etwa eine halbe Stunde, bis das Fräulein tatsächlich die Augen öffnete. Sie war ziemlich desorientiert, weinte die meiste Zeit und nuschelte immer wieder, ob wir jetzt endlich nach Hause gehen könnten. Es dauerte noch etwa eine Stunde, bis sie so weit bei sich war, dass sie aufstehen und mit zum Auto gehen konnte. Bis dahin wollte sie weder etwas essen noch trinken. Sie war dann auch noch etwas wackelig und ich musste sie ein wenig stützen, aber es ging doch recht gut. Bis wir zu Hause waren, hatte sie dann ihren Einbackkringel komplett verputzt und einen kleine Beutel Apfel-Kirsch-Saft getrunken. Das beruhigte mich irgendwie ungemein.

Als wir schließlich zu Hause ankamen, war sie wieder ganz da und eigentlich wie immer. Der restliche Abend wurde trotzdem ruhig mit nem Film und ner TK-Pizza gestaltet, bevor es dann ohne Probleme ins Bett ging (ich hatte ja befürchtet, dass sie durch ihren unfreiwilligen Schlaf viel zu wach sei um zu schlafen).

Jetzt müssen wir nur noch sehen, wie wir den Verband von ihrem Arm wieder runter bekommen. Denn nichts hasst das Fräulein Wunder mehr, als Pflaster zu entfernen und dieser Verband ist so einer von der selbstklebenden Sorte. Bisher weigerte sich das Fräulein strickt, aber spätestens morgen zum Baden muss das Ding ab. Egal wie.

Wir haben also die OP gut überstanden und ich bin froh, dass uns das jetzt nicht mehr im Nacken sitzt. In einer Woche ist noch einmal ein Kontrolltermin, dann können wir das Thema „gebrochener Arm“ endlich abschließen. Immerhin habe ich ganz viel aus diesem ersten Mal gelernt und bin für das nächste Mal entsprechend gerüstet. Was nicht heißen soll, dass ich mein Gelerntes unbedingt noch einmal anwenden muss.

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Wir freuen uns auf ein verlängertes Wochenende in Weltenburg von Freitag bis Montag, nachdem unser letzter Urlaub Mitte Mai schon viel zu lange her ist und zudem total verregnet war.
Is‘ klar, dass ausgerechnet am Freitag das neue Fenster in die Wand gekloppt werden soll und am Montag die neuen Fenster für den Anbau geliefert und eingebaut werden. Außerdem soll Dienstag die Wand in der Küche abgerissen werden, wofür wir noch diverse Umbauarbeiten in der Küche vornehmen müssen.

Mittwoch

Die Planungsfirma ruft an und erklärt, dass der Fensterdurchbruch nun doch Donnerstag gemacht wird. Kann ja nicht sein, dass wir auf gepackten Koffern sitzen und warten müssen, bis die Handwerker fertig sind.
Außerdem wird die Wand in der Küche erst am nächsten Mittwoch entfernt. Auch hier haben wir also ein wenig Luft.

Donnerstag

Um halb acht stehen die Herren Handwerker bereits parat und stürmen die Wohnung. Das Fräulein wird von Opa in den Kindergarten gebracht, während Miss Allerliebst und ich dem Hämmern und Klopfen lauschen dürfen.
Irgendwann am frühen Nachmittag wird es etwas leiser. Das alte Fenster ist entfernt und zugemauert, die neue Fensteröffnung ist bis zur Außendämmung entfernt. Der Dreck hält sich außerhalb vom Bad in Grenzen.

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Netterweise nehmen die Herren Handwerker auch gleich noch die Sprießen in der Küche mit.

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Freitag

Morgens werden Koffer gepackt. Irgendwie blieb vorher dafür nicht die rechte Zeit. Um zwölf kommen wir schließlich los und fahren zügig und mit tiefenentspannten Kindern gute vier Stunden über die Autobahn.
Am Feriendomizil angekommen räume ich die Koffer aus, während der tolle Mann mit den Kindern in den Hof spielen geht. Irgendwann höre ich beide Kinder weinen und brüllen. Da ich sowieso gerade mit dem Auspacken fertig bin beschließe ich, dem tollen Mann zur Hilfe zu eilen.
Bereits als ich im Hof ankomme, bemerke ich den angespannten Gesichtsausdruck des tollen Mannes. Irgendetwas stimmt beim Fräulein Wunder ganz und gar nicht.

Es stellt sich heraus, dass sie aus dem Trampolin gestürzt ist und so wie es aussieht und sich anfühlt ist der linke Arm gebrochen. Herzschlag-Moment.

Nach kurzer Info von unseren Freunden fahren wir in das 7 Kilometer entfernte Krankenhaus in Kehlheim, wohl wissend, dass es dort keine Kinderstation gibt. Wir hoffen einfach, dass der Arm dort geröntgt und eingegipst wird. Schnell rein und wieder raus. (Im Nachhinein ein großes „Ha, ha“ und „Schon klar.“)

Das Fräulein Wunder ist monstermäßig tapfer. Nach dem ersten Schock und Schmerz wird sie ganz ruhig, lässt den lädierten Arm einfach hängen und bewegt sich nur noch in Zeitlupe. Sie hat das wirklich ganz toll gemacht.

Natürlich schickt man uns von Kehlheim weiter in das weitere 30 Kilometer entfernte Regensburg. Immerhin, der Arm wurde geröntgt und ein Bruch von Elle und Speiche nahe am Handgelenk festgestellt. Das erste Mal wird das Wort „Operation“ erwähnt und mir wird ganz schlecht.

In Regensburg angekommen werden wir gleich zum nächsten Kinderarzt vorgelassen, der uns erklärt, bei dieser Art von Bruch müsse man die Knochen mit einem sogenannten Kirschnerdraht fixieren, was in einer etwa 20 minütigen OP (wenn alles gut läuft) passiert. Entlassung frühestens Sonntag.
Es ist mittlerweile 19.30 Uhr. Wenn keiner der zahlreichen Kaiserschnitte dazwischen kommt, könnte das Fräulein Wunder noch heute so gegen 21.30 Uhr in den OP geschoben werden.
Der Arzt bietet dem Fräulein ein Schmerzmittel an, doch sie lehnt dieses ab. Es tue ja gar nicht mehr so weh.

Wir beziehen ein Bett auf der Chirurgischen Kinderstation. Tobias, 9 Jahre, freut sich wie ein Schnitzel endlich Gesellschaft zu bekommen. Das Fräulein Wunder braucht noch etwas zum Auftauen. Wir erklären dem Fräulein Wunder alles noch einmal ganz genau und ich verspreche wiederholt, dass ich die ganze Zeit bei ihr bleibe. Alles andere scheint für sie nebensächlich.
Der tolle Mann und ich beschließen, dass er mit Miss Allerliebst zur Ferienwohnung zurück fährt und dem Fräulein und mir ein paar Sachen holt.

Tatsächlich werden wir um kurz vor halb zehn zur Operation abgeholt. In dem Moment bin ich gerade dabei mit der Vermieterin unserer Ferienwohnung zu telefonieren, weil der Schlüssel zu dieser in meiner Handtasche steckt und der tolle Mann schon auf halben Weg zur Wohnung ist. Kurzzeitig Panik und Chaos.

Als wir den Vorraum des OPs betreten, ist zumindest die Sache mit dem Schlüssel geklärt. Das Fräulein ist sehr bleich, aber weiterhin heldenhaft tapfer. Ihr kommen nur dann die Tränen, wenn sie feststellt, dass der Urlaub ja jetzt wohl leider ins Wasser fällt. Aber den können wir nachholen, erkläre ich ihr. Wichtig ist jetzt erstmal, dass der Arm wieder heil gemacht wird. Das versteht sie, findet es aber trotzdem doof.  Dann stellt sie noch fest, dass das hier aber kein schöner Ort wäre und ich stimme ihr zu. Klinisch kalt und steril, wie so ein OP eben ist.

Der schlimmste Moment für das Fräulein Wunder ist das Legen des Zugangs, der Gott sei Dank mit viel Ablenkung schnell passiert ist. Der schlimmste Moment für mich ist, als sie mein Kind, mein süßes, kleines Fräulein Wunder auf den OP-Tisch legen und mit ihr davon fahren. Ich bleibe nutzlos zurück und erst nach einigen Sekunden gehe ich zurück in den Vorraum. Mein Herz klopft wild vor Angst. Eigentlich das erste Mal seit das alles passiert ist.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind die längsten meines Lebens. Ich laufe Runde um Runde vor dem OP, kann mich keine Minute hinsetzen (obwohl ich es tatsächlich probiere), während nebenan die Hochschwangeren in die Entbindungsstation strömen.
Die ganze Zeit denke ich an das Fräulein und was jetzt da wohl mit ihr passiert und wann sie endlich wieder bei mir ist. Daran, was alles schief gehen könnte, versuche ich nicht zu denken, auch wenn ich es nicht ganz vermeiden kann.
Ich sehe den operierenden Arzt in Zivilkleidung kommen und gehen. Eine Schwester flitzt irgendwann dazwischen durch die Tür und ich bekomme Herzflattern. Ist das vielleicht ein schlechtes Zeichen?

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Irgendwann kommt dann der tolle Mann mit Miss Allerliebst und einer riesigen, schweren Tasche zurück. Die Miss ist noch putzmunter und verkündet immer wieder „Maja armbroche“.
Gleich darauf wird das Fräulein auch schon aus dem OP geschoben. Alles gut verlaufen, ihr geht es gut, sie kommt zum Aufwachen auf die Intensivstation, weil die Aufwachstation um diese Uhrzeit (23.30 Uhr) nicht mehr besetzt ist.

Samstag

1.15 Uhr. Ich sitze an des Fräuleins Bett auf der Intensivstation und bin hundemüde und gleichzeitig hellwach. Ich kann meinen Blick kaum von ihrem Gesicht lösen. Eine Schwester kommt inzwischen alle viertel Stunde um sie irgendwie zum Aufwachen zu bewegen. Doch das Fräulein scheint so erschöpft zu sein, dass sie direkt von der Narkose in den Tiefschlaf übergegangen ist. Schließlich spuckt sie das kleine Mundstück vom Beatmungsschlauch doch noch aus und wir dürfen auf die Station wechseln.
Dort wartet ein wacher Tobias und mein Klappbett auf mich. Ich komme nicht so wirklich zur Ruhe, doch irgendwann fallen mir dann doch die Augen zu.

Um 4.00 Uhr wacht das Fräulein Wunder das erste Mal auf. Bis etwa halb sechs dämmern wir immer wieder weg, doch dann kommen die Schmerzen und wir sind beide wach.
Die Schmerzmittel-Infusion braucht leider fast eine Stunde bis sie wirkt. Bis dahin versuche ich das Fräulein mit Lesen, Singen und Erzählen abzulenken.

Inzwischen ist heller morgen und die Klinikmaschinerie kommt in Gang. Waschen, Frühstück, Bettenmachen. Irgendwie sorgen diese alltäglichen Dinge dafür, dass wir so langsam ankommen.

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Der restliche Samstag vergeht mit Fernsehengucken, iPad-Spielen und Vorlesen. Dazwischen nicke ich immer mal wieder auf des Fräuleins Bett weg. Am frühen Nachmittag kommt der tolle Mann mit Miss Allerliebst und das Fräulein Wunder verlässt freiwillig das Bett. Wir drehen eine Runde auf dem Krankenhausflur und landen in der Spielecke. Kaum zu glauben, dass sie gestern erst operiert wurde!

Am Abend besuchen der tolle Mann und Miss Allerliebst die Geburtstagsfeier ohne uns. Ich warte eigentlich nur darauf, dass Asterix um kurz nach zehn fertig ist und ich endlich, endlich schlafen kann.

Sonntag

Der Arzt erklärt uns während der Visite, dass das Fräulein noch einmal geröntgt wird und danach nach Hause kann. Tatsächlich läuft alles wie am Schnürchen und wir verlassen kurz nach dem Mittagessen das Krankenhaus.
Alle waren wirklich total lieb und nett und bemüht und wir haben uns dort wirklich gut aufgehoben gefühlt. Also wenn ihr mal in der Nähe von Regensburg eine Kinderklinik benötigt, ist die St. Hedwig-Klinik nur zu empfehlen.

Der Abend klingt bei unseren Freunden mit Pizza aus.

Montag

Wir packen unsere Koffer. So richtig freue ich mich nicht auf zu Hause. Der Urlaub war keiner, obwohl ich mich so darauf gefreut hatte und zu Hause wartet irgendwie auch nur Dreck und Arbeit auf uns. Aber nützt ja nix.

Um elf ruft mein Papa an um uns den Zwischenstand beim Fenstereinbau mitzuteilen. Ein Rolladenkasten fehlt, außerdem ist der Rahmen für die Schiebetür nicht da. Des Weiteren konnten die Fenster im oberen Schlafzimmer nicht eingebaut werden, weil die Fensterbauer nicht über das Gerüst klettern und immer wieder durch die Fensteröffnung rein und raus wollten. Kotz!

Um kurz nach drei sind wir zu Hause. Der erste Anruf gilt dem Planungsbüro. Diese erklären, dass die Fenster oben inzwischen eingebaut sein sollten. Die haben die Fensterbauer nämlich postwendend wieder zurück beordert. Der Rest wird in den nächsten Tagen geklärt. Und tatsächlich. Einmal ums Haus drumrum und hochgeguckt und da prangen tatsächlich drei neue Fenster in unserem Anbau. Cool!

Das Fräulein Wunder bleibt diese Woche vom Kindergarten zu Hause. Wohl mehr um mich zu beruhigen, denn eigentlich ist sie fit, hat keine Schmerzen und hüpft rum, als wäre nix passiert. Beim heutigen Duschen habe ich den Gips mal gepflegt unter Wasser gesetzt (trotz kunstvoll verklebter Plastiktüte über dem Gips), ich telefoniere mit dem Krankenhaus und unserem Kinderarzt (weil der Patientenbrief nicht beikommt), kümmere mich um Termine für den Statiker, Fenstereinbau, Wanddurchbruch und, und, und und versuche dazwischen irgendwie meine Kinder, die deutlich unter Bewegungsmangel leiden, zu beaufsichtigen. Und trotzdem bin ich relativ entspannt und so, so dankbar. Dass das alles gut ausgegangen ist, dass das Fräulein relativ wenig Schmerzen hatte und alles so tapfer ertragen hat. Dass ich für sie da sein konnte und ihr damit die Stärke geben konnte, die sie in dem Moment brauchte.

Alles wird gut.

Weihnachten, das war für mich als Kind der schönste Tag im Jahr. Noch besser als Geburtstag und das will schon etwas heißen. Alles war so festlich, es gab jede Menge Geschenke, wir durften ewig lange aufbleiben und dabei die neu erworbenen Spielsachen ausgiebig ausprobieren. Es herrschte eine fröhliche, festliche Stimmung und überall brannten kleine Lichter und Kerzen.
Weihnachten, das ist ein Fest im Kreise der Familie. Damals war meine Lieblingsoma immer mit dabei, mein Bruder und ich waren ein Herz und eine Seele und meine Eltern waren entspannt wie sonst selten.

Der tolle Mann und ich verbrachten lange Jahre den Heiligabend getrennt voneinander. Jeder bei seiner Familie, weil wir nach kurzem Ausprobieren schnell merkten, dass die Gepflogenheiten in den Familien nicht so recht zum jeweiligen anderen Partner passten. Beim tollen Mann war es laut und wuselig, es gab Würstchen und Kartoffelsalat und es brannten nicht ganz so viele Lichter. Bei uns war alles eher etwas gediegener und ruhiger. Da lief die Weihnachtsplatte mit Glocken und Orchester, da wurde mit Sekt angestoßen und Fondue gegessen.

Als dann das Fräulein Wunder geboren wurde mussten wir dieses Konzept neu überdenken. Jeder wollte natürlich das erste und einzige Enkel-, Paten- und Nichtenkind am Heiligabend beschenken,
Also fand ab da die große Feier bei uns zu Hause statt. Mit vielen Lichtern, Glockengeläut und Orchester von CD und Würstchen mit Kartoffelsalat nach der Bescherung.

Weihnachten ist immer noch ein Fest im Kreise der Familie. Inzwischen in einer (für unsere Verhältnisse) sogar recht großen Familie. Und ich liebe diesen Abend immer noch, wenn es auch wesentlich mehr Aufwand, Planung und Arbeitseinsatz bedeutet.

Heute bin ich zwar einerseits kein kleines Kinder mehr, sondern stehe sozusagen auf der anderen Seite des Gabentisches. Was nicht wirklich etwas schlechtes ist, auch wenn ich mir innerlich manchmal diese Zeit zurückwünsche, als ich tagelang dem Augenblick entgegen gefiebert habe als das Glöckchen läutete und wir damit zur Bescherung gerufen wurden.
Andererseits bin ich trotzdem irgendwo in mir noch ein Kind, das von seinen Eltern beschenk wird, die mit Mama in der Küche steht und Würstchen brät und mit Papa beim Schnaps nach dem Essen philosophiert.

Heute, am 41. Weihnachtsfest meines Lebens, war ich das erste Mal gezwungen, ohne meine Mama zu feiern. Sie fehlte in der Kirche neben mir, mir fehlte ihr Lächeln, wenn sie die Kinder beim hektischen Geschenkeaufreißen beobachtete, sie fehlte beim Würstchenbraten und lästern über Gott und die Welt.
Heute war ich gezwungen, die „Frau in der Familie“ zu sein und es fühlte sich nicht wirklich richtig an. Etwas verloren und ohne den Rückhalt den ich sonst ganz selbstverständlich habe, dessen ich mir aber meist gar nicht so bewusst bin.

Der 23. war ein ganz furchtbarer Tag. Nicht nur, weil die Kinder einfach unausstehlich waren, nicht nur, weil mein Nervenkostüm in letzter Zeit nicht das beste ist und auch nicht nur, weil das Fräulein und ich uns eigentlich den ganzen Tag angebrüllt haben.
Das alles verblasste vor dem Hintergrund von schlechten Blutwerten, dem Wort „Leukämie“, das da plötzlich riesig und furchtbar bedrohlich im Raum stand. Mein Kopfkino, das sofort ansprang. Meine Mama, die so ungewohnt schwach am Telefon klang. Die Besorgnis in den Augen meines Papas.

Vor diesem Hintergrund war das Planen und Ausrichten des Weihnachtsfestes eher eine beklemmende Aufgabe. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich meine Kinder habe, auf die ich mich konzentrieren konnte. Die am Morgen des 24. wie ausgewechselt und reine Engelchen mit Heiligenschein waren. Ich hatte den ganzen Tag zu tun: Einkaufen, Aufräumen, Tisch richten und festlich eindecken, Kinder für die Kirche fertig machen und dann mit Unterstützung von Tante Anneliese und Papa den Gottesdienst besuchen (Miss Allerliebst hat das Krippenspiel einen Pups interessiert, dies hier nur am Rande).

Und dann sind wir da alle zusammen, betrachten lächelnd die Kinder, die vor lauter Aufregung und Freude wild herumschreien, Geschenkpapier aufreißen und durch die Gegend schmeißen und immer wieder in Verzückung ausbrechen, und mir wird schmerzlich die Lücke bewusst, die da auf der Couch ist, der Teller, der weniger auf dem Tisch steht und wie ich da so alleine in der Küche stehe und Würstchen brate.

Dann, als alle mit dem Essen beginnen und ich noch die letzten Würstchen in die Wärmebehälter packe, höre ich meinen Papa im Flur telefonieren. „Ach, das ist doch mal eine positive Nachricht … „. Nur diese Worte und ich beginne zu hoffen.
Wenig später erklärt Papa mir und meinem Bruder (der noch fertiger aussieht als ich), dass der Doktor selbst die Knochenprobe analysiert hat und zu 99% davon ausgeht, dass es nicht ganz so schlimm und die Krankheit heilbar ist. Es wird seine Zeit brauchen und was mit den Metastasen in der Leber ist, weiß auch noch keiner, aber erst einmal ist es ein Gefühl wie Weihnachten. Weihnachten für Kinder.

Man hört wohl auch mit 41 nicht auf Kind zu sein. Wahrscheinlich ist man dies sogar so lange, wie die Eltern noch da sind. Vielleicht sogar darüber hinaus, das kann ich nicht so wirklich beurteilen. So lange man einen Rettungsanker hat, mag er auch noch so entfernt oder emotional schwierig sein. Vielleicht hat man nicht mehr die leuchtenden Augen an Weihnachten wie früher, aber das Gefühl, gut aufgehoben und beschützt zu sein, verlässt einen nicht.

In diesem Sinne wünschen ich allen Lesern, die es bis hierher geschafft haben, ein frohes und geruhsames Weihnachtsfest, ohne viel Aufregung, mit viel Zeit für die Familie und den neuen Spielsachen. Haltet einen Moment inne und drückt eure Eltern ganz fest, so, wie ihr es damals getan habt. Manche Momente kommen vielleicht nie wieder.

Wie Sie ganz einfach turmhohe Wäscheberge generieren können.

1. Nehmen Sie ein einjähriges Kleinkind und infiziere Sie es mit einem Magen-Darm-Virus.

2. Wechseln Sie jede Stunde die volle Windel, ergötzen Sie sich dabei an der seltsamen, beigen Farbe und dem unangenehmen Geruch und  tauschen Sie die Kleidung, die jedes Mal in Mitleidenschaft gezogen wurde, komplett aus (hier sei nebenbei erwähnt, dass ein sehr, sehr, sehr großer Vorrat an Babybodys von Vorteil ist).

3. Legen Sie das Kind dann abends ins Bett und warten Sie, bis sie selbst gerade eingeschlafen sind. Sie werden dann von lauten Würgegeräuschen geweckt. Auf dem Weg vom Bett zur Toilette schaffen es geübte Kinder sogar nicht nur Bett, Boden und Toilette in Mitleidenschaft zu ziehen, sondern zielgenau auch sämtliche Badvorleger zu treffen. Dass Sie den Schlafanzug und Schlafsack des Kindes (mehrmals) und Ihre eigene Garderobe (zwei Mal) wechseln müssen ist selbstverständlich.

4. Wiederholen Sie Punkt 3 etwa vier bis fünf Mal die Nacht, wobei zusätzlich das elterliche Bett einige Flecken abbekommt. Und vergessen Sie dazwischen nicht Punkt 2 ebenfalls mehrmals zu wiederholen.

5. Beziehen Sie am nächsten Morgen die elterlichen Betten neu (das des Kindes haben Sie natürlich in der Nacht schon neu bezogen, allerdings hat das Kind darin ja nicht geschlafen)

6. Verbringen Sie mit Ihren relativ fiten Kindern einen wundervollen Tag auf dem Spielplatz, bei dem Sie sich von Kopf bis Fuß ordentlich einsauen.

7. Lassen Sie sich in der nächsten Nacht von ihrem vierjährigen Kind durch lautes Weinen und Würgen wecken.

8. Vorsicht: Vergessen Sie nicht, nachdem Sie es zur Toilette getragen haben, dass Sie die Haare aus dem Gesicht des Kindes hätten halten sollen.

9. Verstärken Sie Ihre Anspannung durch das Aufwachen Ihres Kleinkindes und dessen anhaltendem, lauten Weinen.

10. Säubern Sie sich, das vierjährige und das einjährige Kind. Ziehen Sie das Bett ihrer großen Tochter inklusive Matratzenschoner ab und stecken Sie es in die Waschmaschine, die hoffentlich gerade mit den Sachen vom Vortag fertig ist.

11. Verfrachten Sie ihr vierjähriges Kind zu Ihnen ins Bett und versuchen Sie ihr Kleinkind in seinem eigenen Bett zum Schlafen zu bringen, bevor das große Kind erneut würgen muss.

12. Schleppen Sie sich und ihr Kindergartenkind etwa jede halbe Stunde zur Toilette, halten Sie die Haare ihres Kindes aus dem Gesicht und sprechen Sie beruhigend auf es ein.

13. Schicken Sie irgendwann ihren schlaflosen Partner hinunter ins Wohnzimmer, damit wenigstens einer ein paar Stunden Schlaf bekommt.

14. Richten Sie vor der Toilette eine Schlafstatt aus Matratze und Bettzeug von ihnen und ihrem Kind, beides frisch bezogen (natürlich).

15. Verpassen Sie am Morgen den Moment, in dem ihr Kindergartenkind sich wieder übergeben muss, weil Sie gerade dabei sind Ihrem Kleinkind erneut die volle Windel zu wechseln.

15. Beziehen Sie alle Betten noch einmal neu.

Und so könnte es weitergehen …

Beim Kinderarzt schlafen Sie im Wartezimmer ein, da Sie gefühlte drei Nächte kein Auge zugetan haben. Drei Tage später, der Tag ihrer großen Geburtstagsfeier mit über 60 Gästen, hängen Sie selbst auf der Toilette fest, während der Rest der Familie vergnügt feiert.

Willkommen in der Hölle im Lazarett. Letzte Woche Mittwoch fühlte ich mich bereits nicht besonders. Der Hals tat weh und ich musste für meine Verhältnisse recht viel husten. Aber sch*** drauf! Ich werde nie krank und die Kinder waren an dem Tag so anstrengend gewesen, dass ich mir meine Stunde Sport am Abend nicht nehmen lassen wollte.
Tja. Am nächsten Morgen war mein Kopf so groß wie ein Haus, mein Hals schmerzte gotterbärmlich und ich hustete mir die Seele aus dem Laib. Also Fräulein Wunder in den Kindergarten gebracht und Miss Allerliebst bei der Oma geparkt. Danach zum Arzt und dann ab nach Hause auf die Couch. Nebenher ging der Heizungsmensch noch ein und aus, während ich so dahinsiechte. Bis Sonntag lag ich mehr oder weniger flach mit allem was dazu gehört. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so krank gewesen bin.
Der tolle Mann weilte währenddessen auf einer Motorradmesse seines Verlages. Das heißt, er ging morgens früh aus dem Haus und kam abends spät zurück. Also war hier keinerlei Unterstützung möglich.
Ich habe keine Ahnung wie Menschen ohne Familienanschluss so etwas hinkriegen aber ich bin mehr als dankbar, dass meine Eltern jederzeit da sind und sich kümmern. Danke! Danke! Danke!

Die Nasen der beiden Kinder liefen ja schon eine ganze Weile. Aber sonntags raffte es dann das Fräulein Wunder mit Fieber und Husten dahin. Miss Allerliebst hatte ich am Nachmittag wieder mit nach Hause genommen, da sie auch ein wenig kränklich wirkte und da ist Mama einfach die beste Medizin. Das Fräulein verschlief währenddessen drei Stunden des Nachmittags auf Omas Couch um dann von Opa in Decken gewickelt am Abend gebracht zu werden. Mit Fiebersaft brachte ich sie dann zur Ruhe und früh ins Bett, Miss Allerliebst war da eigentlich noch guter Dinge.

Dienstag war das Fräulein Wunder zwar leidlich erholt, nun stieg aber bei Miss Allerliebst das Fieber. Bei mir schwoll mittlerweile die Nase zu und mein Kopfweh wollte auch nicht weggehen. Keine gute Voraussetzungen um heiter und gelassen zwei kranke Kinder zu betreuen. Miss Allerliebst dämmerte eigentlich den ganzen Tag auf meinem Arm vor sich hin, das Fräulein Wunder war Gott sie Dank gesundheitsmäßig wieder relativ fit, allerdings psychisch recht angegriffen. Jede Kleinigkeit führte zu größeren Diskussionen.
Mittwoch fuhr ich dann mit beiden Kindern zum Kinderarzt. Diagnose bei beiden: Erkältung. Außer ab und an einem fiebersenkenden Mittel und Nasentropfen wurde nichts verschrieben. Da hatte ich mir ein bißchen mehr erhofft.

Ab Donnerstag hatte der tolle Mann Urlaub, was das ganze ein wenig erleichterte. Sein Standardspruch lautet das ganze Wochenende schon: „Das nächste Mal gehe ich lieber arbeiten.“ Das Fräulein Wunder ist eine tickende Zeitbombe und flippt wegen jeder Kleinigkeit vollkommen aus. Freitag (also gestern) war ich mit ihr noch einmal beim Kinderarzt (nachdem ich am morgen noch einmal bei meinem Hausarzt wegen dem doofen Schnupfen vorsprach), da sie über schlimme Ohrenschmerzen klagte. Klar dass unser Kinderarzt bereits im Osterurlaub weilte und wir zur Vertretung mussten, was zusätzliche Wartezeiten bedeutete. Gott sei Dank hatte ich noch diesen Artikel von Mama-Miez im Kopf, so dass ich dem Fräulein die Zeit bis dahin mit ein wenig Paracetamol-Saft erträglicher machen konnte. Ergebnis: Das Ohr ist etwas rot, aber noch nicht richtig schlimm. Paracetamol und Nasentropfen sollten es die nächsten Tage richten.

Miss Allerliebst hat unterdessen mal Fieber und mal keins, ist aber die ganze Zeit wahnsinnig anhänglich und piensig. Das bedeutet, dass ich kaum einen Schritt ohne Kind auf dem Arm machen kann. Abends kann sie nicht schlafen und weint viel und lange und wenn sie dann schläft, dann nur in meinem Arm und auch dann nur sehr, sehr unruhig, so dass mein bißchen Schlaf nicht wirklich zählt. Außerdem hat sie seit gestern Abend am ganzen Oberkörper und im Windelbereich so kleine, rote Punkte, von denen ich keine Ahnung habe, was das sein soll. Nicht, dass ich mir schon genug Sorgen mache. Ich ringe heute eigentlich schon den ganzen Tag mit mir, ob ich nicht doch lieber zum Notdienst fahren soll oder bis Montag warte. Aber eigentlich verhält sie sich auch nicht anders als die letzten Tag. Hauptsache auf meinem Arm. Hach.

Tagsüber also weint, schreit oder keift entweder die Eine oder die Andere oder gleich Beide und der Gedanke an Flucht ist dem tollen Mann und mir des öfteren bereits durch den Kopf geschossen.

Es sind einfach so Tage, an denen man sich wirklich fragt, warum man nochmal Kinder haben wollte und wie schön man es doch noch frei und kinderlos hatte.
Und dann schmiegt sich Miss Allerliebst mit ihren Fusselhaaren an mich und plappert leise vor sich hin oder das Fräulein Wunder kuschelt sich an mich und erklärt mir, dass ich die beste Mama der Welt sei und schon weiß ich es wieder. Fünf Minuten Seligkeit, bevor alles wieder von vorne losgeht.

Und deshalb sollte ich mir dieses Foto wirklich ganz groß irgendwo aufhängen, damit ich das Wichtigste nicht in dem ganzen Tohuwabohu vergesse:

Buaeh

Das Fräulein Wunder ist kränklich. Die Nase läuft und sie fängt auch bereits wieder an zu husten. Der Schnupfen ist nicht so schlimm, zeigen die tollen Wala-Globoli doch bereits ihre Wirkung. Und das mit dem Husten wird sicherlich auch noch.

Um halb neun geht das Fräulein wie immer ins Bett. Sie ist schon ziemlich abgekämpft, hat glasige Augen und ist hundemüde (und das, obwohl sie am Nachmittag freiwillig zwei Stunden nach dem Kinderturnen geschlafen hat). Ich stelle mich also auf eine eher ungemütliche Nacht mit häufigem Mamarufen und Besuchen im elterlichen Bett ein.

Um viertel vor elf wird das Fräulein das erste Mal wach. Gerade beim Show-Down vom Staatsfeind Nr.1. Man kann sich’s halt nicht aussuchen.
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass sie zu dem Zeitpunkt schon ein bißchen schwer geatmet hat. Das kleine Fräulein hat es nämlich ganz gerne an den Bronchien, deshalb beunruhigt mich das erst einmal nicht sonderlich. Hätte es aber mal sollen.
Sie besteht jedenfalls darauf, dass sie in unserem Bett schlafen möchte und nachdem ich ihr da fünf Minuten Gesellschaft geleistet habe, darf ich sogar wieder nach unten zum tollen Mann gehen. Der Film ist natürlich inzwischen zu Ende (ich weiß immerhin, dass sie sich zum Schluss alle gegenseitig erschossen haben und dass Will Smith-Schnuckel überlebt und sein Leben wieder bekommen hat. Ich könnte also rein theoretisch ruhig schlafen).

Um halb zwölf mache ich mich dann auf ins Bett. Das Fräulein liegt quer und atmet schwer. Ich denke mir noch, dass es ja klar ist, dass sie am Wochenende krank wird und ich morgen wohl zur Apotheke muss. Dann hebe ich sie hoch und trage sie in ihr Bett. Schwerer Fehler! Dabei wacht sie auf, fängt an zu weinen und zu husten. Okaaaayyyy. Es wird also noch ein bißchen dauern, bis ich im Bett liege.

Ungewöhnlich ist zu diesem Zeitpunkt, dass sie keine Milch möchte, die normalerweise ihr Allheilmittel für alles ist. Sie möchte mit mir ins Bett, eh klar, und so kuscheln wir uns gleich darauf gemütlich aneinander.
Doch wie das so ist – das Fräulein wälzt sich herum, jammert, weint ein bißchen und ich kann außer sehr viel Mitleid empfinden erst einmal gar nichts tun.

Um halb zwei, nachdem das Fräulein die ganze Zeit gejammert, gestöhnt und sich herumgewälzt hat, verkündet sie dann „Lego spielen“. Sie steht auf und begibt sich tapsig in ihr Zimmer, wo noch die Legosteine auf dem Boden verstreut liegen. Da beschließe ich dann doch, ihr etwas Medizin zu geben.
Zum Einen spielt sie nämlich nicht, sondern legt sich stöhnend und keuchend zwischen die Steine auf den Boden und zum Anderen fühlt sich ihre Stirn inzwischen gut warm an. Sie bekommt also erst einmal zur Beruhigung ein paar Chamomilla-Globoli und hinterher ein Paracetamol-Zäpfchen (gut gegen Fieber und Schmerzen. Ich habe im Leben des Fräuleins erst drei Stück gebraucht, aber jedes Mal hat sie sich nach der Gabe entspannt und ist friedlich entschlummert).

Um halb vier kommt der tolle Mann ins Bett, da ist das Fräulein gerade mal wieder auf dem Weg von ihrem Schlafzimmer ins elterliche Bett. Das Zäpfchen hat rein gar nichts gebracht. Nada.
Um das Ganze ein wenig abzukürzen – wir haben alle drei nicht mehr als insgesamt eine Dreiviertel Stunde in dieser Nacht geschlafen, das Fräulein wanderte von Bett zu Bett zu Boden zu Couch und wieder zurück und jammerte immer wieder, sie habe Bauchweh (ihre Standardformulierung, wenn mit ihr irgendetwas nicht stimmt). Mal hat ihr der Rücken weh getan, mal die Brust. Und so recht konnten wir gar nicht feststellen, was ihr nun fehlt. Klar, sie ist ein wenig erkältet, aber ihr Atem ging nicht pfeifend, wenn auch sehr abgehackt.

Um sieben, als es draußen dann langsam hell wurde und wir immer noch nicht geschlafen hatten, machten wir uns dann auf den Weg zum ärztlichen Notfalldienst. Ich war da noch nie und hatte immer Angst, da irgendwann hin zu müssen. Mal abgesehen von den Schauermärchen über ewige Wartezeiten, war es mir irgendwie unangenehm dort hin zu fahren ohne einen konkreten Grund zu haben. Hätte ich sagen können „mein Kind ist von der Schaukel gefallen, hat sich den Kopf aufgeschlagen und muss sich jetzt dauern übergeben“ wäre der Grund klar. Doch so? „Mein Kind hat die ganze Nacht nicht geschlafen.“ Hmmmm.

Aber egal. Mir war das alles absolut unheimlich, denn irgendwann schläft jedes Kind vor Erschöpfung ein, egal wie wenig Lust es auf Schlaf hat. Und das Fräulein wirkte wirklich zutiefst verloren und … ja, krank eben. Am Schlimmsten waren die Momente, in denen sie ganz kläglich „Mami, Bauchweh hab ich“ wimmerte und ich nichts tun konnte.

Also ab zum Notdienst. Auf Dreiviertel des Weges habe ich dann festgestellt, dass ich vor lauter Panik auch noch ihre Versichertenkarte zu Hause vergessen hatte. Na prima.
Am Empfang saß eine ältere Dame, die nicht gerade danach aussah, als mache sie ihren Job gerne, aber immerhin hat sie die Karte des tollen Mannes akzeptiert und die Daten des Fräuleins einfach eingetragen.
Als wir ins Wartezimmer kamen die nächste Überraschung: Gähnende Leere. (Natürlich meldet sich dann im verkorksten Keksischen  Hirn sofort ungefragt der unangenehme Gedanke „Oh Gott, jetzt muss der Arzt nur wegen uns hier her kommen. Aus dem warmen Bett gerissen, von Frau und Kinder getrennt, blah, blah, blah.“ Dies aber nur am Rande.).
Der Arzt erscheint keine fünf Minuten später. Total entspannt, sehr, sehr nett und absolut verständnisvoll. Mein Stresspegel sinkt um einiges.
Ich erzähle also warum wir da sind (im Auto hundert mal geprobt, Details verworfen, an Ausdrücken gefeilt und schlussendlich mit einem ganz passablen Vortrag die Praxis betreten) und bin sofort erleichtert, als der Arzt  nickt und dabei auch schon weiß, was dem Fräulein fehlt. Er hört sie zwar trotzdem noch ab, erklärt aber, dass sie mit einer spastischen Bronchitis zu kämpfen hat und die Atemwege einfach zu sind. Beim Abhören bestätigt sich seine Vermutung und der Satz „es wundert mich nur, dass ich gar nichts höre. Da scheint also alles vollkommen dicht zu sein,“ lässt mich jetzt noch blass werden.

Das Fräulein inhaliert an Ort und Stelle noch jede Menge Dampf (nachdem wir gemeinsam mit dem Arzt versucht haben herauszufinden, wie man dieses Gerät zusammen setzt) und ist dabei auch ganz toll tapfer. Nochmaliges Abhören bestätigt, dass jetzt immerhin ein Pfeifen zu hören ist und das (angeblich) beruhigend ist.
Mit einem Rezept, dem Hinweis, dass der Arzt noch bis 17.00 Uhr da wäre und wir gerne jederzeit wiederkommen können, werden wir nach Hause entlassen. Ich war selten so erleichtert wie in diesem Moment.

Klar, wenn man jetzt auf die Situation guckt, hätten wir schon viel, viel früher losfahren sollen und wenn ich das hier alles so lese, mache ich mir schon so meine Gedanken. Andererseits sind der tolle Mann und ich einfach nicht die kopflosen Menschen, die wegen jedem Wehwehchen zum Arzt rennen. Schwierig.

Nach Saft, Notfallzäpfchen und knapp vier Stunden komatösen Schlafs (den wir zu dritt auf der Couch verbrachten) geht es dem Fräulein Wunder nun etwas besser, so dass sie mit dem tollen Mann Schwiegerpapas Hund ausführen ist. Frische Luft tut bekanntlich gut.

Haben wir wieder was fürs Leben gelernt. Nächste Woche wird ein Termin mit dem Kinderarzt gemacht und besprochen, wie ich zukünftig auf solche Situation reagieren kann. Welche Notfallmittel sollte ich im Haus haben? Macht es Sinn einen Inhalator zu beschaffen? Undsoweiterundsofort.

Erstaunlicher Weise bin ich gar nicht müde. Wahrscheinlich sind das die Schwangerschaftshormone die mich bereits jetzt auf schlaflose Nächte im nächsten Jahr vorbereiten. Die Generalprobe hat schonmal gut geklappt.

Und da freute ich mich schon, dass die neuen Globolis wie auf das Fräulein zugeschnitten zu sein schienen und ihr Schnupfen innerhalb von drei Tagen auf ein klägliches Rinnsal, das man nur drei Mal am Tag wegputzen musste, zurück geschrumpft war.
Und dann stand sie eines morgens auf und humpelte absolut filmreif durch die Gegend. Auf meine Frage, ob ihr etwas weh tue, verneinte sie und hüpfte humpelnd (das geht und sieht sehr komisch aus) von dannen.
Im Laufe des Tages klang das Humpeln auf ein kaum noch wahrzunehmendes Humpelchen ab, verschwand aber nie ganz. Nach ein paar Tagen wurde es mir dann doch ein wenig mulmig und ich machte einen Termin bei unserem Kinderarzt.

Und was erzählte der mir? Dass es bei kleinen Kindern durchaus vorkommen kann, dass sich eine Erkältung auf die Hüfte niederschlägt. Die Kinder zeigen dann Symptome wie das Fräulein: Sie humpeln nach dem Aufwachen sehr stark und im Laufe des Tages laufen sie sich dann ein.
Er empfahl einfach nichts zu tun, da das Fräulein offensichtlich keine nennenswerten Schmerzen hätte (Ich so: „Sie scheint keine wirklich Schmerzen zu haben.“ Er so: „Doch, sie hat Schmerzen, sonst würde sie den Fuß nicht entlasten.“ Ich kam mir vor wie die schrecklichste Mutter der Welt!). Ein Fiebersaft, der die Schmerzen lindert, würde nämlich nur dazu führen, dass sie das Bein wieder voll belastet und das beeinträchtige die Heilung.

Wieder was dazu gelernt.