Und dann stehen wir da im Märchenparadies. Zwischen Mini-Eisenbahn, Boxautos, reitenden Hexen und Wackelfahrrädern. Das Telefon klingelt und die Verbindung ist mehr als schlecht. Aber das Wichtigste kommt an, bevor das Netz ganz zusammen bricht. Gleich darauf liegen wir uns weinend und lachend in den Armen.

Wenn morgen bereits gestern ist, ist alles viel, viel leichter.

Manche Stichtage sollten einfach nicht bekannt sein. So wie man nicht wissen möchte, wann genau man stirbt, so verhält sich das in meinem Fall auch mit gewissen anderen Wahrheiten.
Andererseits kann ich es wiederum kaum erwarten. Fluch und Segen zu gleich und ich weiß wirklich nicht, ob ich diesen ganzen Zinober tatsächlich noch einmal mitmachen möchte. Bis zu drei Spritzen am Tag, ständig unter PMS leiden (was in diesem Fall mehr den tollen Mann und das Fräulein Wunder betrifft), diese Ungewissheit, der Druck, den ich mir selber mache, die Frage, ob es wirklich richtig und sinnvoll ist, was wir da tun …

Morgen also. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt ist alles drin. Ich wünschte, ich hätte niemals in diese Situation kommen müssen.

Und gestern hat es mich dann überkommen und ich habe endlich diese unschöne Ecke oben im Flur aufgeräumt. Da stapeln sich nämlich seit Monaten sämtliche Dinge, die das Fräulein Wunder nicht mehr braucht. Säcke voller Klamotten, ein Karton voller Spielzeug, Tüten mit Decken, ihrem Babykissen für den Kinderwagen und dem Wickeltragetuch.
Ein ganzer Karton alleine sind Schuhe. Dann noch ein Karton mit Moltontüchern, Stoffwindeln und Babyhandtüchern. Und noch einer mit Flaschen, Saugern, Schnullern und allem, was zur Nahrungsaufnahme dazu gehörte.
Und natürlich die sperrigen Dinge wie der Maxi-Cosi und die Babywippe, ihr Spieltrapez und ihr erstes Mobile mit Musik.
Im Moment steht das alles noch geballt im oberen Bad, bis der tolle Mann die Luke für den Dachboden öffnet und mir beim Hochschleppen behilflich ist. Aber das steht für heute schon auf der Liste.

Ein bißchen ist das Ganze so, als würde ich das Schicksal heraus vordern. So nach dem Motto „Schau her, ich richte mich darauf ein, dass das mit Kind 2.0 noch eine ganze Weile dauern wird.“ Das ist, wie die Sache mit dem Regenschirm: Nimmt man ihn mit, scheint immer die Sonne, vergisst man ihn aber, wird es garantiert junge Hunde regnen.

Also Schicksal, ich wäre dann soweit.

Normaler Weise arbeiten in unserer Geschäftsstelle in etwa 60 Mitarbeiter mehr oder weniger fleißig vor sich hin. Momentan sind davon gefühlte 40 in Urlaub oder krank.
In meinem Fall bedeutet das, dass ich den Job für 2,5 Personen mache und zudem noch ein Gebiet unter meine Fittiche genommen habe, auf dem ich mich nicht 100% auskenne.

Dies alles führt zum einen dazu, dass ich den ganzen Tag leicht nervös und angespannt bin und zudem nicht vor halb sieben hier raus komme.

Ich weiß, für viele ist es ganz normaler Alltag einen 10 Stunden Tag zu haben. Für mich allerdings nicht.
Die Woche ist nur so verflogen, ich habe Fähigkeiten an mir kennen gelernt, die vorher brach lagen, da sie nicht gebraucht wurden (Arbeitspläne? Zeiteinteilung? Nein-Sagen? Sowas gibt es?) und ich freue mich wie noch nie auf mein Wochenende.

Zudem habe ich seit gestern das Gefühl, in einer Zeitkapsel aufgewacht zu sein. Die Gespräche, die ich momentan führe, haben so oder so ähnlich vor ein paar Jahren bereits stattgefunden, das Gefühl von Hilflosigkeit und Schmerz ist auch das selbe, nur der Gesprächspartner hat gewechselt.
Immerhin kann ich diesmal aus Erfahrung sagen, dass alles gar nicht so schlimm werden wird, wie es jetzt vielleicht aussieht und dass die paar Wochen Abwesenheit wahrscheinlich ihr Leben verändern werden. Hoffen wir demnach auf das Beste.

Außerdem ramme ich mir seit Sonntag jeden Tag eine Spritze in den Bauch. Mittlerweile ist das ja nun Routine, aber das erste mal war ganz schön gruselig. Die Nadel ist ca. 2 Zentimeter lang, wuchs aber in meinen Augen auf die Länge von etwa 50. Immerhin sollte die ja tatsächlich in mein Fleisch gestochen werden. Und ich konnte noch nicht mal die Augen zukneifen, wie ich das normaler Weise mache, wenn ich Blut abgezapft bekomme (in den letzten Wochen so ca. 2 Liter) oder geimpft werde (auch erst vor ein paar Wochen geschehen).

Demnach habe ich also diesen Pen, wie diese neumodischen Spritzen heutzutage heißen, in meinen zitternden Fingern gehalten, meinen Bauchspeck, der seit meinem Nichtraucherdasein auch wieder um 6 Kilo angeschwollen ist, zusammen gedrückt und dann tiiiiiiiiief durchgeatmet.
Die ersten zwei Versuche fanden nur in meinem Kopf statt, da mir mein Körper sehr deutlich zugeschrieen hat „Bist du irre?? Ich ramme mir doch nicht ne FÜNFZIG ZENTIMETER lange Nadel in den Bauch!!!“.
In dem Moment musste ich irgendwie an Bunjee-Jumping denken und dass man sich wahrscheinlich ähnlich fühlt, wenn man auf der Plattform eines Krans steht und 100 Meter in die Tiefe blickt. Der Verstand will (noch), aber der Körper scheidet vor Nervosität bereits viel zu viel Flüssigkeit aus.
Da hilft dann nur Augen zu und springen, nicht nachdenken, dem Körper keine Zeit geben zu widersprechen.

So ähnlich hab ich das dann auch gemacht. Allerdings mit geöffneten Augen – Mit offenen Augen ins Verderben sozusagen.
Und wie immer ist alles vollkommen anders, als man (=ich) sich das vorgestellt hat. Ich wartete noch auf den Schmerz, da war die ganze Sache schon vorbei. So ein kleiner Mini-Pieks, das war es auch schon.
Mittlerweile ist da jeden Abend nur noch ein winziger, mulmiger Moment, den ich aber meisterlich übersehe. Was man nicht alles mit sich machen lässt ….

Ansonsten schreibe ich wieder schön brav Punkte in mein Heftchen, schaffe es abends gerade noch für eine Folge Columbo oder CSI die Augen aufzuhalten und trolle mich vor halb zehn in mein Bett. Das Leben ist eindeutig zu kurz für so ne Scheiße, das sage ich euch.

Urlaub, wann kommst du?

Kryptisch

Und dann klingelt plötzlich mein Handy und es wird „Nummer unterdrückt“ angezeigt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine freundliche, junge Frauenstimme. „Guten Morgen Frau M.. Sie haben am 24.6. bei uns einen Termin. Nun ist am 6.5. einer frei geworden und wir möchten Sie fragen, ob Sie diesen Termin wahrnehmen möchten.“

Nach Rücksprache mit Göga kann ich sagen, dass wir den Termin wahrnehmen können, auch wenn mir jetzt schon das Herz bis zum Halse klopft und noch so einige Dinge zu tun sind (Fragebogen ausfüllen und endlich wegschicken, Überweisung(en) vom Hausarzt besorgen, Gleitzeit bis dahin ansparen usw.).

Seltsam wenn aus Dingen, die vermeindlich in ferner Zukunft liegen, plötzlich Realität wird. Und wenn man auf dieses Ereignis bereits seit fast acht Jahren hinarbeitet noch viel seltsamer.
Manchmal sind Dinge mit so vielen Emotionen belegt, dass man sich gar nicht sicher ist, wie man damit umgehen soll. Angst, Freude und noch mehr Angst mischen sich zu einem ungesunden Cocktail. Demnach bin ich froh, wenn wir das alles in diesem Jahr hinter uns gebracht haben.
Egal wie es ausgeht.

Die Hoffnung stirbt eben zu letzt.